Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen e. V.

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS

Das Problem der Wirkung

11. wissenschaftliche Arbeitstagung der GTA

Graz, 11.-14. März 1999


Abstracts der Plenarvorträge und Arbeitskreise


Prof. Dr. Walter Pieringer (Plenarvortrag)
Alfred Adler: Zur Biologie der Sinnstiftung

Der “Sinn des Lebens” wird in Alfred Adlers letzter größeren Schrift als schöpferisches Werk der aktiven Anpassung an die kosmischen Forderungen beschrieben. Wolfgang Metzger betont als Herausgeber dieses Bandes, daß hier bewußt und unwiderruflich die Grenzmauer zwischen Psychologie und Ethik aufgebrochen sei. Der Sinn des Lebens verwirkliche sich im kreativen Akt komplementären Strebens: Im Streben nach Vollkommenheit des persönlichen Werkes und im Streben nach Selbstvergessenheit.

In dieser Arbeit formuliert A. Adler Gedanken, die in der Gestalttheorie (W. Metzger) und der Medizinischen Anthropologie (V. Weizsäcker, D. Wyss) weiterentwickelt wurden. Nicht nur Geist und Seele, sondern auch der Leib, zeige uns des Lebens Streben nach “Ganzheit” und “Selbstvergessenheit”; ja, jede lebendige Zelle verkörpere dies.

D. Wyss hat diese Idee an Hand der menschlichen Keimzelle genial aufgezeigt und dadurch dem “Gestaltkreis” von V. Weizsäcker eine biologische Grundlage gegeben.

Der menschlichen Keimzelle selbst, und damit dem Menschen in seiner Keimsituation, ist die Polarisierung in vegetative und animalische Natur, als Vorstufe der Keimblätter, inne.

Während die vegetative Natur als “Vorstufe” des inneren Keimblattes (“Eingeweide”) die Qualitäten Reproduktion, Regeneration, Metamorphose, Entwicklung, Emotionalität und Sexualität verkörpere, kommen dem animalischen Pol und späterem äußeren Keimblatt (“Gehirn” und “Haut”) die Qualitäten Gestalterhaltung, Identitätssicherung, bewußte Welterfassung, Integration, Sprache, Motorik und Sensorik zu. Beide Identitäten verfügen, wie es L. Pasteur und J. Liebig formulierten, einen eigenständigen und zueinander komplementären Stoffwechsel.

Sinnstiftung wird im Konzept des Gestaltkreises als schöpferische Freiheit erkennbar, welche persönliche Antwort findet. Das heißt, Sinnstiftung verwirklicht sich dort, wo die unbewußten kreativen Impulse der “vegetativen Natur”, vermittelt über das rhythmische mittlere Keimblatt (“Herz-Kreislauf” und “Hormone”), stimmige Antwort der “animalischen Natur” erfahren.

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o. Univ. Prof. Dr. Helmut Seel (Plenarvortrag)
Gestalttheoretische Grundlagen des Exemplarischen Lehrens

Die Theorie des Exemplarischen Lehrens bildet eine wesentliche Komponente in der Entwicklung der bildungstheoretischen Didaktik in den 50er- und 60er-Jahren (M. Wagenschein, J. Derbolav, H. Scheuerl, W. Klafki). Sie stellte ein Instrument zur konstruktiven Lehrstoffbeschränkung in den Unterrichtsfächern und zur bildungswirksamen Unterrichtsgestaltung zur Verfügung (vgl. W. Klafkis “Didaktische Analyse”).

Im Verlauf der “realistischen Wende” (H. Roth) von der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zur empirisch-analytischen Erziehungswissenschaft wird in den 70er- und 80er-Jahren die traditionelle Unterrichtstheorie durch die Curriciulumtheorie im anglo-amerikanischen Verständnis mit ihrer lernzielorientierten Methodik zurückgedrängt. Exemplarisches Lehren ist nun kein Thema der unterrichtswissenschaftlichen Forschung und Entwicklung.

Im Zuge der Renaissance der Bildungstheorie als erziehungswissenschaftliche Kerndisziplin kommt es in den 80er- und 90er-Jahren auch zur Erneuerung der Didaktik. Die Fragen des Fächerkanons und der thematischen Repräsentation der “Schlüsselprobleme” (vgl. W. Klafki 1985) finden wieder Interesse und aktualisieren auch das Konzept und Prinzip des Exemplarischen Lehrens.

Exemplarisches Lehren zielt darauf ab, durch unterrichtliche Bearbeitung repräsentativer Vertreter von Gegenstands- und Gedankenbereichen zum Elementaren, zur Grundstuktur des Phänomenbereiches vorzustoßen (vom Fall zum Gesetz, von der Erscheinungsform zum Typus, vom Beispiel zur Regel etc.): “Das Elementare ist das am Besonderen zu gewinnende oder am Besonderen erscheinende Allgemeine, und dieses Allgemeine erweist sich im Elementaren als das anschaulich erfaßte Prinzip, Gesetz, Sinnzentrum, ... oder als Methode, mit deren Hilfe man sich Besondere gleicher Struktur zugänglich machen kann” (W. Klafki). In der Erarbeitung des Elementaren wird sowohl eine kategoriale Struktur aufgeschlossen als auch eine strukturadäquate Methode angeeignet. “Die exemplarische Repräsentation läßt aktuell Abwesendes potentiell anwesend sein. Sie entlastet damit den Lehrgang, indem sie seine Stoffmengen beschränkt, bereichert ihn aber zugleich durch ein potentielles Beziehungsgefüge von fortsetzbaren Linien, Parallelen und Analogien” (H. Scheuerl). Als Transferleistung wird die Wiedererkennung des Elementaren in anderen Phänomenen und die Anwendung der strukturadäquaten Verfahren bei der geistigen Auseinandersetzung mit ihnen erwartet.

