
Wien - In der Drogenambulanz am Wiener AKH werden immer weniger Suchtkranke behandelt.
Was "nicht bedeutet, dass die Zahl der Abhängigen abnimmt", betont
die ärztliche Leiterin der psychiatrischen Spezialambulanz, Gabriele Fischer.
Drogenmissbrauch nehme weltweit zu, besonders boomt Kokain.
Den Patientenrückgang erklärt Fischer mit einer "Einschränkung
unserer Kapazitäten". Seit Jahren verweigere das Wissenschaftsministerium
die Nachbesetzung einer Arztstelle, auch Wien sei nicht bereit, wenigstens eine
Psychotherapiestelle zu bezahlen - alle Therapeuten, die an der Drogenambulanz
arbeiten, müssen mit Forschungsgeldern bezahlt werden, die an anderer Stelle
fehlten: "Politische Positionen bestimmen die ärztliche Therapie."
Wurden in der Wiener Drogenambulanz 1995 noch 1300 Suchtkranke behandelt, sank die
Patientenzahl im Vorjahr, so der aktuelle Tätigkeitsbericht, auf 601. Demgegenüber
gebe es keine belegbaren Zahlen über das tatsächliche Drogenproblem, "da
wir eines der wenigen EU-Länder sind, das keine epidemiologische Studie zum
Thema Substanzabhängigkeit hat": Irgendwer schätzt irgendwas.
Ausgehend von den suchtmittelbedingten heimischen Todesfällen im Jahr - rund
14.000 durch Nikotin, bis zu 3000 durch Alkohol und 162 durch Opiate (etwa Heroin)
- werden folgende Zahlen vermutet: mehr als 500.000 Nikotinabhängige, gut 250.000
Alkoholiker, rund 70.000 Medikamentensüchtige und 20.000 bis 30.000 Opiatabhängige.
Nach Ansicht der Drogenexpertin sind für so viele Patienten nicht genügend
einschlägig ausgebildete Ärzte vorhanden, was zu einer "qualitativ
oft fragwürdigen Versorgung der Patienten im niedergelassenen Bereich"
führe.
Zudem sei die Finanzierung der notwendigen begleitenden Sozialarbeit seit Jahren
nicht gesichert. Daher würden "viel zu viel Patienten dann zur wesentlich
teureren Psychotherapie überwiesen, obwohl nur etwa zehn Prozent die Eignung
dafür haben".
Als Fortschritt wertet Fischer hingegen den "Paradigmenwechsel" in der
medizinischen Betreuung von Suchtkranken: Man sei vom Prinzip des "abrupten
Absetzens" der Droge (Cold Turkey) gänzlich abgekommen. "Keine Ideologisierung
der Abstinenz, sondern eine Akzeptanz der Krankheitswertigkeit, die eine jahrelange
medikamentöse Therapie notwendig macht", konstatiert Fischer - ähnlich
Rheuma, Diabetes oder Bluthochdruck.
Erfreulich sei auch, dass es zur Behandlung endlich auch eine Medikamentenvielfalt
gebe, die individuelle Betreuung ermögliche. Methadon sei zwar gut, aber eben
nicht alles.
Gesundheits-Staatssekretär Reinhart Waneck erklärt im Standard-Interview,
wie er das österreichische Gesundheitssystem reformieren will - trotz eines
Mangels an Kompetenzen. Eine Erhöhung der Krankenkassengebühren komme
als Lösung nicht in Frage.
Standard: Herr Staatssekretär, praktisch alle Ihrer Vorgänger haben
über einen Mangel an Kompetenzen und einen zu kleinen Gestaltungsspielraum
für eine umfassende Gesundheitsreform geklagt. Wie sehen Sie das nach rund
hundert Tagen im Amt?
Waneck: Bis zu einem gewissen Grad kann ich das nachvollziehen und verstehe,
warum die anderen gescheitert sind. Mir wurden, wie auch meinen Vorgängern,
vom Gesetzgeber wenig legistische Gestaltungsmöglichkeiten gegeben. Wir geben
die Ideen und die Initialzündung und die Krankenkassen haben im Interesse des
Beitragszahlers unsere Lösungsansätze umzusetzen. Heute sind andere Voraussetzungen
gegeben. Wenn Legislative und Exekutive dreißig Jahre lang vom gleichen Couleur
sind, wird man irgendwann betriebsblind. Jetzt ist es so, dass die Dinge von einem
anderen Standpunkt aus gesehen werden, weil wir sagen: Ihr müsst es jetzt einmal
anders machen.
STANDARD: Was haben Sie bisher in Ihrem Bereich erreichen oder zumindest
bewegen können?
