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Neuer Konflikt um Psychotherapie

Keine Sommerpause im Streit um die Psychotherapie auf Krankenschein. Bei ersten Verhandlungen auf der Wiener Landesebene setzt sich der Konflikt fort.


Die Presse, 03.08.2000

WIEN (stu). Im Frühjahr hätte die Psychotherapie auf Krankenschein (PaK) nach jahrelangem Streit beschlossen werden sollen. Doch entgegen den Erwartungen lehnten die Sozialversicherungen in der entscheidenden Abstimmung den Vertrag mit den Psychotherapeuten ab.
Um Betroffenen doch noch therapeutische Hilfe zukommen zu lassen, einigte man sich auf Verhandlungen auf Landesebene. Der Vorteil: regionale Gegebenheiten können berücksichtigt werden. Doch auch diese Verhandlungen stehen unter keinem guten Stern. Bei den ersten Sitzungen für eine Wien-weite Versorgung setzt sich der Streit nahtlos fort. Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) verhandelt parallel mit Therapeuten und Psychologen. Denn die Psychologen seien eher bereit, die unzumutbaren Bedingungen für die PaK zu akzeptieren - weil sie nicht hauptsächlich davon leben würden, so Margret Aull, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes der Psychotherapeuten (ÖBVP) am Mittwoch: "Das wäre für Psychologen nur ein Körberlgeld." Die ÖBVP-Präsidentin kritisierte das Vorgehen der WGKK als "Spaltungsversuch". Außerdem könne mit Psychologen nur eine Minimallösung eingeführt werden. "Das wäre gleichzeitig eine Abwertung der Psychotherapie." Denn ein Therapeut begleite einen Patienten in seinem Leidensprozeß. Diese Art der "seelischen Betreuung nach akuten Krisen" könne die Psychologie nicht gewährleisten.
Ein weiteres Problem: Die Psychologen hätten für die PaK-Verhandlungen rechtlich kein Mandat. Die WGKK hätte das umgangen indem plötzlich klinische Psychologen zugelassen seien, so Aull. Weiterer Kritikpunkt der Psychotherapeuten: Wer kostenfreie Therapie in Anspruch nehmen möchte, muß sich einem "Psycho-Test" unterziehen. Diesen sollen Psychologen - auch solche ohne therapeutische Kenntnisse - durchführen.


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"Berechtigte Forderungen"
Margret Aull leitet jetzt den Psychotherapeuten-Verband und schlägt neue Verhandlungen mit den Kassen vor.


Die Presse, 09.05.2000

WIEN (stu). Bei der Wahl zum Präsidenten des Österreichischen Bundesverbandes der Psychotherapeuten am Wochenende vollzog sich ein Umsturz. In das Führungsgremium wurden hauptsächlich Vertreter der Gruppe AQA gewählt, die sich vehement gegen den angebotenen Vertrag mit den Sozialversicherungen wandten. Verbandspräsidentin Margret Aull über die neue Situation und die Möglichkeit, die Psychotherapie auf Krankenschein doch noch einzuführen: "Wir werden mit allem Nachdruck dafür sorgen, daß die Gespräche mit den Sozialversicherungen weitergehen." Zuerst werde man versuchen, so Aull, daß man auf Länderebene eine Regelung finde. Schließlich wolle man betroffenen Österreichern den kostenlosen Zugang zur Psychotherapie ermöglichen. Generell kündigte Aull eine Kursänderung an:
"Wir werden ab sofort deutlich selbstbewußter mit den Sozialversicherungen verhandeln. Wir haben auch berechtigte Forderungen zu stellen."


Regionale Lösungen für Psychotherapie?
Nach dem Scheitern der bundesweiten Regelung für Psychotherapie auf Krankenschein: Jetzt soll jedes Bundesland eigene Verträge ausarbeiten.


Die Presse, 28.4.2000

WIEN (stu). Alfred Priz, Präsident des Österreichischen Bundesverband der Psychotherapeuten (ÖBVP) ist am Donnerstag noch immer wütend. Die Sozialversicherungen lehnten kürzlich den Vertrag über die Psychotherapie auf Krankenschein in einer Abstimmung ab. "Es gibt einen klaren gesetzlichen Auftrag zur Einführung der Psychotherapie", donnert Priz. "Dagegen kann nicht verstoßen werden - sind wir in irgendeinem Bananenstaat?" Der ÖBVP-Präsident erwartet sich jetzt eine Regelung auf Länderebene: "Wenn es keinen Gesamtvertrag gibt, sind Einzelverträge mit den jeweiligen Krankenversicherungsträger durchzuführen." Das würde bedeuten, daß in jedem Bundesland Psychotherapeuten und Gebietskrankenkassen eine regionale Lösung finden.