Auf die grundlegende Bedeutung der Gestaltpsychologie für die Theorie des Exemplarischen Lehrens hat A.Wellek (“Das Prägnanzproblem der Gestaltpsychologie und das Exemplarische in der Pädagogik”, Zeitschr.f.exp.u.angew.Psych. VI/3) bereits 1959 hingewiesen: “Das Exemplarische im Unterricht und das Prägnanzproblem der Gestaltpsychologie stehen in einem Zusammenhang. .Prägnanz im Sinne der Sinnträchtigkeit oder <Gestalttiefe>, nicht im Sinne der Einfachheit oder <Gestaltgüte> wird zur Voraussetzung des Exemplarischen, wenn auch nicht identisch mit diesem”. Auch das Prinzip der Transponierbarkeit von Gestalten ist für das Exemplarische Lehren wesentlich. Transfereffekte beruhen auf der Erfassung struktureller Ähnlichkeit, welche in den “Eigenschaften der Glieder im Ganzen einer Organisation” (R.Bergius) besteht. “Im Erkennen” wird “Strukturgleiches einander zugeordnet” (W.Witte: “Transposition als Schlüsselprinzip”. In: F.Weinhandel, Gestalthaftes Sehen, 1960).

Im Rahmen der gegenwärtigen Entwicklung einer Didaktik als Berufswissenschaft der Lehrerprofession wird die Bedeutung des Exemplarischen Lehrens neuerlich untersucht. Dabei sind Befunde der Lerntransferforschung ebenso zu beachten wie aktuelle Erkenntnisse der Bildungstheorie (vgl. u.a. die “Didaktik der Bildungsschule” des Verf. oder die “Lehrkunst-Didaktik” von H. Ch. Berg und Th. Schulze).

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Dr. Marianne Soff & Michael Ruh (Plenarvortrag)
Kernbegriffe der Individualpsychologie unter gestalttheoretischem Aspekt

Wolfgang METZGER hat Alfred ADLERs Individualpsychologie außerordentlich geschätzt, vor allem im Hinblick auf die Umsetzung in der praktischen Pädagogik und Psychotherapie. Für ihre Weiterverbreitung setzte er sich aktiv ein: So gründete er im Jahre 1964 zusammen mit dem ADLER-Schüler Oliver BRACHFELD die deutsche Alfred-ADLER-Gesellschaft (die seit 1970 den Namen “Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie” trägt) und plante gemeinsam mit BRACHFELD die deutsche Gesamtausgabe der ADLERschen Schriften, von denen BRACHFELD einen Band (“Menschenkenntnis”), METZGER im Verlauf der 70er Jahre insgesamt 14 Bände herausgab und mit Einführungen versah (vgl. STADLER & CRABUS, 1986, S.21). Auch für das Sonderheft der Zeitschrift “Schule und Psychologie” zum 100. Geburtstag ADLERs im Jahre 1970 schrieb er das Geleitwort und wies darin auf die Aktualität des individualpsychologischen Ansatzes hin. In METZGERs eigenem Werk haben die Gedanken Alfred ADLERs (und einiger seiner Schüler, insbesondere Fritz KÜNKELs) an vielen Stellen Eingang gefunden und eine von ADLER selbst nicht geleistete Systematisierung und Klärung erfahren. Dabei verbindet sich Respekt vor der Pionierarbeit ADLERs mit konstruktiver Kritik. Er schreibt:

“(...) es bestehen höchst brennende sachliche Anlässe, sich wieder auf Adlers auch bisher schon viel verwandtes, aber wenig genanntes Werk zu besinnen.Wenn manches daran fragwürdig, vereinfacht, überspitzt erscheint und vieles noch strengerer Sicherung bedarf, so ist das, wie überall in der Wissenschaft, kein Grund, sich darüber erhaben zu dünken, sondern eine Aufforderung zur Weiterarbeit.” (METZGER, 1970, S. 353)

In unserem Vortrag wollen wir die Spur der Gedanken Alfred ADLERs im Werk Wolfgang METZGERs verfolgen. Anthropologische, erkenntnistheoretische und feldtheoretische Differenzierungen im Sinne der Gestalttheorie sollen vor allem an den zentralen ADLERschen Konzepten der “Minderwertigkeit” und des “Gemeinschaftsgefühls” herausgearbeitet werden. Dabei stützen wir uns vorwiegend auf die von METZGER verfaßten Einleitungen zu den (Neu-) Auflagen der Schriften ADLERs in den 70er Jahren sowie auf weitere Werke METZGERs und Kurt LEWINs, der ja - soweit uns bekannt ist, unabhängig von ADLER - z. B. mit seinen Experimenten zur Wirkung des Führungsstils auf Gruppenatmosphäre und soziales Klima (LEWIN, LIPPITT & WHITE, 1939) sowie in seinen Untersuchungen zur psychologischen Situation bei Lohn und Strafe (1931) Themen umfassend behandelt hat, die bereits früher von ADLER und seinen Schülern theoretisch und vor allem in der individualpsychologischen Praxis bearbeitet worden waren.

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Dr. Herbert Fitzek (Plenarvortrag)
Gestalten „handeln", Max Wertheimer über Wirkungsverhältnisse des aktuellen seelischen Geschehens

Die Gestaltpsychologie ist eines der grundlegenden psychologischen Konzepte dieses Jahrhunderts. Doch finden sich unterschiedliche Einschätzungen über ihre Reichweite und ihre Wirksamkeit. Ein Urteil darüber kann man sich am ehesten erlauben, wenn man sich die Texte von Wertheimer, Köhler und Koffka zum Sprechen bringt. Mein Beitrag beruht auf der berühmten, aber selten referierten Vorlesung Wertheimers “Über Gestalttheorie” vor der Kant-Gesellschaft. Hier gibt Wertheimer einem nicht-psychologischen Publikum Einblick in die Logik der “Gestalten”. Gestalten sind dynamische Wirkungsgrößen, die das aktuelle seelische Geschehen als Ausdruck von Gegebenheiten und Valenzen im psychischen Feld darstellen. Gestalten sind “Subjekte” des Erlebens und Verhaltens, denen gegenüber die tradierten Entitäten im Seelenhaushalt – “Ich”, “Selbst” oder “Individuum” – wie künstliche Vereinfachungen erscheinen. Immer noch frisch und zeitgemäß richten die Texte der Gestaltpsychologen einen “schrägen” Blick auf liebgewordene Traditionen der akademischen Psychologie. Das mag daran liegen, daß die Gestalt-Begriffe viel stärker als die Modelle der akademischen Psychologie eine Möglichkeit bieten, das “Hier und Jetzt” des seelischen Geschehens auf anschaulicher Grundlage zu beschreiben und zu rekonstruieren.