Waneck: Ich habe bereits in kürzester Zeit wichtige Themenbereiche aufgegriffen
und in positive Bahnen gelenkt. Wir haben den Krankenkassen ein Konzept zur Selbstregeneration
vorgelegt, ohne dabei die Beitragszahler zu belasten. Weiters wurde von mir die
verschuldensunabhängige Patientenentschädigung initiiert. Sie soll den
Patienten zugute kommen, die im Zuge einer Spitalsbehandlung zu Schaden gekommen
sind, ohne dass ein Verursacher auszumachen war. Hier soll rasch und unbürokratisch
geholfen werden. Ein weiterer Erfolg ist die Patientencharta, die ein kompliziertes
Gesetzeswerk für Patienten verständlich bündelt. Damit wurde der
Zugang zu den Patientenrechten erleichtert. Das jetzige Konzept sieht weder einen
Selbstbehalt noch eine Beitragserhöhung der Krankenkassenbeiträge vor,
weil an erster Stelle die Selbstregeneration des Systems stehen muss. Die Ressourcen
müssen richtig eingesetzt werden. 2001 ist der nächste Kassasturz, ich
bin zuversichtlich, dass die kranken Kassen gesunden können. Erst nach dieser
Selbstregeneration des Systems stellt sich die Frage, was die Gesundheit braucht
und was an zusätzlichen Leistungen finanziert werden muss.
STANDARD: Die Menschen werden immer älter und die Kosten für die
Pflege und die High-tech-Medizin immer höher. Es werden also wohl auch die
Versicherungsbeiträge steigen müssen.
Waneck: Die Kassen haben ein gigantisches Einsparungspotential, das genutzt
werden muss. Eine Anhebung der Beiträge steht daher nicht zur Debatte. Wir
wollen natürlich auch unser Gesundheitsprogramm durchsetzen, das schließt
die Rehabilitation, die Onkologie im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich,
die Krankenpflege, die Psychotherapie, die Psychiatriereform oder die Hospizbetreuung
ein. Indem man zum Beispiel die Rezeptgebühr erhöht, trifft man ja nicht
die Armen, die Rezeptgebührbefreiten. Es muss natürlich klar gemacht werden,
dass das für die Gesundheit ist.
STANDARD: Die schließt wohl auch Überlegungen ein, wie sich das
aus mehreren Töpfen finanzierte österreichische Gesundheitssystem wirtschaftlich
vernünftiger organisieren lässt.
Waneck: Von der Geldversorgung her gilt: je weniger Töpfe, umso besser.
Von der individuellen Betreuung und der Konkurrenz im Gesundheitswesen aus betrachtet
sieht das anders aus. Das Falscheste ist, was jetzt geschieht. Heute zahlen die
Krankenkasse einen Pauschalbetrag im Spital, der unter dem liegt, was sie derselbe
Patient im niedergelassenen Bereich kostet. Deshalb wurden die Patienten jahrelang
in die Ambulanzen hineingepresst. Aber wenn im Schnitt eine Behandlung in der Spitalsambulanz
2200 Schilling kostet, und beim niedergelassenen Arzt 500 bis 650 Schilling, dann
müssen wir die Möglichkeit schaffen, dass alles, was beim niedergelassenen
Arzt gemacht werden kann, auch dort gemacht wird. Das gehört alles offen gelegt
und es gehören entsprechende Strukturen geschaffen, zum Beispiel in der Form
von Gruppenpraxen.
STANDARD: Das sind die Folgen eines gewachsenen Systems. Wie wollen Sie es
verändern?
Waneck: Das werden wir mit einem Behandlungsbeitrag etwas aufweichen. Jetzt
zerbrechen sich alle die Köpfe, wer ihn bekommen soll. Die Spitäler hätten
ihn gerne, und die Krankenkassen brauchen ihn. Die Kassen sagen, wir sind für
die Stärkung des extramuralen Bereiches, also Leistungen durch den niedergelassenen
Arzt, wenn wir dafür das Geld kriegen, weil das kostet mehr. Jetzt zahlen wir
in das Spital unterdurchschnittlich wenig hinein. Die Spitäler sagen, wir haben
ohnehin einen Abgang und brauchen eigentlich das Geld. Andererseits ersparen sie
sich auch Geld, wenn sie in den Ambulanzen weniger machen. Hier ist der Schnittpunkt,
und jetzt wurde eine Diskussion in Gang gesetzt.
STANDARD: Deren Ergebnis nach Ihren Vorstellungen wie aussehen sollte?
Waneck: Wichtig ist, dass es bei der Finanzierung keine Trennung in intramural,
also im Spital erbrachte, und extramurale Leistungen gibt. Es muss einen überschaubaren
Topf geben, der auch zwei Kammern haben kann, wenn sie kommunizierende Gefäße
sind. Man könnte darüber diskutieren, dass die Krankenkassen tun sollen,
was sie nach dem Krieg gemacht haben, nämlich dafür zu sorgen, dass der
niedergelassene Bereich funktioniert. Und sie zahlen überhaupt nicht für
das Spital, weil es aus den Landesbudgets bezahlt wird. Man könnte auch das
ganze Geld der Krankenversicherung geben, und sie finanziert sowohl das Spital als
auch den niedergelassenen Bereich. Sie wäre dann zur Ökonomie verpflichtet
und müsste zuerst beim billigeren einkaufen.
STANDARD: Was müsste bis zum Ende ihrer Amtszeit geschehen sein, damit
Sie sagen können, Sie waren erfolgreich?
