Sektion Psychotherapie der

Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS (GTA)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP/GTA)
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP/GTA)

Dieter Zabransky und Marianne Soff

Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie

© Dieter Zabransky und Marianne Soff, 1998


Gestalttheoretische Grundlagen

Der Kritische Realismus als erkenntnistheoretische Grundlage

Im Mittelpunkt erkenntnistheoretischer Überlegungen steht die Frage nach der Art der Beziehung zwischen psychischen und physischen Gegebenheiten. Der erkenntnistheoretische Standort einer wissenschaftlichen Theorie bestimmt ihre Welt- und Wirklichkeitssicht sowie ihr Menschenbild, die für die psychotherapeutische Arbeit von grundlegender Bedeutung sind. Die erkenntnistheoretische Position der Gestalttheorie ist im "Kritischen Realismus" ausformuliert worden (BISCHOF 1966, METZGER 1975a).

Im Kritischen Realismus wird die These vertreten, daß die gesamte vorgefundene Welt zu unserer anschaulich-erlebten, d.h. phänomenalen Wirklichkeit gehört (Wirklichkeit im zweiten Sinn). Diese ist streng von der erlebensjenseitigen (= transphänomenalen oder physikalischen) Welt zu unterscheiden (Wirklichkeit im ersten Sinn), die uns niemals unmittelbar anschaulich gegeben ist, sondern nur indirekt erschlossen und in Form von theoretischen Modellen, z.B. in physikalischen oder physiologischen Theorien, abgebildet werden kann. Die Wirklichkeit im ersten und zweiten Sinn läßt sich weiter differenzieren: die physikalische Welt in den physiologischen Organismus und in die physikalische Umgebung; die phänomenale Welt in das wahrgenommene Körper-Ich und die wahrgenommene Umgebung. Erlebnisfähig sind ausschließlich die phänomenalen Vorgänge, welche im sog. Psychophysischen Niveau (PPN), einem hypothetisch angenommenen Ort im Zentralnervensystem, verarbeitet werden. Innerhalb der phänomenalen Wirklichkeit unterscheidet METZGER weiter zwischen Wirklichem im dritten Sinn (d.h. unmittelbar Wahrgenommenem) und Nicht-Wirklichem im dritten Sinn (d.h. Gedachtem, Konstruiertem) (vgl. WALTER, 1992a).

Die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen den Wirklichkeitsebenen wird dort einsichtig, wo diese Wirklichkeiten augenscheinlich auseinanderklaffen, wie dies z.B. bei Wahrnehmungstäuschungen der Fall ist. Ein Beispiel für Wahrnehmungstäuschungen lieferte bereits WERTHEIMER in der erwähnten Arbeit aus dem Jahre 1912 , die als Geburtsstunde der Gestalttheorie gilt. In dieser Arbeit über das sog. Phi-Phänomen demonstrierte WERTHEIMER, daß zwei Lichtreize, die an verschiedenen Orten abwechselnd in einem bestimmten Abstand stroboskopisch dargeboten werden (physikalische Welt), zwingend den Eindruck einer Lichtbewegung auslösen (phänomenale Welt).

Aufgrund der Unterscheidung zwischen physikalischer und phänomenalen Welt wird auch verständlich, daß ein und dasselbe physikalische Reizmaterial bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Phänomene bewirken kann. Dies macht man sich zum Beispiel beim bekannten Rorschachtest zunutze, in dem einfache schwarzweiße bzw. farbige Kleckse als Grundlage von Persönlichkeitsuntersuchungen herangezogen werden (vgl. RICKERS-OVSIANKINA, 1977).

Vom erkenntnistheoretischen Standpunkt des Kritischen Realismus aus können grundlegende Fragen über psychophysische Zusammenhänge formuliert und erhellt werden (vgl. KÖHLER 1968, METZGER 1975a, THOLEY 1980a). Dieser Fragenkomplex wurde innerhalb der traditionellen Philosophie im Rahmen der sog. Leib-Seele-Problematik behandelt und von FUCHS (1976) als Gretchenfrage der Wissenschaftstheorie beschrieben (nach THOLEY 1980a). Entsprechend der Isomorphieannahme KÖHLERs werden dynamisch strukturelle Übereinstimmungen im Psychophysischen Niveau zwischen psychischen Prozessen und gehirnphysiologischen Vorgängen angenommen. Darüber hinaus lassen die gestaltpsychologischen Untersuchungen GOLDSTEINs (1963) über ganzheitliche Prozesse im physiologischen Organismus den Schluß zu, daß auch andere Bereiche des Organismus nach Gestaltgesetzmäßigkeiten organisiert sind.

Für das Krankheitsverständnis und die Psychotherapie bedeutsam ist die daraus ableitbare Folgerung, daß massive Barrieren und Abspaltungen in der phänomenalen Welt des Menschen nicht nur zu Störungen des erlebten inneren Gleichgewichts und des körperlich-seelischen Wohlbefindens führen, indem sie die Fähigkeit zur Selbstorganisation behindern, sondern daß bei langanhaltenden und tiefergehenden Konflikten auch Auswirkungen im physiologischen Organismus in Form von funktionellen und schließlich morphologisch-organischen Erkrankungen zu erwarten sind.


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