Neue Abstimmung

Empört ist Priz darüber, daß drei der vier Krankenkassen, die nun den bundesweiten Vertrag abgelehnt haben, von ihm gar nicht betroffen sind. Vorarlberg, Tirol und die Bauernkassen besitzen bereits Sonderregelungen zur Psychotherapie, oder es wurden Sonderregelungen in Aussicht gestellt. Offenbar sei es nur darum gegangen, das Projekt zu verhindern. Notfalls werde man klagen, um die gesetzlichen Ansprüche durchzusetzen.
Auch das Verhandlungsteam des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger (HSV) zeigt sich enttäuscht - man habe nicht alle Mitglieder überzeugen können. Trotzdem wird beim HSV überlegt, über das Thema nochmals abzustimmen.
Psychotherapeutin Margret Aull von "AQA", einer Therapeuten-Gruppe, die den Vertrag bekämpft hatte: "Wir haben jetzt wieder Handlungsspielraum für eine sozial verträgliche Lösung. Momentan ist es sinnvoll, auf Länderebene Regelungen zu finden." Danach könne man den "notwendigen Gesamtvertrag" mit regionalen Ergänzungen einführen.
FP-Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck zeigte sich vom Scheitern der Abstimmung "nicht erfreut". Waneck kündigte für die nächste Woche Gespräche mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger an.


Die Psychotherapie auf Krankenschein wackelt
Trotz der Einigung mit den Psychotherapeuten legen sich jetzt
Sozialversicherungen gegen die Psychotherapie auf Krankenschein quer.

Die Presse, 12.4.2000
VON MARTIN STUHLPFARRER

WIEN. Wieder Aufregung um die "Psychotherapie auf Krankenschein". Nachdem die Therapeuten nach jahrelangen Grabenkämpfen am 12. Februar 2000 den Vertrag des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger (HSV) annahmen, legen sich nun einige Mitglieder des HSV quer. Drei Länderkassen (Salzburg, Vorarlberg und Tirol) sowie die Bauernkasse boykottierten bei einer kürzlich durchgeführten Abstimmung plötzlich den Vertrag.
Vor einem neuen Anlauf am 25. April gehen jetzt die Wogen zwischen Psychotherapeuten und Sozialversicherungen hoch. Ein Sprecher des HSV erklärte, daß bei einigen Gebietskrankenkassen "große Verunsicherung" über die Vorgangsweise der Psychotherapeuten herrsche: "Sie beschließen einerseits die Annahme unseres Vertrags und gleichzeitig eine Resolution, laut der dieser Vertrag bekämpft wird." Außerdem habe der NÖ-Therapeutenverband rechtliche Schritte gegen das Abkommen angekündigt. "Der Verband der Psychotherapeuten steht offensichtlich nicht hinter dem eigenen Vertrag."
Weiterer Grund für die ablehnende Haltung des HSV: Die finanzielle Situation der Kassen. "Bei einem prognostizierten Verlust von fünf Milliarden Schilling im Jahr 2000 haben wir absolut keinen Spielraum mehr für irgendeine neue Leistung", so ein HSV-Sprecher.
Der plötzliche Meinungsumschwung bei den Sozialversicherungen stößt bei Jutta Fiegl, Leiterin des Psychotherapeuten-Kassenverhandlungsteams auf Unverständnis: "Wir stehen selbstverständlich hinter dem Vertrag." Natürlich gebe es vereinsintern Widerstände. Eine kleinere Gruppe, die in Niederösterreich stark vertreten sei, habe im Internet Widerstand angekündigt - aber die Sozialversicherungen bräuchten nicht verunsichert zu sein. "Der Vertrag wurde bei der Bundeskonferenz mit der nötigen Mehrheit angenommen und gilt."

Kompromißvorschlag

Die Finanzknappheit der Kassen läßt Figl nicht gelten: "Seit 1994 zahlt jeder Österreicher einen erhöhten Beitrag zur Sozialversicherung, nur um die Psychotherapie auf Krankenschein zu finanzieren."
Die Psychotherapeutin schlägt aber einen Kompromiß vor: Tirol soll vom Vertrag ausgeklinkt werden, da dieser Landesverband bereits ein eigenes Modell mit der Gebietskrankenkasse besitzt. Die Einführung bei der Bauernkasse, die derzeit mit einem Milliarden-Defizit kämpft, soll aufgeschoben werden. Das würde 250.000 Leute betreffen. Und ob die Salzburger Kasse gegen den Vertrag sei, habe man bisher nicht eruieren können: "Dort kommen ständig widersprüchliche Signale", so Fiegl. Dann bleibe nur noch Vorarlberg. Und hier müsse doch eine Lösung zu finden sein.


