ÜBER GESTALTQUALITÄTEN

Christian Freiherr v. Ehrenfels (1932)*


* Diese kleine Abhandlung diktierte Baron Ehrenfels wenige Wochen vor seinem Tode seiner Frau, als er gebeten wurde, in möglichst einfachen Worten den Sinn seiner Lehre darzustellen.

Erstveröffentlichung in Philosophia (Belgrad), 2, 1937, 139-141. Nachdruck in: Ferdinand Weinhandl (Hg.), Gestalthaftes Sehen. Ergebnisse und Aufgaben der Morphologie. Zum Hundertjährigen Geburtstag von Christain von Ehrenfels. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1978, S. 61-63. Englische Übersetzung "On Gestalt Qualities (1932)" in: Barry Smith (ed.), Foundations of Gestalt Theory, München-Wien: Philosophia Verlag 1988, pp.121-123.


Der Ausgangspunkt von der Lehre über Gestaltqualitäten war der Versuch der Beantwortung einer Frage: Was ist Melodie ? Nächstliegende Antwort: Die Summe der einzelnen Töne, welche die Melodie bilden. Dem steht aber gegenüber die Tatsache, daß dieselbe Melodie aus ganz verschiedenen Tongruppen gebildet werden kann, wie es beim Transponieren derselben Melodie in verschiedene Tonarten erfolgt. Wäre die Melodie nichts anderes als die Summe der Töne, so müßten, weil hier verschiedene Tongruppen vorliegen, auch verschiedene Melodien gegeben sein. Ernst Mach, dem diese Tatsache auffiel, zog hieraus den Schluß, das Wesentliche der Melodie müsse in einer Summe besonderer Empfindungen gegeben sein, welche die Töne als Tonempfindungen begleiten. Diese Empfindungen aber wußte er nicht anzugeben, und tatsächlich können wir in der inneren Wahrnehmung nichts von ihnen entdecken.

Der entscheidende Schritt für die Begründung der Lehre von der Gestaltqualität war nun die Behauptung meinerseits: Wenn die Erinnerungsbilder der aufeinanderfolgenden Töne als ein gleichzeitiger Bewußtseinskomplex vorliegen, so kann im Bewußtsein die Vorstellung einer neuen Kategorie auftauchen, und zwar eine einheitliche Vorstellung, welche auf eine eigentümliche Weise mit der Vorstellung des betreffenden Tonkomplexes verbunden ist. Die Vorstellung dieses Ganzen gehört einer neuen Kategorie an, für welche der Name "fundierte Inhalte" üblich wurde. Nicht alle fundierten Inhalte sind anschaulicher Natur und der Melodievorstellung verwandt. Es gibt auch unanschauliche fundierte Inhalte, wie z. B. die Relation. Das Wesentliche des Verhältnisses zwischen dem fundierten Inhalt und seinem Fundament ist die einseitige Bedingtheit jenes durch dieses. Jeder fundierte Inhalt bedarf notwendig eines Fundamentes. Ein bestimmter Komplex von Fundamentalvorstellungen vermag nur einen ganz bestimmten fundierten Inhalt zu tragen. Aber nicht jedes Fundament muß von einem fundierten Inhalt gleichsam gekrönt und zusammengehalten werden. Mindestens war das meine Ansicht bei der Konzeption des Begriffes der Gestaltqualität. Andere waren anderer Ansicht, nämlich, daß die Gestaltqualität mit dem Fundament notwendig gegeben sei, und daß die Arbeit, welche wir etwa bei der Auffassung einer Melodie leisten, nicht in dem Produzieren des fundierten Inhaltes, sondern lediglich in seinem Bemerken gelegen sei. Der erstgenannten Richtung gehörten Meinong und sein Schüler Benussi an, während die zweite Richtung durch Wertheimer und Köhler vertreten wird.