Waneck: Ich würde mich dann nicht gescheitert sehen, wenn ich oder mein
Nachfolger alles das, was ich bereits präsentiert habe und die Politik, die
ich mache, weiterführen müssten. Niemand sagt heute in Österreich,
dass Medizin gedeckelt werden muss und dass das Niveau abgesenkt werden muss. Auf
diesem Konsens muss man aufbauen. In einem ausgewogenen System, dass jene solidarisch
einbezieht, die ihre Beiträge leisten können, und jene, die es sich nicht
leisten können, trotzdem zu ihrer Therapie kommen lässt. (rbe)
Wien - "Es gibt im Gesundheitswesen einen Riesenbedarf an Kommunikation
und Zuwendung", sagt ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger. Deshalb sei
es auch nicht vertretbar, dass Psychotherapie auf Krankenschein letzten Dienstag
vorerst am Veto einzelner Kassen (Bauern, Beamte, Tirol und Vorarlberg) gescheitert
ist. Als praktischer Arzt habe er positive Erfahrungen mit Psychotherapie für
seine Patienten gesammelt. Studien belegten, dass beispielsweise bei den meisten
Depressionen Medikamente plus Psychotherapie die optimale Behandlungsform sei. Auch
Schwerkranke benötigten psychische Hilfe. "Wenn wir ein modernes Gesundheitssystem
wollen, dann müssen wir auf solche Faktoren Rücksicht nehmen." Österreich
habe mit seinem Psychotherapiegesetz weltweit Pionierarbeit geleistet und hätte
die Chance gehabt, "Vorzeigeland" zu werden. Die Kosten für Psychotherapie
auf Kasse seien überschaubar: jährlich 300 bis 500 Millionen Schilling
zusätzlich. Für eine Behandlungsstunde hätten die Therapeuten von
der Kasse 650 Schilling bekommen. "Ein Techniker, der mir meinen Computer erklärt,
verlangt das Doppelte."
Nach dem Scheitern eines Gesamtvertrages im Hauptverband der Sozialversicherungsträger
muss sich nun - wie exklusiv berichtet - jede einzelne Kasse überlegen, wie
sie ihren Patienten trotzdem Psychotherapie anbieten kann. (mon)
Wien - Der Plan der Sozialversicherung, noch dieses Frühjahr 415 Kassenpraxen
für Psychotherapie in ganz Österreich einzurichten, ist geplatzt. Nach
einem fast zehnjährigen Verhandlungsmarathon legten sich am Dienstag überraschend
die Krankenversicherungen von Bauern und Beamten sowie die Gebietskassen von Tirol
und Vorarlberg quer. Damit ist eine flächendeckende Versorgung mit Psychotherapie
auf Krankenschein wieder in die Ferne gerückt. Hans Sallmutter, Präsident
des Hauptverbandes, grollt über das Ergebnis.
Der Ball liegt nun bei den Kassen. Sie werden voraussichtlich Verträge mit
Vereinen schließen, die ihrerseits mit einzelnen Therapeuten zusammenarbeiten.
Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz droht mit einer Verfassungsklage und
besteht auf Einzelverträgen zwischen Kassen und Therapeuten.
Insgesamt gibt es 5000 registrierte Psychotherapeuten in Österreich, davon
3000 aktive. Aus dieser Gruppe hätten laut Berufsverband zwei Drittel die Kriterien
der Sozialversicherung erfüllt. Der Vertrag hat auch innerhalb der Standesvertretung
zu einer Zerreißprobe geführt, weil ein Teil der Therapeuten die Kriterien
als willkürlich und unerfüllbar betrachtete.
Derzeit leistet die Kasse für eine Therapiestunde 300 Schilling Rückvergütung.
(mon)
Wien - Es ist eine "never ending story" mit Höhen und Tiefen:
Seit knapp zehn Jahren wird über Psychotherapie auf Krankenschein verhandelt.
Letzten Dienstag ist ein Gesamtvertrag mit den Therapeuten endgültig gescheitert.
"Kassentherapeuten" im klassischen Sinn wie die niedergelassenen Ärzte
wird es daher nicht geben - zumindest nicht flächendeckend in ganz Österreich.
Nun obliegt es den einzelnen Gebietskrankenkassen, mit Psychotherapievereinen Verträge
zu schließen. Diese Vereine können mit Ambulatorien, Gruppenpraxen, aber
auch Einzelpersonen zusammenarbeiten. Damit steht allerdings neuerlich in den Sternen,
ab wann es überall Psychotherapie auf Kasse und ob es dafür einen Selbstbehalt
geben wird.
Die Therapeuten kündigen jedenfalls eine Verfassungsklage an. Immerhin wurde
ja bereits in der 50. ASVG-Novelle 1992 eine gesetzliche Leistungsverpflichtung
der Kassen festgelegt. Und die wiederum ging auf einen Nationalratsbeschluss von
1990 zurück. Patienten werden um ihr Behandlungsrecht betrogen, schäumt
Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz im STANDARD-Gespräch.
In der so genannten "Verbandskonferenz", in der die Spitzen der Krankenversicherer
vertreten sind, fehlten am Dienstag zwei Befürworter auf die erforderlichen
19 von 27 Stimmen. Das sind die Gegner: Die Bauernkasse verwies auf ihre schlechte
Finanzlage. Die Tiroler sowie die Vorarlberger Kasse haben bereits eigene Ländermodelle
mit Vereinen und sind an Einzelverträgen nicht mehr interessiert. Und die Beamtenversicherer
hätten das Modell nur befürwortet, wenn alle zugestimmt hätten. Die
Spitze des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, die für den Vertrag
eingetreten war, ist über das Ergebnis jedenfalls alles andere als glücklich.
