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Kassen können Sparpläne der Regierung nicht erfüllen
Hauptverbandsdirektor: Tiefe Sorge


Der Standard, 17./18.6.2000
Martina Salomon

Wien - Die Sparvorgaben der Regierung an die Sozialversicherung seien unerfüllbar, sagt Hauptverbands-Direktor Josef Probst in einem STANDARD-Gespräch.

So schreibt die Regierung bei den (stark steigenden) Medikamentenausgaben eine Kostenreduktion um 2,5 Milliarden Schilling vor. Mehr als eine Milliarde Einsparung sei aber gar nicht drinnen, prophezeit Probst.
"Meine tiefe, tiefe Sorge ist, dass die soziale Krankenversicherung und das Gesundheitswesen mit dem Defizit allein gelassen und finanziell ausgehungert werden."

Damit könnte der Boden für "Teil zwei des Regierungsprogramms" aufbereitet werden, sagt Probst. Er höre bereits Andeutungen aus dem Sozialministerium, dass die Pflichtversicherung von einer Versicherungspflicht abgelöst werden könnte. (Das hieße ein Wahlsystem à la Kfz-Versicherung. Das könnte Nachteile für Alte und Kranke bringen sowie die Verwaltungsausgaben - durch höhere Werbekosten - in die Höhe treiben, wie der Hauptverband nicht müde wird zu erklären.) Das bewege ihn jedenfalls mehr als die Spitalsfinanzierung, zu der diese Woche ein Gipfel mit allen Beteiligten stattfand, meint der Direktor. "Da ist bei uns ohnehin nix zu holen."

Allerdings hält die FPÖ den Kassen vor, beim Defizit (heuer voraussichtlich 5,7 Milliarden Schilling) bewusst schwarz zu malen, um nicht stärker für die Krankenhausbezahlung herangezogen zu werden. Probst empfindet das als "absurden Vorwurf". Das bedürfte einer doppelten Buchhaltung und sei unter den Augen der Aufsichtsbehörde wohl kaum zu bewerkstelligen.

Er wirft seinerseits der Regierung einen "unintelligenten" Sparkurs vor. Die geforderten niedrigeren Verwaltungsausgaben könnten dazu führen, dass beim Controlling gespart werden müsse, was letztlich wieder die Gesamtkosten erhöhe.

Auch das Argument, dass weniger Patienten ins Spital gehen sollten, weil es "draußen" billiger sei, ist für Probst eine Milchmädchenrechnung. Wenn weniger Patienten ins Krankenhaus kommen, werde es nicht automatisch viel billiger. Allein eine von den elf Milliarden Schilling Ambulanzkosten wird nur für Dialyse ausgegeben, rechnet er vor. Außerdem fehle ohnehin das Geld, um die Gesundheitseinrichtungen außerhalb der Spitäler auszubauen.

Die Sozialversicherung fordert die Zweckbindung eines Teils der Tabak-, Alkohol- und Mineralölsteuer sowie höhere Beiträge für alle Versicherten. Nur 0,1 Prozent mehr würden 1,5 Milliarden Schilling höhere Einnahmen bedeuten. Man verhandle auch mit den Ärzten, sagt Probst. Und die seien erfreulicherweise bereit, über mehr Kostenverantwortung zu reden.

Selbstbehalt für Psychotherapie
Anfang Juli soll jedenfalls im Parlament das Sozialrechtsänderungsgesetz 2000 beschlossen werden. Und da geht es um eine Menge von "Schandtaten", wie sich Probst ausdrückt - beispielsweise eine Verkürzung der maximalen Krankenstandszeit. Von all den anderen Aufregern verdeckt verbirgt sich darunter auch ein 20-prozentiger Patientenselbstbehalt für eine Leistung, die es noch nicht ernsthaft gibt: Psychotherapie auf Krankenschein. Das treibt die neu gewählte Präsidentin des Psychotherapeutenverbandes, Margret Aull, auf die Barrikaden. Probst teilt ihre Bedenken. Es sei eher merkwürdig, einen Selbstbehalt einzuführen, bevor überhaupt Vollversorgung bestehe.


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Keine Psychotherapie - ein Kunstfehler

