Seit Mai sind in Wien Verhandlungen des WLP-Vorstands mit der WGKK im Gange,
die bekanntlich gleichzeitig dem WLP, dem BÖP und der Ärztekammer Angebote
für Vereinslösungen in Wien vorgelegt hat. Der BÖP will diesem WGKK-Vertragsentwurf
zustimmen, die Ärztekammer zeigt sich kaum interessiert, der WLP-Vorstand hält
einen Vertragsabschluss für "sehr realistisch".
Hintergrund der Wiener Kassenverhandlungen ist, dass die Kassen unter erheblichem
öffentlichen Druck stehen und daher in der Verbandskonferenz vom April zugleich
mit der Ablehnung des Gesamtvertrags beschlossen haben, Lösungen auf regionaler
Ebene zu suchen. Diese Strategie zielt darauf aus, die Öffentlichkeit zu beruhigen,
die PsychotherapeutInnen zu spalten und eine möglichst "billige"
Lösung zu erreichen. Dem entspricht auch die Vorgangsweise, trotz des Alleinvertretungsrechts
des ÖBVP mit anderen Berufsgruppen (PsychologInnen, ÄrztInnen) vertragliche
Regelungen anzustreben, auch wenn diese dem ASVG nicht entsprechen und rechtlich
anfechtbar sind.
Die WGKK beabsichtigt eine Wiener Vereinslösung mit einem Stundenpool (WLP,
BÖP und ÄK) von insgesamt 195.000 Stunden im Jahr analog zur früher
geplanten Versorgungsleistung durch KassentherapeutInnen gemäß dem abgelehnten
Gesamtvertrag. Das von der WGKK geplante Stundenangebot umfasst damit lediglich
die Versorgung von einem Fünftel der Wiener PatientInnen, da in Wien 24.000
PatientInnen (1,5 % der Bevölkerung, lt. ÖBIG-Studie 1997) in psychotherapeutischer
Behandlung sind, die ca. 1 Million Behandlungsstunden (Basis 40 Std/PatientIn) jährlich
in Anspruch nehmen. Weil der Bedarf an Psychotherapie nach vorsichtigen Schätzungen
bei mindestens 33.600 PatientInnen (2,1 %) liegt, wären mehr als 1,3 Mio Behandlungsstunden
nötig, um den dringendsten Bedarf abzudecken.
Der von der WGKK angestrebte Vereinsvertrag geht keineswegs von der bestmöglichen
Versorgung und der Öffnung des psychotherapeutischen Angebots für breitere
Kreise der Bevölkerung aus. Das Ziel der WGKK ist eindeutig, den gesetzlichen
Auftrag der Krankenkassen nach flächendeckender Versorgung durch die Abdeckung
eines kleinen, strikt begrenzten und dadurch auch kostengünstigen Segments
zu unterlaufen. Nach einem eventuellen Vertragsabschluss kann die WGKK durch die
grundsätzliche Einführung von Psychotherapie auf Krankenschein Zustimmung
und Sympathien in der Öffentlichkeit und in den Medien erwarten, schliesslich
könnte sie ihren Versicherten endlich Gratistherapie anbieten.
Die Demokratische Initiative Wien, entstanden aus den Aktivitäten der Wiener
AQA, hält die Initiativen der WGKK deshalb für sehr gefährlich, weil
die vorgeschlagenen Vereinsmodelle lediglich Stundenvolumina, aber keine generelle
Regelung der gesamten von den Krankenkassen zu finanzierenden Psychotherapie anstreben
und also nur eine Art Notversorgung anbieten. Stimmen die PsychotherapeutInnen dieser
"Psychotherapie auf Krankenschein" zu, wird nur ein kleiner Teil des notwendigen
Finanzbedarfs vertraglich abgesichert. Gegen eine Reduktion oder Abschaffung des
Kostenzuschusses (300.--), die von den Krankenkassen mit ihrer finanziellen Misere
begründet werden könnte, kann dann von Seiten des ÖBVP nicht mehr
öffentlich überzeugend argumentiert werden.
Inhaltlich ist der WGKK-Vertragsentwurf ein Angriff auf die im Psychotherapiegesetz
und im ASVG gesetzlich verankerten Rechte des Berufsstands:
Im Vertragsentwurf der WGKK finden sich weiterhin die fachlich unsinnigen Zugangskriterien,
welche durch den Wegfall von Variante C sogar verschärft wurden. Die Demokratische
Initiative Wien fordert vom Verhandlungsteam des WLP, dass keinerlei Zugangskriterien,
die über die Vorgaben des Psychotherapiegesetzes hinausgehen, akzeptiert werden.
Das vertraglich vorgesehene Stundenkontingent macht Zugangskriterien als finanzielle
Steuerungsmaßnahme unnötig. Das Beharren auf den zum Qualitätsmanagement
völlig ungeeigneten Zugangskriterien zeigt, dass es der WGKK unter Mißachtung
gesetzlicher Bestimmungen ausschliesslich um die Durchsetzung ihres Machtanspruchs
gegenüber den PsychotherapeutInnen geht.