Damit geht ein turbulentes Kapitel im Hauptverband zu Ende. Innerhalb der Psychotherapeuten
selbst hatte es ja heftige Flügelkämpfe wegen des Vertrages gegeben, der
äußerst restriktive Zugangsbedingungen für die Berufsgruppe diktiert
hätte. Dieser Streit samt vielfältiger interner Abstimmungen und diverser
Protestresolutionen sorgte für den schlechten Ruf der Standesvertretung, ein
nicht immer ganz verlässlicher Partner zu sein. Diese Fraktionierung hat ihren
Nachhall auch in der laufenden Neuwahl des Präsidiums gefunden. Pritz nimmt
nach einem Jahrzehnt den Hut. Er war nicht immer unumstritten, einmal wurde gegen
ihn "geputscht", wenig später errang er wieder den Vorsitz. Zwei
Frauen kämpfen diesmal um den Vorsitz: Die Salzburgerin Elisabeth Sprinz sowie
die Tirolerin Margret Aull von der oppositionellen Gruppe AQA, die den Vertrag immer
offen bekämpft hatte.
Wien (OTS) - Diese Woche sind die Verhandlungen für eine flächendeckende
Psychotherapie auf Krankenschein gescheitert - ein ganzes Jahrzehnt nach dem ersten
Beschluss im Nationalrat. Es wird daher noch eine Weile den Begüterten vorbehalten
bleiben, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Alle anderen müssen sich auf
lange Wartelisten in Kassenambulatorien setzen lassen - ohne die Möglichkeit,
den passenden Therapeuten selbst auszusuchen. Bei Kindern und Jugendlichen herrscht
besonderer Mangel an therapeutischer Hilfe. Und das, obwohl Psychotherapie weit
weniger als beispielsweise der Medikamentenverbrauch kostet. 1,1 Milliarden Schilling
gibt die heimische Sozialversicherung jährlich nur für Psychopharmaka
aus und lediglich 300 Millionen für Psychotherapie.
Der geplante Vertrag mit 415 Kassentherapeuten (ab April!) hätte 350 Millionen
Schilling zusätzlich bedeutet. Dabei waren die Therapeuten fast bis zur Selbstaufgabe
zu Konzessionen bereit. Denn der Vertrag hätte für sie hohe und teilweise
nicht nachvollziehbare Hürden für einen Kassenvertrag vorgesehen.
Eigentlich waren es immer die Psychotherapeuten, denen man Unzuverlässigkeit
vorwarf. Nun ist das Modell an einem Abstimmungsergebnis der Sozialversicherer gescheitert.
Darf das wahr sein - nach einem Jahrzehnt des Tauziehens? Die Krankenversicherungen
von Beamten und Bauern sowie die Gebietskassen in Tirol und Vorarlberg haben ein
Veto eingelegt. Das ist unverständlich, weil es ein Modell gab, nach dem sie
vom Gesamtvertrag ausgenommen worden wären. Möglicherweise war das eine
politische Entscheidung (schwarze Kassen gegen roten Hauptverband), die vorerst
zu Ungunsten der Beitragszahler ausgegangen ist. Nun müssen die einzelnen Kassen
nach Alternativen suchen. Patienten, bitte warten ...
Wien - Die Regierung hat sich in ihrer Klausur auf ein Sanierungskonzept
für die Krankenkassen geeinigt. Beitragserhöhungen sind nicht vorgesehen,
dafür ein Selbstbehalt bei Ambulanzbesuchen. Dieser wird bei Überweisungen
150, bei direktem Besuch 250 Schilling betragen, medizinische Notfälle sind
ausgenommen. Der Behandlungsbeitrag pro stationärem Spitalstag wird von 70
auf 100 Schilling, die Rezeptgebühr von 45 auf 55 Schilling steigen. Die Auszahlung
des Krankengeldes wird auf 52 Wochen gekürzt. Verlängert wird es nur für
jene, die in den Arbeitsmarkt wieder eingegliedert werden können. Für
besonders schwer Erkrankte kann die Begrenzung aufgehoben werden. Das soll noch
vor dem Sommer beschlossen werden.
Massive Einsparungen sind bei den Medikamentenkosten vorgesehen. Dieses Ziel soll
durch eine Reduzierung der Großhandelsspanne erreicht werden. Gleichzeitig
sind die Sozialversicherungen angehalten, auch in ihren eigenen Bereichen zu sparen.
Bei neuen Versicherungsleistungen - Beispielsweise der Psychotherapie - ist ein
20-prozentiger Selbstbehalt zu erwarten. Vereinbart wurde überdies, dass
Patienten auf die neue Chipcard freiwillig medizinische Notfalldaten speichern lassen
können.
Die Reform sei "kein Radikalkonzept", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel
in der gemeinsamen Presseerklärung mit Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer.
Man habe Strukturreformen statt Mehreinnahmen angestrebt und sei froh, dass dies
ohne Beitragserhöhungen möglich gewesen sei.
