Seit etwa einem Jahrzehnt gehört die Psychotherapie in Österreich zu einem
der großen Streitthemen. Jetzt klagt der Österreichische Bundesverband für
Psychotherapie (ÖBVP) die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK).
Zuerst war es der rechtliche Status der Therapeuten, dann die Bezahlung der
Behandlung durch die Krankenkassen. Nun beschuldigt der Bundesverband für
Psychotherapie die WGKK gegen das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz
(ASVG) verstoßen zu haben. Dabei geht unter anderem um die Vergabe von
70.000 Therapiestunden, an zwei in Wien tätige Psychotherapie-Vereine.
"Durch die 'Vereinslösung' wird das ASVG auf mehreren Ebenen umgangen",
erklärte Eva Mückstein, Vizepräsidentin des ÖBVP. Es gäbe laut Gesetz nur
die Möglichkeit für einen Gesamtvertrag der Krankenkassen mit den
Psychotherapeuten oder Einzelverträge der Kassen mit Therapeuten.
Der Hintergrund: Eine geplatzte Einigung zwischen Therapeuten und dem
Hauptverband der Sozialversicherungsträger über einen Gesamtvertrag über
Psychotherapie auf Kassenschein ließ einzelne Gebietskrankenkassen aktiv
werden - so auch die WGKK. Psychotherapeuten, die nicht mit den Vereinen
kooperieren, würden benachteiligt.
Der ÖBVP fordert, dass Therapeuten - ähnlich wie Wahlärzte - die Möglichkeit
haben, dass ihren Patienten 80 Prozent des Psychotherapiekassentarifs
rückerstattet werden. Weiters sollen, wenn ein Gesamtvertrag unmöglich ist,
Einzelverträge mit Therapeuten abgeschlossen werden. Außerdem sei die Zahl
von 70.000 bereitgestellte Therapiestunden zu wenig.
Nach langen Jahren zähen Verhandelns ist es endlich soweit: Die Wiener
Gebietskrankenkasse hat mit zwei psychotherapeutischen Vereinigungen
Verträge geschlossen, so dass es mit Anfang dieses Jahres - in der
Bundeshauptstadt - Psychotherapie auf Krankenschein ohne Selbstbehalt gibt.
Eine bundesweite Lösung ist bislang noch nicht in Sicht.
Auch der Zuschuss der Krankenkassa von 300 S pro Therapiestunde konnte
bisher nichts daran ändern, dass Psychotherapie eher ein Privileg der
finanziell Begüterten war. 1.000 S und mehr pro Therapiestunde waren für
sozial Schwache ein unbezahlbarer Luxus.
Mit der Psychotherapie auf Krankenschein, ganz ohne Selbstbehalt, wird
diesem Zustand in Wien ein jähes Ende gesetzt. "Ich halte die erzielte
Einigung für einen sozialpolitischen Meilenstein," gibt sich Franz Bittner,
der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse stolz. Zudem habe man mit dem
Wiener Modell einen ersten Schritt in Richtung eines bundesweiten
Gesamtvertrages gesetzt.
Momentan sind zwei psychotherapeutische Vereinigungen, der "Verein für
ambulante Psychotherapie" und die "Wiener Gesellschaft für
psychotherapeutische Versorgung", in das Konzept eingebunden, mit der
Ärztekammer wird derzeit noch verhandelt. Die Einigung dürfte aber - nach
Auskunft des Wiener Ärztekammer-Präsidenten Walter Dorner - noch bis Ende
Jänner über die Bühne gehen. Dorner auf Anfrage der "Wiener Zeitung": "Wir
werden eine ähnliche Regelung in unseren Gremien beschließen." Er begrüße
die Einigung, nicht zuletzt weil sie geeignet sei "Gräben zwischen
Psychotherapeuten und Ärzten einzuebnen". In den neuen Verträgen ist ein
Therapieangebot von vorerst 70.000 Stunden vorgesehen.
ÖBVP kritisiert Lösung als "Alibi-Kleinstversorgung"
Daneben gibt es weiterhin die Möglichkeit, eine Therapie in eigenen
Einrichtungen der WGKK, durch Vertragsärzte und in Spitalsambulanzen in
Anspruch zu nehmen, so dass den Wiener Versicherten heuer insgesamt rund
150.000 Stunden zu Verfügung stehen werden. Getrübt wird die Freude über die
geschlossene Vereinbarung vor allem durch ihre regionale Beschränktheit. So
setzte es harsche Kritik von seiten des Österreichischen Bundesverbandes für
Psychotherapie (ÖBVP), wo man die Vorgangsweise der Kassen als einen Skandal
bezeichnet: "Im Vorjahr haben die Sozialversicherungsträger eine nicht
tragfähige bundesweite Kassenvertragslösung angeboten und diese selbst in
ihrer Verbandskonferenz abgelehnt. Seither werden in den Bundesländern
Alibi-Kleinstversorgungslösungen verhandelt, um den Gesamtvertrag, zu dem
die Kassen laut Gesetz verpflichtet sind, zu umgehen."
Tatsächlich ist eine bundesweite Lösung bisher am Widerstand einzelner
Landeskassen (Tirol, Vorarlberg, Krankenkasse der Bauern) gescheitert, die
auf eigene Therapie-Modelle oder schlicht auf Geldmangel verweisen. Für
WGKK-Chef Bittner eine Verstoß gegen den gesetzlichen Auftrag: "Ich halte
das für eine Rechtsbeugung, die nicht im Sinne der Patienten ist."