"Wahlärzte" bleiben teurer
Verfassungsgerichtshof: Das Honorar eines Arztes, der über keinen Kassenvertrag verfügt, erhält ein Patient auch künftig nur zu 80 Prozent rückerstattet.

Die Presse, 4.4.2000

WIEN (fa). Wer sich bei einem Arzt, der über keinen Kassenvertrag verfügt ("Wahlarzt"), behandeln läßt, erhält weiterhin nur 80 Prozent der Kosten vergütet, die die Krankenkasse für den Besuch bei einem Vertragsarzt übernimmt. Der Verfassungsgerichtshof hält eine entsprechende Regelung im ASVG für verfassungsrechtlich unbedenklich. Die Mehrkosten, die den Kassen bei der Verwaltung von Wahlarzthonoraren anfallen, können an die Patienten weitergegeben werden, entschied der VfGH jüngst in einem Erkenntnis (G 24/98 u.a.). Die Krankenkassen hatten zuvor den geringeren Kostenersatz für Wahlarztbesuche mit einem erhöhten Verwaltungsaufwand und höheren Kontrollkosten begründet.


Sallmutter sieht keinen Weg ohne Beitragserhöhung
Hans Sallmutter, Präsident der Sozialversicherungen, hofft, das Krankenkassen-Defizit aus Rücklagen sanieren zu können. Für weitere Leistungen fordert er eine moderate Beitragserhöhung.

Die Presse, 17.3.2000

WIEN (red./apa). Überraschung bei der Diskussion um die Bewältigung der finanziellen Probleme der Krankenkassen: Der Präsident der Sozialversicherungsträger, Hans Sallmutter (SP), erklärte am Donnerstag, der Abgang der Krankenkassen von 3,4 Milliarden Schilling im vergangenen Jahr und voraussichtlich rund 5,7 Milliarden Schilling im heurigen Jahr, sei aus Rücklagen abzudecken. Die 5,7 Milliarden Defizit für heuer seien aber "das Limit". Zur Finanzierung weiterer Leistungen, die freilich schon fixiert sind, seien aber zusätzliche Mittel notwendig. Sallmutter fordert dazu "moderate" Beitragserhöhungen. Die Einführung eines generellen Selbstbehalts für Patienten lehnt er weiterhin ab. Als Beispiele für neue Leistungen führte Sallmutter die künstliche Befruchtung und die geplante Psychotherapie auf Krankenschein an. Dies sei nicht mit Einsparungen oder Selbstbehalten zu bewältigen. Auf eine Ziffer, wie wie hoch die Beitragserhöhung ausfallen müßte, wollte sich Sallmutter in einem Gespräch mit der Austria Presse Agentur nicht festlegen. Als Rechenbeispiel verwies er darauf, daß eine Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge um ein Prozent (jeweils 0,5 Prozent für Arbeitgeber und Arbeitnehmer) rund 14,5 Milliarden Schilling an Mehreinnahmen bringen würde.

80 Schilling in Ambulanzen

Für Gesundheits-Staatssekretär Reinhart Waneck (FP) ist derzeit nur die Einführung eines Behandlungsbeitrages von 80 Schilling beim Besuch einer Ambulanz fix. Beim Arztbesuch solle es vorerst bei der 50-Schilling-Krankenscheingebühr bleiben. Nach Einführung der Chipkarte statt des Krankenscheins (die frühestens 2001 kommt, Anm.) sei es möglich, entweder gar nichts oder einen geringen Selbstbehalt einzuheben.


Psychotherapie auf Krankenschein: Fahrplan für die Einführung steht fest

Die Presse, 15.2.2000

Ab dem 1. Juli soll jeder Österreicher, der psychotherapeutische Hilfe benötigt, diese auch kostenlos bekommen. WIEN (stu). Nach jahrelangen Streitereien und Grabenkämpfen innerhalb des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBPT) fiel am vergangenen Wochenende die Entscheidung: Die Delegierten stimmten für die Annahme des Vertrages, die Psychotherapie auf Krankenschein wird noch heuer umgesetzt - "Die Presse" berichtete in Teilen der Montag-Ausgabe.