(red)
© DER STANDARD, 15./16. April 2000
Wien - Wegen der Finanzierungsprobleme der Krankenkassen verzögert
sich die Psychotherapie auf Krankenschein neuerlich. Frühestens im Oktober
werden Kassen-Therapeuten zur Verfügung stehen, sagen die Verhandlungspartner.
Vor allem die Obmänner der Tiroler, Vorarlberger und der Bauernkasse haben
sich gegen eine Einführung quergelegt. Es sei schwierig, neuen Leistungen zuzustimmen,
wenn es aufgrund des Kassendefizits aus dem Vorjahr bereits Haftungsdrohungen (beispielsweise
vom ÖVP-Arbeitnehmerbund ÖAAB) gibt, argumentiert Hans Sallmutter, Präsident
des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Die Verhandlungsleiterin
der Therapeuten, Jutta Fiegl, kann sich eine etappenweise Einführung des Kassenvertrages
vorstellen. Dann würden etwa die Bauern erst später einsteigen.
(mon)
Wien - Die ersten "Patienten", mit denen der im Zivilberuf als
Radiologe und neuerdings als Staatssekretär für Gesundheitsfragen tätige
Reinhart Waneck (FP) konfrontiert wurde, sind die Krankenkassen. Die Diagnose war
eindeutig: ein Finanzdefizit von 3,37 Milliarden Schilling (244 Mio.EURO) für
1999, das unaufhörlich wächst. Vorhersehbar für 2000 ist ein Minus
von 5,5 Milliarden (399 Mio. EURO), 2001 werden zwischen sechs und neun Milliarden
befürchtet.
Bei der Therapie des Kassendefizits scheiden sich aber die Geister. Bei einer von
Sozialministerin Elisabeth Sickl (FP) für heute, Donnerstag, einberufenen "Gesundheitsenquete"
sollen Vertreter der Krankenkassen, der Apotheker- und Ärztekammer sowie der
Pharmaindustrie gemeinsam Lösungsmodelle zur Finanzierung der insgesamt 24
Krankenkassen diskutieren.
Waneck selbst zeigt sich in alle Richtungen gesprächsbereit und stellt klar:
"Wir haben kein Qualitäts-, sondern ein Finanzierungsproblem." Mit
einer einzigen Maßnahme alleine - wie etwa den kolportierten Selbstbehalten
- könne allerdings nicht die gesamte Finanzmisere langfristig gelöst werden.
"Es reicht nicht, nur das vorhandene Minus abzudecken. Wir müssen auch
langfristige Lenkungseffekte erzielen, um zukünftige Abgänge zu vermeiden",
gab Waneck die Richtung vor.
Die Schwerpunkte seien mit dem Regierungsprogramm vorgegeben. Dazu zählen etwa
der Ausbau des extramuralen Bereiches, die Psychotherapie, der Ausbau von
Rehabilitationseinrichtungen und die Verdichtung des niedergelassenen Bereiches.
"Im Mittelpunkt unserer Überlegungen muss der Mensch stehen", so
Waneck. Sein Ziel sei eine sozial ausgewogene Lösung. Zum Thema Selbstbehalt
hatte zuletzt Ministerin Sickl erklärt, dieser solle nur dann eingeführt
werden, wenn die Kassen mit Rationalisierungsmaßnahmen ihr Defizit nicht selbst
in den Griff bekommen. Die ÖVP hatte jedoch auf die Einhaltung des Koalitionsabkommens
gepocht, wo festgehalten ist, den Kassen die Möglichkeit zur Einführung
von Selbstbehalten zu gewähren.
In der Zwischenzeit wurden die österreichischen Apotheken, so die Standesvertretung,
"kreativ". Sie wollen den Krankenkassen einen neuen Rabatt für Medikamente
geben. Kammerpräsident Herbert Cabana: "Die Apotheken werden in den nächsten
fünf Jahren als Solidaritätsbeitrag rund 1,5 Milliarden Schilling (109
Mio.EURO) zahlen." Und dürften sich für das kleinere Übel von
dreien entschieden haben. Alternativen waren Spannenkürzungen oder Ausgabendeckelungen.
Die Kassen kritisierten wiederholt zu hohe Medikamentenkosten und Handelsspannen.
Die Gewerkschaft der Gesundheitsberufe verwies zudem darauf, dass jährlich
Medikamente im Wert von 4,6 Milliarden Schilling ungeöffnet weggeworfen würden
[siehe dazu OTS-Presseaussendung der GdG vom 2.3.]. (nim)
© DER STANDARD, 2. März 2000
Wien - Frühestens ab ersten Juli werden die Kassen Psychotherapie
auf Krankenschein bezahlen. Therapeuten können sich ab jetzt um Kassenstellen
bewerben.
Damit ist ein seit 1992 bestehendes Tauziehen zwischen Berufsverband und Sozialversicherung
beendet - möglicherweise aber noch nicht ganz. Denn obwohl das zuständige
Gremium der Psychotherapeuten den ausgehandelten Vertrag letzten Samstag mit einer
Zweidrittelmehrheit angenommen hat, wurde gleichzeitig eine Resolution
verfasst, in der wesentliche Punkte - beispielsweise die Qualifikationskriterien
- neuerlich in Frage gestellt werden. Das wird von Peter Scholz, Verhandler im Hauptverband
der Sozialversicherungsträger, "mit großer Sorge und Verwunderung"
registriert.
