Ein neuer Lehrgang an der Universität Innsbruck ermöglicht erstmals in Österreich,
dass die gesamte Ausbildung zum Psychotherapeuten an der Hochschule absolviert
werden kann. Die fachspezifische Ausbildung war bisher nur in privaten Vereinen
möglich, teilte der Vorstand des Institutes für Psychotherapie, Wolfgang Fleischhacker,
am Donnerstag mit.
Der achtsemestrige Universitätslehrgang umfasst neben Selbsterfahrung und Praktika
auch die psychotherapeutische Tätigkeit unter Supervision. Die Teilnehmer erhalten
die Berechtigung zur selbstständigen Ausübung der Psychotherapie. Seit dem 1.
Februar dieses Jahres besuchen insgesamt 14 Teilnehmer den Kurs. Sie müssen
23. 000 Schilling pro Semester bezahlen. Es gibt keine Möglichkeit, sich die
Kosten über ein Stipendium zu finanzieren.
Der nächste Lehrgang soll frühestens nach zwei Jahren beginnen. Die Teilnehmer
müssen das 24. Lebensjahr vollendet und das psychotherapeutische Propädeutikum
erfolgreich abgeschlossen haben. Die Vergabe der Ausbildungsplätze erfolgt auf
Grund der Ergebnisse in den Eignungsverfahren, erklärten die Verantwortlichen.
Maximal 16 Personen können pro Lehrgang aufgenommen werden. Das Gesundheitsministerium
hat die Universität Innsbruck als Ausbildungseinrichtung anerkannt.
Krankheiten der Seele nehmen zu
Psychische Störungen verursachen ein Viertel aller Frühpensionen.
Kurier, 4.4.2001
Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt weltweit zu. "Jeder
vierte Mensch ist zumindest einmal in seinem Leben von solchen Krankheiten
betroffen. Sie sind für ein Viertel aller Frühpensionen in Österreich verantwortlich",
sagt Univ.-Prof. Walter Schöny, Präsident der Österreichischen Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie, die Dienstag in Wien gegründet wurde.
Ziel der Gesellschaft ist es, internationale Forschungskooperationen zu fördern
und Aufklärungsarbeit zu leisten.
"Nicht jeder Patient wird ausreichend behandelt. Viele psychisch Kranke müssen
immer noch unter gesellschaftlicher Diskriminierung leiden", so Schöny. Davon
seinen meist auch die Angehörigen betroffen. In Österreich ist die Versorgung
der Patienten noch nicht optimal. "Sie ist am Land deutlich schlechter als
im städtischen Bereich", sagt Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck. Er
fordert daher eine Dezentralisierung der Behandlungseinrichtungen. Die Ursache
für den Anstieg der seelischen Leiden ist nicht eindeutig geklärt:
"Am besten dokumentiert ist die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung.
Depressionen treten im Alter viel häufiger auf", sagt Univ.-Prof. Wolfgang
Fleischhacker, Vorstand der psychiatrischen Uniklinik Innsbruck. Da heute
psychische Krankheiten viel besser diagnostiziert werden können, könnte der
Anstieg nur ein scheinbarer sein, vermutet die Wiener Psychotherapeutin Univ.-Prof.
Marianne Springer-Kremser. Gleichzeitig räumt sie aber auch ein, dass "das
Leben einfach nicht leichter geworden ist". Ganz im Zeichen der Enttabuisierung
von psychischen Krankheiten steht auch der WHO-Weltgesundheitstag am 7. April.
