I. GESTALTTHEORETISCHE PSYCHOTHERAPIE
Eine kurze Darstellung

Die Gestalttheoretische Psychotherapie (H.-J. WALTER) ist eine der drei grundlegenden Orientierungen der Gestalt-Therapie - neben der klassischen Gestalt-Therapie nach F.S. PERLS & P. GOODMAN und der Integrativen Gestalttherapie, die vor allem auf die Arbeiten von H. PETZOLD & Mitarbeiter zurückgeht.

Die Gestalttheoretische Psychotherapie beruht in ihrer wissenschaftlichen Fundierung konsequent auf den differenzierten, experimentell ausgewiesenen Grundlagen der "Berliner Schule der Gestalttheorie", zu deren Begründern und wichtigsten Vertretern KÖHLER, KOFFKA, WERTHEIMER, LEWIN, GOTTSCHALDT, DUNCKER, METZGER und RAUSCH zählen. Auf diese gestalttheoretischen und gestalt-psychologischen Wurzeln der Gestalt-Therapie zurückzugehen und sie von daher konsistent zu begründen und weiterzuentwickeln, hat sich in nunmehr bereits zwanzigjähriger Entwicklungsarbeit als notwendiger und fruchtbarer Neuansatz erwiesen und begründet die eigenständige, spezifische Orientierung der Gestalttheoretischen Psychotherapie:
"Gerade, daß Fritz PERLS das Besondere der Gestalt-Therapie als durch die gestalttheoretische Psychologie begründet ansah, rechtfertigt die Entscheidung, nicht mehr einfach von Gestalt-Therapie zu sprechen. Denn leider ist dies von vielen seiner Schüler gründlich mißachtet worden. Man machte es sich vielfach allzu leicht, indem man Gestalt-Therapie als therapeutische Methode und Theorie sui generis, erfunden und gelehrt von einem einzigen Menschen, betrachtete und anschließend bedenkenlos von ihrem erkenntnistheoretischen und psychologiegeschichtlichem Hintergrund abkoppelte. So kam es dazu, daß ihr schließlich unter dem Deckmantel theoretischer Weiterentwicklung ganz andere Grundlagen unterschoben oder, will man es freundlicher sagen, angedichtet wurden, oft schlicht, weil die Verfasser solcher Texte zwar die Praxis der Gestalt-Therapie kennengelernt hatten, die gestalttheoretische Psychologie aber kaum kannten und sich auch nicht die Mühe machten, sich näher mit ihr zu beschäftigen" (H.-J. WALTER).

Gestalttheoretische Psychotherapie ist offen für alle psychotherapeutischen Methoden und Schulrichtungen, soweit sie mit den differenzierten ganzheitlichen Sicht- und Forschungsweisen der Gestalttheorie vereinbar sind. Dabei wird diese als Forschungsansatz verstanden, der phänomenologische, systemtheoretische und psychophysische Sichtweisen erkenntnistheoretisch und methodisch integriert. Insbesondere auf Grund ihres ausgearbeiteten erkenntnistheoretischen Standortes, des Kritischen Realismus (BISCHOF), bietet die Gestalttheorie als Metatheorie die Möglichkeit der methodischen Integration unterschiedlicher psychotherapeutischer Ansätze (wie etwa Gestalt-Therapie, Psychoanalyse, Psychodrama, Gruppendynamik, Gesprächstherapie u.a., vgl. dazu WALTER 1994).

Ziel der Gestalttheoretischen Psychotherapie ist es, im therapeutischen Kontakt über die Freisetzung der im Menschen angelegten Fähigkeiten zur Selbstregulation und Selbstheilung eine Besserung und Heilung von neurotischen und psychosomatischen Leidenszuständen zu erreichen und zur Reifung und Entwicklung der Persönlichkeit beizutragen. Ausgehend von der phänomenalen Erlebniswelt (Konzept des Lebensraumes nach LEWIN) des Klienten soll die Bewußtheit und Selbstverantwortlichkeit gefördert werden, um abgespaltenene, verdrängte und widersprüchliche Persönlichkeits-anteile in die Gesamtpersönlichkeit zu reintegrieren und situations-gemäß handeln zu lernen ("Gefordertheit der Lage", WERTHEIMER, KÖHLER). Durch das Erleben und durch Reflexion des Erlebens ("Kraftfeldanalyse" des Lebensraumes, WALTER, 1994), sowie durch Identifikation mit weniger vertrauten Aspekten des Lebensraumes können neue Einsichten gewonnen werden, welche zur Umstrukturierung und Umzentrierung des psychischen Feldes führen.