Der Standard, 05.06.2000

Wien - "In Zukunft wird es ein medizinischer Kunstfehler sein, wenn man bei gewissen Krankheitsbildern nicht auch Psychotherapie anbietet", sagt ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger. Er stützt sich dabei auf eine in der gewichtigen Medizinzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlichte neue Studie. Sie hat ergeben, dass die optimale Behandlungsform für chronisch Depressive eine Mischung aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung ist. Ähnliche Publikationen gibt es auch bereits über Panikattacken.
"Es mehren sich die Hinweise, dass Psychotherapie eine hohe Wirksamkeit in der Krankenbehandlung hat", sagt Rasinger. In Österreich seien die Barrieren für Patienten aber sogar noch eher höher geworden. Es herrsche Zwei-Klassen-Medizin, die Preise seien gestiegen. Pro Behandlungseinheit werden 800 bis 1200 Schilling verrechnet, die Kasse zahlt davon aber nur 300 Schilling zurück.
Ein fertiger Kassenvertrag mit den Psychotherapeuten ist kürzlich am Veto einzelner Kassen (unter anderem jener der Bauern) gescheitert. Die Funktionäre hatten unter anderem finanzielle Bedenken geäußert. Bei Medikamenten leiste man sich jährliche Kostensteigerungen um drei Milliarden Schilling. "Da wird der Fortschritt locker gezahlt." Und bei der Psychotherapie seien 300 bis 500 Millionen ein unüberwindliches Problem, kritisiert Rasinger. Österreich hätte aber die Chance, weltbestes Land bei psychotherapeutischer Behandlung zu werden.
Der Abgeordnete und Arzt wünscht sich einen neuerlichen Anlauf für einen Gesamtvertrag. Das wird allerdings schwierig werden. Denn die neu gewählte Führung des Psychotherapeutenverbandes hat den vorliegenden Vertrag seit jeher abgelehnt. (mon)


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Warnungen vor einer "Zwei-Klassen-Medizin"

Der Standard, 19.05.2000

Wien - "Bevor die Regierung Selbstbehalte für Kranke einführt und Beitragssenkungen für Arbeitgeber beschließt, sollte sie wirksame Maßnahmen gegen die ständig wachsenden Beitragsschulden der Dienstgeber setzen", meinte Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, am Freitag in einer Aussendung. Derzeit würden die Arbeitgeber den Krankenkassen rund neun Milliarden Schilling an Beiträgen schulden, so Bittner. Im Gegensatz zur Behauptung des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider (F), wonach die Krankenversicherungen bedingt durch "Unfähigkeit" und "Schlamperei" ein bis zwei Mrd. S für die Spitalsbehandlung ausländischer sozialversicherter Patienten nicht einfordern und damit "verschenken" würden, würden die Krankenversicherungsträger im Wege des Hauptverbandes alle Behandlungskosten für ausländische sozialversicherte Patienten hereinholen. Alle damit verbundenen Verwaltungstätigkeiten würden die Kassen unentgeltlich für die Länder erbringen und diesen damit Zeit und Geld ersparen, so Bittner. Die Außenstände der Wiener Spitäler für ausländische sozialversicherte Patienten würden gegenwärtig nicht - wie von Haider behauptet - 500 Millionen S, sondern 47 Mill. S betragen.

Bitte warten
Der Gesundheitssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, forderte indessen, dass die gesetzliche Verpflichtung, Psychotherapie kostendeckend zu finanzieren, "nach über siebenjährigem Warten endlich eingelöst werden" müsse. Nur damit könne die "jahrelange Diskriminierung psychisch Kranker als Patienten 'zweiter Klasse' " beendet werden, so Grünewald. Die Notwendigkeit eines gesetzlichen Leistungsanspruchs auf eine "angemessene und qualitiativ hochwertige" Psychotherapie erachte er, Grünewald, als gesundheitspolitisch dringend erforderlich. Da sich gegenwärtig sozial Schwache kaum eine Psychotherapie leisten könnten, komme es in diesem Bereich zu einer "Zwei-Klassen-Medizin".
Außerdem meinte Grünewald, dass durch eine flächendeckende psychotherapeutische Versorgung beträchtliche Einsparungen des Medikamentenverbrauchs erzielt und eine Reduktion vermeidbarer Krankenstände erreicht werden könnten. (APA)


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Kopf des Tages

Margret Aull, Präsidentin der Psychotherapeuten
Therapie für den gespaltenen Berufsverband


