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PSYCHOTHERAPIE
Methodenvielfalt: Heilende Arbeit - Wege zur Therapie


Der Standard, 18.4.2001

Aus Studien ist bekannt, dass der Leidensweg, bis psychosomatische Störungen diagnostiziert werden, rund fünf bis sieben Jahre dauert. "Es gibt sehr viele Leidenszustände, die durch Psychotherapie gelindert werden können", meint Margret Aull, Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie, und wünscht sich, dass Ärzte die psychische Komponente ernster nehmen sollten. In der bei Psychotherapie notwendigen Mitarbeit der Klienten und dem emanzipatorischen Ansatz, der dieser Methode innewohnt, sieht sie den Grund, warum Psychotherapie nach wie vor im Gesundheitssystem noch nicht umfassend Fuß fassen konnte.
Ergibt eine vollständige medizinische Untersuchung keinen Hinweis auf somatische Leiden, liegen die Vorteile einer psychotherapeutischen Behandlung darin, dass das Schmerz verursachende Phänomen an seiner Wurzel behandelt werden kann. "Mehr noch als bei anderen Heilmethoden braucht es dabei die Mitarbeit der betroffenen Klienten", meint Aull zu dem oft schmerzhaften Prozess und verweist darauf, "dass Seelenwunden gereinigt gehören, und dies, bevor es zur Heilung kommt, auch weh tun kann".

Kunsttherapie

Innerhalb des breiten Spektrums an psychotherapeutischen Methoden bietet das Polycollege Stöbergasse einen Lehrgang für das in Österreich noch relativ neue Berufsfeld der Kunsttherapie an. Dieser Lehrgang startet - nach vorheriger Anmeldung - mit einem Aufnahmegespräch am 16.6.2001. Kunsttherapie beschäftigt sich mit Selbstfindungs- und Weltfindungsprozessen und ist eine künstlerische Arbeit im sozialen Environment. Dabei werden künstlerische Techniken als Integrations- und Formbildungsprozesse in der Arbeit mit sowohl psychisch als auch körperlich behinderten Menschen eingesetzt. Diese Therapie will Menschen mit einem gehemmten, gestörten soziokulturellen Austausch durch unterschiedliche musisch-bildnerische Ansätze therapieren. Sie stellt die gestörten, krank gewordenen Äußerungen des Lebens in den Mittelpunkt ihres Interesses. Die Veranstalter sprechen mit ihrem Lehrgang aber nicht nur Mitarbeiter von rehabilitativen Einrichtungen und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung an, sondern alle, die etwas in ihrem sozialen Umfeld bewirken möchten. (malech)


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Der richtige Weg?
Betrifft: Bericht über Zunahme psychischer Erkrankungen Der Standard, 4. 4. 2001


Leserbrief
Der Standard
, 6.4.2001

Ich gehe davon aus, dass beim "Vorantreiben der Dezentralisierung der Versorgung der Patienten mit psychischen Störungen und Erkrankungen" nicht auf die Psychotherapie vergessen wird. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Studie von 1997 ("Ambulante psychotherapeutische Versorgung in Österreich") hinweisen. Darin wird deutlich, dass ein Hindernis der Inanspruchnahme von Psychotherapie die geringe Kostenbeteiligung der Kassen ist (300 S Zuschuss für die Heilbehandlung). Einerseits die (außer Streit stehende) Notwendigkeit von Psychotherapie zu propagieren und andererseits die Kosten dafür den Einzelnen zu überlassen erscheint mir als Weg in eine Dezentralisierung zu wenig.

Theresia Hollerer, 1120 Wien


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Mehr psychische Erkrankungen:
Jährlich rund 2000 Suizide - Depressionen oft falsch behandelt


Der Standard, 4.4.2001

Wien - Psychiatrische Erkrankungen, vor allem Alzheimer und Depressionen, treten immer häufiger auf. Dies erklärten Dienstag Fachärzte bei der Gründungsmatinee der "Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie" in Wien.
Staatssekretär Reinhart Waneck (FP) will in den kommenden Jahren ganz besonders die Dezentralisierung der Versorgung von Patienten mit psychischen Störungen und Erkrankungen vorantreiben. "Das Prinzip ist im Grunde relativ einfach", so Waneck: "Ambulant kommt vor stationär. Wenn aber eine stationäre Aufnahme benötigt wird, sollte sie so gemeindenah wie möglich erfolgen können." Diese angestrebte Struktur müsste im Lichte der epidemiologischen Veränderungen zügig erreicht werden.
Walter Schöny, Präsident der neuen Gesellschaft: "Man muss damit rechnen, dass jeder Vierte in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen ist." Und: Man habe errechnet, dass auf der Welt alle 40 Sekunden ein Mensch Suizid begeht.