Der Gestalttheoretische Psychotherapeut gibt Anstöße zur Umstrukturierung des Lebensraumes, welche die Fähigkeit zur Selbstregulation ("Tendenz zur guten Gestalt") erhöhen und den Lebensraum prägnanter, differenzierter und stabiler werden lassen (WALTER, 1994). Im Durcharbeiten wachstumsbehindernder neurotischer Abwehrmechanismen (Projektion, Introjektion, Konfluenz, Retroflektion, Deflektion; PERLS; POLSTER & POLSTER), sowie bewußter und unbewußter Konflikte führt die Therapie im "Hier-und-Jetzt" der Therapiesituation zur Überwindung von Blockierungen ("Sackgassen"), welche neurotische Arrangements darstellen. Analog zum psychoanalytischen Konzept "Erinnern - Wiederholen - Durcharbeiten" (FREUD) formuliert WALTER - angelehnt an die Modellvorstellung LEWINs - ein Drei-Phasenmodell des psychotherapeutischen Prozesses in "Auftauen - Ändern - Neustabilisieren". PERLS beschreibt den psychotherapeutischen Prozeß als einen Prozeß des persönlichen Wachstums und der Entfaltung des mensch-lichen Potentials, der Zeit benötigt und nicht beliebig beschleunigt oder verkürzt werden kann.

WALTER definiert in Fortführung des gestaltpsychologischen Konzeptes METZGERs die Therapiesituation als einen Ort "schöpferischer Freiheit", welcher die Eigenart des Lebendigen berücksichtigen und fördern muß (Nichtbeliebigkeit der Form, der Arbeitsgeschwindigkeit, der Arbeitszeit, u.a.). Die Haltung des Gestalttheoretischen Psychotherapeuten soll die eines "Geburtshelfers" sein. Er soll dem Klienten eine innere Haltung von einfühlendem Verständnis, Echtheit und Transparenz entgegenbringen, wie sie auch von ROGERS als Prozeßvariable der Psychotherapie formuliert worden ist.

Methodisch eröffnet die Gestalttheoretische Psychotherapie im Rahmen der Einzel- und Gruppentherapie eine Vielfalt psychotherapeutischer Arbeitsmöglichkeiten über das therapeutische Gespräch hinaus, etwa die Arbeit mit dem Dialog zwischen Polaritäten, mit Träumen, Nachtträumen, im schöpferischen Umgang mit dem Körperausdruck und Ausdrucksmitteln wie Malen, Modellieren, dramatischen Inszenierungen usw.; diese Ansätze ermöglichen dem Klienten einen subtilen Zugang zu seinen Intentionen, Wünschen und Bedürfnissen.


EMPFOHLENE GRUNDLAGEN-LITERATUR:
Hans-Jürgen WALTER: Gestalttheorie und Psychotherapie. Ein Beitrag zur theoretischen Begründung der integrativen Anwendung von Gestalt-Therapie, Psychodrama, Gesprächstherapie, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und Gruppendynamik. Westdeutscher Verlag, 3. Auflage, Opladen 1994. 310 Seiten, Für weitere Informationen zu diesem Buch klicken Sie hier!.
Hans-Jürgen WALTER: Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene. Westdeutscher Verlag, Opladen 1996. 284 Seiten. Für weitere Informationen zu diesem Buch klicken Sie hier!
Dieter ZABRANSKY, Marianne SOFF: Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie. Broschüre der ÖAGP, Wien 1996. 30 Seiten. Über die ÖAGP zu beziehen oder über Anklicken dieses Links online lesen.
Gerhard STEMBERGER (Hrsg.): Psychische Störungen im Ich-Welt-Verhältnis. Gestalttheorie und psychotherapeutische Krankheitslehre. Verlag Wolfgang Krammer, Wien 2002. 184 Seiten. Für weitere Informationen zu diesem Buch klicken Sie hier!

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