Publikationshinweis: H. Fitzek & W. Salber (1996): Gestaltpsychologie: Geschichte und Praxis. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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Prof. Dr. Gisela Kubon-Gilke (Plenarvortrag)
Ökonomik und Gestalttheorie

In der traditionellen Ökonomik spielen psychologische Argumente kaum eine Rolle. Dabei wird von den Ökonomen überwiegend nicht behauptet, daß die vorherrschende Rationalitätsannahme (Homo Oeconomicus) ein Abbild des “wahren” Menschen sei. Statt dessen wird auf ein Wettbewerbsargument verwiesen, wonach es gar nicht notwendig sei, die tatsächlichen Motive der Individuen zu kennen, es ginge nur darum, eine möglichst einfache Annahme zur Modellierung derjenigen Ergebnisse zu finden, die der “Wettbewerb erzwinge”. Diese als-ob-Verteidigung der Rationalitätsannahme ist fundiert kritisiert worden. Unter anderem ist sie analytisch nur sinnvoll, wenn die Präferenzen der Individuen nicht von den Restriktionen beeinflußt werden. Wenn aber die Vorlieben, Interessen und Handlungsweisen der Individuen systematisch von Regeln, Institutionen und Normen beeinflußt werden, dann kann für entsprechende ökonomische Fragen die Rationalitätsannahme zu falschen Schlußfolgerungen führen. Es ist in einem ersten Schritt zumindest möglich, solche ökonomische Fragestellungen zu identifizieren, bei denen die Rationalitätsannahme problematisch zu sein scheint. Dazu gehören Fragen zu folgenden Themengebieten: Entscheidungen unter Unsicherheit, Institutionenökonomik, die Entstehung von Verpflichtungen, Anrechten und Moralsystemen.

Wenn die Rationalitätsannahme nicht universell für ökonomische Fragen sinnvoll verwendet werden kann, stellt sich die Frage nach einem psychologischen Basiskonzept für die ökonomische Analyse. Die Psychologie selbst ist jedoch momentan durch eine Vielzahl konkurrierender Ansätze gekennzeichnet, außerdem rekurriert sie eher auf Einzelphänomene statt auf ein umfassendes psychologisches Konzept des Menschen. Die Gestaltpsychologie bietet zu vielen dieser Ansätze eine vielversprechende Alternative. Insbesondere die Sozialpsychologie Solomon Aschs, die auf den grundlegenden gestalttheoretischen Arbeiten Wertheimers, Köhlers und Koffkas basiert, ist als Grundlage der Ökonomik perspektivenreich. Dieser Ansatz betont die Wahrnehmungs- und Gestaltgesetze und gleichzeitig den engen Zusammenhang zwischen Kognitionen, Emotionen, Motivationen und Handlungsweisen.

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Prof. Dr. Dr. Franz Haslinger (Pleanarvortrag)
Moral und Wirtschaftsprozesse

Ökonomen haben verschiedene kognitive Strukturen oder Modelle entwickelt, um zu Aussagen über die Funktionsweise von Marktwirtschaften zu gelangen. Marktwirtschaften stellen danach komplexe Interaktionen von Akteuren dar, deren Entscheidungen über Märkte durch den Preismechanismus koordiniert werden. Der Preis eines bestimmten Gutes fällt (oder steigt), solange die gesamte Nachfrage nach diesem Gut geringer (oder größer) ist als dessen Gesamtangebot. Folglich kann ein Marktsystem für eine Vielzahl von Gütern als ein komplexes Belohnungs- und Bestrafungssystem angesehen werden, daß die dezentral getroffenen individuellen Entscheidungen zu einem Zustand des allgemeinen Gleichgewichts führt, d.h. zu einem Zustand, in dem die Angebots- und Nachfrageentscheidungen simultan für alle Güter sich ausgleichen.

Diese Überlegungen können zu dem naiven Schluß führen, daß dieser Mechanismus für das Funktionieren von Wirtschaften ausreichend ist. Diese Folgerung ist jedoch nicht nur naiv, sondern schlichtweg falsch und kann zu falschen politischen Schlußfolgerungen führen. Sie beruht auf der Prämisse, daß Gütertransaktionen bloße Eigentumsübertragungen von Geld für Güter und umgekehrt darstellen, für die lediglich Informationen über die physischen Eigenschaften (Qualitäten) der Güter und die Güterpreise erforderlich sind.

Es wird dagegen gezeigt, daß für die Mehrzahl von Transaktionen in einer Wirtschaft die Individuen keineswegs über alle Informationen verfügen, um selbst die einfachsten Zug-um-Zug Geschäfte reibungslos abwickeln zu können. Folglich ist es in derartigen Fällen bedeutsam, persönliche Charakteristiken seiner Vertragspartner zu kennen. Da wir darüber hinaus nicht alle in der Zukunft möglicherweise eintretenden Ereignisse vorhersehen können, ist es auch nicht möglich, sie in Verträgen entsprechend zu berücksichtigen. Verträge sind daher "unvollständig".

Die persönlichen Eigenschaften unserer Tauschpartner bestimmen über die möglichen Kosten, die aus einer Vertragsbeziehung entstehen können. Vertrauenswürdige Vertragspartner, die sich an den "Geist eines Vertrages" halten, ersparen einem nicht nur Gerichts- oder Neuverhandlungskosten, sondern ermöglichen auch Verträge mit Dritten abzuschließen, die auf der Erfüllung des ursprünglichen Vertrages gegründet sind.

In Organisationen machen unvollständige und beschränkte Informationen die Delegation von Kompetenzen, d.h. die Übertragung autonomer und weitgehend unkontrollierbarer Entscheidungsbefugnisse, unumgänglich. Es leuchtet unmittelbar ein, daß eine intakte Moral unter den Individuen einer Gesellschaft zum Teil enorme "Transaktionskosten" einzusparen vermag. Marktwirtschaften benötigen, um wirksam zu funktionieren, einer tragfähigen moralischen Grundlage neben der Rechtsordnung und funktionsfähigen Gerichten. Eine Reihe von wirtschaftlichen Problemen in den ehemaligen Ostblockstaaten haben ihre Ursache im Fehlen dieser moralischen Fundamente.

Publikationshinweis: Haslinger, F., Individuum und Verteilung in einer unsicheren Welt - Zur Rolle der Moral in der Ökonomik, in: Held (Hrsg.), Normative Grundfrage der Ökonomik, Frankfurt am Main, 1997, S. 150-167

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Matthias Gysler (Renate Schubert, Martin Brown, Hans Wolfgang Brachinger) (Plenarvortrag)
Risikoverhalten bei Anlageentscheidungen - Unterscheiden sich Frauen und Männer?