Unzureichend definiert

"Das Grundproblem ist, dass die Betroffenen bei Depressionen nicht unter einem definierten Krankheitsgefühl leiden und daher die Notwendigkeit einer Behandlung oftmals nicht erkannt wird", erklärte Harald Schubert, Leiter des psychiatrischen Krankenhauses des Landes Tirol in Hall. In Österreich ist die Zahl der Suizidopfer mit jährlich knapp 2000 doppelt so hoch wie die der Verkehrsopfer. Insgesamt erlebten laut Schubert rund 20 Prozent der suizidgefährdeten depressiven Patienten einen Klinikaufenthalt - aber oft in der falschen Abteilung. Eine österreichische Studie hat aufgedeckt, dass rund 25 Prozent der Patienten mit Depressionen auf der Internen statt auf der Psychiatrie landen. "Aber nicht aufgrund von Fehldiagnosen, sondern aufgrund der noch immer hoch akuten und weit verbreiteten Berührungsangst mit der Psychiatrie an sich", meinte Schubert. Denn trotz moderner Entwicklungen ringe das psychiatrische Krankenhaus auch heute noch mit hartnäckigen Vorurteilen. "Sicherlich zu Unrecht, denn niemand würde auf eine Chirurgie gehen, um ein Kind zu gebären oder auf die Urologie, um einen Herzinfarkt behandeln zu lassen", so Schubert.
Die Tendenz von psychiatrischen Erkrankungen zeige international nach oben, erklärte Wolfgang Fleischhacker, Vorstand der psychiatrischen Universitätsklinik in Innsbruck: "Es gibt dafür vielerlei Erklärungen. Am besten dokumentiert ist die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung. Demenzerkrankungen und Depressionen treten im Alter viel häufiger auf." Andererseits zeige sich bei klassischen psychiatrischen Erkrankungen wie etwa der Schizophrenie keine Zunahme. (APA/red)


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Psycho-"Bund" klagt Psycho-"Land":
Wiener Therapie auf Krankenschein "unseriös"


Der Standard, 8.2.2001

Wien - Die Wiener Vereinbarung über Psychotherapie auf Krankenschein sei "nicht akzeptabel" und werde "sehr bald auch die Patienten aufregen", befindet Margret Aull, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP). Menschen auf der Suche nach psychotherapeutischer Hilfe, gezwungen zu langwierigen Telefonaten, um freie "Kassenplätze" aufzutreiben, oft abgefertigt mit der Auskunft: "Eine Stunde hab' ich noch, mehr nicht"; eine "rechtswidrige und unseriöse" Situation.
Deshalb, sagt die oberste Bundespsychotherapeutin, habe der ÖBVP durch die Anwältin Eva Plaz Klage erheben lassen und eine einstweilige Verfügung auf Aussetzung der Wiener Kassenregelung beantragt. Wegen Verstoßes gegen den freien Wettbewerb und die guten Sitten sowie wegen Umgehung des ASVG. Als Beklagte: sämtliche Vertragspartner im Rahmen der "Wiener Lösung", Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und zwei "Versorgungsvereine", einer davon gegründet vom "Wiener Landesverband für Psychotherapie" (WLP). Psycho-"Bund" klagt Psycho-"Land".
Man sei sich der Tragweite der Klage bewusst, bekräftigt die ÖBVP-Kassenverantwortliche Eva Mückstein. Doch: "Gegen Machtmissbrauch muss vorgegangen werden", und es gebe ja auch, zum Beispiel in Tirol, gelungenere Krankenkassen-Lösungen.
Die seit 1. 1. 2001 in Wien geltende Regelung jedoch - die WGKK finanziert 40.000 Stunden Therapie auf Krankenschein um je 650 Schilling (47,2 Euro) - werde "in Niederösterreich und der Steiermark schon bald Präzedenzwirkung haben". Samt der von den Vertragspsychotherapeuten verlangten Zusatzqualifikationen, die "für mehr als die Hälfte aller frei praktizierenden Therapeuten mittelfristig das Aus bedeuten".