Ebenso wie die Verhandlungen mit dem BÖP ist auch die im Vertragsentwurf
vorgesehene verpflichtende psychologische Diagnostik als Spaltungsmanöver der
WGKK zwischen PsychotherapeutInnen und PsychologInnen zu sehen. Diese kostenintensive
und fachlich unsinnige Forderung stößt auf einhelligen Widerstand im
WLP-Vorstand, im ÖBVP-Präsidium und auf Empörung in den Ausbildungsvereinen.
Anstatt durch Anwendung eines bewährten Diagnoseschemas (DSM IV) auf sinnvolle
Qualitätssicherung zu setzen, soll die psychologische Diagnostik nun TestpsychologInnen
Marktanteile auf Kosten der eigenständigen psychotherapeutischen Behandlung
zukommen lassen. Ähnlich wie bei den Zugangskriterien versucht die WGKK dadurch
die gesetzliche Basis des Berufsstands zu unterlaufen, da das ASVG die Diagnoseerstellung
durch die behandelnden PsychotherapeutInnen vorsieht.
Nach dem Tiroler Modell, das punktgenau auf die Versorgung von PatientInnen mit
schweren psychischen Leiden zielt und diese durch Einschaltung einer GutachterInnenkommission
auch tatsächlich erreicht, erhalten die PsychotherapeutInnen ein Stundenhonorar
von ATS 800. Dagegen ist das von der WGKK vorgeschlagenen Vereinsmodell fragwürdig
auch bezüglich der psychosozialen Treffsicherheit: Die Therapiestunden auf
Krankenschein werden vornehmlich von den sozial gewandten, nicht aber von den unbeholfenen
und schwerkranken PatientInnen belegt werden.
Die Demokratische Initiative Wien ist allerdings der Überzeugung, dass die
Verhandlungen mit den Krankenkassen nur dann zum Erfolg führen, wenn alle beteiligten
FunktionärInnen sich auf gemeinsame Mindestforderungen einigen und diese auch
bei allen regionalen Verhandlungen konsequent vertreten. Auf genaue Vorbereitung
innerhalb und zwischen den einzelnen Verhandlungteams ist sehr genau zu achten,
um von den Kassen nicht gespalten zu werden. Einzelinitiativen von VerhandlerInnen,
welche die Mindestforderungen unterlaufen, arbeiten den Spaltungsversuchen der Kassen
in die Hände. Die Verträge müssen inhaltlich gleiche Rahmenbedingungen
enthalten, wobei regionale Besonderheiten selbstverständlich Berücksichtigung
finden sollen.
Leider scheint die Verhandlungsstrategie der Kassen wie bisher erfolgreich zu
sein. Der gegenseitige Austausch zwischen den verhandelnden Landesverbänden
untereinander und mit dem Präsidium des ÖBVP findet bisher nur sehr zögerlich
statt.
Jeder Vertrag, der weitreichende Auswirkungen auf die berufliche Existenz der
PsychotherapeutInnen in Wien hat, muss den Mitgliedern zur Entscheidung vorgelegt
werden. Die direkte Beteiligung aller betroffenen PsychotherapeutInnen bei der Entscheidung
über Annahme oder Ablehnung jeglicher vertraglichen Regelung ist selbstverständlich
auch dann vorzusehen, wenn der WLP zwar einen Vertrag aushandelt, dieser aber zwischen
einem noch zu gründenden Trägerverein (der die Verteilung der Stunden
und der Honorare administriert) und der WGKK abgeschlossen wird.
Aus Sicht der Demokratischen Initiative Wien dürfen sich die PsychotherapeutInnen
von den Kassen nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Die Verhandlungen können
erst dann als abgeschlossen angesehen werden, wenn eine umfassende, gesetzeskonforme,
österreichweite Regelung für die flächendeckende Versorgung mit qualitativ
hochwertigen psychotherapeutischen Leistungen zu gerechtfertigten Honoraren vorliegt.
Die von den Gebietskrankenkassen bisher angebotenen Vertragsentwürfe sind von
einer solchen Regelung meilenweit entfernt.
Die Forderungen der Demokratischen Initiative Wien (DI):
- Gesetzeskonformer Vertrag (keine Zusatzkriterien!)
- Vertragsfähigkeit für alle Wiener PsychotherapeutInnen
- Gesicherter Zugang für sozial Schwache und psychisch Schwerkranke
- Psychotherapeutischer Diagnoseschlüssel
- Angemessener Honorarsatz
Kontakt und zusätzliche Information:
Gertrud Baumgartner (Koordinatorin)
Fehler! Textmarke nicht definiert.
Persönliche Information jeden Montag 8.00 bis 9.00 Uhr:
Tel. (1) 494 36 76
Der DI liegt ein Rechtsgutachten zu diesem Vertragsentwurf vor, das die beschriebenen
Rechtswidrigkeiten aufzeigt und wir interessierten KollegInnen gerne zusenden (Porto
zahlt EmpfängerIn).
Für die Demokratische Initiative Wien:
Gertrud Baumgartner
Kathleen Höll
Hannelore Moriz
Christa Pölzlbauer
Leonardo Schey
Konrad Wirnschimmel