ÖBPT-Präsident Alfred Priz zeigte sich am Montag erleichtert: "Es war eine sehr anstrengende Diskussion. Aber jetzt haben wir für die Umsetzung den 1. Juli ins Auge gefaßt - das alles ist ein Meilenstein für uns." Hält der Termin, kann jeder Österreicher ab diesem Datum kostenlos einen von österreichweit 415 Psychotherapeuten aufsuchen, die einen Kassenvertrag besitzen - davon 150 in Wien. Für die Behandlung bei einem Wahl-Therapeuten (Kosten: 700 bis 1200 Schilling pro Stunde) schießt die Kasse 520 Schilling pro Stunde zu. Nach dem Erstgespräch muß sich der Patient von einem praktischen Arzt untersuchen lassen. Dadurch möchte die Kasse ein organisches Leiden ausschließen. "Ein Formalakt", beruhigt Priz. Die Regelung mit Kassen- und Wahltherapeuten gilt vorerst für alle in Österreich zugelassenen Psychotherapeuten.

"Endgültiger Kompromiß"

Bisher scheiterte eine Einigung an einer Zusatzausbildung, die von den Sozialversicherungen gefordert wurden. Jutta Fiegl, Psychotherapeutin und Leiterin des Verhandlungsteams: "Wir haben anfangs heftig darüber diskutiert. Aber die Zusatzkriterien wurden modifiziert, wir haben mit den Sozialversicherungen endgültig einen Kompromiß ausgehandelt." Modifiziert wurden unter anderem die Übergangsfristen. Therapeuten, die noch nicht über die geforderten Zusatzqualifikationen verfügen, haben nun bis zum 31. Dezember 2001 Zeit, diese nachholen.
In der Vergangenheit hatten Fraktionen der Psychotherapeuten offen mit dem Austritt gedroht, falls der Vertrag angenommen wird. Von "Knock Out"-Kriterien, "Erpressung durch die Sozialversicherungen" oder einer "reinen Zugangsbeschränkung" war die Rede.
Nach der erfolgreichen Abstimmung versucht Priz die Wogen im Verband zu glätten: "Ich hoffe, daß die kritischen Kräfte, die in vielen Punkten Recht haben, uns weiter unterstützen werden."
Priz wandte sich dabei gegen Pläne der neuen Bundesregierung, einen Selbstbehalt für Kassenpatienten einzuführen: "Das ist ein ungeeignetes Mittel zur Budgetsanierung. Der Selbstbehalt erhöht das finanzielle Risiko des ohnehin Erkrankten und untergräbt die Solidaritätsidee mit den Schwachen." Vorstellbar wäre für Priz dagegen eine "leichte Erhöhung" der Sozialversicherungsbeiträge.


Psychotherapie: Weiter keine Einigung

Die Presse, 24.1.2000

Die Verhandlungen zwischen dem Berufsverband der Psychotherapie und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger sind am Wochenende gescheitert.

WIEN (red.). Die Diskussionen um die Einführung von Psychotherapie auf Krankenschein gehen weiter. Die Verhandlungen darüber sind am Wochenende - vorerst - gescheitert. Wie berichtet, plädierte der Bundesverband der Psychotherapeuten unter seinem Präsidenten Alfred Pritz ständig für eine Annahme des Vertrages. Der größte Konfliktpunkt bei den Verhandlungen waren Zusatzbestimmungen, welche vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger festgelegt wurden, um einen Kassenvertrag zu bekommen. Viele Psychotherapeuten fürchteten, daß sie diese Zusatzkriterien nicht erbringen können und sahen sich in ihrer Existenz bedroht. Sie bezeichneten die Zusatzkriterien als "Knock-Out"-Methode. Die Gruppierung AQA (Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative), die den Vertrag wegen zusätzlicher Fortbildungskriterien ablehnt, setzt sich weiterhin für eine Nachverhandlung des Vertrages ein, um die Zusatzkriterien zu Fall zu bringen. "Es geht uns nicht darum, daß bald verhandelt, sondern daß sorgfältig verhandelt wird", erklärte AQA-Sprecherin Margret Aull am Sonntag der "Presse". Punkte, die nachverhandelt werden sollten, seien aber nicht zur Sprache gekommen. Nun stehen weiter Spaltungen im Raum. Die nächste Chance zur Einigung soll es am 12. Februar geben: Dann wird es laut Aull neuerlich zu einer Abstimmung kommen.