Anbieterbeschränkung

Damit sind die Nachweise über Arbeitserfahrung mit Psychiatrie-, Sucht- oder Borderlinepatienten gemeint, die sich in den mittlerweile fast zehn Jahren sich ziehenden Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Therapeuten zum Zankapfel entwickelt haben. Die Kassen bestünden auf solchen Auswahlverfahren zur "Anbieterbeschränkung", weiß WLP-Vorsitzender Hans Laubreuter.
Im Sinne moderner Gesundheitsökonomie gingen die Kassen davon aus, dass auch im Psychobereich "ein mehr an Angebot ein Mehr an Nachfrage nach sich zieht". Nachsatz: "Wir als Versorgungsvereinsgründer und Kassen-Vertragspartner betrachten die 'Wiener Lösung' nicht als das Gelbe vom Ei. Doch unsere Herangehensweise ist eben pragmatisch."
Mit härteren Geschützen fährt WGKK-Obmann Franz Bittner auf. Es sei nicht die Aufgabe der Kassen, sich "um die Einkommenssicherung der Psychotherapeuten zu kümmern". Vielmehr handle er im Sinne des Versorgungsauftrags. Der Klage sehe er "gelassen entgegen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gericht unsere Arbeit missbilligt." (bri)


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Wer krank ist, blecht

Der Standard, 22.12.2000
Martina Salomon

Ist ein Selbstbehalt beim Arzt sinnvoll? Ja, weil die Österreicher ohnehin zu oft in den Ordinationen sitzen, sagen die einen. Nein, weil es Arme besonders trifft, sagen die anderen. Wer wirklich ernsthaft krank ist, kann zu dieser Debatte nur müde lächeln. Zahlt doch die Krankenkasse schon jetzt so viele Behandlungsmethoden nicht, dass es für Gesunde kaum zu glauben ist.
Beispiel Krebs: International gilt längst als unbestritten, dass Psychotherapie den Heilungserfolg der schulmedizinischen Betreuung erhöht. Im Spital ist so eine Betreuung aber bestenfalls in Spurenelementen und nie kontinuierlich zu erhalten. Der Kranke begibt sich daher auf den Markt und erhält von der Kasse zehn Therapiestunden genehmigt. Sprich: Die Sozialversicherung übernimmt bestenfalls ein Drittel der Kosten. Längere Therapien werden übrigens nur bei besonderen Problemen unterstützt. Allein eine Chemotherapie kann aber 18 Wochen (mit Unterbrechungen) dauern. Immerhin ist zumindest die Wiener Gebietskrankenkasse bemüht, demnächst mehr Psychotherapie auf Krankenschein zur Verfügung zu stellen.
Krebspatienten nehmen sinnvollerweise meist auch noch komplementäre Therapien in Anspruch, schlucken Vitamine, Mistelpräparate und andere Homöopathika, um die belastende "Chemo" auszugleichen. Am Wiener AKH gibt es sogar eine komplementärmedizinische Ambulanz. Nur: Auf einen Termin wartet man monatelang. Dazwischen landen Schwerkranke wieder am Markt: und geben für einen Ganzheitsmediziner etwa 1600 Schilling pro Behandlung aus - selbstverständlich aus eigener Tasche. Null Chance auf Kassenzuschuss. 20.000 Schilling zahle sie monatlich für Therapien abseits der Schulmedizin, berichtet eine Brustkrebspatientin dem STANDARD.
Fazit: Ein Selbstbehalt beim Arzt ist durchaus diskussionswürdig. Aber nur, wenn die Kassen im Krankheitsfall dann auch wirklich alle Behandlungsmethoden zahlen.


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Therapeuten fürchten "Verschleierung"
Sorge nach Einigung mit Krankenkasse


