Im Zuge des vielen Argumentierens und Diskutierens
um rechtliche, finanzielle und berufspolitische Aspekte vergessen wir vielleicht
einen ganz wesentlichen Bereich.
Es ist der Bereich der Grundlagen ,der Grundeinstellungen und der Wichtigkeit von
Rahmenbedingungen überhaupt für das, was in unserem Bewußtsein
"Psychotherapie" bedeutet.
Unser "SEIN" als Psychotherapeuten wird -bei Annahme des Vertrages- sich
in kurzer Zeit in unserem "Bewußtsein" niederschlagen.Wer weiß,
was dann in einigen Jahren von unserer verantwortungsbewußter Akribie bezüglich
des "Therapeut-Patient-Therapeut-Verhältnisses" übrig geblieben
sein wird. Die Sorge gilt ganz sicher im Bereich der Psychoanalyse , aber die anderen
fachspezifischen Methoden haben sicher ähnliche Grundprobleme.
Die Krankenkassen werden durch ihre Einmischung (statt Finanzierungshilfe) wesentliche
Auswahl-und Gestaltungselemente des settings beeinflußen und auch unsere eigene
Identität als Psychotherapeuten. Die "Psychotherapiekultur" wird
sich weit von dem entfernen, was die "Pioniere" der verschiedenen Schulen
für unabdingbar wesentlich gehalten haben. Das werden viele Patienten dann
vermehrt bei den "New Age-Therapeuten" außerhalb der Psychotherapie
suchen und - wenn auch scheinbar - finden !
Möglicherweise ist ja die Annahme des Vertrages durch uns berufspolitisch vorteilhaft.
Ich fürchte aber, daß es dann -wahrscheinlich einen zerstrittenen- aber
doch einen Berufsstand der Psychotherapeuten geben wird -mit einer kastrierten psychotherapeutischen
Potenz. Man muß sich ja nur in einem Planspiel detailliert vor Augen führen,
was die Realisierung der KK-Vorgaben für die eigene tägliche Psychotherapiepraxis
bedeuten würde, bis ins Detail, bis hin zum "Papierkrieg", bis hin
zur Frage der Auswahl der Patienten, des gegenseitigen persönlichen Verhältnisses
zwischen Therapeut und Patient, ......
Die Curricula der Ausbildungen werden sich schwerpunktmäßig ändern
müssen, denn ganz andere "Leistungserwartungen" müssen zu befriedigen
gelernt werden. Da wird gehobelt werden - und die feinsinnigen Reflexionen werden
mehr und mehr abgetragen.
Ceterum censeo : Es muß ein anderer "Vertrag" gefunden werden, der
all diese Befürchtungen glaubhaft entschärfen kann. Es muß - sehr
zum Wohle der Patienten - eine Finanzierungsform gefunden werden, die die Psychotherapie
nicht einschränkt sondern fördert. Die Sturheit und Ignoranz der Krankenkassen
kann nicht als "naturgesetzliche Realität" akzeptiert werden. Es
kann einen Vertrag geben, aber er muß nicht auf der Basis der Orthopädiemechaniker
gedacht werden.