Empirische Evidenz auf Finanzmärkten zeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männer weniger riskante Portfolios halten. Während die Existenz von geschlechtsspezifischen Unterschieden im Entscheidungsverhalten auf Finanzmärkten nicht angezweifelt wird, so ist bis anhin nicht klar, warum Frauen im Durchschnitt weniger riskante Optionen kaufen als Männer. Geschlechtsspezifische Unterschiede können einerseits aufgrund von unterschiedlichen Risikopräferenzen zustande kommen. Dies würde bedeuten, dass Frauen risikoscheuer als Männer sind. Andererseits gibt es auch gute Gründe, zu unterstellen, dass Verhaltensunterschiede aufgrund unterschiedlicher Restriktionen von Frauen und Männern zustande kommen. Dabei wird immer wieder das im Durchschnitt tiefere Einkommen von Frauen genannt. In der ökonomischen Theorie ist nämlich unbestritten, dass ein tieferes Einkommen zu stärkerer Risikoaversion in bezug auf finanzielle Entscheidungen führt.

Mehr Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede in finanziellen Entscheidungen ist relevant, um zu versuchen, statistische Diskriminierung von Frauen auf Arbeitsmärkten sowie auf Finanzmärkten zu verringern. Vermutungen über Unterschiede in den Risikopräferenzen von Frauen und Männern führen nämlich beispielsweise bei Anlageberatern zu unterschiedlichen Anlageempfehlungen: Der als risikoscheu erachteten Frau werden risiko- und damit ertragsärmere Portfolios empfohlen als Männern. In gleicher Weise beeinflussen Vermutungen über Risikopräferenzen das relative Lohnniveau von Frauen und Männern, vor allem in Managementpositionen: Den für risikoavers gehaltenen Frauen werden riskante und damit für Unternehmen im Durchschnitt ertragreichere Entscheidungen nicht zugetraut. Daher werden sie schlechter entlohnt als Männer. Evidenz zu den Determinanten geschlechtsspezifischer Unterschiede in finanziellen Entscheidungen ist in diesem Sinne wichtig, um eine Politik der Verringerung von Einkommensunterschieden betreiben zu können.

Neuere empirische Evidenz zeigt, dass Frauen eine höhere Risikoaversion aufweisen, wenn es um finanzielle Entscheidungen geht. Mit den dabei verwendeten Felddaten ist es aber nicht möglich, zu untersuchen, ob Unterschiede in den Präferenzen oder unterschiedliche Restriktionen zu diesem Resultat führen. Weiter wurden experimentelle Methoden verwendet, um zwischen diesen beiden alternativen Erklärungsmöglichkeiten zu unterscheiden. Die Resultate dieser experimentellen Untersuchungen variieren aber mit der Wahl des Anreizschemas sowie mit dem verwendeten Kontext.

Das Ziel unserer Untersuchung ist es, zu zeigen, ob geschlechtsspezifische Unterschiede in den Risikopräferenzen existieren und, falls ja, ob diese stabil sind. Wir untersuchen, ob Frauen und Männer, wenn sie den gleichen Restriktionen unterliegen, unterschiedliche finanzielle Entscheidungen treffen. Dabei wird kontrolliert, in welchem Kontext die Entscheidungen gefällt werden. Zu diesem Zweck analysieren wir finanzielle Entscheidungen in einem “Klassenzimmerexperiment”. Für vier verschiedene Lotterien wird das jeweilige Sicherheitsäquivalent der Individuen abgefragt. Während das Anreizschema in mehreren verschiedenen Runden jeweils identisch war, wurden die Lotterien selbst in unterschiedliche Kontexte eingebettet. Konkret wurden die Auszahlungen als Gewinne bzw. Verluste aus einem Spiel, einer Investition oder einer Versicherung dargestellt.

Unsere Resultate stehen im Gegensatz zu den zuvor erwähnten empirischen Studien, denen zufolge Frauen bei finanziellen Entscheidungen im allgemeinen weniger Risiken auf sich nehmen. Wir zeigen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in mit Risiko behafteten finanziellen Entscheidungen verschwinden oder sich sogar umkehren können, abhängig davon, in welchem Kontext die Lotterie präsentiert wurde.

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Prof. Dr. Ernst Plaum (Plenarvortrag)
Weshalb fährt der IC 781 ...? Oder: Das Elend mit der Suche nach reinen Wirkfaktoren in einer hochkomplexen Realität

Wissenschaftliche Betrachtungsweisen der Wirklichkeit tendieren dazu, elementare Gegebenheiten aufzuspüren, die dann als ”Faktoren” komplexe Prozesse erklären sollen. In der Psychologie hoffte man, dies zu erreichen, beispielsweise über das Erkennen assoziativer Verknüpfungen, sowie mittels der Faktorenanalyse, oder Prozeduren, die auf reine, homogene ”latente” Dimensionen” der Persönlichkeit hinzielen. Allen diesen Bemühungen waren keine überzeugenden Erfolge beschieden.

Ganzheitliche Positionen beruhen auf anderen Voraussetzungen; dabei wird davon abgesehen, eng Zusammengehöriges und aufeinander Bezogenes künstlich in einzelne ”Bestandteile” zu zerlegen. Was bei nichtholistischen Konzeptionen isolierbare Variablen sind, stellt sich nunmehr als unselbständige Aspekte bzw. Komponenten dar. Hierzu gehört auch die Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven, die jedoch keineswegs verabsolutiert und wiederum nicht als völlig unabhängig voneinander betrachtet werden. Dies gilt beispielsweise für die unbelebte rein materielle Ebene, die organismische (physiologische) Seite der Lebensprozesse sowie schließlich wert- und sinnorientierte Zielsetzungen, die vielleicht - sicher etwas ungenau - teleologisch zu nennen wären. Fragen nach Ursachen, Gründen und Wirkungen müßten daher so präzise gestellt werden, daß zu erkennen ist, auf welchem bzw. welchen dieser Niveaus sie angesiedelt sein sollen und inwieweit eine ganzheitliche Sichtweise angemessen erscheint.