Der Standard, 16.11.2000
Irene Brickner

Wien - "Ich bin gespalten", sagt Egon Urban, Vorsitzender des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie (WLP). Zwar verstehe er die "Finanznöte und Sparzwänge" der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Doch die am Montag verkündete Einigung über Psychotherapie auf Krankenschein in der Bundeshauptstadt ab 1. 1 .2001 schaffe "negative Präjudize für die laufenden Verhandlungen in Niederösterreich, dem Burgenland und der Steiermark". Die geplante Regelung deckt 40.000 Stunden Psychotherapie auf Krankenschein im Jahr 2001 ab - die Therapeuten erhalten je 650 Schilling (47,2 ). In den folgenden Jahren soll das Kontingent auf 60.000 Stunden aufgefettet werden. Macht - unter Bedachtnahme der in eigenen Kassenambulatorien geleisteten 90.000 Behandlungseinheiten - insgesamt 150.000 Stunden, die Kassenpatienten jährlich zur Verfügung stehen werden. Eine laut WGKK-Obmann Franz Bittner "glückliche Lösung", die am 26. November vom obersten WGKK-Gremien endgültig beschlossen werden soll.
Diese Einschätzung teilt die Präsidentin des - österreichweit agierenden - Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) Margret Aull nicht. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge seien in Wien jährlich 500.000 Stunden Therapie angesagt. Weshalb die "Einigung eigentlich eine Verschleierung" darstelle: die "Fiktion flächendeckender Versorgung, wie das Gesetz sie vorsieht".
Egon Urban indes will den vereinbarten Vertrag einer "Abstimmung unter den Vereinsmitgliedern" unterziehen. Nach dem Ja der WGKK.


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Wieder ein Anlauf für Psychotherapie auf Kasse

Der Standard, 10.11.2000

Wien - Eine Versorgung mit Psychotherapie auf Krankenschein in ganz Österreich - das ist der Wunsch des Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP) zum zehnten Geburtstag des Psychotherapiegesetzes. Es habe schon "etwas Skandalöses an sich", dass die Sozialversicherung vor einiger Zeit eine Beitragserhöhung mit ihrem psychotherapeutischen Versorgungsauftrag verteidigt habe - und nun behaupte, kein Geld dafür zu haben, findet ÖBVP-Präsidentin Margret Aull. Sie möchte dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger das Tiroler Modell schmackhaft machen. Dort hat die Krankenkasse einen Vertrag mit Vereinen abgeschlossen, die Psychotherapie auf Krankenschein anbieten. Darüber entscheidet ein Fachgremium aus Psychiatern, die auch als Psychotherapeuten arbeiten. Der Behandler erhält 800 Schilling pro Sitzung. Je nach Schwere der Krankheit und Einkommenssituation des Patienten ist die Behandlung gratis. Alle anderen zahlen einen gestaffelten Selbstbehalt. Anderswo werden Patienten viel kräftiger zur Kasse gebeten. Denn der gängige Kassen-Zuschuss von 300 Schilling pro Sitzung entspreche unterm Strich einem Selbstbehalt von 60 bis 75 Prozent. Ein "unzumutbarer Zustand", wie Aull in einer Pressekonferenz am Donnerstag meinte.

In mehreren Bundesländern basteln die Kassen derzeit an regionalen Angeboten. Das seien aber eher "Kleinstlösungen", befürchten die Standesvertreter der Therapeuten. In der Bundeshauptstadt ist ein Kontingent von 40.000 Stunden jährlich vorgesehen. "Das ist für Wien gar nichts", warnt Aull. Ursprünglich war von 150.000 Stunden die Rede gewesen. (mon)


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PSYCHOTHERAPIE: Das lukrative Geschäft mit der Seele

Kritiker finden das System der Psychotherapie in Österreich mafios. Bemängelt wird auch die fehlende wissenschaftliche Absicherung der Methoden. Martina Salomon nahm die Psycho-Szene unter die Lupe.


