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Mehr Depressionen: Auch enormer Leistungsdruck ist schuld


Die Presse, 25.4.2001


Der "entsetzliche" Leistungsdruck, dem viele heute ausgesetzt sind, ist mit schuld, daß mehr Menschen als je zuvor an Depressionen leiden. Diese Krankheit wird leider aber auch von vielen Ärzten nicht erkannt. "Die Ausbildung zum Allgemeinmediziner geht haarscharf an der Psychiatrie vorbei."

"Es sind unmögliche Anforderungen, die an den Berufstätigen von heute gestellt werden. Da darf man sich nicht wundern, wenn daraus Dauerstreß entsteht und das Ganze in eine Depression umkippt", kritisiert der Grazer Psychiater Univ.-Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky, einer der Präsidenten der neu gegründeten Österreichischen Gesellschaft für depressive Erkrankungen. Letztere nehmen seit Jahren dramatisch zu. Feind der Gesundheit "Mit ein Grund dafür", so Zapotoczky, "ist der entsetzliche Leistungsdruck, der auf vielen Menschen lastet." Da müsse man einen Hebel in Richtung Depressions-Reduzierung ansetzen. Die Gesellschaft, die Chefs, die Leistungsforderer müßten einsehen, daß der momentane Weg ein Feind psychischer Gesundheit sei. Immerhin: Jeder dritte Österreicher erkrankt mindestens einmal im Leben an einer Depression, in diesem Moment leiden rund 500.000 Alpenrepublikaner daran. Laut Weltgesundheitsorganisation werden depressive Erkrankungen im Jahr 2010 weltweit vor Herz-, Kreislauf-, Krebs- und anderen Erkrankungen an erster Stelle stehen.

Ein nicht minder beunruhigendes Faktum: Viele Ärzte erkennen eine Depression nicht. Zapotoczky: "Jeder fünfte bis sechste Patient, der einen Arzt wegen irgendeiner Krankheit aufsucht, leidet an einer Depression, aber in gut 50 Prozent der Fälle erkennt der Mediziner das nicht. Die Ärzte für Allgemeinmedizin sind dafür nicht ausgebildet, das ist ein unhaltbarer Zustand." Die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin gehe haarscharf an der Psychiatrie vorbei. "Es ist in Österreich heute möglich, daß einer als praktischer Arzt tätig ist, ohne je einen psychiatrischen Patienten gesehen zu haben." Eine Änderung des Studiums sei also dringend vonnöten und (ab diesem Herbst) in kleinen Schritten bereits vorgesehen. "Aber bis diese Studenten fertig sind, werden zehn Jahre ins Land gehen."

Deswegen will die Österreichische Gesellschaft für depressive Erkrankungen den bereits fertigen Ärzten die Depression im Rahmen von Workshops näher bringen. Ein weiteres Ziel der Gesellschaft: Das Tabu um die Depression zu brechen. Die meisten Betroffenen verstecken ihre Krankheit, halten sie geheim. Weil sie sich - leider nicht zu Unrecht - vor Nachteilen beruflicher und sozialer Art fürchten. "Ein Trauerspiel, daß das auch am Beginn des dritten Jahrtausends noch so ist", meint der Tiroler Psychiater Univ.-Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber, ebenfalls Präsident der neuen Gesellschaft. Sie will die Bevölkerung auch in diesem Bereich wachrütteln und die Depressiven "befreien". "Wäre schön, wenn dann ein Angestellter eines Tages seinem Chef nicht mehr einen Zahnarzttermin vorgaukeln müßte, sondern, ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen, sagen könnte: Ich muß wegen Depressionen zum Psychiater." Heute sei das nur selten möglich, die meisten Chefs hätten dafür - beruhend auf Unwissen - kein Verständnis.