Psychotherapie auf Krankenschein bieten ab sofort die Sozialversicherungsträger im Burgenland an. Nach neunmonatiger Verhandlung mit dem Institut für Psychotherapie konnte die Leistung von bisher 140 Stunden auf 200 ausgeweitet werden. Aber Achtung! Nicht jeder bekommt die Gratisbehandlung. Sie ist für schwere Fälle gedacht. Seite 8
Heftige Kritik löst ein Vertragsentwurf der Wiener Gebietskrankenkasse für
die psychotherapeutische Versorgung der Bundeshauptstadt aus. "Die geplante
Regelung unterwandert das bestehende Psychotherapiegesetz", so Johannes Rudnik
vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP). Die
Wiener Regelung sieht vor, dass sich Patienten, die kostenfreie Psychotherapie in
Anspruch nehmen wollen, einem Psychotest unterziehen müssen. Er kann auch von
Psychologen vorgenommen werden, die über keinerlei psychotherapeutische Fachkenntnisse
verfügen. Damit werde für den ohnehin schwer belasteten Kranken eine zusätzliche
unnötige Barriere aufgebaut, so Rudnik. Heikle medizinische Patientendaten
werden von der Krankenkasse verwaltet. "Dadurch kommt es zu einer Verletzung
der Schweigepflicht. Für den Patienten kann es zu Problemen mit dem Arbeitgeber
kommen", betont Rudnik. Auch eine Einsparung der Administrationskosten werde
durch die Regelung nicht erreicht. Als Alternative weist der ÖBVP auf ein Modell
hin, das seit sieben Jahren erfolgreich in Tirol besteht. Dabei garantieren die
Psychotherapeuten Qualität und soziale Treffsicherheit. Bei der Diagnose wird
das psychosoziale Funktionsniveau des Patienten berücksichtigt. Statt einem
Wirrwarr unterschiedlicher Modelle auf Landesebene strebt der ÖBVP eine bundesweite
Lösung an. "Für eine effektive psychotherapeutische Betreuung fehlt
auch die Infrastruktur, die ein soziales Auffangnetz für die Patienten sicherstellt",
so Dr. Margret Aull vom ÖBVP.
Die journalistische Ethik verbietet es eigentlich einem Kommentator, in eigener
Sache aufzutreten.
Anderes aber gilt, wenn im öffentlichen Interesse darauf hinzuweisen ist, daß
die seit Jahren geforderte "Pychotherapie auf Krankenschein" weggekippt
werden könnte: Am 25. April werden die Kassen endgültig über "ihren"
Vertrag, den die Therapeuten bereits unterschrieben haben, entscheiden .
"Wieso erst jetzt?" fragen Patienten. Hatte nicht Präsident Salmutter
"Therapie auf Krankenschein" schon lange verkündet?
Die Antwort: Seit 8 Jahren wird verhandelt, die Kassen haben ihren Vertrag mit allen
Mitteln durchgeboxt ... jetzt ist niemand mit dem Ergebnis wirklich zufrieden: Weder
die Kassen, - ( es gibt bereits gute Modelle in Tirol und Vorarlberg), noch die
Psychotherapeuten (sie wurden gnadenlos zu einem ruinösen Abschluß gedrängt,
der ihren Berufsstand fast zerbröselt hat ); und auch nicht die Patienten:
Kurzfristig kann man ihnen den Vertrag als Erfolg verkaufen, kann es auch gut für
sie sein, den Krankenschein einfach hinlegen zu können um "kostenlos"
Therapie zu bekommen. Aber längerfristig ist von flächendeckender Versorgung
auf dieser Basis keine Rede . Wo Psychotherapie draufsteht, sollte doch auch Psychotherapie
drinnen sein. Unverdächtige Expertisen( zB Dr.Barazon, Prof.Badelt u.a.) zweifeln
daran. Jetzt drohen zu guterletzt alle Beteiligten einander mit Klagen......Da stimmt
etwas grundlegend nicht!
Wenn die fertige Speise nicht schmeckt, empfiehlt es sich, die Köche auzuwechseln.
Würde das genügen?
Wohl kaum.
Es sind in den 8 Jahren der Verhandlungen Europa weit große Umwälzungen
im gesellschaftlichen Bereich geschehen. Niemand weiß mehr genau zu sagen,
wohin die Reise geht. Die Verhandlungsteams sind alt geworden. Ihre Denkschemata
auch. Dieser Vertrag folgt nochmals alten Vorstellungen: Krankenschein ohne Selbstbehalt,
bürokratische Kontrollen in gewohnter Weise. Das steigert das Kassendefizit.
