
Der Standard, 18.4.2001
Aus Studien ist bekannt, dass der Leidensweg, bis psychosomatische
Störungen diagnostiziert werden, rund fünf bis sieben Jahre dauert. "Es gibt
sehr viele Leidenszustände, die durch Psychotherapie gelindert werden können",
meint Margret Aull, Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie, und
wünscht sich, dass Ärzte die psychische Komponente ernster nehmen sollten.
In der bei Psychotherapie notwendigen Mitarbeit der Klienten und dem emanzipatorischen
Ansatz, der dieser Methode innewohnt, sieht sie den Grund, warum Psychotherapie
nach wie vor im Gesundheitssystem noch nicht umfassend Fuß fassen konnte.
Ergibt eine vollständige medizinische Untersuchung keinen Hinweis auf somatische
Leiden, liegen die Vorteile einer psychotherapeutischen Behandlung darin,
dass das Schmerz verursachende Phänomen an seiner Wurzel behandelt werden
kann. "Mehr noch als bei anderen Heilmethoden braucht es dabei die Mitarbeit
der betroffenen Klienten", meint Aull zu dem oft schmerzhaften Prozess und
verweist darauf, "dass Seelenwunden gereinigt gehören, und dies, bevor es
zur Heilung kommt, auch weh tun kann".
Kunsttherapie
Innerhalb des breiten Spektrums an psychotherapeutischen Methoden bietet das
Polycollege Stöbergasse einen Lehrgang für das in Österreich noch relativ
neue Berufsfeld der Kunsttherapie an. Dieser Lehrgang startet - nach vorheriger
Anmeldung - mit einem Aufnahmegespräch am 16.6.2001. Kunsttherapie beschäftigt
sich mit Selbstfindungs- und Weltfindungsprozessen und ist eine künstlerische
Arbeit im sozialen Environment. Dabei werden künstlerische Techniken als Integrations-
und Formbildungsprozesse in der Arbeit mit sowohl psychisch als auch körperlich
behinderten Menschen eingesetzt. Diese Therapie will Menschen mit einem gehemmten,
gestörten soziokulturellen Austausch durch unterschiedliche musisch-bildnerische
Ansätze therapieren. Sie stellt die gestörten, krank gewordenen Äußerungen
des Lebens in den Mittelpunkt ihres Interesses. Die Veranstalter sprechen
mit ihrem Lehrgang aber nicht nur Mitarbeiter von rehabilitativen Einrichtungen
und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung an, sondern alle,
die etwas in ihrem sozialen Umfeld bewirken möchten. (malech)

Ich gehe davon aus, dass beim "Vorantreiben der Dezentralisierung der Versorgung
der Patienten mit psychischen Störungen und Erkrankungen" nicht auf die Psychotherapie
vergessen wird. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Studie von 1997 ("Ambulante
psychotherapeutische Versorgung in Österreich") hinweisen. Darin wird deutlich,
dass ein Hindernis der Inanspruchnahme von Psychotherapie die geringe Kostenbeteiligung
der Kassen ist (300 S Zuschuss für die Heilbehandlung). Einerseits die (außer
Streit stehende) Notwendigkeit von Psychotherapie zu propagieren und andererseits
die Kosten dafür den Einzelnen zu überlassen erscheint mir als Weg in eine Dezentralisierung
zu wenig.
Theresia Hollerer, 1120 Wien

Wien - Psychiatrische Erkrankungen, vor allem Alzheimer und Depressionen,
treten immer häufiger auf. Dies erklärten Dienstag Fachärzte bei der Gründungsmatinee
der "Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie" in Wien.
Staatssekretär Reinhart Waneck (FP) will in den kommenden Jahren ganz besonders
die Dezentralisierung der Versorgung von Patienten mit psychischen Störungen
und Erkrankungen vorantreiben. "Das Prinzip ist im Grunde relativ einfach",
so Waneck: "Ambulant kommt vor stationär. Wenn aber eine stationäre Aufnahme
benötigt wird, sollte sie so gemeindenah wie möglich erfolgen können." Diese
angestrebte Struktur müsste im Lichte der epidemiologischen Veränderungen zügig
erreicht werden.
Walter Schöny, Präsident der neuen Gesellschaft: "Man muss damit rechnen, dass
jeder Vierte in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen ist."