Womit sie aber nicht alleine sind! Für viele Mitmenschen, für Angehörige eines Depressiven, ja mitunter sogar für Ärzte und Betroffene selbst, beruht Depression noch immer auf Selbstverschulden. Das Leiden der Seele wird entweder scheel angesehen oder nicht ernst genommen und geringschätzig als "Laune" oder "Lebensunlust" abgetan. "Ein fataler Irrtum", betont Zapotoczky, "Depression ist eine Krankheit wie jede andere auch und, es ist eine ernstzunehmende Krankheit mit hohem Selbstmordrisiko. " Umso dringender sei es, Depressionen rechtzeitig zu erkennen. Das ist allerdings nicht immer leicht. Denn einerseits versuchen Betroffene, wie erwähnt, zu kaschieren wo geht, andrerseits hat die Depression viele Gesichter. Lavierte Depression nennt man es, wenn nicht typische Verstimmtheit, Lust- und Antriebslosigkeit im Vordergrund stehen, sondern etwa Kopfweh, Rückenschmerzen, verstärkte Aggressionsbereitschaft (vor allem bei Männern) - jedes Organ, vom Scheitel bis zur Sohle, kann bei einer vorliegenden Depression mit betroffen sein.

"Das A und O der körperlichen Beschwerden aber sind Schlafstörungen", macht Zapotoczky aufmerksam. "Wenn jemand 14 Tage hindurch jede Nacht gegen zwei, drei Uhr morgens aufwacht und vielleicht auch noch einen sehr schnellen Puls hat, dann sollte man schon an eine Depression denken." Und nicht Versteck-Spielen, sondern handeln! Denn mittels moderner Antidepressiva, Psychotherapie und eventuell auch Licht- oder Wachtherapie sei die Depression gut und nachhaltig therapierbar. Hinterhuber: "Es ist heute wirklich nicht mehr notwendig, daß ein Depressiver viele Jahre seines Lebens in Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit verbringt." Die Medizin kann heilen, doch das beste Antidepressivum nützt freilich nichts, wenn es verpackt beim Apotheker bleibt - weil der Betroffene es nicht wagt, sein Leiden zuzugeben, damit zum Neurologen oder Psychiater zu gehen.Und hier kommt der Gesellschaft eine wichtige Aufgabe zu: Damit das Bild vom "geachteten Herzinfarkt-Patienten" und "geächteten Depressiven" endlich verschwindet. Im dritten Jahrtausend sollte es doch möglich sein, zu begreifen, daß Depression nichts mit Psycherl, Seelchen oder Selbstschuld zu tun hat, geistig anzunehmen, daß Depression ein ernsthaftes Leiden ist.

Österreichische Gesellschaft für depressive Erkrankungen, 0664/316 12 75, Fax: 02254/72 965.


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Therapie hilft sparen
Leserbrief

Die Presse, 14.4.2001


Gratulation zu dem ausgezeichneten Artikel von Claudia Richter über "minderwertige Krankheiten" - sie spiegelt die ganze irrationale Verleugnung und Verdrängung wider, welche der Psychoanalyse schon zu Freuds Zeiten widerfuhr. Mittlerweile führen nur einzelne verbohrte Kritiker ihren Glaubenskrieg, die reale Medizin und Medizinstatistik hat die psychischen Erkrankungen längst als Massen-Volksseuche entlarvt und wirksame Therapie, insbesondere Psychotherapie gefordert (so u. a. der Gesundheitssprecher der ÖVP, Rasinger!).
Seit 1990 ist die Psychotherapie gesetzlich geregelt, v. a. eine anspruchsvolle Ausbildung vorgeschrieben. Die Krankenkassen sind ihrer gesetzlichen Verpflichtung, Psychotherapie als Kassenleistung anzubieten, immer noch nicht nachgekommen. (Die 50. ASVG-Novelle, die diese Pflicht regelt, enthält leider keine Strafbestimmungen für die Verletzung dieser Verpflichtung!) Als Argument hört man von Kassenseite oft, das käme zu teuer! Die lange Krankenkassendebatte im Frühjahr und Sommer 2000 wurde auch mit diesem Argument bestritten. Völlig falsch: Die Kosten für Psychotherapie würden nur einen Bruchteil der Kosten für Psychopharmaka ausmachen! Und vor allem wäre Psychotherapie ein enorm kostensparender Faktor: Eine rechtzeitige Psychotherapie hat schon oft schlimme Entwicklungen bis hin zur Invalidenrente verhindert. Aber auch kurzfristig wirkt Psychotherapie ähnlich: wird sie in chirurgischen Fällen angewandt, so spart sie eine Menge Schmerz- und Beruhigungsmittel, und der durchschnittliche Patient mit Psychotherapie verläßt das Krankenhaus zwei bis drei Tage früher als der durchschnittliche Patient ohne Psychotherapie.
Geradezu sensationell aber sind die mittelfristigen Einsparungen! Schon seit den 50er Jahren wissen wir (wissenschaftliche Untersuchung von Annemarie Dührssen/Berlin), daß die Spitalsaufenthaltszeiten von therapierten Patienten nach der Psychotherapie nur mehr ein Fünftel der Spitalsaufenthalte vor der Therapie ausmachten, während eine Kontrollgruppe unbehandelter neurotischer Patienten sich immer noch gleich bzw. sogar etwas mehr in Spitalspflege begeben mußte; sehr oft sind das die berühmten "stationären Durchuntersuchungen", nach denen es dann keine organischen Befunde gibt! Wenn man die Kosten auch nur eines Spitalstages bedenkt, dann ist das eine sensationelle Ersparnis! Oder der Bericht des Psychotherapeuten Prof. Erwin Ringel, daß seine Patienten in der somatischen Abteilung vorher im Durchschnitt 7,5 Jahre medikamentös, chirurgisch fehlbehandelt wurden, bis sie endlich bei ihm zur richtigen Adresse kamen! Wieviel Leid und verlorene Lebenszeit für den Patienten, welch gewaltiger sinnloser Aufwand für die Kassen! Solche Fakten müßten endlich allgemein bekannt sein. Dann erst könnte man Fragen der Kassenfinanzierung der Psychotherapie sinnvoll und sachlich diskutieren!