Einer solchen kommt besondere Bedeutung bei der Erklärung singulärer Ereignisse, wie dem im Thema dieses Beitrages genannten, zu. Psychologische Einzelfallanalysen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls anzuführen. Bei bestimmten gruppenorientierten Fragestellungen mögen holistische Perspektiven entbehrlich sein, etwa wenn man sich mit probabilistischen Aussagen zufrieden gibt. Doch auch hierbei ist Vorsicht angezeigt: Selbst behavioristisch orientierte Einzelfallforscher haben darauf hingewiesen, daß Zusammenfassungen individueller Gegebenheiten, etwa in Form von zentralen Tendenzen bzw. Mittelwerten, insofern zu Artefakten führen können, als derartige Gruppencharakteristika schließlich kein einziges der beteiligten Individuen realitätsgerecht kennzeichnen.

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Dr. Gerhard Stemberger (Plenarvortrag)
Gestalttheoretische Beiträge zur Psychopathologie

Von den Anfängen der Entwicklung der Gestalttheorie bis in die Gegenwart haben sich Forscher und Praktiker mit der Anwendung der Gestalttheorie auf Fragestellungen der Psychopathologie befaßt. Vieles von diesen fruchtbaren Ansätzen und Beiträgen ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten oder hat in den Wendungen des Mainstreams auf diesem Gebiet wenig Beachtung gefunden. Der Vortrag ruft diese Ansätze und Beiträge in einem Überblick in Erinnerung.

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Dr. Mauro Antonelli (Plenarvortrag)
Vittorio Benussi und die Grazer Schule - Produktionstheorie versus Gestalttheorie

Vittorio Benussi (1878-1927), Mitglied der Grazer gegenstandstheoretischen und psychologischen Schule um Alexius Meinong, war einer der bedeutendsten Experimentalpsychologen seiner Zeit. Benussis Pionierleistungen auf dem Gebiet der Gestaltpsychologie gerieten jedoch bald in Vergessenheit. Der Grund hierfür liegt in der frühzeitigen Auflösung der Grazer Schule sowie in der fortschreitenden Durchsetzung der Berliner Gestalttheorie.

Der Vortrag rekonstruiert die Entwicklung von Benussis Werk, dessen frühe Anlehnung an Meinongs Gegenstands- und Produktionstheorie sowie die spätere Ausarbeitung eines eigenständigen theoretischen Standpunktes. Außerdem werden, ausgehend von der Kontroverse Benussi-Koffka (1915), die theoretischen Grundzüge herausgestellt, die Benussis Werk von der Berliner Gestalttheorie unterscheiden.

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Dr. Geert-Jan Boudewijnse (Plenarvortrag)
The Rise and Fall of the Graz School

Following a short explanation of the notion of presentation (in German, Vorstellung) and its use by Johann Friedrich Herbart (1776-1841), we will relate Franz Brentano's (1838-1917) concepts of 'intentionality,' 'unity of consciousness,' and his call for a science of the mind to ideas of Alexius Meinong (1853-1920). Meinong's notions regarding objects of knowledge and how those objects are united, would be rendered into psychological format by his students Stephan Witasek (1870-1915) and Vittorio Benussi (1878-1927). Their theory is a production theory of gestalt. Perception is seen as an active process in which first sensations from the senses arise and then a gestalt is produced out of these perceptual elements.

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Dr. Steve Lehar (Plenarvortrag)
Gestalt isomorphism and the quantification of spatial perception

The Gestalt principle of isomorphism suggests that the subjective experience of spatial perception is a valid source of evidence for the nature of the underlying neurophysiological representation. A perceptual modeling approach is proposed, to quantify the information manifest in spatial perception without regard to the neural mechanism by which that information is encoded. This approach highlights aspects of perception commonly overlooked by neural network models, including the volumetric nature of spatial perception, the perception of empty space around perceived objects, the bounds of perceptual space, the rotation invariance of perceptual representation, amodal perception, and perception outside of the visual field.

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Prof. Dr. Jürgen Kriz (Plenarvortrag)
„Effektivität" - ein goldenes Kalb unserer Zeit

Der Mensch steht vor der Notwendigkeit, der unfaßbaren Komplexität der ”Welt” und des ”Lebens” darin durch Reduktionen Fassung zu verleihen (dies berührt den Kern vom ”Problem der Ordnung”). Doch trotz des Bilderverbotes in der Bibel, anderen Weisheitslehren und auch der Wissenschaftstheorie, wonach ein bestimmtes Abbild nicht mit dem Abgebildeten verwechselt werden oder es auch nur, erkenntnisunabhängig, als ”das” Wesentliche ausgegeben werden darf, macht man immer wieder goldene Kälber, die angebetet und um die Tänze aufgeführt werden. Ein Götze unserer Zeit ist die ”Effektivität”: Diese tritt uns nicht nur im wirtschaftlich-technischen Bereich mit Vokabeln wie ”Produktivität” ”Wachstum” ”Kosten-Nutzen-Analysen” etc. entgegen; vielmehr ist auch im Bereich des menschlichen Miteinanders zunehmend von ”Evaluation”, ”Qualitätskontrolle” ”Effektivitätsmessung” und dergleichen die Rede - wobei eine begrüßenswerte inhaltliche Diskussion der damit angedeuteten überaus komplexen Wert- und Orientierungsentscheidungen allzuschnell und allzuweit an statistische Parameter, die sich unter radikal eingeengten Perspektiven ergeben, abgetreten wird. Während in den USA Martin E.P. Seligman ein gutes Jahr nach seiner mutigen und radikalen Kritik der viel zu eingeengten Effektivitätsmessung im Bereich von Psychotherapie zum Präsidenten der APA gewählt wurde, grenzte in der BRD im Jahr dessen Amtsantrittes (1998) ein Psychotherapeutengesetz über fragwürdige Wissenschafts- und Effektivitätskriterien ganze Berufsgruppen und Jahrzehnte erfolgreiche Therapierichtungen zum Schaden vieler Menschen aus. Der Vortrag soll einige Aspekte dieses Götzenglaubens an (zu reduzierte) Effektivität aufzeigen und diskutieren.

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Dr. Hans-Jürgen Walter (Plenarvortrag)
Laudatio zum 100. Geburtstag von Wolfgang Metzger

So reizvoll es wäre, das „Problem der Wirkung" am Beispiel des Ehrenvorsitzenden unserer Gesellschaft , der „Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)", ausführlich zu erörtern: Hier sollen nur wenige Aspekte dieser Möglichkeit angedeutet werden. Ohne Wolfgang METZGERs Wirken - allein diese Wirkung soll belegt werden - gäbe es die GTA nicht. Mir ist dies Grund genug, vor allem der Frage nachzugehen, was für ein Mensch Wolfgang METZGER war, und dabei nicht vor „(gestalttheoretischen) Psychologisierungen" zurückzuschrecken.