Und: Man habe errechnet, dass auf der Welt alle 40 Sekunden ein Mensch Suizid
begeht.
Unzureichend definiert
"Das Grundproblem ist, dass die Betroffenen bei Depressionen nicht unter einem
definierten Krankheitsgefühl leiden und daher die Notwendigkeit einer Behandlung
oftmals nicht erkannt wird", erklärte Harald Schubert, Leiter des psychiatrischen
Krankenhauses des Landes Tirol in Hall. In Österreich ist die Zahl der Suizidopfer
mit jährlich knapp 2000 doppelt so hoch wie die der Verkehrsopfer. Insgesamt
erlebten laut Schubert rund 20 Prozent der suizidgefährdeten depressiven Patienten
einen Klinikaufenthalt - aber oft in der falschen Abteilung. Eine österreichische
Studie hat aufgedeckt, dass rund 25 Prozent der Patienten mit Depressionen auf
der Internen statt auf der Psychiatrie landen. "Aber nicht aufgrund von Fehldiagnosen,
sondern aufgrund der noch immer hoch akuten und weit verbreiteten Berührungsangst
mit der Psychiatrie an sich", meinte Schubert. Denn trotz moderner Entwicklungen
ringe das psychiatrische Krankenhaus auch heute noch mit hartnäckigen Vorurteilen.
"Sicherlich zu Unrecht, denn niemand würde auf eine Chirurgie gehen, um ein
Kind zu gebären oder auf die Urologie, um einen Herzinfarkt behandeln zu lassen",
so Schubert.
Die Tendenz von psychiatrischen Erkrankungen zeige international nach oben,
erklärte Wolfgang Fleischhacker, Vorstand der psychiatrischen Universitätsklinik
in Innsbruck: "Es gibt dafür vielerlei Erklärungen. Am besten dokumentiert ist
die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung. Demenzerkrankungen und Depressionen
treten im Alter viel häufiger auf." Andererseits zeige sich bei klassischen
psychiatrischen Erkrankungen wie etwa der Schizophrenie keine Zunahme. (APA/red)

Wien - Die Wiener Vereinbarung über Psychotherapie auf Krankenschein sei
"nicht akzeptabel" und werde "sehr bald auch die Patienten aufregen",
befindet Margret Aull, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für
Psychotherapie (ÖBVP). Menschen auf der Suche nach psychotherapeutischer
Hilfe, gezwungen zu langwierigen Telefonaten, um freie "Kassenplätze"
aufzutreiben, oft abgefertigt mit der Auskunft: "Eine Stunde hab' ich noch,
mehr nicht"; eine "rechtswidrige und unseriöse" Situation.
Deshalb, sagt die oberste Bundespsychotherapeutin, habe der ÖBVP durch die
Anwältin Eva Plaz Klage erheben lassen und eine einstweilige Verfügung auf
Aussetzung der Wiener Kassenregelung beantragt. Wegen Verstoßes gegen den
freien Wettbewerb und die guten Sitten sowie wegen Umgehung des ASVG. Als
Beklagte: sämtliche Vertragspartner im Rahmen der "Wiener Lösung", Wiener
Gebietskrankenkasse (WGKK) und zwei "Versorgungsvereine", einer davon
gegründet vom "Wiener Landesverband für Psychotherapie" (WLP). Psycho-"Bund"
klagt Psycho-"Land".
Man sei sich der Tragweite der Klage bewusst, bekräftigt die
ÖBVP-Kassenverantwortliche Eva Mückstein. Doch: "Gegen Machtmissbrauch muss
vorgegangen werden", und es gebe ja auch, zum Beispiel in Tirol, gelungenere
Krankenkassen-Lösungen.
Die seit 1. 1. 2001 in Wien geltende Regelung jedoch - die WGKK finanziert
40.000 Stunden Therapie auf Krankenschein um je 650 Schilling (47,2 Euro) -
werde "in Niederösterreich und der Steiermark schon bald Präzedenzwirkung
haben". Samt der von den Vertragspsychotherapeuten verlangten
Zusatzqualifikationen, die "für mehr als die Hälfte aller frei
praktizierenden Therapeuten mittelfristig das Aus bedeuten".