Künftige Kassen-Therapeuten werden mindestens 20 Wochenstunden für Patienten
zur Verfügung stehen müssen. Insgesamt sollen 415 in ganz Österreich
praktizieren, allein für Wien werden 150 gesucht. Bisher haben Patienten 300
Schilling ihrer Behandlungskosten von der Kasse rückerstattet bekommen. Dieser
Beitrag wird bis Ende 2001 auch jenen Patienten weitergezahlt, die bei Therapeuten
sind, die die strengen Kassen-Auflagen nicht erfüllen.
Die Spitze der Standesvertretung zeigt sich mit den Anforderungen - wie die Kritiker
- "nicht glücklich", wie in einer Pressekonferenz am Montag betont
wurde. Im Sinne der Patienten habe man sich aber entschlossen, die Kriterien zu
akzeptieren. Bei Wahltherapeuten werden die Kassen pro 50-Minuten-Sitzung 520 Schilling
bezahlen. Den Rest muss der Patient tragen. Eine Therapiestunde kostet zwischen
700 und 1200 Schilling. Die Kassentherapeuten werden für ihre Behandlung pro
Sitzung 650 Schilling erhalten.
Die jetzt erzielte Vereinbarung sei Grundlage dafür, dass Menschen, die eine
Psychotherapie benötigten, eine solche auch bekommen, erklärte der Wiener
Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder. (mon)
© DER STANDARD, 15. Februar 2000
Salzburg - Nach jahrelangem Ringen hat der Berufsverband der Psychotherapeuten
am Samstag einem mit der Sozialversicherung ausgehandelten Kassenvertrag zugestimmt.
Bei der nunmehr dritten Abstimmung im zuständigen Gremium ging es laut Psychotherapeutenchef
Alfred Pritz neuerlich "hochdramatisch" her. Das letzte Mal war die Zweidrittel-Mehrheit
lediglich um eine Stimme verpasst und neuerlich eine Nachverhandlung erzwungen worden.
Dieses Mal stimmten 37 der Delegierten für den Vertrag und 15 dagegen.
Ursprünglich sollte der Kassenvertrag ab April gelten. "Wir wären
bereit", sagt Pritz zum STANDARD. In der Sozialversicherung bezweifelt man,
dass es so schnell gehen wird.
Kritiker meinen, dass eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung
ohnehin nicht gewährleistet ist. Es sind so strikte Aufnahmebedingungen vorgesehen,
dass ein Großteil der bereits praktizierenden Therapeuten davon ausgeschlossen
bleiben wird. Nach einer Übergangsfrist werden deren Patienten nicht einmal
mehr wie bisher einen Teil ihrer Kosten von der Kasse rückerstattet bekommen.
(mon)
Salzburg - Die Bundeskonferenz der Psychotherapeuten hat das Verhandlungsergebnis
für einen Kassenvertrag mit dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger
am Wochenende in Salzburg neuerlich knapp abgelehnt. Nur eine Stimme fehlte auf
die notwendige Zweidrittelmehrheit.
Gegen den Protest der Opposition wurde eine neue Abstimmung für den 12. Februar
festgesetzt. Bis dahin soll das Verhandlungsteam noch einmal mit der Sozialversicherung
nachverhandeln. Eva Mückstein von der Gruppe AQA ("Arbeitsgruppe Qualifizierte
Alternative") sieht darin wenig Sinn. Das würde nichts am Prinzip ändern
- dass nämlich viele Therapeuten von einem Kassenvertrag ausgeschlossen werden,
der Vertrag sittenwidrig und eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung
nicht gegeben sei. (mon)
Wien - Ab dem "Frühsommer" könnte es in ganz Österreich
415 Kassen-Psychotherapeuten geben, heißt es im Hauptverband der Sozialversicherungsträger.
Dazwischen stehen allerdings noch schwierige Verhandlungen mit dem Berufsverband
der Therapeuten, die heute, Mittwoch, in die nächste Runde gehen.
Trotz teilweise heftiger Proteste hat die Bundeskonferenz der Psychotherapeuten
letztes Wochenende das Verhandlungsteam und - im Kern - auch das bisherige Ergebnis
bestätigt. Und das mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit, wie Jutta Fiegl, Verhandlungsleiterin
mit der Sozialversicherung, dem STANDARD berichtete. Trotzdem fürchten viele
Therapeuten, dass ihre Patienten künftig nicht einmal mehr die bisherigen 300
Schilling des Honorars von der Kasse rückvergütet bekommen, weil der Behandler
nicht den neuen Hürden der Sozialversicherung entspricht.
In Zukunft muss Erfahrung in der Behandlung von Psychosen und Suchterkrankungen
nachgewiesen werden - etwas, das in der freien Praxis kaum vorkommt und daher teilweise
in Institutionen nachgeholt werden muss, wo es wiederum kaum Jobs für Psychotherapeuten
gibt. Fiegl teilt die Bedenken vieler Kritiker, meint aber dennoch: Wer die Kriterien
erfüllen wolle, könne das auch erreichen.
