Gesundheitsministerin, Hauptverband und die Spitze der Berufsvertretung feiern
ein "Jahrhundertmodell", die Psychotherapie auf Krankenschein. Da alle
Beteiligten mit Sicherheit die Tatsachen kennen, muss davon ausgegangen werden,
dass hier sowohl (potenzielle) Klientinnen und Klienten als auch Psychotherapeutinnen
und Psychotherapeuten bewusst getäuscht werden sollen. Was unter dem Motto
"kostenlose Therapie" für alle angepriesen wird, ist nämlich
in Wirklichkeit nichts anderes als ein kleines gesundheitspolitisches Sparpaket.
Tatsache ist, dass Knock-out-Kriterien für die Zulassung von Therapeuten formuliert
wurden, die rund zwei Drittel nicht erfüllen können. In Deutschland, wo
ein ähnliches Modell umgesetzt wurde, zeigen sich bereits die Folgen: Zahlreiche
Praxen stehen vor der Schließung. Ein Großteil der dortigen Therapeuten,
deren Verband diesen Vertrag unterschrieben hat, würden ihm kein zweites Mal
zustimmen.
Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung sind in allen Bereichen des
Gesundheitswesens dringend erforderlich. Dies trifft natürlich auch auf die
Psychotherapie zu. Die jetzt geplanten Zugangsbarrieren und Einstiegshürden
als Beitrag zu moderner Qualitätssicherung zu verkaufen, ist unsinnig. Ähnliche
Konzepte haben sich noch in keinem Bereich als wirkungsvoll erwiesen. Quasi ein
Berufsverbot ausgesprochen bekommen hier etwa auch Therapeuten, die seit langem
erfolgreich arbeiten. Es ist so, als würde man von Journalisten als Voraussetzung
für die weitere Berufsausübung plötzlich mindestens vier Semester
Geschichtsstudium verlangen. Ginge es den Verantwortlichen tatsächlich um angebliche
Gefahren durch unqualifizierte Behandlung von Psychosen und Suchtkrankheiten, könnten
für Therapeuten, die sich auf solche Fälle spezialisieren, einfach Zusatzqualifikationen
verlangt werden. Für die große Mehrheit trifft das jedoch nicht zu.
Der Verweis auf die Qualitätssicherung durch koalitionäre Gesundheitspolitiker
ist in diesem Zusammenhang nahezu zynisch: Die aktuelle Krise des österreichischen
Gesundheitssystems nach den Ereignissen in Freistadt hat gezeigt, dass die Regierung
die Schaffung echter Qualitätssicherungsmaßnahmen hartnäckig und
konsequent verweigert. Dies, obwohl Österreich genau das vielfach in internationalen
Vereinbarungen mit der WHO zugesichert und unterschrieben hat. Bei der Psychotherapie
ist die Anwendung erwiesenermaßen ineffektiver Qualitätssicherungsmaßnahmen
als Argument dann gut genug, wenn diese zum Zwecke des Sparens plötzlich als
löchriges Tarnmäntelchen missbraucht werden können.
Die eigentliche Absicht der Krankenkassen ist durch eben diese Löcher klar
zu erkennen: Die zu erwartende breitere Inanspruchnahme, die höheren Kosten
pro Klient/in und damit die höheren Gesamtausgaben sollen durch eine Verringerung
ihrer Anzahl ausgeglichen werden. Um das zu erreichen, wird einfach das Angebot
reduziert. Interessante Einblicke gibt hier ein Schreiben des Gesundheitsministeriums
an besorgte Therapeuten. Während offiziell und wider besseren Wissens auf das
Qualitätsargument gepocht wird, schenkt man den Betroffenen hier reinen Wein
ein: Die Therapeuten mögen doch verstehen, dass die Kasse zur Begrenzung der
Ausgaben Maßnahmen ergreifen muss. Die Strategie entlarvt sich damit nicht
nur als unredlich, sondern auch als schlecht abgestimmt.
In Österreich droht damit jedenfalls eine dramatische psychotherapeutische
Unterversorgung vor allem im ländlichen Raum. Schon jetzt sind dort die Wartezeiten
lang und die Therapeuten dünn gesät. Völlig kontraproduktiv ist das
Sparmodell auch im Hinblick auf Kindertherapeuten. Gerade angesichts von immer mehr
bekannt werdenden Fällen von Kindesmissbrauch sind sie jetzt gefragt. Künftig
werden aber auch zwei Drittel von ihnen zusperren müssen.
Zu bedenken ist, dass die Beiträge der Versicherten mit dem deklarierten Ziel,
eine Therapie auf Krankenschein zu verwirklichen, spürbar erhöht wurden.
Milliardenbeträge wurden so zusätzlich lukriert. Die weniger als halbherzige
Reform muss vor diesem Hintergrund als politisch unseriös bezeichnet werden.
Es ist bekannt, dass die Krankenversicherungen aufgeblähte Verwaltungsstrukturen
erhalten, die nun offenbar mit diesem Geld zusätzlich genährt werden sollen.
Hans Sallmutter, Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger,
muss sich außerdem die Frage gefallen lassen, wie er es als amtierender GPA-Chef
verantworten kann, dem größten Teil einer Berufsgruppe die Existenzgrundlage
zu entziehen. Es ist kaum anzunehmen, dass auch er sich öffentlich auf den
Standpunkt "Sparmaßnahmen" zurückzieht. Dies auch deshalb,
weil die Opfer des Vertrages auch rechtliche Möglichkeiten haben, ihn zu Fall
zu bringen. Nach einem dem Liberalen Forum vorliegenden Gutachten ist er nämlich
verfassungsrechtlich anfechtbar [siehe Gutachten Prof. Barazon].
Einer Berufsgruppe die Existenzgrundlage zu entziehen, ist nämlich glücklicherweise
in Österreich gar nicht so einfach, wie sich Hostasch und Sallmutter das vielleicht
vorstellen.
Gesundheitsministerin Lore Hostasch ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich in
dieser Causa inkompetent, desinteressiert, nachlässig und kurzsichtig gezeigt
hat. Sie ist es, die die Verantwortung für die Schaffung einer flächendeckenden
Psychotherapie auf Krankenschein ohne Tricks und Hintertürchen zu tragen hat.
Therapie ist für Menschen mit Problemen genauso dringend notwendig wie klassische
ärztliche Versorgung. Außerdem macht sie volkswirtschaftlichen Sinn.
Es ist absurd, in einer Zeit, in der die psychischen Ursachen für physische
Krankheiten immer mehr erhellt werden, genau in diesem Bereich sparen zu wollen.