Am 25. 4. 2000 wurde der vorliegende Vertragsentwurf
für Psychotherapie im Hauptverband der Sozialversicherungsträger abgelehnt.
Damit könnte ein jahrelanger Prozess, der die Psychotherapie und den Verband
schwer erschüttert und geschädigt hat, einen Abschluss finden und Raum
für einen Neubeginn geben. Letzlich erschien der Vertrag, der von den PsychotherapeutInnen
ein Überschreiten der Schmerzgrenze verlangt hat, wohl auch für die Krankenkassen
nicht tragfähig. Wir werten die Entscheidung der Krankenkassen - auch wenn
sie mit einer neuerlichen Verzögerung der Erfüllung ihres gesetzlichen
Auftrags verbunden ist - als Chance dafür, nach den Irrwegen des letzten Jahres
gemeinsam versorgungs- und psychotherapiegerechte Alternativmodelle zu entwickeln.
Unser Team sieht in der aktuellen Situation auch eine Chance, in den Zielsetzungen
und der Verhandlungsführung neue Wege zu beschreiten:
- Es ist nun Zeit, dem ständig überstürzten Handeln in der Vergangenheit
entgegenzuwirken, einmal kurz innezuhalten und eine Analyse der Situation zu erstellen,
um daraus Handlungsschritte abzuleiten. Dazu gehört im Verband auch ein offener
Diskurs über das Scheitern der Verhandlungen. Dadurch, durch breite Einbeziehung
der Mitglieder und uns nahestehender ExpertInnen und durch transparente Information
über unsere Vorhaben kann eine Konsolidierung nach innen erreicht werden.
- Auf dieser Grundlage wollen wir mit Hilfe medialer Präsenz und gezieltem
Lobbying auf Verhandlungen hinarbeiten. Auch die von uns bereits seit langem gut
ausgeloteten rechtlichen Möglichkeiten können notfalls unterstützend
eingesetzt werden, um den gesetzlichen Leistungsanspruch von KlientInnen zu klären
und ihm auch politisch Nachdruck zu verleihen.
- Für den nachfolgenden Verhandlungsprozess werden wir auf kompetente Begleitung
durch ein Juristen- und ExpertInnenteam zurückgreifen, wobei wir uns auf die
weit gediehenen Vorarbeiten stützen können. Parallel dazu erachten wir
einen "Runden Tisch für Psychotherapie", in den die beteiligten Kräfte
aus Politik, Gesundheits- und Sozialwesen eingebunden werden, als wichtige Begleitmaßnahme
für die Erarbeitung und Durchsetzung sachgerechter Lösungen. Damit sollen
sich die Anliegen der Psychotherapie in einem konstruktiven, öffentlichkeitswirksamen
Dialog im Gesundheitssystem etablieren und Ergebnisse erarbeitet werden, die breite
Zustimmung finden.
- Eine alternative Lösung muss psychotherapiegerecht, rechtskonform, qualitäts-
und versorgungssichernd sein. In Abgrenzung zum nun gescheiterten Vertragsansatz
streben wir ein Versorgungsmodell an, das nicht auf TherapeutInnen-Reduktion,
sondern auf klientInnenseitigen Steuerungsmechanismen aufbaut (in erster Linie
soll jenen der Zugang zur kassenfinanzierten Psychotherapie erleichtert werden,
die diese wegen der Schwere ihrer Belastung und/oder wegen ihrer geringen finanziellen
Belastbarkeit oder anderer sozialer Barrieren vordringlich brauchen; Selbstbehalte
mit sozialer und/oder störungsspezifischer Staffelung erscheinen uns hier als
akzeptable Instrumente der Kostenkontrolle): Renommierte GesundheitsexpertInnen
haben die Unsinnigkeit und Schädlichkeit einer Steuerung durch die Reduktion
der Anzahl der PsychotherapeutInnen aufgezeigt.
- Zur Absicherung sollten bis zum Erreichen eines Gesamtvertrages Landeslösungen
forciert werden, die auch dem Erproben eines solchen alternativen Ansatzes dienen
können. Es soll damit auch sichergestellt werden, dass erfolgreiche Landeslösungen
als Modell für Gesamtvertragsverhandlungen zum Tragen kommen.
In den Gesprächen mit unseren Mitgliedern wurden wir oft gefragt, worin
wir uns denn nun genau vom anderen KandidatInnenteam unterscheiden. Dazu einige
Kernaussagen:
- Wir streben ein alternatives Gesamtvertragsmodell an, dass nach den oben skizzierten
Grundsätzen eine sachgerechte psychotherapeutische Versorgung und allen in
der Krankenbehandlung tätigen KollegInnen die Verrechnungsfähigkeit sichert.
- Dahinter steht unsere Sichtweise von Psychotherapie, die auf der des Psychotherapiegesetzes
beruht, während dem nunmehr abgelehnten Vertragsentwurf eine medizinisch-psychiatrische
Orientierung zugrunde liegt.
- Wir fühlen uns demokratischen Entscheidungsprozessen und dem Mitgliederwillen
verpflichtet. Es ist unsere Überzeugung, dass neue Konzepte nur dann konstruktiv
wirksam werden können, wenn sie innerhalb des Verbandes offen kommuniziert
und mit den Mitgliedern und der Bundeskonferenz gut rückgebunden werden.