Die Gestaltqualitäten lassen sich in Auffassung von Vorgängen und von Momentzuständen einteilen. Ich habe diese Gruppen als zeitliche und zeitlose Gestaltqualitäten unterschieden. Beispiele für Vorgänge sind Melodie und Bewegung. Für Momentzustände, Harmonie und dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben als Raumgestalt bezeichnet. Es gibt aber nicht nur Ton-, sondern zum Beispiel auch Farbenmelodien und ebenso Farbenharmonien. Ja, auf dem Gebiet sämtlicher Sinnesqualitäten müssen sich Analoga von Melodie und Harmonie finden lassen. Das Verbreitungsfeld der Gestalten ist aber viel größer, als aus diesen Beispielen erhellt. Zunächst gibt es Gestalt nicht nur auf dem Gebiet der Töne, sondern auch der Schallempfindungen, welche man, zum Unterschied von den Tönen und Klängen, Geräusche nennt. Die Sprache besteht aus solchen Geräuschen, wenn auch in den einzelnen Vokalen als Elementen, sich Töne unterscheiden lassen. Jedes Wort der Sprache ist eine Gestaltqualität. Von der Verbreitung der Gestaltqualitäten im psychischen Leben kann man sich auch daraus einen Begriff machen, daß die sogenannten Assoziationsgesetze viel häufiger bei Gestalten als bei Elementen in Kraft treten. So z. B. assoziieren sich an das Bild einer Persönlichkeit physisch ganz gewiß und psychisch aller Wahrscheinlichkeit nach eine Gestaltqualität, nach dem Gesetz der Ähnlichkeit zahlreiche Bilder anderer Persönlichkeiten, während sich an die Vorstellung eines einfachen Elementes z. B. eines Tones oder einer Farbe, durchaus nicht die Vorstellungen anderer Elemente assoziieren. Unser Gedächtnis für einfache Elemente auf dem Gebiet der Töne, das sogenannte absolute Gehör, ist ungleich weniger ausgebildet als das Gedächtnis für Melodien und Harmonien. Die sogenannten mnemotechnischen Hilfsmittel gründen sich auf Gestaltqualitäten. Das Wesen dieser Mittel besteht darin, daß eine Gestaltqualität aufgefunden wird, welche sich dem Gedächtnis aus irgendeinem Grunde leicht einprägt, und deren Teile mit den im Gedächtnis zu behaltenden Vorstellungsobjekten in einer gewissen stereotypen Beziehung stehen, wie z. B. das vielzitierte leicht in die Ohren gehende Sprachgebilde: Kilometertal, Euer Urpokal, wo die beiden ersten Silben leicht den Namen Klio assoziieren und jede weitere Silbe mit der ersten Silbe des Namens der neun Musen identisch ist.

Der Glaube an Gestaltqualitäten liegt auch meiner Kosmogonie zu Grunde. (Erschienen 1916 bei Diederichs in Jena).

Es ist notwendig, um diese Anschauungsweise zu verstehen, daß man niedere und höhere Gestalten voneinander unterscheidet.

Jeder feste Körper hat irgendeine Gestalt. Wer aber die Gestalt einer Erdscholle oder eines Steinhaufens mit der Gestalt etwa einer Schwalbe vergleicht, wird ohne weiteres zugeben müssen, daß die Schwalbe oder die Tulpe das eigentümliche genus Gestalt in stärkerem Maße realisiert haben als die Erdscholle oder der Steinhaufen. In ähnlicher Weise haben alle gesehenen Gegenstände irgend eine Farbe. Jeder Unbefangene wird aber zustimmen, daß ein leuchtendes Rot mehr Farbe ist als etwa Grau. Während aber zur Charakterisierung des Mehr-Farbeseins auf nichts anderes hingewiesen werden kann, als auf den Augenschein, läßt sich die höhere Gestalt der niederen gegenüber recht wohl durch Merkmale bestimmen. Höhere Gestalten sind diejenigen, in denen das Produkt von Einheitlichkeit des Ganzen und Mannigfaltigkeit der Teile ein größeres ist. Um möglichst einfache Beispiele zu geben: Wenn man in regelmäßigen Polygonen alle möglichen Diagonalen zieht, so entstehen hierdurch Gestalten von ungefähr gleicher Einheitlichkeit. Geht man vom Quadrat aus und steigt zum Fünfeck hinauf, so gelangt man zu Gebilden, welche sich entsprechend zu der Zahl ihrer Teile als höhere und niedere Gestalten darbieten. Geht man aber z.B. von einem unregelmäßigen Polygon: einem Achteck aus, und konstruiert eine Reihe von Polygonen, welche sich dem regelmäßigen Achteck immer mehr nähern, so werden die Gestalten dieser Polygone mit ihren Diagonalen immer höher, je näher die Unregelmäßigen den Gleichmäßigen kommen.

 


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