Der Standard, 18.9.2000

Psychotherapie wirkt. Darüber herrscht in Österreich erstaunlich hoher gesellschaftlicher Konsens. Keine Person des öffentlichen Lebens würde dies mittlerweile laut in Zweifel ziehen. Kritik an problematischen Methoden oder fehlerhafter Behandlung? Gibt es nicht.
Doch in Deutschland - wo Psychotherapeuten übrigens im Gegensatz zu Österreich seit einem Jahr in eigenen Kassenpraxen ordinieren dürfen - versuchte kürzlich Der Spiegel eine kontroversielle Debatte über die Seelenheiler anzustiften. Er ließ die Psychotherapie von einem Gastautor auf stattlichen neun Seiten als "größtes Placebo des Jahrhunderts" vernichten.
Gerhard Stumm - Wiener Therapeut, Buchautor und Ausbildungsleiter für personenzentrierte Psychotherapie - hat eine derartige Diskussion längst erwartet: "Weil die Hoffnungen in die Psychotherapie zu hochgeschraubt sind. Sie ist kein Allheilmittel und hat natürlich auch Grenzen. Und ohne Motivation des Patienten haut es überhaupt nicht hin." Eine kritische Debatte findet Stumm daher gar nicht so schlecht.
Dem pflichtet Wolfgang Friedl, gerichtlicher Sachverständiger für Psychologie mit Begeisterung bei. Er kritisiert als Einziger seit Jahren ebenso vehement wie erfolglos die Strukturen der heimischen Psycho-Branche. "Mafiaartig" nennt er die. Seine These: Künftige Therapeuten "kaufen" sich ins System ein, indem sie mindestens 200.000 Schilling - meist aber viel mehr - für ihre Ausbildung in Vereinen hinblättern. Die Ausbildungskosten kommen für viele erst wieder dadurch herein, dass sie selbst zu Trainern werden. Geschätzte 400 Mio. S im Jahr teilen sich rund 400 Ausbildner. Sie - das "Establishment der Psychotherapie - sitzen wiederum im Psychotherapiebeirat und bestimmen dort, wer und welche Methode anerkannt werden. Einige aus diesem illustren Kreis befinden sich aber auch gleich in Doppelfunktion an den Unis. Daher gebe es auch keine vernünftige, kritische wissenschaftliche Evaluation.
Der Systemfehler setzt sich nach Meinung Friedls bis in die Praxen fort: "Wer einen Patienten erwischt, hält ihn fest." Schließlich seien viele junge Therapeuten schon wegen ihrer Ausbildung schwer verschuldet. Viele Klienten bleiben deshalb unnötig lang - oft Jahre - in Therapien, die sie eventuell nur wegen eines Beziehungsproblems aufgenommen haben. Weil Einzelpraxen jeder sozialen Kontrolle entzogen seien, wären auch sexuelle Verhältnisse mit Patientinnen zunehmend üblich. Friedls Rezept dagegen: "Schluss mit Privatpraxen, her mit Ambulatorien!"
Doch genau für diese Privat-- und am besten Kassenordinationen hat die Berufsvertretung der Psychotherapeuten jahrelang gekämpft. Im Moment schaut es dafür allerdings nicht mehr rosig aus. Ein Gesamtvertrag ist geplatzt, die Länder sind am Zug. Die Salzburger Krankenkasse hat aber beispielsweise schon signalisiert, dass man dafür im Moment kein Geld habe. Die Krankenversicherung hat immer Ambulatorien favorisiert.
Im Kampf um einen Vertrag ist die Diskussion um Inhalte völlig in den Hintergrund getreten. Gerade Ärzte meinen häufig hinter vorgehaltener Hand, dass die positive Wirkung von Psychotherapie vor allem auf der Zuwendung des Therapeuten beruhe - gleichgültig, von welcher Ausbildungsrichtung er kommt. "Fast die Hälfte des Gesamterfolgs hängt vom Beziehungsangebot des Therapeuten an den Klienten ab", bestätigt Stumm.
Im 1991 veröffentlichten deutschen "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes" (Grawe) wurde lediglich der Verhaltenstherapie und der Gesprächstherapie der empirische Nachweis einer Wirksamkeit in der Krankenbehandlung attestiert.
In Deutschland gelten strenge Auswahlverfahren, bisher werden ausschließlich Psychoanalytiker, Tiefenpsychologen und Verhaltenstherapeuten von den Kassen bezahlt. In Österreich hingegen sind nicht nur exakt 5195 Psychotherapeuten registriert, sondern auch 17 verschiedene Methoden anerkannt. Zuständig dafür ist der Psychotherapiebeirat, der allerdings nur die Ausbildungseinrichtung beurteilt. Rein theoretisch wird auch der Nachweis einer Wirksamkeit verlangt. Um Aufnahme in den Kreis der anerkannten Methoden kämpfen in Österreich derzeit noch weitere Schulen, etwa das Neuro-linguistische Programmieren, die "positive Psychotherapie" sowie die "konzentrative Bewegungstherapie". Abgelehnt wurden bereits Bioenergetik sowie die "emotionale Reintegration". Zwei bis drei Jahre müsse man für ein Aufnahmeverfahren rechnen, heißt es im Beirat.
Doch obwohl der Markt der Psychotherapie blüht, ist die Wissenschaft zu diesem Thema in Österreich erstaunlich inaktiv. "Es gibt in Österreich keine fundierte wissenschaftliche Forschung zur Wirksamkeit von Psychotherapie in der Krankenbehandlung". Das kritisiert Peter Scholz, Abteilungsleiter im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, der in die Verhandlungen um einen Kassenvertrag eingebunden war. Österreich hinke hier international nach, meint auch Stumm.
DER STANDARD fragte ihn sowie den früheren Berufsverbands-Präsidenten Alfred Pritz, in welchen Fällen ihrer Meinung nach Psychotherapie zweifelsfrei hilft. "Erste Wahl" ist sie laut Stumm für Patienten mit Schlafstörungen und sexuellen Störungen, Kopfschmerzen und "reaktiven Depressionen" - etwa wenn ein naher Verwandter stirbt. Manche Patienten mit psychosomatischen Beschwerden würden jahrelang vergeblich von Ärzten behandelt, bis sie endlich zum Psychotherapeuten gehen. Pritz zählt auch Ängste (Platzangst, Panikattacken) und Depressionen zu den gut therapierbaren Problemen. Umfassende Information über die Methoden der Psychotherapie bietet: Gerhard Stumm/ Alfred Pritz: Wörterbuch der Psychotherapie, Springer Wien/New York, 2000.

