Sektion Psychotherapie der

Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS (GTA)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP/GTA)
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP/GTA)

Dieter Zabransky und Marianne Soff

Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie

© Dieter Zabransky und Marianne Soff, 1998


Gestalttheoretische Grundlagen

Das Menschenbild der Gestalttheorie

Das Menschenbild der Gestalttheorie steht im Gegensatz zu atomistischen Grundannahmen in der Psychologie, nach denen "die Seele" aus einzelnen Elementen zusammengefügt ist, die sich einzeln und unabhängig voneinander manipulieren lassen (Maschinentheorie des Menschen). METZGER (1975a) hat die grundlegenden Merkmale der atomistisch-mechanistischen Denkweise mit dem "atomistischen Grundsatz", "dem Grundsatz der Beliebigkeit" und dem "Grundsatz der Unordnung des Natürlichen" charakterisiert. Diese weit verbreitete Denkweise, die z. B. dem klassischen Behaviorismus zugrunde liegt, besagt, daß wir mit dem Menschen Beliebiges machen können, wenn wir nur genügend Wissen über ihn haben. Der Mensch ist nach dieser Auffassung, wenn er sich selbst frei überlassen ist, zu keiner eigenen Ordnung fähig, und er würde im Chaos enden, wenn er nicht von außen geführt und manipuliert wird. Abgesehen davon, daß sich daraus unmittelbar die Frage ergibt, wer die Manipulation der Manipulatoren übernimmt, könnte man aufgrund der Annahme, daß Beliebiges machbar ist, zur Erwartung eines Lebens ohne Unannehmlichkeiten wie Trauer, Krankheit, Alter, Behinderung verführt werden. Diese Denkweise suggeriert die Erfüllung der Sehnsucht nach einem Leben ohne Leid, ohne Schmerz und ohne Verzicht, nach einem Leben voll ungetrübten Glücks. Die beschriebene Lebenshaltung, die Unangenehmes nicht zur Kenntnis nehmen will und verdrängt, führt auch zur Versuchung, äußere Umstände und andere Menschen für das verantwortlich zu machen, was wir selbst zu verantworten haben (vgl. STEMBERGER, 1992).

Die Gestalttheorie vertritt demgegenüber eine ganzheitlich-dynamische Sichtweise vom Menschen, indem davon ausgegangen wird, daß im Menschen selbstregulative Vorgänge stattfinden, durch die sich unter günstigen Bedingungen natürliche Ordnungen von selbst bilden 10, die jedoch mit den oben beschriebenen "Heilserwartungen" nicht konkurrieren. Die Selbstverantwortlichkeit des Menschen wird betont. Dieses Menschenbild umfaßt die Notwendigkeit, sich von Illusionen und unerfüllbaren Wünschen zu verabschieden, die Unsicherheiten des Lebens zu akzeptieren und auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Die ganzheitliche Sichtweise impliziert weiterhin, daß der Mensch als soziales Wesen mit starkem Bedürfnis nach Gemeinschaft und sozialer Gerechtigkeit zu betrachten ist. Die grundlegende Bedeutung von Zugehörigkeit zu und Gleichwertigkeit mit anderen Menschen für die Entwicklung und seelische Gesundheit des Einzelnen und die Auswirkung von Störungen dieser Bedürfnisse werden in der gestalttheoretischen Literatur an vielen Stellen ausgeführt (z. B. SCHULTE, 1924; METZGER, 1975c; RUH, 1995) 11.

Ganzheitliche Sichtweise in gestalttheoretischem Sinne bedeutet, daß das Erleben und Verhalten eines Menschen in einer bestimmten Lebenssituation in seiner Einbettung in umfassendere Zusammenhänge gesehen werden muß. Der gesamte Hintergrund bisheriger Lebenserfahrungen, das soziale und ökologische Umfeld, die gegenwärtige leib-seelische Verfassung, Hoffnungen und Befürchtungen - all das sind wesentliche Aspekte, die aus der gegenwärtigen Sicht das bisherige Leben ausgemacht haben, gerade ausmachen und vermutlich ausmachen werden. Um zu einem tieferen Verständnis der Lebenssituation eines Menschen zu gelangen, muß im Rahmen einer ganzheitlichen Sichtweise die Analyse der Lebenssituation von der Gesamtsituation ausgehen, in deren Kontext erst einzelne Erlebens- und Verhaltensweisen ihren Stellenwert und Sinn bekommen ("Weg von oben nach unten").

Eine ganzheitliche Sichtweise bedeutet aber auch, den Menschen als psychophysische Einheit zu betrachten (KÖHLER, 1968). Orientiert an der organismischen Gestaltlehre GOLDSTEINs (1963) hat PERLS den dynamischen Funktionszusammenhang zwischen psychischen und physischen Prozessen hervorgehoben. Wenn seelische und körperliche Vorgänge in dynamischer Hinsicht einander entsprechen, verbietet sich eine grundsätzliche Trennung in der Behandlung von psychischen und somatischen Störungen geradezu; aus dieser Sicht ist jede Störung und jede Heilung psychosomatischer Natur (WALTER, 1985a, vgl. dazu auch v. UEXKÜLL, 1963).


Fußnoten:

10 vgl. Kap. 3.4.: "Tendenz zur guten Gestalt" ->zurück zum Text

11 vgl. Kap. 3.6.: "Zum Gesundheits- und Krankheitsverständis" ->zurück zum Text


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