Der Standard, 10.05.2000
Martina Salomon

Sie übernimmt die Stafette in einer der größten Krisen des Berufsverbandes der Psychotherapeuten: Die 42-jährige Tirolerin Margret Aull wurde am Wochenende mit sensationeller Zweidrittelmehrheit zur Präsidentin des Psychotherapeutenverbandes gewählt. Mithilfe einer Fraktion, die erst vor acht Monaten gegründet worden ist.
Doch die "AQA" (Arbeitsgruppe Qualifizierte Alternative), die von der bisherigen Regierungsmannschaft noch vor kurzem als "Privatinitiative" abgetan wurde, stand praktisch von Beginn an im Wahlkampf. Ihr Gründungsmotiv war die scharfe Ablehnung des Kassenvertrages, den Sozialversicherung und Therapeuten ausgehandelt hatten. Angeprangert wurde dabei auch die Verbandsspitze - besonders der langjährige (und erste) Präsident Alfred Pritz.
Der Verband hat sich bereits vor zwei Jahren in "Pritzisten und Antipritzisten" gespalten, wie es ein Insider spöttisch formuliert, und Aull gehörte zu den Letzteren. Pritz trat dieses Mal nicht mehr zur Wahl an und schickte ebenfalls eine Frau ins Rennen. Sie unterlag ebenso wie übrigens das alte "Pritz-Team" im Wiener Landesverband. Möglich ist, dass auch noch das Scheitern des heftig umstrittenen Kassenvertrages Ende April eine Rolle gespielt hat.
Aull, die kurz nach der Gründung zu AQA stieß, will auf alle Fälle weiter verhandeln. "Schließlich sind wir ja nicht Bittsteller, sondern haben auch ganz viel zu bieten." Der neuen Präsidentin wird bescheinigt, was der bisherigen Führung angeblich abging: Integrationskraft. Kollegen attestieren ihr Eloquenz und Standing in schwierigen Situationen. Besonders Letzteres wird sie wohl brauchen.
Im Juni will Aull das schwierige Amt übernehmen. Sie lässt sich dafür von ihrem Job in einem Innsbrucker Kinderschutzzentrum karenzieren, bleibt aber frei niedergelassene Therapeutin in einer Gemeinschaftspraxis.
Ursprünglich hat die gelernte Sozialpädagogin gar nicht angestrebt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, eines prominenten Gruppendynamikers. Weil sie an sich selbst arbeiten wollte, habe sie eine Psychoanalyse begonnen und Geschmack daran gefunden, diese Behandlungsform selbst zu betreiben, sagt Aull.
Auch außerhalb der Standesvertretung agiert sie politisch - etwa als Teilnehmerin der jüngsten Antiregierungs-Demonstrationen. Die in ihrem Erscheinungsbild ein wenig alternativ angehauchte, groß gewachsene Frau mit dem Hennaschopf ist kinderlos und ledig. Ihre Hobbys: Reisen, Lesen, Tanzen, Kochen.
Sie will die Spaltung im jüngsten Berufsverband Österreichs (er ist erst acht Jahre alt) beenden. DER STANDARD fragte ihren Vorgänger, was sie für ihre neuen Aufgaben brauchen werde. "Humor und Geduld", meint Pritz.

© DER STANDARD, 10. Mai 2000


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Psychotherapeuten: Neu gewählte Chefin will Kassenvertrag
Selbstbehalt lehnt Margret Aull nicht prinzipiell ab

Der Standard, 09.05.2000

Wien - Sie will die geplatzten Psychotherapie-Ver handlungen mit der Sozialversicherung auf ein neues Gleis stellen: Margret Aull ist seit dem Wochenende gewählte Chefin des Psychotherapeu tenverbandes und wird dieses Amt in einem Monat vom Langzeitpräsidenten Alfred Pritz übernehmen. Die 42-jährige Innsbruckerin ist ausgebildete Erziehungswissenschafterin, Psychotherapeutin und - wie ihr Vorgänger - Psychoanalytikerin.
Die neue Präsidentin ist Kandidatin der bisher oppositionellen Gruppe "AQA", die sich vor allem mit Kritik am ursprünglich ausgehandelten Vertrag mit der Sozialversicherung einen Namen gemacht hatte. Der müsse noch einmal aufgerollt werden, sagt Aull im Standard-Gespräch - eine Meinung, die in der Sozialversicherung keinesfalls geteilt wird. AQA hatte sich immer an den hohen Hürden gestoßen, die den Therapeuten für einen österreichweiten
Kassenvertrag auferlegt worden wären.
Wie berichtet war dieser Vertrag an einem Veto von vier Kassen - Bauern, Beamte, Tirol und Vorarlberg - gescheitert. Nun müssen die einzelnen Kassen selbst versuchen, ihren Patienten Psychotherapie anzubieten. Einen Selbstbehalt - wie er zuletzt diskutiert wurde - lehnt Aull nicht prinzipiell ab. Für sozial Schwache dürfe es diese Hürde aber nicht geben. In Tirol bietet die Kasse mit Vereinen Psychotherapie an - dieses Modell wäre auch für ganz Österreich denkbar, sagt Aull. Sie müsse sich aber zunächst die Ideen aus den anderen Bundesländern anschauen.
Aull arbeitet in einem Kinderschutzzentrum und wird sich von diesem Job karenzieren lassen. Was sie von ihrem Vorgänger unterscheide? Ein neuer Stil, antwortet sie. Pritz habe Führung als "vordenken und besser wissen als die Basis" verstanden. Sie wolle selbst zwar auch Vordenkerin sein - aber "in Rückkoppelung mit der Basis". (mon)


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Neue Chefin für die Psychotherapeuten

Der Standard, 08.05.2000

Die Innsbrucker Psychotherapeutin Margret Aull wurde mittels Briefwahl zur neuen Präsidentin des Psychotherapeutenverbandes gewählt. Sie trat für die oppositionelle Gruppe "AQA" an. Alfred Pritz - ein Jahrzehnt oberster Standesvertreter - hatte nicht mehr kandidiert. (mon)


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