Akzeptanz von Therapie steigt
Vorbehalte gegen die Psychotherapie werden geringer

Die Presse, 16.12.99

WIEN (red.). Die Österreicher stehen einer Behandlung der Psychotherapeuten immer offener gegenüber. Laut einer Studie des Klagenfurter Humaninstituts sind die Vorbehalte einem "offenen Interesse" gewichen: 67 Prozent von 840 Befragten ziehen laut Studie ein therapeutisches Gespräch der Einnahme von "Psychopillen" vor. 62 Prozent finden, daß zu schnell zu Medikamenten gegriffen wird. Im Internet kann jeder unter www.humaninstitut.at/typ2000 testen, wie es um seine Psyche bestellt ist.


Therapeutenstreit über Verhandlungslinie

Die Presse, 11.12.99


Der Kassenvertrag über die Psychotherapie auf Krankenschein wird nochmals nachverhandelt. Unterdessen gründen Therapeuten Initiativen für und gegen die derzeitige Verhandlungslinie.

WIEN (stu). "Der Vertrag wird nachverhandelt. Es hat bereits zwei Treffen mit Vertretern der Sozialversicherungen gegeben." Das erklärte der Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBPT), Alfred Priz, am Freitag gegenüber der "Presse". Diese Nachverhandlungen, so Priz, möchte man noch vor Weihnachten abgeschlossen haben. Themen sind die Verlängerung der Übergangsfrist sowie eine Lockerung der geforderten Fortbildung für Therapeuten - auch für jene, die mehr als 10 Jahre Berufserfahrung besitzen.

Vertreter der Psychotherapeuten-Initiative AQA, die den angebotenen Vertrag der Sozialversicherungen wegen zusätzlicher Fortbildungskriterien ablehnen, kritisieren: "Es wurde in der Bundeskonferenz beschlossen, mit einer anderen Linie als bisher nachzuverhandeln", erklärte Madelaine Wessely aus der NÖ-Therapeutenfraktion. Neben Änderungen der Zusatzkriterien solle nochmals über das Honorar gesprochen werden, fordert die Therapeutin.

"Hier muß man realistisch sein. Die Vorstellungen, daß Zusatzkriterien abgeschafft werden, ist illusorisch", erklärt dazu Verbandspräsident Priz. Eine Modifikation sei aber realistisch. "Eine veränderte Linie bei den Verhandlungen war ein Beschluß der Bundeskonferenz", kontert Wessely.

Pro Kassenvertrag

Unterdessen wurde von Tiroler Therapeuten eine Initiative für die Annahme des Kassenvertrages gegründet. Man möchte ein Gegengewicht zu den Kritikern schaffen, erklärte Leiter Reinhard Schweiger: "Die Zusatzkriterien kann jeder erfüllen. Die Forderung erscheinen im europäischen Vergleich als realistisch." Schweiger sieht seine Initiative als Vertretung der heimischen Kassen-Psychotherapeuten: "Wenn die endgültige Abstimmung im Jänner negativ ausgeht wird der Vertrag wahrscheinlich nie kommen."

(c) Die Presse, Wien


Psychotherapie auf Krankenschein

Leserbrief in "Die Presse", 3.12.99

Die Krankenkassen sollen endlich ihren gesetzlichen Verpflichtungen aus dem Jahr 1992 nachkommen und Psychotherapie auf Krankenschein flächendeckend anbieten. Das ständige Hinhalten der Patienten durch unakzeptable Vertragsbedingungen für die Psychotherapeuten ist skandalös. Genauso wie der bisher seit 1992 gleich bleibende geringe Kostenzuschuß von 300 Schilling für eine einstündige Psychotherapiestunde. Diese völlig unzureichende Finanzierung wiegt umso schwerer, als im Zuge der 50. ASVG-Novelle die Krankenversicherungsbeiträge zum Zweck der Finanzierung der Psychotherapie angehoben wurden. Die daraus resultierenden hunderten Millionen Schilling werden auf Kosten der Patienten nicht zweckentsprechend eingesetzt. Dieser Umstand ist unerträglich und bedeutet eine Verhöhnung der Patienten.

Gerald Nobis
1150 Wien


Psychotherapie: Kommt der Kassenvertrag?


Die Presse, 25.11.99

Die Entscheidung über die künftige Abgeltung von Psychotherapie-Leistungen soll morgen, Freitag, fallen.