Tirol und Vorarlberg verteidigen eigene Modelle
Johannes Simma von der Vorarlberger Gebietskrankenkasse hält entgegen, dass
man sich im Ländle "keine Lösung auf's Aug drücken lassen will, die nicht
den Anforderungen entspricht und zudem mehr kostet". Man habe entsprechende
Psychotherapie-Vereinbarungen schon seit über zehn Jahren, diese hätten sich
bewährt und sollten auch beibehalten werden.
Bleibt zu hoffen, dass sich trotz aller Querelen doch irgendwann eine Lösung
im Sinne der österreichischen Patienten findet. Immerhin ist, Schätzungen
zufolge, jeder zehnte Österreicher therapiebedürftig.
Spitäler werden keine geschlossen, es kommt aber zu einer Umschichtung von
Akutbetten zu Pflegebetten.
Dies ist das Ergebnis der Verhandlungen zum Österreichischen
Krankenanstaltenplan (ÖKAP), das gestern im Ministerrat von Vizekanzlerin
Susanne Riess-Passer bekannt gegeben wurde. Konkret soll es rund 1.000
Akutbetten weniger bis 2005 geben. Die letzte ausgewiesene Zahl hatte bei
den Akutbetten über 52.000 gelautet. Dafür ist eine Aufstockung der
Akutgeriatriebetten auf 2.010, ferner 300 zusätzliche Palliativbetten
(Schmerzmedizin) und die Schaffung von 500 Betten für Psychosomatik und
Psychotherapie vorgesehen.
Riess-Passer zeigte sich im Pressefoyer besonders darüber erfreut, dass kein
einziges Spital geschlossen werde. Es sei gelungen, durch Strukturmaßnahmen
entsprechende Schritte zu setzen und sogar noch das Leistungsangebot
auszuweiten. Insgesamt könne man sagen, dass "eine deutliche
Qualitätsverbesserung im Bereich der Gesundheitssicherung" gelungen sei, so
die Vizekanzlerin.
Von den 72.078 tatsächlichen Gesamtbetten in 330 Krankenanstalten waren
52.299 Akutbetten und 19.979 Pflegebetten. Von den Akutbetten wiederum waren
1.403 Intensivbetten. Was die neue Aufteilung nach Bundesländern betrifft,
soll es noch Detailverhandlungen geben.
Seit 1. Dezember 2000 stehen in Wien 100 Psychotherapeutinnen und
Psychotherapeuten für Psychotherapie auf Krankenschein bereit. Auf
Initiative des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und
Psychologen wurde der Verein für ambulante Psychotherapie gegründet, der in
den letzten Monaten einen Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse
verhandelt und jetzt abgeschlossen hat.
Nunmehr haben auch Bevölkerungsgruppen, die bisher kaum Zugang zur
Psychotherapie hatten, die Möglichkeit, Psychotherapie als Leistung der
Sozialversicherung in Anspruch zu nehmen. Patienten können sich wegen
psychotherapeutischer Behandlung direkt an den Verein wenden, ebenso
Angehörige anderer Gesundheitsberufe (Ärzte, Psychologen usw.), welche ihren
Patienten Psychotherapie empfehlen. Als besonderes Service sind beim Verein
jederzeit die aktuellen freien Therapieplätze abrufbar.
Der Vorstand des Vereins für ambulante Psychotherapie begrüßt diesen ersten
Schritt zu einer umfassenden ambulanten Versorgung mit Psychotherapie als
einen Meilenstein der österreichischen Sozialpolitik.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind gemäß den Bestimmungen des
österreichischen Psychotherapiegesetzes ausgebildet und vertreten alle
Therapierichtungen.
Ein Folder mit Informationen und einer Liste der
Vertragspsychotherapeutinnen und Vertragspsychotherapeuten kann unter der
Telefonnummer 01/ 402 56 96 angefordert werden.
Informationen geben Dr. Senta Feselmayer, Dr. Christine Butschek und Dr.
Peter Brezovsky unter 01/407 26 71-17.
Zwei Millionen Packungen Antidepressiva wurden 1999 verkauft. Österreichweit
betraf die jährliche Steigerungsrate mehr als 14 Prozent. Jeder sechste
Österreicher leidet heutzutage mindestens einmal unter Depressionen. Dennoch
bekommen Betroffene oft gar keine oder nur die falsche Hilfe. Depressionen,
oft auch Angstzustände, werden zu spät erkannt.
Der Verkauf von Psychopharmaka kostet die Krankenkassen insgesamt mehr als
eine Mrd. Schilling. Würde der Patient hingegen gleich einer adäquaten
psychotherapeutischen Behandlung zugewiesen, könnte das Gesundheitswesen
Millionen Schilling sparen. Das rechtzeitige Erkennen von psychischem Leiden
muß nicht nur deshalb in Österreich dringend gefördert werden.
Eine Möglichkeit dazu bietet die vom Wiener Landesverband für Psychotherapie
organisierte Messe für Psychotherapie "Seeliges Wien" am 28. Oktober in der
Volkshalle des Wiener Rathauses von 9.00 bis 18.00 Uhr. Bei freiem Eintritt
kann sich jeder unverbindlich über die unterschiedlichen Behandlungsmethoden
informieren und mit Therapeuten sprechen.