Panik hält sie für überzogen: "Seit September hänge ich
ununterbrochen am Telefon. Und achtzig Prozent jener, die um die Anerkennung bei
den Kassen fürchten, schaffen die Kriterien dann doch irgendwie." Die
schärfsten Kritiker des Vertrags - die "Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative"
(AQA) - will allerdings die neuen Qualifikationskriterien überhaupt zu Fall
bringen. "Das ist eine Privatinitiative, die nichts mit uns zu tun hat",
sagt Fiegl.
Der Berufsverband wünscht sich unter anderem eine Verlängerung der Übergangsfrist
bis Ende des Jahres 2001. Darüber hinaus soll noch über Details bei der
Anrechnung von Stunden beziehungsweise über ein höheres Honorar (derzeitiger
Stand: 650 Schilling für 50 Minuten) verhandelt werden.
Peter Scholz, zuständiger Abteilungsvorstand im Hauptverband, meint, man könne
noch über Details, nicht aber über Grundsätzliches reden. Relativ
wenig Freude hat er mit der Forderung, wonach für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
andere Kriterien als für Erwachsenentherapeuten gelten sollten. Ein "Aufweichen
der Bestimmungen" kommt für Scholz "nicht in Frage". Ihm tue
es leid, dass sich der Gesamtvertrag jetzt neuerlich verzögere. Geplant war
er ab April '99.
Am 20. Jänner wollen die Psychotherapeuten erneut über den Vertrag abstimmen.
Trotz aller Probleme hätte Österreich mit diesem Kassenvertrag dann eines
der fortschrittlichsten Modelle in Europa.
Leserbrief: mailto:documentation@derstandard.atZu:
'Psychotherapie als Zitterpartie' von Martina Salomon
Salzburg - Unter dem Titel "Weiter verhandeln statt vorschnell zustimmen"
hat sich die Arbeitsgruppe "Psychotherapie auf Krankenschein" mit Sitz
in Graz am Freitag in einem offenen Brief an den Österreichischen Bundesverbandes
für Psychotherapie (ÖBVP) gewandt. Damit wollte man unmittelbar vor der
entscheidenden Sitzung in Salzburg, in der über den Entwurf für einen
Kassenvertrag abgestimmt werden sollte, noch das Ruder herumreißen.
In dem von 300 Psychotherapeuten unterzeichneten Brief werden Bedenken gegen den
Vertragsentwurf vorgebracht: Sowohl für die Klienten als auch für den
Berufsstand und die Ausbildungskandidaten werden massive Nachteile befürchtet.
Pflicht der Sozialversicherung sei es aber, eine ausreichende Versorgung der Psychotherapie
auf Krankenschein zu gewährleisten anstatt das Angebot zu gefährden und
Psychotherapeuten mit "praxisfernen Selektionskriterien in ihrer Existenz zu
bedrohen.".
Psychotherapeuten-Präsident Alfred Pritz hatte bis zuletzt versucht, seine
Mitglieder von den Vorteilen des Verhandlungsergebnisses zu überzeugen.
(red)
Wien. - Diesen Freitag müssen
die Psychotherapeuten in Salzburg darüber abstimmen, ob der zwischen ihrer
Standesvertretung und der Sozialversicherung ausgehandelte Vertrag akzeptiert wird.
Doch die Kritik daran nimmt täglich zu. Der Tenor: Es würden fachlich
nicht begründbare Hürden - nämlich Behandlungserfahrung bei Psychosen
und Suchterkrankungen - für eine Kassenpraxis vorausgesetzt. In der freien
Praxis sei man aber eher mit "Volkskrankheiten" wie Depressionen, Schlafstörungen
oder Panikattacken konfrontiert, sagt die "Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative"
(AQA).
Eine "massive Abwertung des Berufsstandes" befürchtet eine andere
Gruppe in einem offenen Brief an die Berufsvertretung. (mon)
Wien. "Es kann doch nicht angehen, dass man schon wieder auf die
Kinder vergisst - wie bei der Pflegegeldregelung!" Der prominente Kinderpsychiater
Max Friedrich zieht gegen die geplanten Bedingungen für Kassen-Psychotherapeuten
zu Felde.
Wie berichtet finden dieser Tage die letzten Verhandlungen für einen Vertrag
statt. Der Entwurf geht über die im Psychotherapiegesetz vorgeschriebenen Voraussetzungen
hinaus und wird weitere Hürden einbauen - beispielsweise ein Jahr vollberufliche
Tätigkeit in einem psychiatrischen Krankenhaus oder 1000 Stunden psychotherapeutische
Krankenbehandlungen von Psychotikern beziehungsweise Süchtigen.
Für die Behandlung von Kindern seien ganz andere Voraussetzungen notwendig,
kritisiert Friedrich: Entwicklungspsychologie, tiefenpsychologische und familiendynamische
Kenntnisse etwa. Friedrich hat sich deshalb an den Hauptverband der Sozialversicherungsträger
gewandt. Der ist gesprächsbereit.