( Obwohl Psychotherapie bislang nur lächerliche 1% des Kassenbudgets beansprucht
hat!).
Wie kann es nun weitergehen?
Falls am 25. April der ausverhandelte Vertrag realisiert wird, gibt es ab 5. Oktober
Psychotherapie auf Krankenschein.
Immerhin!
Zwei Jahre später aber werden rund 2000 (der 5000) staatlich zugelassenen PsychotherapeutenInnen
ihren Beruf verloren haben. Die anderen ersticken dann in der Kontrollbürokratie
.
Wenn der Vertrag aber nicht realisiert wird, dann wird es beim "Zuschußsystem"
bleiben.
Besser als nichts!
Auf jeden Fall aber gibt es als Zuwage eine Chance für das Gesundheitswesen.
Es braucht eine Neufassung. Denn Menschen erkranken auch an zu raschen Umstellungen
und diese Gesellschaft ist absolut nicht mehr dieselbe wie zu Kreiskys Zeiten. Deshalb
muß die Psychotherapie möglichst viel freie Hand haben, um flexible,
soziale Formen zu entwickeln! Einiges ist schon im Gange: Zum Beispiel: Mediation,
Selbsthilfegruppen et cetera.
Und überall ist auch eine homöopathische Dosis Therapie drinnen. Ein Abschied
und ein Neubeginn ist also am 25. April möglich. Praktikable, schlanke Vorschläge
dazu gibt es. Man muß es nur politisch wollen.
Ab 1. Juli dieses Jahres (2000, Anm.) könnte es soweit sein: Patienten suchen
einen Psychotherapeuten auf, geben ihren Krankenschein ab und können eine Therapie
beginnen.
In der ersten Phase wird es 415 Therapeuten bundesweit geben, die eine Therapie
auf Krankenschein anbieten (in Wien sind es 150). "Sollte sich zeigen, dass
der Bedarf höher ist, ist eine Ausweitung durchaus vorstellbar", sagt
Alfred Pritz, Präsident des Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP).
Die Kassen-Therapeuten erhalten 650 S brutto für eine 50-minütige Sitzung.
Diese Regelung gilt für die 18 gesetzlich anerkannten Therapieformen.
Der Zugang zur Therapie ist einfach: "Menschen, die glauben, eine Therapie
zu benötigen, können sich direkt an den Therapeuten wenden", sagt
Pritz. Das heißt, sie brauchen keine Überweisung eines praktischen Arztes,
wie das bei Fachärzten nötig ist. Allerdings sind die Patienten verpflichtet,
vor der zweiten Therapiesitzung einen praktischen Arzt zu konsultieren, um eventuelle
organische Ursachen für ein Leiden auszuschließen. "Das wird in
vielen Fällen ein reiner Formalakt sein", so Pritz.
Die Dauer der Therapie auf Krankenschein wird sich nach dem jeweiligen Krankheitsbild
richten. Allerdings muss der Patient ein Zwischenansuchen stellen, mit einer Begründung,
warum die Therapie fortgesetzt wird. "Das geschieht aber in enger Zusammenarbeit
mit dem Therapeuten", sagt Traudl Szyszkowitz, Vizepräsidentin des ÖBVP.
"So werden die Verlängerungsanträge gemeinsam ausgefüllt."
Psychotherapeuten ohne Kassenvertrag werden, sofern sie die Kriterien des Hauptverbandes
erfüllen, Wahltherapeuten sein. Deren Honorargestaltung ist frei. "Unsere
Empfehlung liegt zwischen 700 und 1200 Schilling für 50 Minuten", so Pritz.
Die Krankenkassen zahlen in diesem Fall 520 S, den Rest muss der Patient aus eigener
Tasche begleichen.
Die österreichischen Psychotherapeuten wollen von den Krankenkassen mehr
Geld. In weiteren Verhandlungen zum Thema "Therapie auf Krankenschein"
soll eine Erhöhung des Honorarsatzes von den angebotenen 650 S (47,23 Euro)
auf 800 S (58,13 Euro) pro Therapiestunde gefordert werden. Außerdem wollen
die Therapeuten Erleichterungen bei jenen umstrittenen Qualifikationen, die von
den Kassen zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Therapie-Ausbildung verlangt
werden.
