Löchriges Mäntelchen
Ein Kommentar des Gesundheitsökonomen Univ.Prof. DDr. Christian KÖCK
(erschienen in Falter, 8.-14.10.99)

Gesundheitsministerin, Hauptverband und die Spitze der Berufsvertretung feiern ein "Jahrhundertmodell", die Psychotherapie auf Krankenschein. Da alle Beteiligten mit Sicherheit die Tatsachen kennen, muss davon ausgegangen werden, dass hier sowohl (potenzielle) Klientinnen und Klienten als auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bewusst getäuscht werden sollen. Was unter dem Motto "kostenlose Therapie" für alle angepriesen wird, ist nämlich in Wirklichkeit nichts anderes als ein kleines gesundheitspolitisches Sparpaket. Tatsache ist, dass Knock-out-Kriterien für die Zulassung von Therapeuten formuliert wurden, die rund zwei Drittel nicht erfüllen können. In Deutschland, wo ein ähnliches Modell umgesetzt wurde, zeigen sich bereits die Folgen: Zahlreiche Praxen stehen vor der Schließung. Ein Großteil der dortigen Therapeuten, deren Verband diesen Vertrag unterschrieben hat, würden ihm kein zweites Mal zustimmen.

Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung sind in allen Bereichen des Gesundheitswesens dringend erforderlich. Dies trifft natürlich auch auf die Psychotherapie zu. Die jetzt geplanten Zugangsbarrieren und Einstiegshürden als Beitrag zu moderner Qualitätssicherung zu verkaufen, ist unsinnig. Ähnliche Konzepte haben sich noch in keinem Bereich als wirkungsvoll erwiesen. Quasi ein Berufsverbot ausgesprochen bekommen hier etwa auch Therapeuten, die seit langem erfolgreich arbeiten. Es ist so, als würde man von Journalisten als Voraussetzung für die weitere Berufsausübung plötzlich mindestens vier Semester Geschichtsstudium verlangen. Ginge es den Verantwortlichen tatsächlich um angebliche Gefahren durch unqualifizierte Behandlung von Psychosen und Suchtkrankheiten, könnten für Therapeuten, die sich auf solche Fälle spezialisieren, einfach Zusatzqualifikationen verlangt werden. Für die große Mehrheit trifft das jedoch nicht zu.

Der Verweis auf die Qualitätssicherung durch koalitionäre Gesundheitspolitiker ist in diesem Zusammenhang nahezu zynisch: Die aktuelle Krise des österreichischen Gesundheitssystems nach den Ereignissen in Freistadt hat gezeigt, dass die Regierung die Schaffung echter Qualitätssicherungsmaßnahmen hartnäckig und konsequent verweigert. Dies, obwohl Österreich genau das vielfach in internationalen Vereinbarungen mit der WHO zugesichert und unterschrieben hat. Bei der Psychotherapie ist die Anwendung erwiesenermaßen ineffektiver Qualitätssicherungsmaßnahmen als Argument dann gut genug, wenn diese zum Zwecke des Sparens plötzlich als löchriges Tarnmäntelchen missbraucht werden können.

Die eigentliche Absicht der Krankenkassen ist durch eben diese Löcher klar zu erkennen: Die zu erwartende breitere Inanspruchnahme, die höheren Kosten pro Klient/in und damit die höheren Gesamtausgaben sollen durch eine Verringerung ihrer Anzahl ausgeglichen werden. Um das zu erreichen, wird einfach das Angebot reduziert. Interessante Einblicke gibt hier ein Schreiben des Gesundheitsministeriums an besorgte Therapeuten. Während offiziell und wider besseren Wissens auf das Qualitätsargument gepocht wird, schenkt man den Betroffenen hier reinen Wein ein: Die Therapeuten mögen doch verstehen, dass die Kasse zur Begrenzung der Ausgaben Maßnahmen ergreifen muss. Die Strategie entlarvt sich damit nicht nur als unredlich, sondern auch als schlecht abgestimmt.

In Österreich droht damit jedenfalls eine dramatische psychotherapeutische Unterversorgung vor allem im ländlichen Raum. Schon jetzt sind dort die Wartezeiten lang und die Therapeuten dünn gesät. Völlig kontraproduktiv ist das Sparmodell auch im Hinblick auf Kindertherapeuten. Gerade angesichts von immer mehr bekannt werdenden Fällen von Kindesmissbrauch sind sie jetzt gefragt. Künftig werden aber auch zwei Drittel von ihnen zusperren müssen.

Zu bedenken ist, dass die Beiträge der Versicherten mit dem deklarierten Ziel, eine Therapie auf Krankenschein zu verwirklichen, spürbar erhöht wurden. Milliardenbeträge wurden so zusätzlich lukriert. Die weniger als halbherzige Reform muss vor diesem Hintergrund als politisch unseriös bezeichnet werden. Es ist bekannt, dass die Krankenversicherungen aufgeblähte Verwaltungsstrukturen erhalten, die nun offenbar mit diesem Geld zusätzlich genährt werden sollen.

Hans Sallmutter, Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, muss sich außerdem die Frage gefallen lassen, wie er es als amtierender GPA-Chef verantworten kann, dem größten Teil einer Berufsgruppe die Existenzgrundlage zu entziehen. Es ist kaum anzunehmen, dass auch er sich öffentlich auf den Standpunkt "Sparmaßnahmen" zurückzieht. Dies auch deshalb, weil die Opfer des Vertrages auch rechtliche Möglichkeiten haben, ihn zu Fall zu bringen. Nach einem dem Liberalen Forum vorliegenden Gutachten ist er nämlich verfassungsrechtlich anfechtbar [siehe Gutachten Prof. Barazon]. Einer Berufsgruppe die Existenzgrundlage zu entziehen, ist nämlich glücklicherweise in Österreich gar nicht so einfach, wie sich Hostasch und Sallmutter das vielleicht vorstellen.

Gesundheitsministerin Lore Hostasch ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich in dieser Causa inkompetent, desinteressiert, nachlässig und kurzsichtig gezeigt hat. Sie ist es, die die Verantwortung für die Schaffung einer flächendeckenden Psychotherapie auf Krankenschein ohne Tricks und Hintertürchen zu tragen hat. Therapie ist für Menschen mit Problemen genauso dringend notwendig wie klassische ärztliche Versorgung. Außerdem macht sie volkswirtschaftlichen Sinn. Es ist absurd, in einer Zeit, in der die psychischen Ursachen für physische Krankheiten immer mehr erhellt werden, genau in diesem Bereich sparen zu wollen.



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