Prof. Dr. Otto Lang
5020 Salzburg


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Psychotherapeuten kämpfen gegen den Kassenvertrag


Die Presse, 8.2.2001

Der Bundesverband der Psychotherapeuten reichte Klage gegen die Wiener Gebietskrankenkasse ein. Grund dafür ist der umstrittene Kassenvertrag.

WIEN (red.). Vor rund zehn Jahren wurde die Psychotherapie auf Krankenschein (PaK) gesetzlich verankert. Nach achtjährigen, schwierigen Verhandlungen wurde per 1. Jänner in Wien die PaK eingeführt. Jetzt ist die neue Regelung bedroht. Denn der Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) geht vor Gericht. Geklagt wird die Wiener Gebietskrankenkasse samt zwei Vereinen, welche die PaK derzeit anbieten.
Durch diese Vereinslösung werde das ASVG (Allgemeine Sozialversicherungsgesetz) auf mehreren Ebenen umgangen, kritisierte der ÖBVP am Mittwoch. Laut Gesetz gebe es nur die Möglichkeit für einen Gesamtvertrag, erklärte Eva Mückstein, Vizepräsidentin des ÖBVP. Kritisiert wird auch, daß Therapeuten, die nicht mit den beiden Vereinen kooperieren, benachteiligt würden. Sie sollten wie Wahlärzte behandelt werden. Dem Patienten würden in diesem Fall 80 Prozent der Kosten rückerstattet.
Der Hintergrund: Nach dem Platzen eines österreichweiten Vertrages im Vorjahr begannen die Gebietskrankenkassen Verhandlungen mit den Länderorganisationen der Therapeuten. In Wien wurden daraufhin zwei Vereine gegründet. Im ersten sind Psychotherapeuten vertreten, im zweiten Psychologen. Seit 1. Jänner müssen Patienten, die bisher einen Selbstbehalt von rund 700 Schilling zu bezahlen hatten, nur mehr einen Krankenschein vorlegen. Die Mitglieder der beiden Wiener Vereine mußten sich aber strengen Kriterien unterwerfen. Diese wurden vom ÖBVP heftig als reine "Zugangsbeschränkung" und "unzumutbar" zurückgewiesen.