Anbieterbeschränkung
Damit sind die Nachweise über Arbeitserfahrung mit Psychiatrie-, Sucht- oder
Borderlinepatienten gemeint, die sich in den mittlerweile fast zehn Jahren
sich ziehenden Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Therapeuten zum
Zankapfel entwickelt haben. Die Kassen bestünden auf solchen
Auswahlverfahren zur "Anbieterbeschränkung", weiß WLP-Vorsitzender Hans
Laubreuter.
Im Sinne moderner Gesundheitsökonomie gingen die Kassen davon aus, dass auch
im Psychobereich "ein mehr an Angebot ein Mehr an Nachfrage nach sich
zieht". Nachsatz: "Wir als Versorgungsvereinsgründer und
Kassen-Vertragspartner betrachten die 'Wiener Lösung' nicht als das Gelbe
vom Ei. Doch unsere Herangehensweise ist eben pragmatisch."
Mit härteren Geschützen fährt WGKK-Obmann Franz Bittner auf. Es sei nicht
die Aufgabe der Kassen, sich "um die Einkommenssicherung der
Psychotherapeuten zu kümmern". Vielmehr handle er im Sinne des
Versorgungsauftrags. Der Klage sehe er "gelassen entgegen: Ich kann mir
nicht vorstellen, dass ein Gericht unsere Arbeit missbilligt." (bri)

Ist ein Selbstbehalt beim Arzt sinnvoll? Ja, weil die Österreicher ohnehin
zu oft in den Ordinationen sitzen, sagen die einen. Nein, weil es Arme
besonders trifft, sagen die anderen. Wer wirklich ernsthaft krank ist, kann
zu dieser Debatte nur müde lächeln. Zahlt doch die Krankenkasse schon jetzt
so viele Behandlungsmethoden nicht, dass es für Gesunde kaum zu glauben ist.
Beispiel Krebs: International gilt längst als unbestritten, dass
Psychotherapie den Heilungserfolg der schulmedizinischen Betreuung erhöht.
Im Spital ist so eine Betreuung aber bestenfalls in Spurenelementen und nie
kontinuierlich zu erhalten. Der Kranke begibt sich daher auf den Markt und
erhält von der Kasse zehn Therapiestunden genehmigt. Sprich: Die
Sozialversicherung übernimmt bestenfalls ein Drittel der Kosten. Längere
Therapien werden übrigens nur bei besonderen Problemen unterstützt. Allein
eine Chemotherapie kann aber 18 Wochen (mit Unterbrechungen) dauern.
Immerhin ist zumindest die Wiener Gebietskrankenkasse bemüht, demnächst mehr
Psychotherapie auf Krankenschein zur Verfügung zu stellen.
Krebspatienten nehmen sinnvollerweise meist auch noch komplementäre
Therapien in Anspruch, schlucken Vitamine, Mistelpräparate und andere
Homöopathika, um die belastende "Chemo" auszugleichen. Am Wiener AKH gibt es
sogar eine komplementärmedizinische Ambulanz. Nur: Auf einen Termin wartet
man monatelang. Dazwischen landen Schwerkranke wieder am Markt: und geben
für einen Ganzheitsmediziner etwa 1600 Schilling pro Behandlung aus -
selbstverständlich aus eigener Tasche. Null Chance auf Kassenzuschuss.
20.000 Schilling zahle sie monatlich für Therapien abseits der Schulmedizin,
berichtet eine Brustkrebspatientin dem STANDARD.
Fazit: Ein Selbstbehalt beim Arzt ist durchaus diskussionswürdig. Aber nur,
wenn die Kassen im Krankheitsfall dann auch wirklich alle
Behandlungsmethoden zahlen.

Wien - "Ich bin gespalten", sagt Egon Urban, Vorsitzender des Wiener
Landesverbandes für Psychotherapie (WLP). Zwar verstehe er die "Finanznöte
und Sparzwänge" der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Doch die am Montag
verkündete Einigung über Psychotherapie auf Krankenschein in der
Bundeshauptstadt ab 1. 1 .2001 schaffe "negative Präjudize für die laufenden
Verhandlungen in Niederösterreich, dem Burgenland und der Steiermark".
Die geplante Regelung deckt 40.000 Stunden Psychotherapie auf Krankenschein
im Jahr 2001 ab - die Therapeuten erhalten je 650 Schilling (47,2 ). In den
folgenden Jahren soll das Kontingent auf 60.000 Stunden aufgefettet werden.
