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Sektion Psychotherapie der |
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Dieter Zabransky und Marianne Soff
Als historischer Beginn der Gestalttheorie wird gewöhnlich die Veröffentlichung der Arbeit von Max WERTHEIMER "Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung" in der Zeitschrift für Psychologie aus dem Jahre 1912 angesehen (Max WERTHEIMER, 1912b). In dieser Arbeit konnte er zeigen, daß unter bestimmten Wahrnehmungsbedingungen Scheinbewegungen auftreten, die nicht allein durch die vorgegebenen physikalischen Versuchsbedingungen erklärbar sind, sondern auf Gestaltprozesse verweisen (WERTHEIMERs Phi-Phänomen).3
Eine erste zusammenfassende Darstellung gestalttheoretischer Grundannahmen gibt v. WARTENSLEBEN im Jahre 1914 im Rahmen einer Arbeit, welche das psychologische Problem der Persönlichkeit behandelt (Michael WERTHEIMER, 1991b).4
Die Gestalttheorie wurde zunächst durch ihre psychologischen Experimente über Wahrnehmungstäuschungen sowie über Variabilitäts- und Konstanzphänomene bekannt, welche die Organisiertheit des Wahrgenommenen in einem komplexen Figur-Grund-System eindrucksvoll anschaulich machen (vgl. u.a. METZGER, 1975b). Darüber hinaus hat die Gestalttheorie seit ihrem Bestehen eine Reihe von Anwendungsfeldern in Forschung und Praxis maßgeblich beeinflußt. 5
Im Bereich der Psychotherapie war es der Berliner Arzt und Psychoanalytiker Friedrich S. PERLS, der sich in der Entwicklung seiner Therapiemethode, der Gestalt-Therapie, explizit auf die Gestalttheorie berief. Er schreibt:
"Professor K. GOLDSTEIN verdanke ich meine erste Bekanntschaft mit der Gestaltpsychologie. Leider war ich 1926, als ich am Frankfurter Neurologischen Institut bei ihm arbeitete, noch zu sehr von der orthodoxen psychoanalytischen Methode eingenommen, so daß ich nur einen Bruchteil dessen, was mir geboten wurde, aufnehmen konnte" (PERLS, 1978).
In Erörterung der Frage, "Wieso heißt die Gestalt-Therapie eigentlich Gestalt-Therapie?", kommt WALTER (1984) zu dem Schluß, daß PERLS sie bewußt so genannt hat.
"Seinen Äußerungen zufolge verdankt er der Begegnung mit der Gestalttheorie die theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen, die entscheidend für die Artikulation seiner Kritik an der Psychoanalyse und für die Beschreibung seiner eigenen Therapiemethode wurden."
Und:
"Wenn nicht schon in Berlin, während seines Medizinstudiums, so ist er jedenfalls in Frankfurt in den Vorlesungen von Gestalttheoretikern gewesen, bei GELB (bei dem seine Frau Lore promovierte, Erg. vom Autor) und sicher auch bei WERTHEIMER, dem er dann, als ihm die Bedeutung seiner Erfahrungen bei Gestalttheoretikern aufzugehen begann, sein erstes 1946 in den USA erschienenes Buch 'Ego, Hunger and Aggression' (deutsch: 1978) widmet. Immer, wenn er aufs Grundsätzliche kommt, bezieht er sich auf gestalttheoretische Auffassungen und Begriffe" (WALTER, 1984).
PERLS übernimmt insbesondere GOLDSTEINs Konzept der organismischen Einheit und Selbstorganisation, sowie jenes der Katastrophenreaktion, die dann auftritt, wenn das Ordnungsprinzip, die Tendenz zur guten Gestalt", versagt (GOLDSTEIN, 1963).6
Diese Ansätze nehmen in seinen Schriften über die Gestalt-Therapie einen zentralen Platz ein. Allerdings hinterließ PERLS bei seinem Tod im Jahre 1970 keine systematisch ausgearbeitete Theorie seiner psychotherapeutischen Arbeit. Die Formulierung des theoretischen Hintergrundes der Gestalt-Therapie hatte er im wesentlichen Paul GOODMAN und Ralph F. HEFFERLINE überlassen (PERLS u. andere, 1951). PERLS' Anliegen und persönliches Vermächtnis bestand vielmehr in der lebendigen Dokumentation seiner Arbeit in Form von Protokollen von Therapiesitzungen, Diskussionen und freien Vorträgen. Ein Beispiel dafür ist sein bekanntestes, im Jahre 1969 erschienenes Werk, "Gestalt Therapy Verbatim. 7
Die gestaltpsychologischen Ausführungen von PERLS zur Gestalt-Therapie wurden von einigen Gestalttheoretikern kritisiert, die ihm unzulässige Vereinfachungen in seiner Darstellung vorwarfen (vgl. u.a. ARNHEIM, 1974, HENLE, 1978, HOETH, 1980, THOLEY, 1980b,1984, Zusammenfassung bei STEMBERGER, 1995). Andererseits ließ sein therapeutisches Vorgehen klar erkennen, daß ihm die Gestalttheorie vom Grundverständnis her vertraut war:
"Er hat erfaßt, was der gestalttheoretische Ansatz für den Menschen, für die einzelne Person wie für das Zusammenleben bedeuten kann, wenn er konsequent in praktisches therapeutisches Handeln umgesetzt wird" (WALTER, 1984).