Der Honorarsatz von 800 S liege an der unteren Grenze der üblichen Preise,
hieß es in einer Aussendung des Bundesverbandes für Psychotherapie.
Beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger herrscht erwartungsgemäß
keine Freude über die Ablehnung des bisherigen Vertragsentwurfes und die neuen
Forderungen. Am Montag soll die weitere Vorgangsweise in den seit Jahren laufenden
Verhandlungen besprochen werden.
Österreichs Therapeuten haben sich bei einer Bundesversammlung des Verbandes
für Psychotherapie (ÖBVP) für ein "jein" zur vorgeschlagenen
Vertragslösung mit den Krankenkassen ausgesprochen. Grundsätzlich wurde
der von ÖBVP-Präsident Alfred Pritz ausgehandelte Vertragsentwurf angenommen,
in Detailfragen sollte allerdings weiterverhandelt werden. Pritz sieht das Abstimmungsergebnis
als Erfolg. Lediglich eine kleine Minderheit innerhalb des Verbandes versuche noch,
den Vertrag schlechtzumachen.
Das sieht man bei der "Arbeitsgemeinschaft Qualifizierte Alternative"
(AQA) anders. Die Gruppe, die nach eigenen Angaben etwa 600 Therapeuten repräsentiert,
bezeichnet den Vertragsentwurf als "rechts- und sittenwidrig". Konkret
geht es um die Kriterien, nach denen Therapeuten einen Kassenvertrag erhalten sollen.
Dazu soll unter anderem nachgewiesene Arbeitszeit (bis zu einem Jahr) in einer "Einrichtung
des Gesundheitswesens" gehören. Nicht alle ausgebildeten und zugelassenen
Psychotherapeuten können diese Praxis nachweisen.
Strittig ist aber, wie viele der Verbandsmitglieder die Kriterien erfüllen
würden. Pritz: "80 Prozent der Therapeuten und Therapeutinnen werden es
auf Anhieb schaffen." Dagegen Madeleine Wessely von der AQA: "Bis zu zwei
Drittel werden auf der Strecke bleiben."
Pritz zur AQA und ihrer Bedeutung: "Eine Initiative, die ungefähr 12 Prozent
der Verbandsmitglieder repräsentiert." Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger
beginnt unterdessen offen zu drohen. Dazu Generaldirektorstellvertreter Josef Probst:
"Wir werden die Verhandlungen mit den Therapeuten weiterführen, werden
aber auch gleichzeitig mit allen Institutionen reden, die ebenfalls die psychotherapeutische
Versorgung der Bevölkerung übernehmen könnten. Diese Institutionen
würden dann ausgebildete Therapeuten anstellen."
R.B.
SP-Landtagsklubobmann Walter Guggenberger unterstützt den Österreichischen
Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) in dessen Anliegen, beim vorgeschlagenen
Modell für Psychotherapie auf Krankenschein noch Nachbesserungen zu erreichen.
Gleichzeitig sprach sich Guggenberger am Samstag dafür aus, das "Tiroler
Modell" als Vorbild zu nehmen. In Tirol entscheide ein Expertengremium für
die Gebietskrankenkasse, ob eine Therapie von der Sozialversicherung bezahlt werden
solle. Der bisherige Entwurf für den Kassenvertrag ist für Guggenberger
"nicht gerade das Gelbe vom Ei". Die darin verlangten Zusatzanforderungen
für Therapeuten seien praxisfern und würden die psychotherapeutische Versorgung
verschlechtern. In Tirol könnten die Therapeuten der Gebietskrankenkasse
hingegen für jeden Einzelfall einen Behandlungsplan vorlegen, über den
dann von einem Gremium aus Psychiatern und Psychotherapeuten entschieden werde.
In vier von fünf Fällen gebe es einen positiven Bescheid.
Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) hat
dem vorgeschlagenen Modell für Psychotherapie auf Krankenschein nicht zugestimmt.