Zur Textfassung des Vortrages (mit Bildern von Wolfgang Metzger)

Publikationshinweise:
Walter, H.-J. (1998). Vorbemerkungen zum Briefwechsel Wolfgang Metzger - Max Wertheimer 1929 - 1937. GESTALT THEORY, 20, No 1, 3-10.

Wertheimer, M. jun. (1997): Zum Briefwechsel Wolfgang METZGER - Max WERTHEIMER 1929-1937. GESTALT THEORY, 19, No 4, 263-265.

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Prof. Dr. Paul Tholey (V)
Ein neuer Ansatz zur psychophysischen Problematik - die kausale Interpretation der Quantenfeldtheorie

Von Wolfgang Köhler zu David Bohm

Wolfgang Köhler hat das Problem der Wirkung sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich aus gestalttheoretischer Sicht am weitesten vorangetrieben. Schon zu Beginn der zwanziger Jahre wies er auf die Analogie zwischen den phänomenalen Gestaltzusammenhängen und den Wirkungszusammenhängen in den physikalischen Feldtheorien von Michael Faraday und James C. Maxwell hin. Ferner führte er in dieser Zeit schon die Begriffe der Rückkopplung und des offenen Systems zur Erklärung psychophysischer Wirkungszusammenhänge ein. Zu Beginn der dreißiger Jahre vertrat Köhler schließlich im Gegensatz zur logisch-positivistisch orientierten Quantenmechanik die Annahme, daß auch die Vorgänge im Quantenbereich auf kausalen Feldvorgängen beruhten, wobei er einräumte, daß dies vermutlich zu einer Neuformulierung der Kausalprinzips führen würde. Die Analogie zwischen physikalischen und psychologischen Gesetzen sowie die Ablehnung der Emergenz neuer Gesetze im Verlauf der Evolution brachten ihn schließlich 1960 zu der monistischen Annahme, daß alle Naturvorgänge phänomenale Merkmale besitzen, wenn auch von unterschiedlicher Entwicklungshöhe. Die Vermutungen von Köhler fanden eine Bestätigung durch die Quantenfeldtheorie von David Bohm, der, wie es Köhler vorausgeahnt hatte, ein allgemeineres Kausalitätsprinzip entwickelte und auf dieser Grundlage zu Beginn der neunziger Jahre neue Argumente für die Annahme eines psychophysischen Monismus lieferte. Diese Annahme hat weitreichende Folgen für künftige psycho-physikalische Untersuchungen zur Erforschung der vielfältigen Wirkungszusammenhänge im Bereich der Leib-Seele-Problematik.

Publikationshinweise:
Köhler, W. (1920): Die physischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zustand. Braunschweig: Vieweg.

Köhler, W. (1960): The mind-body problem. In S. Hook (Ed.), Dimensions of mind: Symposion. New York: New York University Press, 3-23.

Bohm, D. (1990): An new theory of the relationship of mind and matter. Philosophical Psychology, 3, No 2, 271-286.

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Dr. Marianne Soff & Michael Ruh (Arbeitskreis)
Arbeitskreis Psychotherapie:
Individualpsychologie und gestalttheoretische Psychotherapie

„Gemeinschaftsgefühl" bei Alfred Adler und gestalttheoretische Wir- und Gruppenkonzepte (Koffka, Metzger, Lewin) sowie „(Organ-)Minderwertigkeit und Überkompensation" bei Adler und Ersatzhandlungen/Ersatzzielbildung (Lewin, Mahler) sollen einander gegenübergestellt, vertieft und hinsichtlich ihrer theoretischen und psychotherapeutischen Bedeutung diskutiert werden.

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Dipl. rer. soc. Dörthe van der Voort & Dipl.-Psych. Beate Weitkemper (Arbeitskreis)
Arbeitskreis Pädagogik:
Gestalttheorie und Erziehung: Schule und Kindergarten ein Ort schöpferischer Freiheit?

What works? Hören wir Eltern und Erziehern, Pädagogen und Lehrern zu, scheint die Erziehungsarbeit voller Unbestimmbarkeiten und eine Arbeit mit Unbekannten zu sein. So fallen die folgenden Sätze im Alltag: “Das hätte ich nie gedacht, daß die es schafft.” “Ich verstehe das nicht, er bekommt doch alles?” “Ich habe alles menschenmögliche getan, aber es wird nicht besser”...

Kindererziehung scheint ein unbestimmbares Geschäft, wenn sie zur Arbeit für und an den Kindern wird statt eine Arbeit mit den Kindern ist. Eine Arbeit mit den Kindern , die sich von den Merkmalen der Arbeit am Lebendigen leiten läßt, so wie Wolfgang METZGER sie uns nahebringt, ermöglicht uns, statt quälender Erziehungsarbeit eine Arbeit voller Freude und Überraschungen zu erfahren.

Wolfgang METZGERS Kennzeichen der Arbeit sollen hier noch mal benannt und im Arbeitskreis weitergehend ausgeführt werden:

° Nicht-Beliebigkeit der Form

° Gestaltung aus inneren Kräften

° Nicht-Beliebigkeit der Arbeitszeiten

° Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit

° Die Duldung von Umwegen

° Die Wechselseitigkeit des Geschehens

Auch Kurt LEWIN hat überwiegend im entwicklungs- und erziehungspsychologischen Bereich gearbeitet. Für Menschen gleich welchen Alters gilt bei ihm, daß Entwicklung ohne Erziehung undenkbar ist, daß heißt Erziehungsprozesse bei Erwachsenen als auch bei Kindern sich vollziehen. Erziehung wird seiner Auffassung nach bewirkt in konkret gestalteten Situationen. Er schreibt in seinem Beitrag “Die Umweltkräfte im Verhalten und Entwicklung des Kindes”: “Bis jetzt haben wir die Wirkungen der gegenwärtigen Situation auf die Entwicklung beschrieben. Diese Wirkungen hören mit dem Wandel der Situation auf. Trotzdem ruft das Wirken der Umwelt als Konsequenz immer einen mehr oder weniger deutlichen Wandel in dem Individuum selbst hervor und verändert somit seine Reaktionsbasis auf alle späteren Situationen. Dieser Einfluß der gegenwärtigen Situation auf zukünftige Möglichkeiten des Verhaltens, der besonders wichtig ist für die Entwicklung als einen Vorgang, der in der Zeit beträchtlich ausgedehnt ist, hängt nicht nur von dem Erwerb bestimmte interllektueller Erfahrungen des Kindes ab, sondern vor allem von der Tatsache, daß seine Ganze Person in bestimmter spezifischer Weise verändert wird” ( KLW Bd 6 S. 208 )