Macht - unter Bedachtnahme der in eigenen Kassenambulatorien geleisteten
90.000 Behandlungseinheiten - insgesamt 150.000 Stunden, die Kassenpatienten
jährlich zur Verfügung stehen werden. Eine laut WGKK-Obmann Franz Bittner
"glückliche Lösung", die am 26. November vom obersten WGKK-Gremien endgültig
beschlossen werden soll.
Diese Einschätzung teilt die Präsidentin des - österreichweit agierenden -
Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) Margret Aull nicht.
Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge seien in Wien jährlich 500.000
Stunden Therapie angesagt. Weshalb die "Einigung eigentlich eine
Verschleierung" darstelle: die "Fiktion flächendeckender Versorgung, wie das
Gesetz sie vorsieht".
Egon Urban indes will den vereinbarten Vertrag einer "Abstimmung unter den
Vereinsmitgliedern" unterziehen. Nach dem Ja der WGKK.

Wien - Eine Versorgung mit Psychotherapie auf Krankenschein in ganz
Österreich - das ist der Wunsch des Bundesverbandes für Psychotherapie
(ÖBVP) zum zehnten Geburtstag des Psychotherapiegesetzes.
Es habe schon "etwas Skandalöses an sich", dass die Sozialversicherung vor
einiger Zeit eine Beitragserhöhung mit ihrem psychotherapeutischen
Versorgungsauftrag verteidigt habe - und nun behaupte, kein Geld dafür zu
haben, findet ÖBVP-Präsidentin Margret Aull. Sie möchte dem Hauptverband der
Sozialversicherungsträger das Tiroler Modell schmackhaft machen. Dort hat
die Krankenkasse einen Vertrag mit Vereinen abgeschlossen, die
Psychotherapie auf Krankenschein anbieten. Darüber entscheidet ein
Fachgremium aus Psychiatern, die auch als Psychotherapeuten arbeiten. Der
Behandler erhält 800 Schilling pro Sitzung. Je nach Schwere der Krankheit
und Einkommenssituation des Patienten ist die Behandlung gratis. Alle
anderen zahlen einen gestaffelten Selbstbehalt. Anderswo werden Patienten
viel kräftiger zur Kasse gebeten. Denn der gängige Kassen-Zuschuss von 300
Schilling pro Sitzung entspreche unterm Strich einem Selbstbehalt von 60 bis
75 Prozent. Ein "unzumutbarer Zustand", wie Aull in einer Pressekonferenz am
Donnerstag meinte.
In mehreren Bundesländern basteln die Kassen derzeit an regionalen
Angeboten. Das seien aber eher "Kleinstlösungen", befürchten die
Standesvertreter der Therapeuten. In der Bundeshauptstadt ist ein Kontingent
von 40.000 Stunden jährlich vorgesehen. "Das ist für Wien gar nichts", warnt
Aull. Ursprünglich war von 150.000 Stunden die Rede gewesen. (mon)

Psychotherapie wirkt. Darüber herrscht in Österreich erstaunlich hoher gesellschaftlicher
Konsens. Keine Person des öffentlichen Lebens würde dies mittlerweile laut in
Zweifel ziehen. Kritik an problematischen Methoden oder fehlerhafter Behandlung?
Gibt es nicht.
Doch in Deutschland - wo Psychotherapeuten übrigens im Gegensatz zu Österreich
seit einem Jahr in eigenen Kassenpraxen ordinieren dürfen - versuchte kürzlich
Der Spiegel eine kontroversielle Debatte über die Seelenheiler anzustiften.
Er ließ die Psychotherapie von einem Gastautor auf stattlichen neun Seiten als
"größtes Placebo des Jahrhunderts" vernichten.
Gerhard Stumm - Wiener Therapeut, Buchautor und Ausbildungsleiter für personenzentrierte
Psychotherapie - hat eine derartige Diskussion längst erwartet: "Weil die Hoffnungen
in die Psychotherapie zu hochgeschraubt sind. Sie ist kein Allheilmittel und
hat natürlich auch Grenzen. Und ohne Motivation des Patienten haut es überhaupt
nicht hin." Eine kritische Debatte findet Stumm daher gar nicht so schlecht.
