In diesem Vortrag wird eine neue Sicht der Psychose vorgestellt.
Psychotische Phänomene werden dabei weniger als Ausdruck von etwas Pathologischem
gesehen, als vielmehr unter dem Gesichtspunkt der Dysfunktionalität betrachtet.
Ausgehend von gestalttheoretischen Überlegungen und neuen Erkenntnissen
aus der Semiotik wird die Psychose phänomenologisch-funktionell gedeutet
und als Ausdruck einer Orientierungsdekompensation beschrieben. Der Fokus der
Überlegungen liegt dabei auf den Bereichen Realitätsbezug, Wahrnehmung
und Nahrungsversorgung. Beziehung wird mit Nahrung gleichgesetzt und als vierte
Nahrungsqualität bezeichnet.
Die in der Semiotik postulierte Funktion der Psyche, sie sei ein Werkzeug, welches
postpartal gleichsam in einem Schöpfungsakt die relevante Umwelt erschafft,
wird unter gestalttheoretischen Gesichtspunken gesehen. Zeichen- oder Gestaltwahrnehmung
- in diesem Bezugsrahmen gleichgesetzt - wird als unabdingbare Voraussetzung
für das Überleben gesehen; lebensbedrohliche Einengungssituationen
(Impasse-Situationen) werden ganz allgemein als die maßgeblichen Auslöser
für eine psychotische Reaktion eingestuft.
Betrachten wir die klinischen Bilder von Neurose und Psychose, so wird unmittelbar
klar, daß hier grundsätzlich unterschiedliche Mechanismen die Störung
auslösen müssen. Der Vortrag begründet die Auffassung, daß
aus der Sicht der Gestalttherapie das Wesen der Psychose der 'Gestaltzerfall'
ist, die zunehmende Schwäche, überhaupt Gestalten bilden zu können.
Dabei wird auf gestalttheoretische wie auch auf Erkenntnisse der Semiotik zurückgegriffen:
UEXKÜLL betont in seiner Erweiterung des 'Funktionskreises' zum 'Situationskreis',
daß auch der Mensch mit seiner jeweiligen Umwelt durch 'Bedeutungserteilung'
und 'Bedeutungsverwertung' verbunden ist. Das Zeichen ist dabei das relevante
Orientierungsmedium, welches das Individuum braucht, um sich am Leben zu erhalten.
Es wird nun - anknüpfend an Erkenntnisse der Semiotik - das Postulat vertreten,
daß der Mensch in der besonders anfälligen Lebensphase des ersten
Lebensjahres in einem kreativen Prozeß sein individuelles Bild der Umwelt
schafft, in der Weise, daß es einen sinnvollen Kontext ergibt, und daß
es die Gestaltwahrnehmung (im Sinne der Semiotik die Zeichenwahrnehmung) ist,
die es uns ermöglicht, schnell und zweifelsfrei diese Orientierung zu erreichen.
Eine fehlende Gestalt-Wahrnehmung ist mit dem Leben nicht vereinbar, da diese
die Orientierung darstellt.
Ausgehend von den zahlreichen Befunden, daß bei Menschen, die im späteren
Lebensalter psychotisch werden, eine frühe Störung existiert, wird
diese neu in dem Sinn gedeutet, daß das Individuum nicht imstande war,
seinen psychischen Apparat entsprechend aufzubauen; eine Wahrnehmungsstörung
ist die Folge. Analog zur Körpermedizin hat dieser Apparat Organstellenwert
und ist damit auch erschöpfbar; das Individuum kann diesen Mangel lange
kompensieren, aber es kann - in belastenden Situationen - ebenso dekompensieren.
Dies kann insbesondere dann geschehen, wenn es hinsichtlich der Versorgung mit
der 'vierten Nahrungsquelle' (der liebevollen Zuwendung und Beziehung) zu einer
Impasse-Situation kommt.
Die psychotische Krise hat dieser Auffassung zufolge die zwei Voraussetzungen:
1. daß die Entwicklung des Apparats (der Psyche), der die Fähigkeit
zur Zeichenbildung enthält, gestört war, und
2. die aktuelle Lebenssituation das Individuum in Bezug auf seine Ernährungssituation
dekompensieren läßt (wobei hier die 'vierte Nahrungsqualität'
gemeint ist, die liebevolle Zuwendung und Beziehung).
In therapeutischer Hinsicht ist aus dieser Sichtweise die Fokussierung auf die
Wahrnehmung (des Therapeuten) auf die Wahrnehmung (des Patienten) von entscheidender
Bedeutung. Die therapeutische Bemühung muß sich auf das Erkennen
des teleologischen Aspekts des Wahnbildes - wozu dient das Geschehen, was wird
im Wahn verkannt, was ist das ursprüngliche (Nahrungs-)Bedürfnis -
richten. Die Gestaltwahrnehmung ist daher auch für den Therapeuten absolute
Orientierungshilfe, denn im Erkennen der 'Gestalt' liegt das Erkennen der Bedeutung,
im Erkennen der Bedeutung kann auf das inhärente Bedürfnis geschlossen
werden. Erst wenn letzteres bekannt ist, ergibt sich die grundsätzliche
Möglichkeit einer Korrektur.
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Beachten Sie dazu die Neuerscheinung: Wien 2002: Verlag Wolfgang Krammer |