Dies führt zu einer veränderten Rolle und Aufgabe des Erziehers. Der Prozeß dreht sich nicht mehr länger nur um ihn, er ist nicht mehr länger der Züchter und Hervorbringer des Zöglings. Er ist schlicht nur eine der Umweltkräfte im Feld. Er ist ein Entwicklungsbeistand. Dem Lehrer und Erzieher kommt nun die Rolle eines Gestalters und Mitgestalters eines hinreichend freien Lebens- und Lernraumes zu, in dem durch Ermutigung und Erprobung, die sachlich bedingten Schwierigkeiten erlebbar werden und somit zum Lerninhalt. Nur so entwickelt sich für alle Beteiligte eine klare Realitätsschicht d.h. wechselseitige Aufklärung und damit die Fähigkeit zur verantwortlichen Entscheidung.

In seinem wahrscheinlich beim 5. Weltkongress für Erneuerung der Erziehung 1929 gehaltenen Vortrag “Gestalttheorie und Kinderpsychologie” konstatiert LEWIN das Fehlen einer theoretischen Grundlage für das konkrete pädagogische Handeln, trotz aller Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie. Er fordert für die Praxis der Erziehung “volle Konkretheit”. Für diese Konkretheit genügt nicht Wissen über die Gesetzmäßigkeit des seelischen Erlebens. Da Erziehung die Einflußnahme auf das Kind, das Erzielen von Wirkungen beabsichtigt, ist die Dynamik des seelischen Geschehens zu erfassen. Dabei gibt es zur einzelne Kinder und zwar einzelne Kinder in individuellen Situationen. Nicht andere Gesetze beherrschen die einzelnen Individuen: “Nur ergeben sich auf Grund der gleichen Gesetze bei verschiedenen Individuen und in verschiedenen Situationen notwendig sehr verschiedene Erfahrungen.” (KLW Bd S.1o2)

Im Arbeitskreis findet in einem Innenkreis der Austausch der Referentinnen über ihre pädagogische Arbeit mit Kindern auf Grundlage gestaltheoretischer Erkenntnisse statt. Dr. Ursula Bünger berichtet über ihre Arbeit in Unterricht und Schule. Beate Weitkemper über ihre Arbeit als Psychologin in der Erziehungshilfe und Dörthe van der Voort über ihre Arbeit in einer Kindertagesstätte, sowie über Organisationsprozesse und Qualitätsentwicklungen in der Kindertagesstättenarbeit.

Publikationshinweise:
Metzger, Wolfgang: Psychologie für Erzieher. Bochum, 1976

Lewin, Kurt: Die Umweltkräfte in Verhalten und Entwicklung des Kindes. In Kurt Lewin, Werkausgabe, Bd. 6, Psychologie der Entwicklung und Erziehung, S. 169 ff. Bern, Stuttgart, 1982

van der Voort, Dörthe: Umsetzung gestalttheoretischer Grundlagen in der Kindertagesstättenarbeit. Gestalt Theory, 19, 1997

Prengel/D.v.d.Voort: Vom Anfang bis zum Abschluß: Vielfalt durch „Gute Ordnung" - Zur Arbeit mit Kindern in einer Schule der Demokratie. in: Schule und Gesellschaft im Umbruch, Bd. 1, Theoretische und Internationale Perspektiven, Hrsg. W. Helsper, H.-H. Krüger, H.Wenzel.

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Dr. Herbert Fitzek (Arbeitskreis)
Gestalttheorie und Wirkungsforschung

Mit dem „Problem der Wirkung" ist eine Seite der Gestalttheorie angesprochen, die heute vielfach vernachlässigt wird, aber bei Wertheimer, Köhler und Lewin von zentraler Bedeutung ist: Die Frage „Wie wirken Gestalten" geht über den klassischen Bereich der (Werbe- und Medien-)Wirkugnsforschung hinaus und spricht allgemeine Wirkungsverhältnisse von Gestalten zu psychisch bedeutsamen Zusammenhängen an (Alltagspsychologie, Sportpsychologie, Klinische Psychologie)

Mit folgenden Beiträgen:

Dipl.-Psych. Mag. Phil. Mag. Theol. Andreas M. Marlovits
Leistungsgestalten. Zur psychologischen Wirkung von Hochleistungssport

Weltweit streben Menschen danach, sportliche Höchstleistungen zu vollbringen. Oft werden keine Kosten und Mühen gescheut, um etwa nach unmenschlicher Strapaze auf dem höchsten Berg der Welt zu stehen oder einen Triathlon zu meistern. Andere wiederum reizt die Aussicht, ein besonders guter Fußballspieler oder tollkühner Schiabfahrer zu sein. Der Hochleistungssport ist voll von Beispielen leiblich gewordener Leistungs-Gestalten. Doch was reizt so sehr am Leistung gestalten? Welche Wirkung geht von Leistungs-Gestalten aus? Welches Wirk-Versprechen wohnt ihnen inne?

Die Frage nach dem Gestalten von Leistung berührt nicht nur die Welt des Sports. Mit ihr nähern wir uns einem allgemeinpsychologischen Thema, das als einer der zentralen Bausteine unserer Seelen-Konstruktion angesehen werden muß. Das Leisten findet sich ja nicht nur im Sport. Allerdings entstehen im Hochleistungssport Leistungs-Gestalten in beinahe prototypischer Klarheit, woraus sich u. a. die Berechtigung einer psychologischen Untersuchung derselben herleitet. Diese wird aus der Perspektive einer gestalttheoretisch orientierten Sportpsychologie geleistet, die mit Arbeiten von Otto Klemm zur “Bewegungsgestalt” in den 30er Jahren einen hoffnungsvollen Anfang genommen hat. Damit soll ein Anlauf zu einem Verständnis von Leistungs-Gestalten unternommen werden, woraus sich Rückschlüsse auf das allgemeine Problem von (Gestalt-)Wirkung ziehen lassen. Die Grundlage des Beitrags bildet eine wissenschaftliche Arbeit auf qualitativ-methodischer Basis zum Thema “Leistungssport”.