Von unserem Korrespondenten ERNST SITTINGER

WIEN. Hochspannung bis zuletzt herrscht im Lager der Psychotherapeuten, die morgen bei einer Delegiertenkonferenz in Salzburg über den umstrittenen Kassenvertrag mit der Sozialversicherung abstimmen sollen. Da einige Kriterien für die Bewertung des Vertrages nicht vorliegen, lehnen Teile der Berufsvertretung die Durchführung des Votums ab. Insbesondere gibt es noch keine akkordierte Liste mit anerkannten Institutionen, in denen die im Kassenvertrag verlangten Zusatzqualifikationen erworben werden können.
Die Abstimmung dürfte aber die letzte Möglichkeit zur Annahme des Vertrages sein. Im Hauptverband sei man "mit der Geduld am Ende", sagte eine Sprecherin am Mittwoch. Längstens bis Jahresende müsse die Einigung kommen, sonst werde die psychotherapeutische Versorgung künftig vermehrt über Ambulatorien, Vereine und Ärzte (Psychiater) abgewickelt.

Strittig sind Zulassungsbeschränkungen für Kassen- und Wahltherapeuten. Der Hauptverband fordert unter anderem intensive Berufserfahrung in der Psychosen- und Sucht-Behandlung sowie praktische Tätigkeit in psychiatrischen Abteilungen, die vielen Bewerbern fehlt.
Der Vertrag wird daher als von Sparvorgaben motivierte Angebotsverknappung empfunden. Die Fronten gehen durch die Berufsvertretung. Ablehnung wird vor allem aus dem Burgenland, Niederösterreich und Tirol erwartet. Zur Vertragsannahme ist eine Zweidrittelmehrheit nötig.


Psychotherapie auf Krankenschein kommt
ab dem nächsten Frühjahr
Nach über sieben Jahren einigten sich Psychotherapeuten und Sozialversicherung auf die kostenlose Therapie per Krankenschein.


Die Presse, 4.9.99

WIEN (stu). Österreichische Patienten können sich freuen. Nach mehr als siebenjährigen Verhandlungen zwischen dem Bundesverband der Psychotherapeuten (ÖBP) und dem Hauptverband der Sozialversicherungen (SV) wurde am Freitag ein leidiges Kapitel des österreichischen Gesundheitswesens abgeschlossen: die Psychotherapie auf Krankenschein.

Nach einem letzten Verhandlungsmarathon präsentierten die Vertreter beider Parteien am Freitag die Einigung. Der Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger (SV), Hans Sallmutter, zeigte sich "außerordentlich froh" über die Einigung: "Denn die Versicherten haben ein Recht darauf, in geregelter Form Psychotherapie auf Krankenschein in Anspruch zu nehmen."

Wird die Einigung in den verschiedenen Gremien der Psychotherapeuten abgesegnet, was derzeit noch nicht gesichert ist, soll ab dem nächsten Frühjahr die Psychotherapie auf Krankenschein umgesetzt werden. Laut Sallmutter werden dann österreichweit 415 Kassenverträge mit Therapeuten
abgeschlossen.

Sallmutters Stellvertreter Josef Probst rechnet im ersten Jahr mit einer Million Betreuungsstunden: "Das würde der Behandlung von etwa 50.000 Menschen oder 0,6 Prozent der Bevölkerung entsprechen." Die Kosten für die SV dürften sich daher von etwa 350 Millionen Schilling auf 700 Millionen verdoppeln. Pro Stunde erhalten Therapeuten künftig 650 Schilling. Jutta Fiegl, Verhandlungsleiterin der Psychotherapeuten, freute sich über das Ende der "harten Verhandlungen": "Aber die zusätzlichen Kriterien der Sozialversicherungen waren für uns nicht leicht zu erfüllen." Bisher scheiterten die Verhandlung an der Forderung der SV, daß Therapeuten, die einen Kassenvertrag anstreben, eine umfassende psychiatrische Ausbildung absolvieren müssen. Nachdem sich die SV in Detailfragen gesprächsbereit zeigte, war der Weg für die Einigung frei.

Bereits 1992 wurde der Anspruch auf Psychotherapie gesetzlich festgeschrieben, zwei Jahre später die Krankenkassenbeiträge zur Finanzierung der Psychotherapie erhöht. Bisher erhalten Patienten, die sich einer Therapie unterziehen, von der Krankenkasse nur einen Zuschuß von 300 Schilling pro Stunde. Für eine einstündige Betreuung stellen Psychotherapeuten allerdings eine Rechnung von tausend Schilling.