Die Verbreitung der Gestalt-Therapie vollzog sich in den Vereinigten Staaten mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten: in Kalifornien (Westküste) vor allem im Rahmen des Human Potential Movements, wo die Einzelarbeit in der Gruppe im Vordergrund stand (F. PERLS, J. SIMKINS, u.a.), in New York und Chicago (Ostküste), wo im Rahmen klinischer Arbeit die Gruppe als therapeutisches Medium stärker berücksichtigt wurde (P. GOODMAN, L. PERLS, u.a.).
In Europa wurde das gestalt-therapeutische Verfahren in seinen Ansätzen und theoretischen Konzepten weiterentwickelt. Im deutschsprachigen Raum fand Ende der 60er Jahre die Gestalt-Therapie vor allem durch H. PETZOLD und R. COHN Verbreitung. Mit der von WALTER (1977, 1985a, 1994a) begründeten Gestalttheoretischen Psychotherapie wird nicht nur die konsequente gestalttheoretische Fundierung des gestalt-therapeutischen Verfahrens vollzogen, sondern zugleich ein Fundament für die integrative Anwendung von Gestalt-Therapie, Psychodrama, Gesprächstherapie, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und Gruppendynamik auf gestalttheoretischer Grundlage gelegt.
Die institutionalisierte "wissenschaftliche Heimat" der Gestalttheoretischen Psychotherapie ist die GTA, die internationale Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (Gründungsjahr: 1978), in der im Rahmen der Sektion Psychotherapie, mit ihren nationalen Arbeitsgemeinschaften ÖAGP und DAGP, eine ständige wissenschaftliche Reflexion und Weiterentwicklung stattfindet. Das Publikationsorgan der GTA ist die internationale, mehrsprachige Fachzeitschrift Gestalt Theory. 8
Fußnoten:
3 zum Gestaltbegriff siehe Kap. 3.1. ->zurück zum Text
4 Michael WERTHEIMER weist darauf hin, daß gestalttheoretische Auffassungen bereits in früheren Veröffentlichungen seines Vaters zur Denkpsychologie und Völkerpsychologie enthalten sind (WERTHEIMER, 1910,1912a). ->zurück zum Text
5 Gestalttheoretische Untersuchungen wurden zu vielfältigen Forschungsbereichen durchgeführt um einige Beispiele zu nennen: zum Bereich der Denkpsychologie (WERTHEIMER, 1964, DUNCKER, 1963), der Sozialpsychologie (LEWIN, 1963,1968), der Entwicklungspsychologie (KOFFKA, 1966), der Persönlichkeitspsychologie (LEWIN, 1935, OVSIANKINA-RICKERS, 1928), der Psychologie des Gedächtnisses (ZEIGARNIK, 1927), der Klinischen Psychologie (LUCHINS, 1949,1964), der Neurologie (GOLDSTEIN, 1963), der Psychiatrie (SCHULTE, 1924), der Pädagogik (GUSS, 1975, METZGER, 1962, 1975c), der Kunst (ARNHEIM, 1978), der Klartraumforschung (THOLEY, 1980b, 1985), der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie (BISCHOF, 1966, METZGER, 1975a), zu Fragen der Ethik und menschlicher Werte (WERTHEIMER, 1991a, KÖHLER 1968). ->zurück zum Text
6 siehe dazu Kap. 3.4.: Die "Tendenz zur guten Gestalt" ->zurück zum Text
7 In deutscher Sprache erschien es im Jahre 1974 mit dem Titel "Gestalt-Therapie in Aktion" ->zurück zum Text
8 Die Herausgeber sind J. KRIZ (Osnabrück), G. STEMBERGER (Wien), P. THOLEY (Frankfurt) und H.-J. WALTER (Biedenkopf, Wien). ->zurück zum Text
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