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Das Wohl der Patienten
Die "PRESSE"-Meinung von Martin Stuhlpfarrer


Die Presse, 8.2.2001


Der Streit um die Psychotherapie auf Krankenschein (PaK) ist seit Mittwoch um ein skurriles Detail reicher: Psychotherapeuten klagen Psychotherapeuten. Der Bundesverband will nicht zur Kenntnis nehmen, daß die Wiener Kollegen den PaK-Vertrag mit der Gebietskrankenkasse akzeptierten - und damit etwas erreichten, was der Bundesverband in achtjährigen Verhandlungen nicht geschafft hatte. Die Klage ist nicht nur eine Drohung gegen den eigenen Landesverband - sie ist auch eine Drohung gegen Menschen, die seit Jänner das neue Therapie-Angebot stürmen. Ist diese Klage erfolgreich, müßten finanziell schwache Menschen ihre im Jänner begonnene Behandlung abbrechen - oder um teures Geld selbst finanzieren. Der Eindruck, den diese Klage hinterläßt: Wieder einmal geht es nicht um das vielzitierte "Wohl der Patienten", sondern nur um das Wohl einer bestimmten Berufsgruppe.


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Großer Ansturm auf kostenlose Therapie


Die Presse, 12.01.2001

Seit Jahresbeginn ist die Psychotherapie auf Krankenschein in Wien Realität. Die Therapeuten verzeichnen einen enormen Ansturm.

WIEN (stu). Zufriedenheit herrschte am Donnerstag bei der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und Vertretern von Psychologen und Psychotherapeuten. Nach zehnjährigem Streit ist seit 1. Jänner die Psychotherapie auf Krankenschein (PaK) offiziell in Kraft. "Wir konnten mit zwei Vereinen einen Vertrag über zusätzlich 70.000 Stunden pro Jahr abschließen", erklärte dazu WGKK-Obmann Franz Bittner. In den Spitälern werden 80.000 Stunden psychotherapeutische Betreuung angeboten. Der Verein für ambulante Psychotherapie (Psychologen), nahm seine Arbeit bereits am 1. Dezember auf. Vorsitzende Senta Feselmayer: "Unsere Hotline wurde gestürmt. Der Spitzenwert war 30 Anrufe in drei Stunden." Damit hätten sich die Erwartungen mehr als erfüllt, meinte Feselmayer: "Wir haben vor allem jene erreicht, für die der Vertrag gedacht war: Sozial Schwache, die sich eine Psychotherapie nicht leisten konnten." Bisher erhielten Patienten nur 300 Schilling pro Behandlungsstunde, die rund 1000 Schilling kostet, erstattet. Jetzt wird die volle Behandlung bezahlt. Derzeit betreuen 98 Psychologen des Vereins 317 Patienten. Wobei 40 Prozent der Klienten bereits in Behandlung waren, 60 Prozent kamen neu dazu. Aber bis zu 9000 Wiener würden psychotherapeutische Hilfe benötigen, schätzt Jutta Fiegl von der Wiener Gesellschaft für psychotherapeutische Versorgung - dem zweiten Verein, der die Psychotherapie auf Krankenschein (neben den Ambulatorien und Spitälern) anbietet. Die Einführung der PaK kostet die WGKK jährlich zusätzlich 60 Millionen Schilling.


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Psychotherapeuten drohen mit Klage



Die Presse, 01.12.2000

WIEN (stu). Nach jahrelangen Auseinandersetzungen wird die Psychotherapie auf Krankenschein ab dem heutigen Freitag in Wien eingeführt - "Die Presse" berichtete. Für das Jahr 2001 werden von der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) 70.000 Stunden zusätzlich bezahlt. Diese Leistung wird von Psychologen (30.000 Stunden) und Psychotherapeuten (40.000 Stunden) geleistet. Ab 2002 wird dieses Kontingent um weitere 20.000 Stunden aufgestockt. Die WGKK kostet die Einführung der Psychotherapie auf Krankenschein 100 Millionen Schilling pro Jahr. Die Plattform Rechtshilfe Psychotherapie will die WGKK wegen Wettbewerbsverzerrung klagen. Denn die Psychotherapie auf Krankenschein biete "einigen wenigen" Patienten eine kostenfreie Behandlung, alle anderen müßten weiterhin 500 bis 900 Schilling Selbstbehalt zahlen. Informationen: 01/4025696 oder 01/4072671-17.


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Therapeuten und Kasse: Späte Einigung
Die Psychotherapie auf Krankenschein wird im Dezember in der Bundeshauptstadt eingeführt - fast ein Jahrzehnt, nachdem die Kassen per Gesetz dazu verpflichtet wurden.