"Rasche Umsetzung". Die Wiener Arbeiterkammer begrüßte das Verhandlungsergebnis und forderte eine rasche Umsetzung. Der erleichterte Zugang wird nach Ansicht der AK auch helfen, Krankenstands- und Spitaltage sowie Medikamente einzusparen. FP-Sozialsprecher Herbert Haupt zeigte sich ebenfalls erfreut. Er behalte sich aber das endgültige Urteil vor, "bis die Verträge auf dem Tisch liegen". Als "gesundheitspolitischen Meilenstein" bezeichnete SP-Gesundheitssprecherin Elisabeth Pittermann die Einigung. Die Liberalen dagegen warnen vor den geplanten Verträgen. LIF-Nationalratskandidatin Christa Pölzlbauer: "Tatsache ist, daß die Zahl der Therapeuten um zwei Drittel reduziert wird, und es damit zu einer dramatischen Unterversorgung kommt."

© Die Presse, 04.09.1999


"Psychotherapie gefährdet"
Als existenzbedrohend für Therapeuten bezeichnet das LIF die geplante
Regelung für die Psychotherapie auf Krankenschein, die Sozialversicherung
dementiert.


WIEN (stu). Die Verträge zwischen dem Verband der Psychotherapeuten und Hauptverband der Sozialversicherungsträger stehen vor dem Abschluß. Werden die Vorschläge umgesetzt, verlieren zwei Drittel aller Therapeuten ihre Arbeit, eine Unterversorgung im Bereich der Psychotherapie droht, befürchten der Liberale Gesundheitspolitiker Christian Köck und die Psychotherapeutin Christa Pölzlbauer (LIF).

Die Therapeutin über die Auswirkungen des Vertrages: "Jetzt gibt es wenig Geld, aber viele Therapeuten. Danach gibt es Psychotherapie auf Krankenschein, aber zuwenig Therapeuten." Der Hauptkritikpunkt: Wer einen Kassenvertrag anstrebt, muß eine von drei psychiatrischen Zusatzausbildungen absolvieren. Köck: "Der größte Teil der praktizierenden Therapeuten wird diese Voraussetzungen nicht erfüllen, da Psychosen nicht zum Praxisalltag gehören." Dadurch würden etwa zwei Drittel der etwa 5000 Psychotherapeuten von den Kassenverträgen ausgeschlossen - ihnen drohe der Ruin.

Seitens des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger stößt die Kritik auf Unverständnis: "Wir finden es absurd, daß eine Verbesserung für den Patienten als Verschlechterung dargestellt wird." Die zusätzlichen Ausbildungskriterien für Therapeuten, die Kassenverträge anstreben, sollen nur sicherstellen, daß die Betroffenen auch mit "schweren Fällen klar kommen", erklärte ein Sprecher des Hauptverbandes.

Seit 1992 ein Gesetz.Seit Jänner 1992 ist die Psychotherapie auf Krankenschein gesetzlich festgeschrieben. Pölzlbauer: "Und seit 1994 wurden 600 Millionen Schilling pro Jahr für psychotherapeutische Behandlungen budgetiert. Dafür wurden auch die Krankenbeiträge angehoben. Tatsächlich werden aber nur 250 Millionen ausgegeben." Seitens des Hauptverbandes wird erklärt, daß dieses Geld "in andere Leistungsbereiche geflossen" sei.

Wird das Abkommen umgesetzt, dürfen sich zumindest die Patienten freuen. Sie müßten sich nicht mehr mit einem Zuschuß von 300 Schilling pro Stunde begnügen, sondern bekommen die gesamten Kosten in der Höhe von bis zu 1000 Schilling pro Stunde bezahlt.

© Die Presse, 25.08.1999


Psychotherapie bald auf Krankenschein?
500 Schilling pro Stunde müssen Patienten für eine Stunde Psychotherapie
zahlen. Nach dem Wiener Weltkongreß, der derzeit stattfindet, könnte es
Therapie auf Krankenschein geben.


Die Presse, 6.7.99, Wien-Journal

WIEN (stu). Wer derzeit die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nimmt, muß zahlen: 800 Schilling kostet im Durchschnitt eine Therapiestunde. Von der Krankenkasse erhält der Patient nur 300 Schilling pro Stunde ersetzt - obwohl seit 1993 gesetzlich vorgeschrieben ist, daß die Sozialversicherungen die Psychotherapie in ihren Leistungskatalog aufnehmen müssen.

