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Univ.Prof. Dr. Paul Tholey
Gutachterliche Stellungnahme über Die Bedeutung der "Gestalttheoretischen Psychotherapie" |
Gestalttheoretische Psychotherapie ist als eine in besonderem Maße wissenschaftlich
begründete Richtung der Gestalttherapie anzusehen. Sie geht in ihren Wurzeln,
ähnlich wie die ursprünglich von Fritz PERLS stammende Richtung der Gestalttherapie,
auf die Berliner Schule der Gestaltpsychologie und in diese integrierte tiefenpsychologische
Gedanken zurück. Dabei zeichnet sich die Gestalttheoretische Psychotherapie
vor anderen gestalttherapeutischen Therapieformen durch die selten anzutreffende
Verbindung von streng wissenschaftlicher (empirischer sowie theoretischer) Begründung
auf der einen Seite und der außergewöhnlichen Spannweite ihres praktischen Anwendungsfeldes
auf der anderen Seite aus.
Die außerordentliche Tragweite und Integrationskraft der Gestalttheoretischen Psychotherapie hat sie zum Teil schon den Gründungsvätern der Berliner Schule der Gestaltpsychologie zu verdanken, die sowohl von den "exakten" Naturwissenschaften als auch den Humanwissenschaften und nicht zuletzt von der Philosophie herkamen. Aus dieser Schule entwickelte sich dann organisch die Feldtheorie von LEWIN, der sich durch exakte empirische und theoretische Untersuchungen und Beiträge zur Persönlichkeits- und Sozialpsychologie auszeichnete. Ihm kommt auch das Verdienst zu, tiefenpsychologische Begriffe, Methoden und Thesen durch exakte experimentelle Untersuchungen präzisiert und diese somit in die "akademische" Psychologie integriert zu haben. LEWIN hat durch seine eigenen wissenschaftstheoretischen und experimentellen Untersuchungen und deren praktische Anwendungen seinen eigenen mittlerweile berühmt gewordenen Ausspruch "Nichts ist praktischer als eine gute Theorie" in hervorragender Weise selbst bestätigt. Man darf zu Recht sagen, daß LEWIN mit seinen praxisbezogenen persönlichkeits- und sozialpsychologischen Untersuchungen die wissenschaftlichen Grundlagen für eine menschengerechte Psychotherapie geschaffen hat.
Nachdem die Forschungspraxis der Gestaltpsychologie durch die Emigration ihrer wichtigsten Vertreter während des Naziregimes in Europa etwas gelitten hatte, ist heute eine starke Wiederbelebung der Gestalttheorie und speziell ihrer Anwendung auf die Psychotherapie festzustellen, was u.a. in der Gründung der "Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen" sowie der Herausgabe ihres wissenschaftlichen Organs "Gestalt Theory" (seit dem Jahr 1979) ihren Ausdruck fand. Dies ist auch nicht verwunderlich, da in der Gestalttheorie einerseits viele, angeblich neue Gedanken anderer Wissenschaftsgebiete, wie der Natur- und Humanwissenschaften, vorweggenommen wurden, andererseits vor allem auch fächerübergreifende Disziplinen wie die einheitliche Feldtheorie, Systemtheorie, Kybernetik und Synergetik sich zwanglos in das gestalttheoretische Gedankengut einfügen ließen. Trotz der Komplexität ihrer vielgestaltigen Teilansätze (wie z.B. des methodologischen, wissenschaftstheoretischen, psychophysischen, systemtheoretischen und psychologischen Ansatzes) weist die Gestalttheorie eine außerordentliche Einheitlichkeit und Geschlossenheit auf, was vor allem ihrer stringenten erkenntnistheoretischen Position des kritischen Realismus zu verdanken ist. Diese Position ist meines Erachtens am besten dazu geeignet, den vielfältigen und verwickelten Beziehungen "zwischen Leib und Seele" gerecht zu werden, was für jede wissenschaftlich und ganzheitlich begründete Psychotherapie unerläßliche Voraussetzung ist. Außerdem lassen sich von diesem übergreifenden erkenntnistheoretischen Standpunkt aus scheinbar so unterschiedliche Psychotherapien, wie z.B. Verhaltens-, erlebens- oder körperorientierte, tiefenpsychologische und systemische Therapieformen, nicht nur in organischer Weise miteinander integrieren, sondern auch in ihrer Wirkungsweise erst richtig verstehen. Dies hat vor allem Hans-Jürgen WALTER in seinem Buch "Gestalttheorie und Psychotherapie. Ein Beitrag zur theoretischen Begründung der integrativen Anwendung von Gestalt-Therapie, Psychodrama, Gesprächstherapie, Tiefenpsychologie und Gruppendynamik" (1985, 2. erw. Aufl.) im einzelnen nachgewiesen.
Wir sehen deshalb aus den genannten Gründen in der Gestalttheoretischen Psychotherapie nicht nur eine spezifische therapeutische Richtung der Schule der Gestalttherapie, sondern zugleich eine wichtige theoretische und praktische Bereicherung in Hinblick auf die vergleichbaren Hauptrichtungen dieser Schule.
St. Wendel, den 17. Juli 1992