DeAndere Kinderpsychotherapeuten schließen sich Friedrichs Ablehnung an. Renate
Strasser, Leiterin eines Beratungszentrums für Schulfragen, meint: "Die
Kinderpsychotherapeuten, die ich kenne, erfüllen die Voraussetzungen der Kasse
nicht. Und die Erwachsenentherapeuten, die zugelassen wären, können mit
Kindern nicht umgehen." Fazit: "Es wird Psychotherapie für Kinder
nicht mehr stattfinden." Zumindest nicht mit Hilfe der Kasse. Denn selbst die
bisherige Kosten-Rückerstattung - 300 Schilling pro Sitzung - wird den Patienten
(sollte der Vertrag kommen) nur mehr ein Jahr gewährt, wenn der Behandler die
Voraussetzungen erfüllt. Derzeit herrscht völlige Verwirrung darüber,
wie viele diesen Bedingungen entsprechen. Der Berufsverband meint: 80 Prozent. Doch
viele halten diese Zahl für maßlos übertrieben und glauben, es werden
weniger als ein Drittel sein. So erfülle im Bezirk Melk lediglich einer von
zwanzig die Kassen-Voraussetzungen, sagt Therapeutin Madelaine Wessely.
Der niederösterreichische Landesverband will am 26. November gegen den von
der Standesvertretung ausgehandelten Vertrag stimmen. Er sei rechts- und sittenwidrig,
versorgungsfeindlich, sachfremd und frauendiskriminierend.
Der Hauptverband wird bei einer Ablehnung Vereine mit der Patientenversorgung beauftragen,
sagt Abteilungsleiter Peter Scholz. Bei einem Vertragsabschluss werde man sich bemühen,
bezahlte Ausbildungsstellen in psychiatrischen Einrichtungen zu schaffen. Für
all jene, die zur "Nachjustierung" kommen müssen.
Den Psychotherapeuten geht es derzeit wie der ÖVP: Wählen sie die eine
Option, laufen sie Gefahr, in Schönheit unterzugehen. Nehmen sie die andere,
sind sie auf jeden Fall schwer beschädigt. Letztere ist die Annahme des Vertrages
mit der Sozialversicherung. Der hat es nämlich in sich. Ein großer Teil
der jetzt tätigen Therapeuten wird nicht als Kassenvertragstherapeuten arbeiten
dürfen, selbst wenn sie den aufwendigen Bestimmungen des Psychotherapiegesetzes
entsprechen, das mehr als 1000 Stunden Theorie und mehr als 2000 Stunden Praxis
vorschreibt. Um der Kasse zu genügen, müssten selbst jahrzehntelang praktizierende
Therapeuten sozusagen zurück auf die Schulbank - und beispielsweise monatelang
in einem psychiatrischen Spital arbeiten. Und das wahrscheinlich gratis, denn Jobs
als voll angestellte Psychotherapeuten, wie von den Kassen gefordert, gibt es in
Krankenhäusern kaum. Dafür kann, wer will, dort als Pfleger werken. Denn
das wird anerkannt.
Aber auch für Patienten hat der Vertrag unangenehme Nebenwirkungen. Bedeutet
er doch, dass sie in Zukunft nicht einmal mehr die bisher üblichen 300 (von
800 bis 1200) Schilling für ihre Therapiestunde von der Kasse zurückbekommen
werden. Nämlich dann, wenn der Behandler den Kriterien der Kassen nicht entspricht.
Doch man wechselt seinen Psychotherapeuten nicht wie ein Sakko. Gerade in diesem
Bereich ist das Vertrauensverhältnis von größter Bedeutung für
den Behandlungserfolg.
Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für Gesundheitswesen benötigen
bis zu fünf Prozent der heimischen Bevölkerung psychotherapeutische Hilfe.
Manche Schätzungen gehen noch deutlich darüber hinaus. Aber nicht einmal
ein Prozent der Österreicher leistet sich eine derartige Hilfe. Viele Kranke
sitzen stattdessen in den Praxen von Allgemeinmedizinern. Deshalb wird von den Psychotherapeuten
seit Jahren auf die "Rentabilität" ihrer Behandlung hingewiesen.
Was aber wäre, wenn - wie es derzeit aussieht - die Therapeuten dem Vertrag
Ende November nicht zustimmen? Für diesen Fall hat die Sozialversicherung mehrere
Trümpfe in der Hand. Erstens kann sie diese Behandlung dann einer Berufsgruppe
zuschieben, die trotz gegenseitiger Abneigung kalkulierbarer erscheint: den Ärzten.
Zweitens wird man Vereine mit der Versorgung beauftragen, denen man noch leichter
Bedingungen diktieren kann als einer höchst inhomogenen Berufsgruppe. Und drittens
wird man den Therapeuten Chaotentum und Fraktionierung vorwerfen, weil sie trotz
des Verhandlungsmandats ihrer Standesvertretung nie den jeweiligen Gesprächsergebnissen
zugestimmt haben.
Die Lage ist mehr als misslich: Ein Kassenvertrag mit den Psychotherapeuten wäre
ein großer Fortschritt für die Patienten. Doch die Kriterien sind so
strikt, dass sich das Ganze als Bumerang für alle Beteiligten entpuppen könnte.
Nicht nur die Großparteien befinden sich zur Zeit in einer Doppelmühle.