Dem pflichtet Wolfgang Friedl, gerichtlicher Sachverständiger für Psychologie
mit Begeisterung bei. Er kritisiert als Einziger seit Jahren ebenso vehement
wie erfolglos die Strukturen der heimischen Psycho-Branche. "Mafiaartig" nennt
er die. Seine These: Künftige Therapeuten "kaufen" sich ins System ein, indem
sie mindestens 200.000 Schilling - meist aber viel mehr - für ihre Ausbildung
in Vereinen hinblättern. Die Ausbildungskosten kommen für viele erst wieder
dadurch herein, dass sie selbst zu Trainern werden. Geschätzte 400 Mio. S im
Jahr teilen sich rund 400 Ausbildner. Sie - das "Establishment der Psychotherapie
- sitzen wiederum im Psychotherapiebeirat und bestimmen dort, wer und welche
Methode anerkannt werden. Einige aus diesem illustren Kreis befinden sich aber
auch gleich in Doppelfunktion an den Unis. Daher gebe es auch keine vernünftige,
kritische wissenschaftliche Evaluation.
Der Systemfehler setzt sich nach Meinung Friedls bis in die Praxen fort: "Wer
einen Patienten erwischt, hält ihn fest." Schließlich seien viele junge Therapeuten
schon wegen ihrer Ausbildung schwer verschuldet. Viele Klienten bleiben deshalb
unnötig lang - oft Jahre - in Therapien, die sie eventuell nur wegen eines Beziehungsproblems
aufgenommen haben. Weil Einzelpraxen jeder sozialen Kontrolle entzogen seien,
wären auch sexuelle Verhältnisse mit Patientinnen zunehmend üblich. Friedls
Rezept dagegen: "Schluss mit Privatpraxen, her mit Ambulatorien!"
Doch genau für diese Privat-- und am besten Kassenordinationen hat die Berufsvertretung
der Psychotherapeuten jahrelang gekämpft. Im Moment schaut es dafür allerdings
nicht mehr rosig aus. Ein Gesamtvertrag ist geplatzt, die Länder sind am Zug.
Die Salzburger Krankenkasse hat aber beispielsweise schon signalisiert, dass
man dafür im Moment kein Geld habe. Die Krankenversicherung hat immer Ambulatorien
favorisiert.
Im Kampf um einen Vertrag ist die Diskussion um Inhalte völlig in den Hintergrund
getreten. Gerade Ärzte meinen häufig hinter vorgehaltener Hand, dass die positive
Wirkung von Psychotherapie vor allem auf der Zuwendung des Therapeuten beruhe
- gleichgültig, von welcher Ausbildungsrichtung er kommt. "Fast die Hälfte des
Gesamterfolgs hängt vom Beziehungsangebot des Therapeuten an den Klienten ab",
bestätigt Stumm.
Im 1991 veröffentlichten deutschen "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes"
(Grawe) wurde lediglich der Verhaltenstherapie und der Gesprächstherapie der
empirische Nachweis einer Wirksamkeit in der Krankenbehandlung attestiert.
In Deutschland gelten strenge Auswahlverfahren, bisher werden ausschließlich
Psychoanalytiker, Tiefenpsychologen und Verhaltenstherapeuten von den Kassen
bezahlt. In Österreich hingegen sind nicht nur exakt 5195 Psychotherapeuten
registriert, sondern auch 17 verschiedene Methoden anerkannt. Zuständig dafür
ist der Psychotherapiebeirat, der allerdings nur die Ausbildungseinrichtung
beurteilt. Rein theoretisch wird auch der Nachweis einer Wirksamkeit verlangt.
Um Aufnahme in den Kreis der anerkannten Methoden kämpfen in Österreich derzeit
noch weitere Schulen, etwa das Neuro-linguistische Programmieren, die "positive
Psychotherapie" sowie die "konzentrative Bewegungstherapie". Abgelehnt wurden
bereits Bioenergetik sowie die "emotionale Reintegration". Zwei bis drei Jahre
müsse man für ein Aufnahmeverfahren rechnen, heißt es im Beirat.
Doch obwohl der Markt der Psychotherapie blüht, ist die Wissenschaft zu diesem
Thema in Österreich erstaunlich inaktiv. "Es gibt in Österreich keine fundierte
wissenschaftliche Forschung zur Wirksamkeit von Psychotherapie in der Krankenbehandlung".