Laut ÖBVP-Präsident Alfred Pritz ist bei der Diskussion über den
ausverhandelten Kassenvertrag am Freitagabend in Salzburg die Verhandlungslinie
bestätigt worden. Allerdings habe es auf Grund noch zu klärender Detailfragen
keine abschließende Entscheidung gegeben. "Die Gruppe, die eine völlige
Neuverhandlung wollte, hat sich nicht durchgesetzt", betonte Pritz. Für
den 20. Jänner sei die Abstimmung über die endgültige Ratifizierung
vorgesehen. Bis dahin wolle man einige Punkte des Entwurfes mit dem Hauptverband
der Sozialversicherungsträger noch einmal erörtern. Aus der Sicht des
Bundesverbandes könnte sich der Termin 1. April für Psychotherapie auf
Krankenschein ausgehen. Als Punkte, die man noch in weiteren Gesprächen klären
will, nannte der ÖBVP-Präsident Zusatzqualifikationen wie Spitalspraxis,
die von den Kassen als Voraussetzung für einen Kassenvertrag verlangt werden.
Mit Spannung wurde das Ergebnis einer Sitzung des Österreichischen Bundesverbandes
für Psychotherapie erwartet, bei der am Freitagabend über die Annahme
oder Ablehnung des mit den Krankenkassen ausverhandelten Vertragsentwurfes abgestimmt
werden sollte. Bis Redaktionsschluss lag aber noch kein Ergebnis vor.
Sollte sich für den Entwurf eine Zwei-Drittel-Mehrheit finden, so wird es ab
Anfang des nächsten Jahres in Österreich Psychotherapie auf Krankenschein
geben. Ob diese Mehrheit gefunden wird, ist allerdings fraglich. Denn glücklich
sind die Therapeuten mit den Bedingungen, unter denen die Kassen Psychotherapie
zahlen wollen, keineswegs. Und dabei geht es ausnahmsweise nicht ums Geld. Denn
die angebotenen 650 S pro Therapiestunde sind nicht der Stein des Anstoßes.
Was viele der Therapeuten auf die Palme bringt, sind die zusätzlichen Qualifikationen,
die die Kassen von ihnen fordern. "Wir haben in Österreich ein strenges
Psychotherapiegesetz, das genau regelt, wer nach welcher Ausbildung als Therapeut
arbeiten darf", kritisiert Psychotherapeut Richard Picker. "Diese Ausbildung
dauert Jahre und muss vom angehenden Therapeuten selbst bezahlt werden. Es ist nicht
einzusehen, warum die Sozialversicherungsträger jetzt plötzlich eine Ausbildung
verlangen, die über den gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen hinausgeht."
Ein Ärgernis unter vielen: Ein 14-tägiges Praktikum auf einer psychiatrischen
Station. Picker, der seit Jahren Therapeuten ausbildet: "Damit ich einen Kassenvertrag
bekomme, müsste ich jetzt zwei Wochen hinter einem Psychiater herlaufen, der
womöglich bei mir gelernt hat." Eine wesentlich ernstere Hürde dürfte
aber das eine Praxisjahr sein, das Psychotherapeuten, so sie einen Kassenvertrag
wollen, innerhalb eines Krankenhauses oder einer ähnlichen Institution absolvieren
müssen. Solche Stellen sind rar. Picker: "Das bedeutet, dass die Jungen
praktisch keine Chance auf einen Vertrag haben."
Dennoch rechnet Alfred Pritz, Vorsitzender des Therapeuten-Verbandes und federführend
bei den Verhandlungen mit den Kassen, mit einem "Ja" bei der Abstimmung.
Eine Mehrheit hätte sich bereits dafür ausgesprochen und die erforderlichen
zwei Drittel der Stimmen wären, so Pritz, durchaus erreichbar. Ab Jänner
würde es dann 415 Kassenund mehr als 1500 Wahltherapeuten geben.
