Sektion
Psychotherapie der GTAHans-Jürgen P. Walter:
Warum sprechen wir von Gestalttheoretischer Psychotherapie statt einfach von Gestalttherapie?
Was haben Gestalttherapie und Gestalttheorie miteinander zu tun?
Dieter Zabransky und Marianne Soff:
Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie
Warum sprechen wir von Gestalttheoretischer Psychotherapie statt einfach von Gestalttherapie?
Dieser Text von Hans-Jürgen Walter ist um 1985 entstanden , wie aus der einleitenden Bezugnahme auf die Gründung der ÖAGP hervorgeht. Er hat u. E. seine Aktualität behalten, bzw. mit der staatlichen Anerkennung der Gestalttheoretischen Psychotherapie in Österreich neue Aktualität gewonnen. Erstveröffentlichung in den ÖAGP-Informationen 2/94
Web-Publishing erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors
Die Frage mag in Zukunft öfter gestellt werden als bisher, besonders in Österreich, nachdem dort als nationale Unterorganisation der GTA-Sektion Psychotherapie die "Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie" gegründet worden ist.
Warum also ? Die kürzeste Antwort lautet:
"Zur Abgrenzung von im Anschuß an (mit erkenntnistheoretischen Mangeln behaftete) theoretische Äußerungen PERLS entstandenem 'Gestaltgeschwätz wird die Verwendung der Bezeichnung 'Gestalttheoretische Psychotherapie vorgeschlagen" (WALTER 1984, S. 67).
In dem Aufsatz mit dem Titel "Was haben Gestalttherapie und Gestalttheorie miteinander zu tun?", dem dieser Satz entnommen ist, sind im selben Zusammenhang aber auch die Sätze zu lesen:
"Es wird belegt, daß die entscheidenden Konzepte, die PERLS seiner Kritik an der Psychoanalyse, von der er herkommt, und seinem Ansatz zugrundelegt, der Gestalttheorie entstammen. Und daß es einer Verleugnung eigener zentraler Positionen gleichkäme, würde sich die Gestalttheorie von der Gestalttherapie des Fritz PERLS distanzieren."
Es geht also keinesfalls um eine grundsätzliche Distanzierung gegenüber der Gestalttherapie des Fritz PERLS. Aber gerade, daß er das Besondere der Gestalttherapie als durch die gestalttheoretische Psychologie begründet ansah, rechtfertigt unsere Entscheidung, nicht mehr einfach von Gestalttherapie zu sprechen. Denn leider ist dies von vielen seiner Schüler gründlich mißachtet worden. Man machte es sich vielfach allzu leicht, indem man Gestalttherapie als therapeutische Methode und Theorie sui generis, erfunden und gelehrt von einem einzigen Menschen, betrachtete und anschließend bedenkenlos von ihrem erkenntnistheoretischen und psychologiegeschichtlichen Hintergrund abkoppelte. So kam es dazu, daß ihr schließlich unter dem Deckmantel theoretischer Weiterentwicklung ganz andere Grundlagen unterschoben oder, will man es freundlicher sagen, angedichtet wurden, oft schlicht, weil die Verfasser solcher Texte zwar die Praxis der Gestalttherapie kennengelernt hatten, die gestalttheoretische Psychologie aber kaum kannten und sich auch nicht die Mühe machten, sich näher mit ihr zu beschäftigen.
Ähnliche Gefährdungen waren übrigens schon von der Verwendung des Begriffs "Gestaltpsychologie" für die "gestalttheoretische Psychologie" ausgegangen. Die begriffliche Vereinfachung machte es vielen Außenstehenden leicht, zu ignorieren, daß es sich um eine Psychologie handelt, deren nicht geringstes Anliegen es darin besteht, einem wissenschaftsübergreifenden Forschungsansatz gerecht zu werden, der gleichermaßen Gültigkeit für die Beantwortung philosophischer wie naturwissenschaftlicher Fragen hat: eben der Gestalttheorie. Deshalb ist es sinnvoll, von "gestalttheoretischer Psychologie" zu sprechen, oder noch genauer von der "Berliner Schule der Gestalttheorie", zu deren Begründern und wichtigsten Vertretern KÖHLER, KOFFKA, WERTHEIMER, LEWIN, GOTTSCHALDT, METZGER und RAUSCH zählen.
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