Mit diesen Problemen und den aktuellen Entwicklungen der modernen Psychotherapie beschäftigen sich bis zum Donnerstag etwa 4000 Teilnehmer im Wiener Austria Center beim "2. Weltkongreß für Psychotherapie". Nach dem Ende des Kongresses könnte es eine Überraschung geben, erklärt Jutta Fiegl, Leiterin des Kassenverhandlungsteams und Vorsitzende des Wiener Landesverbandes: "Wir verhandeln noch mit den Sozialversicherungen. Aber es sieht aus, als könnten wir uns noch im Juli einigen." Deshalb werden etwa 60 Psychologen als Vertragspsychologen für Planstellen vorbereitet.

Die Psychotherapie auf Krankenschein scheiterte bisher an einer Auflage der Sozialversicherungen: Der Verband der Psychotherapeuten mußte über 550 Mitglieder verfügen, um eine flächendeckende Versorgung für alle Bundesländer garantieren zu können - das konnte der Verband nicht. Als man verstärkt mit der Ausbildung von Mitgliedern begann, gab es neuerlich Probleme: Die Sozialversicherungen verlangten eine umfangreichere Ausbildung als sie der Verein für Psychotherapie vorschrieb.

Deshalb ist Psychotherapie auf Krankenschein derzeit nur in Ausnahmefällen möglich. Beispielsweise bei der "Klinisch-Psychologischen-Diagnostik" für Kinder, um Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten zu therapieren. Allerdings muß das Krankheitsbild in ein vorgegebenes Diagnoseschema passen, und ein Praktischer Arzt bestätigen, daß die Symptome nicht auf organische Ursachen zurückzuführen sind.

© Die Presse, 6.7.1999


Psychotherapie auf Krankenschein:
Bitte warten - seit acht Jahren
Seit 1991 sollte es Psychotherapie auf Krankenschein geben, bis jetzt sind
aber alle Verhandlungen gescheitert.


Die Presse, 15.04.99, Wien-Journal

WIEN (ku). "Seit acht Jahren wird den Patienten das Recht auf eine Psychotherapie auf Krankenschein verweigert." Dieser Meinung ist der Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, Alfred Pritz. Derzeit bekommt jeder Patient, der einen der österreichweit etwa 1500 bis 1800 niedergelassenen Psychotherapeuten aufsucht, einen Zuschuß der Krankenkasse von nur 300 Schilling, was etwa 40 Prozent der tatsächlichen Kosten für den Patienten deckt.

Pritz' Schluß: Dem Großteil der Menschen, die eine Psychotherapie bräuchten, sie sich aber nicht leisten könnten, bliebe diese Behandlung verwehrt. Seit der ASVG-Novelle 1992 sei die Psychotherapie eine Pflichtleistung der Krankenkasse, seit acht Jahren verhandle man um einen österreichweiten Vertrag, der Psychotherapie auf Krankenschein ermöglichen soll, doch bisher erfolglos. Pritz wittert dahinter System: Die Krankenkassen, die verpflichtet seien, das Gesetz umzusetzen, verhinderten dies.

Einzelne Länderverträge. Und noch paradoxer: Sowohl der Präsident des Hauptverbandes Österreichischer Sozialversicherungsträger (HVST), Hans Sallmutter, als auch Gesundheitsministerin Lore Hostasch (SP) sprächen sich öffentlich für die Psychotherapie auf Krankenschein aus, sie könnten sich aber damit nicht durchsetzen. Dazu komme noch, so Pritz, daß die Krankenkassen in den Bundesländern alle ihr eigenes Süppchen kochten: "In Tirol gibt es einen Vertrag, in Wien zum Beispiel nicht." Laut Jutta Fiegl vom Wiener Landesverband für Psychotherapie seien für eine flächendeckende Versorgung Österreichs etwa 600 bis 800 Millionen Schilling nötig, derzeit würden aber nur etwa 250 Millionen Schilling für Psychotherapie aufgewendet.

Volkswirtschaftlich sei eine Psychotherapie auf Krankenschein sinnvoll, weil der Großteil der Krankenstände und Frühpensionen auf das Konto von psychischen Erkrankungen gingen. Und fachlich sei das Vorenthalten der Psychotherapie schon gar nicht haltbar: "Nach heutigem Wissensstand kann es als Kunstfehler bezeichnet werden, wenn man Patienten eine Psychotherapie vorenthält, die sie brauchen würden."

In einer Reaktion betonte der HVST, die Psychotherapie auf Krankenschein so rasch wie möglich aufbauen zu wollen, man wolle aber sicherstellen, daß nur "ausreichend erfahrene" Psychotherapeuten auf Kassenkosten tätig werden.

© Die Presse, 15.4.1999


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