Die Presse, 14.11.2000
Von Martin STUHLPFARRER

WIEN. Paukenschlag im Streit um die Psychotherapie auf Krankenschein (PaK). Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) gab am Montag bekannt, daß man sich mit den Wiener Psychotherapeuten geeinigt habe. Noch im November soll der Vertrag von der Gebietskrankenkasse abgesegnet werden - am 1. Dezember wird die PaK für Wien eingeführt.
Insgesamt würden im nächsten Jahr 150.000 Therapiestunden finanziert, erklärte Jan Pazourek von der WGKK der "Presse". Neben den bisherigen Leistungen in Ambulanzen und Spitälern (rund 80.000 Stunden) würden ab 1. Jänner 70.000 Stunden zusätzlich bezahlt. Diese Leistung wird von Psychologen (30.000 Stunden) und Psychotherapeuten (40.000 Stunden) geleistet. Ab 2002 wird dieses Kontingent um weitere 20.000 Stunden aufgestockt. In den Vereinbarungen sind besondere Schwerpunkte bei der Behandlung schwerer Störungen sowie Kinder und alter Menschen gesetzt worden. "Damit haben wir eine Vorbildfunktion erreicht", erklärt Pazourek: "Niederösterreich und das Burgenland orientieren sich an uns." Die Einführung der PaK kostet die schwer defizitäre WGKK zusätzliche 100 Millionen Schilling pro Jahr. "Wir haben es machen müssen", so Pazourek: "Es ist eine gesetzliche Verpflichtung und einklagbar."
Freude bei der WGKK ("es waren sehr konstruktive Gespräche"), Ablehnung beim Bundesverband für Psychotherapie. Deren Präsidentin Margret Aull befürchtet - trotz Zustimmung des Wiener Verbandes - weiterhin eine Unterversorgung in der Bundeshauptstadt: "Es werden falsche Berechnungen beim Bedarf gemacht." Das Gesetz für die Psychotherapie auf Krankenschein trat im Jänner 1992 bundesweit in Kraft. Aufgrund schwerer Differenzen zwischen den Sozialversicherungen und dem Bundesverband der Psychotherapeuten konnte das Gesetz aber bis heute nicht umgesetzt werden.


Freude und Frust bei Psychotherapeuten


Die Presse, 10.11.2000

Zehn Jahre Psychotherapiegesetz werden jetzt gefeiert. Von der Therapie auf Krankenschein ist man aber noch immer weit entfernt. WIEN (stu). Mit einem lachenden und einem weinenden Auge warfen die heimischen Psychotherapeuten am Donnerstag einen Blick zurück auf "10 Jahre Psychotherapiegesetz". In die Freude, daß dieses "im EU-Raum einzigartige Gesetz" existiert, so die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes der Psychotherapeuten (ÖBVP), Margret Aull, mischte sich auch Frustration: "Die Versorgung wurde bis jetzt nicht etabliert."
Damit spielt Aull auf die jahrelangen, erfolglosen Verhandlungen mit dem Hauptverband der Sozialversicherungen über die Psychotherapie auf Krankenschein an. Seitdem eine bundesweite Regelung für die Psychotherapie auf Krankenschein gescheitert ist, versuchen Gebietskrankenkassen und die Landesverbände der Therapeuten eine individuelle Regelung für jedes Bundesland zu finden. "Um Geld zu sparen, wollen die Sozialversicherungen dabei aber nur eine Minimallösung", kritisiert Aull. Beispielsweise würden in Wien 150.00 Therapeutenstunden benötigt, rechnet die Psychotherapeutin vor. Die Sozialversicherung wolle aber nur 40.000 Stunden bezahlen. "Das sind lächerliche Kontingente."
Deshalb plädiert die ÖBVP-Chefin für die bundesweite Einführung des Tiroler Modells. In dem einzigen Bundesland, in dem es die Psychotherapie auf Krankenschein gibt, wird ein sozial gestaffelter Selbstbehalt eingezogen. Jetzt soll das Modell dem Hauptverband der Sozialversicherungen im Detail vorgestellt werden. Danach wird weiter verhandelt.


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