Zur Erinnerung: Österreich hat ein noch funktionierendes Sozialsystem. Aber
die 28 Kassen sind ein Staat im Staat. Sie haben ein gewaltiges Budget und steuern
mit diesen Geldströmen die gesamte Gesundheitspolitik: Medikamente, ärztliche
Leistungen, Spitalswesen, psychologische und psychotherapeutische Hilfe . . . nichts
geht wirklich ohne sie.
Kassen-Präsidenten waren meist Multifunktionäre, viele kommen aus den
Gewerkschaften. Folge: Es sitzen immer dieselben Funktionäre weit weg von den
Patienten in zahlreichen "Gremien". Dadurch entsteht eine eigene Gruppenatmosphäre,
die (trotz Rechtmäßigkeit und guten Willens) immer ruinöser wirkt.
Wir nennen sie Kassen-Mentalität.
Das spüren vor allem Hausärzte und Therapeuten, die nicht so sehr Medizinmaschinen,
sondern Zeit für ihre Patienten benötigen. "Wir haben kein Geld für
Worte!", sagt die Kassenmentalität. So spricht der mutige Präsident
des Hausärzteverbandes Dr. Euler im Internet von 1.) "unzähligen
Zeichen der Geringschätzung, 2.) von der Entsolidarisierung der Berufsgruppe,
3.) von Drohungen, 4.) Ängsten, 5.) ruiniertem Selbstvertrauen, 6.) Resignation
und 7.) Zynismus. Das sind 7 Todsünden infolge dieser Kassenmentalität!
Sie ruinieren vieles. Wenn schon ein "Reformbedarf" festgestellt wird,
wie Ärztekammerpräsident Dr. Pjeta sagt, so muss man dieses Mentalitätsproblem
endlich ins Auge fassen. Die Geschädigten sind vor allem Patienten, aber auch
Ärzte, Psychotherapeuten, Pflegepersonal etc.
Man muss sich verdeutlichen, was es bedeutet, wenn aus den helfenden Berufen rivalisierende
werden, wenn Selbstvertrauen ruiniert wird und kühle Sachlichkeit heilende
menschliche Wärme ablöst. "Ihnen tut was weh? Aber geh, plausch'
nicht! Mir tut auch was weh . . . Der Nächste bitte!" "Es wird Ihrem
Mann bald besser gehen, Frau Maier! Leider muss ich jetzt die Maschinen abschalten,
denn um 22.00 übernimmt die Nachtschicht . . ."
Nach Meinung des Hausärzte-Präsidenten sind das Folgen der "Geringschätzigkeit"
der Kassen anderen Heilberufen gegenüber. Sie wurzelt in einem stark verhaberten
"Wir-sind-wir"-Gefühl ... Die Folge ist ein zerstörerisches
Unverständnis für Heil-Vorgänge, das auch durch Schulungen nicht
ausgeglichen werden kann. Das sind Hinweise. Verhandlungsteams bestätigen sie.
So auch das der Psychotherapeuten, die Therapie auf Krankenschein vereinbaren wollen.
Jahrelang bekam es keinen Termin zu Gesprächen. Dann herrschte der "Stil
einer stalinistischen Organisation" (wie ein besonnener Primarius sagte). Und
zu guter Letzt gab es beinahe unter Erpressung einen Vertragsentwurf, der einer
mittelfristigen Zerstörung der Psychotherapie gleichkommt. Politiker trösteten
beim Heurigen vor der Wahl: "Wir wissen, dass der Vertragsentwurf für
die Therapie schlecht ist, aber wir können den Kassen nichts befehlen!"
Dann ging die Wahl verloren.
Anders sagt es der Hausärztepräsident: "Bleiben sie frei! Wenn der
erste von ihnen auf sein, "sicheres Kasseneinkommen" einen Kredit genommen
hat, beginnt die irreversible Talfahrt!" Will heißen: Der Würgegriff
bürokratischer Zwänge verdirbt die Heilverfahren. Es wird gefährlich
inhuman . . .
Parteien sondieren derzeit heftig. Falls sie wieder zu regieren beginnen, sollten
sie vor allem einmal die von den Kassen aufgebaute "Störzone der Geringschätzung"
gründlich durchmischen! Zugunsten einer wirklich humanen Gesundheitspolitik.