Marianne Küttner
Beitrag der Gestaltpsychologie zur Werbewirkungsforschung

In der angewandten Gestaltpsychologie interessieren schon seit langem die Wirkmechanismen von Werbung. Die Werbepsychologie hat die Frage untersucht, wie Werbung und was da eigentlich wirkt. Sie fand heraus, daß es sich bei der Wirkung um einen Prozeß handelt, der sich in einem Nacheinander vollzieht und dem unmittelbaren Erleben nicht zugänglich ist.

Im Experiment war es möglich, die Entwicklung dieses Prozesses als einen zeitlich gedehnten Verlauf erlebbar zu machen und zu rekonstruieren. Mit dem tachistoskopischen Versuch der Aktualgenese als werbepsychologischem Prüfverfahren konnten die sich spontan ereignenden frühen Anmutungen, noch ehe sie von der Ratio überlagert oder korrigiert sind, untersucht werden. Geht man denen nach, sieht man, daß Werbung nach gestalthaften Zusammenhängen organisiert ist. Im vorliegenden Referat wird der Beitrag der Ganzheits- und Gestaltpsychologie zur Psychologie der Werbewirkung referiert und auf seine Aktualität hin befragt.

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DDr. Dieter Zabransky, Dr. Eva Wagner-Lukesch & Dr. Brigitte Lustig (Arbeitskreis)
Einführung in die Gestalttheoretische Psychotherapie

Der Arbeitskreis richtet sich an jene, die sich mit den theoretischen und methodischen Grundlagen der Gestalttheoretischen Psychotherapie auseinandersetzen wollen. Gemeinsam erarbeitet werden die gestalttheoretischen Grundannahmen zum erkenntnistheoretischen Standort (Kritischer Realismus), zum Menschenbild, zum Gesundheits- und Krankheitsverständnis und zu theoretischen Konzepten (Wolfgang Metzger, Kurt Lewin). Darüber hinaus werden Bezüge zu gestalttheoretisch-psychotherapeutischer Methodik hergestellt und mit den Teilnehmern reflektiert.

Publikationshinweise:
Zabransky (1987), Gestalttheorie und Psychotherapie, Ärztliche Praxis und Psychotherapie, 6.
Zabransky/Bolen (1995), Gestalttherapie. In: Lehrbuch für Psychosoziale Medizin, Hrsg. O. Frischenschlager u.a., Wien, New York
Zabransky/Soff (1996), Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie, ÖAGP, Wien
Zabransky (1997), Gestalttheoretische Psychotherapie als systemtheoretischer Ansatz. In: Systemtheorie in der Medizin -Theoretische Grundlagen für die Ganzheitsmedizin. Hrsg. W. Feigl, M. Bonet, D. Zabransky, Wien.

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Prof. Dr. Ernst Plaum (Arbeitskreis)
Gestaltpsychologische Leistungsdiagnostik am Beispiel des „Würfelkastens" nach Gottschaldt

Von seiten der Gestaltpsychologie wurde schon sehr früh Kritik an den damals neu entwickelten Intelligenztests (nach Art des Binet-Verfahrens) geübt, vor allem unter dem Aspekt, daß ein Summenscore bzw. der “IQ” keine Aussagen dahingehend erlaubt, auf welchem Weg die Probandinnen/Probanden zu den Aufgabenlösungen gekommen sind.

Gottschaldt entwickelte an der Berliner Humboldt-Universität den “Würfelkasten” in der Tradition gestaltpsychologischer Erforschung von Problemlösungsprozessen. Dieses Verfahren erlaubt eine Informationsgewinnung zum Verlauf “praktischen Denkhandelns” anhand konkreter Aufgabenstellungen und ist auch insofern ganzheitlich und lebensnah zu nennen, als dabei das komplexe Verhalten erkennbar wird, nämlich nicht nur die intellektuelle Kapazität und Problemlösungsstrategien, sondern auch affektive Beteiligung, Frustrationstoleranz und dergleichen betreffend.

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Prof. Andrzej Zuczkowski
„You make me feel...": Gestalttherapy and Gestalttheory on emotional causality in interpersonal relations

In the present workshop I deal with the effects which a Speaker (S) produces, by saying what he says, on a Listener (L)’s emotions and feelings and which in everyday communication we usually describe by means of verbs and verbal expressions of the following types: (1) ”she amused me”, ”you’re boring me”, ”I’ll astonish him”; (2) ”you make me feel angry / sad / glad / happy...”.

Both types of verbs and verbal expressions share a causal semantic structure (S causes, caused or will cause a certain feeling in L: anger, fear, joy, happiness...) which is wholly focused on S and on what he says: L’s effects are caused by S’s words and then, after all, by S who utters them. S is active, while L is dependent on what S says.

Utterances of type (1) and (2) communicate and each day reinforce an implicit theory (a common sense) of interpersonal relations, according to which we can make others feel bad or good and others can make us feel bad or good. Since such a theory deals with causes and effects on emotions and feelings, we can call it emotional causality theory.

I try to show some paradoxical consequences of the focused-on-S causal viewpoint and its naivety. Then I present two alternative theoretical viewpoints: the first one is focused on L and comes from the psychotherapy field: F. Perls’s Gestalt Therapy, E. Berne’s Transactional Analysis, R. and M. Goulding’s Redecision Therapy, R. Bandler and J. Grinder’s Neurolinguistic Programming maintain a viewpoint which is centered on L’s emotional autonomy and independence from S. The second viewpoint is focused on the relation between S and L and comes from W.Metzger‘s Gestalt phenomenology of perception: one type of global qualities (Anmutungsweisen, which he exemplifies through the following adjectives: ”attractive, pleasant, repugnant, amusing, boring, interesting...”) concerns the relation between the perceived object and the perceiving subject, and more precisely the particular effect of such a relation on the perceiving subject. Metzger’s viewpoint, applied to linguistic communication, is focused neither only on S nor only on L but on both of them, or more precisely on the relation between S and L: Anmutungsweisen are the global outcome, which is experienced with phenomenal immediacy, of the interaction between S and L.

Finally, referring to A. Michotte’s experimental phenomenology on the perception of causality, I try to answer the question why in everyday communication, notwithstanding the naivety of the emotional causality theory, causal linguistic structures are focused on S, why a focused-on-S syntactic-semantic and conceptual organization imposed (and still imposes) itself among the other possible ones.

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E-Mail:gestalttheorie.gta@t-online.de


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