© DER STANDARD, 18.9.2000


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PSYCHOTHERAPIE:
Plädoyer für einen Behandlungsmix
Das Verhältnis zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten hat sich entspannt

Der Standard, 18.09.2000

Das jahrelang gespannte Verhältnis zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten scheint sich entspannt zu haben. Im Kampf der Psychotherapeuten um Anerkennung bei den Krankenkassen war man häufig nicht zimperlich miteinander umgegangen. Bei schweren psychischen Krankheiten ist eine Psychotherapie allein nicht sinnvoll, sagt Georg Pakesch, Professor an der Psychiatrischen Uniklinik Wien. Er plädiert aber für einen Behandlungsmix.
STANDARD: Wirkt Psychotherapie?
Pakesch: Wenn sie die einzige Behandlungsmethode ist, sind echte Heilungschancen bei schweren psychischen Krankheiten selten. In Zusammenhang mit Depressionen gibt es zahlreiche internationale Studien. Da kommt heraus: Medikamente allein sind wirksamer als Psychotherapie allein. Aber beides kombiniert ist am besten.
STANDARD: Psychotherapeuten behaupten, man könnte eine Menge Geld für Medikamente sparen, wenn mehr Psychotherapie bezahlt würde.
Pakesch: Das ist eine Illusion. Es gibt einzelne Krankheitsgruppen - Anpassungs-und Persönlichkeitsstörungen - wo eher die Psychotherapie im Vordergrund stehen, aber auch nicht allein sein sollte. Neue Medikamente haben für Patienten einen enormen Behandlungsfortschritt gebracht.
STANDARD: Gibt es Methoden, die Schwachsinn sind?
Pakesch: Selbst wenn manche Methoden zweifelhaft sind, wirkt dennoch die Zuwendung.
STANDARD: Wie viel Prozent Ihrer psychiatrischen Patienten absolvieren begleitend eine Psychotherapie?
Pakesch: Mindestens 60 Prozent. Ich empfehle das auch.
STANDARD: Und wie viele Patienten kommen von einer Psychotherapie wieder zu Ihnen zurück, weil sie nicht geholfen hat?
Pakesch: Die, die wirklich ernstere Erkrankungen haben, suchen nach mehreren Hilfen parallel. Aber man beobachtet sehr viele, die zuerst zur Psychotherapie kommen und erst, wenn es nicht besser wird, den Nervenarzt aufsuchen.
STANDARD: Gibt es Methoden die schädlich sind?
Pakesch: Schädlich können auch anerkannte Methoden sein, wenn sie beim falschen Krankheitsbild oder zum falschen Zeitpunkt eingesetzt werden, zum Beispiel: Beginn einer Psychoanalyse bei einer psychotischen Depression mit Schuldwahn. Das wäre wahrscheinlich ziemlich fatal.
STANDARD: Ist das für Patienten nicht verwirrend?
Pakesch: Daher gibt es die Forderung, dass der Patient von einem Psychiater, der auch psychotherapeutische Erfahrung hat, diagnostisch abgeklärt wird. Er kann dann auch empfehlen, welche Psychotherapie sinnvoll wäre. Das haben die Psychotherapeuten abgelehnt, obwohl es überall in der Welt so praktiziert wird.
STANDARD: Gibt es noch Animositäten zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten?
Pakesch: Es hat sich beruhigt.


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