Das kritisiert Peter Scholz, Abteilungsleiter im Hauptverband der Sozialversicherungsträger,
der in die Verhandlungen um einen Kassenvertrag eingebunden war. Österreich
hinke hier international nach, meint auch Stumm.
DER STANDARD fragte ihn sowie den früheren Berufsverbands-Präsidenten Alfred
Pritz, in welchen Fällen ihrer Meinung nach Psychotherapie zweifelsfrei hilft.
"Erste Wahl" ist sie laut Stumm für Patienten mit Schlafstörungen und sexuellen
Störungen, Kopfschmerzen und "reaktiven Depressionen" - etwa wenn ein naher
Verwandter stirbt. Manche Patienten mit psychosomatischen Beschwerden würden
jahrelang vergeblich von Ärzten behandelt, bis sie endlich zum Psychotherapeuten
gehen. Pritz zählt auch Ängste (Platzangst, Panikattacken) und Depressionen
zu den gut therapierbaren Problemen. Umfassende Information über die Methoden
der Psychotherapie bietet: Gerhard Stumm/ Alfred Pritz: Wörterbuch der Psychotherapie,
Springer Wien/New York, 2000.
© DER STANDARD, 18.9.2000

Das jahrelang gespannte Verhältnis zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten
scheint sich entspannt zu haben. Im Kampf der Psychotherapeuten um Anerkennung
bei den Krankenkassen war man häufig nicht zimperlich miteinander umgegangen.
Bei schweren psychischen Krankheiten ist eine Psychotherapie allein nicht sinnvoll,
sagt Georg Pakesch, Professor an der Psychiatrischen Uniklinik Wien. Er plädiert
aber für einen Behandlungsmix.
STANDARD: Wirkt Psychotherapie?
Pakesch: Wenn sie die einzige Behandlungsmethode ist, sind echte Heilungschancen
bei schweren psychischen Krankheiten selten. In Zusammenhang mit Depressionen
gibt es zahlreiche internationale Studien. Da kommt heraus: Medikamente allein
sind wirksamer als Psychotherapie allein. Aber beides kombiniert ist am besten.
STANDARD: Psychotherapeuten behaupten, man könnte eine Menge Geld für Medikamente
sparen, wenn mehr Psychotherapie bezahlt würde.
Pakesch: Das ist eine Illusion. Es gibt einzelne Krankheitsgruppen - Anpassungs-und
Persönlichkeitsstörungen - wo eher die Psychotherapie im Vordergrund stehen,
aber auch nicht allein sein sollte. Neue Medikamente haben für Patienten einen
enormen Behandlungsfortschritt gebracht.
STANDARD: Gibt es Methoden, die Schwachsinn sind?
Pakesch: Selbst wenn manche Methoden zweifelhaft sind, wirkt dennoch die Zuwendung.
STANDARD: Wie viel Prozent Ihrer psychiatrischen Patienten absolvieren begleitend
eine Psychotherapie?
Pakesch: Mindestens 60 Prozent. Ich empfehle das auch.
STANDARD: Und wie viele Patienten kommen von einer Psychotherapie wieder zu
Ihnen zurück, weil sie nicht geholfen hat?
Pakesch: Die, die wirklich ernstere Erkrankungen haben, suchen nach mehreren
Hilfen parallel. Aber man beobachtet sehr viele, die zuerst zur Psychotherapie
kommen und erst, wenn es nicht besser wird, den Nervenarzt aufsuchen.
STANDARD: Gibt es Methoden die schädlich sind?
Pakesch: Schädlich können auch anerkannte Methoden sein, wenn sie beim falschen
Krankheitsbild oder zum falschen Zeitpunkt eingesetzt werden, zum Beispiel:
Beginn einer Psychoanalyse bei einer psychotischen Depression mit Schuldwahn.
Das wäre wahrscheinlich ziemlich fatal.
STANDARD: Ist das für Patienten nicht verwirrend?
Pakesch: Daher gibt es die Forderung, dass der Patient von einem Psychiater,
der auch psychotherapeutische Erfahrung hat, diagnostisch abgeklärt wird. Er
kann dann auch empfehlen, welche Psychotherapie sinnvoll wäre. Das haben die
Psychotherapeuten abgelehnt, obwohl es überall in der Welt so praktiziert wird.
STANDARD: Gibt es noch Animositäten zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten?
Pakesch: Es hat sich beruhigt.