Sektion Psychotherapie der

Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS (GTA)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP/GTA)
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP/GTA)

 

Dieter Zabransky und Marianne Soff

Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie

© Dieter Zabransky und Marianne Soff, 1998


Gestalttheoretische Grundlagen

Zum Gesundheits- und Krankheitsverständnis

Im Gesundheits- und Krankheitsverständnis von psychischen und psychosomatischen Störungen wurde in den letzten Jahren vielfach ein Wechsel des vorherrschenden Paradigmas vom "medizinischen Modell" hin zum "erzieherischen Modell" gefordert (vgl. WALTER, 1985a). Nicht das "Abnorme", sondern der störungsfreie Ablauf psychischer Prozesse wird damit zum Ausgangspunkt der Überlegungen über Gesundheit und Krankheit. Auch PERLS' Verständnis psychischer Störungen beruht eher auf einem erzieherischen als auf dem medizinischen Modell, indem er psychische Störungen als Entwicklungs- bzw. Wachstumsstörungen der Persönlichkeit auffaßt und untersucht, wie sich der Betroffene selbst hindert, eine größere Selbständigkeit zu entwickeln (PERLS, 1974).

In der nosologisch orientierten Schulmedizin, die sich um das Auffinden von Krankheitssymptomen und Krankheitssyndromen bemüht, steht hinter dem Verständnis "seelischer Krankheiten" auch heute noch häufig die einseitige Vorstellung einer organmedizinisch auffindbaren Ursache psychischer Störungen in Form von neurologischen Defekten oder Stoffwechselstörungen. Als entscheidende und vorrangige Therapie wird folglich das medikamentöse Eingreifen in den biochemischen Stoffwechsel des Gehirns angesehen. Die Auswirkung von Lebensschwierigkeiten werden aus dieser Sicht bestenfalls zu Auslösern angeborener Krankheitsdispositionen, Psychotherapie wird zur bloß unterstützenden Begleitmaßnahme.

Im erzieherischen Modell hingegen wird als Ursache und damit auch als Behandlungsansatz psychischer Störungen die Art der innerlichen Verarbeitung von Lebensschwierigkeiten angesehen. In seiner Kritik am medizinischen Modell meint SZASZ (1972):

"Was wir tatsächlich haben, sind Lebensschwierigkeiten biologischer, ökonomischer, politischer oder sozialpsychologischer Art"

und:

"Mehr Verständnis und die sich daraus entwickelnde Handlung sind unsere einzigen rationalen Mittel der Entlastung" (zit. nach WALTER, 1985a).

Damit soll nicht behauptet werden, daß medizinisch-wissenschaftliche Forschungsansätze weniger bedeutsam sind als diejenige psychotherapeutischer, psychologischer und pädagogischer Forschung, noch sollen Auswirkungen mancherlei organischer Störungen auf das subjektive Befinden des Menschen geleugnet werden. Der erzieherische Ansatz in der Psychotherapie erfordert im Gegenteil ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit aller im psychosozialen Bereich tätiger Professionen. Die Kritik richtet sich gegen das medizinische Modell als Ideologie.

Erste Ansätze, schwere psychiatrische Störungen, wie etwa die "Psychosen mit Eigenbeziehung und Wahnbildung", als Beziehungsstörungen gestalttheoretisch zu erfassen, gehen schon auf die 20er Jahre zurück. SCHULTE (1924) geht in seinen Überlegungen vom Bedürfnis des Menschen aus, sich in bestimmten Situationen als Teil eines "Wir" zu verstehen. Beispiele dafür sind die Familie und ein Arbeitsteam, welche "Wir-intendierende Situationen" darstellen. Es kann nun der Fall sein, daß sich jemand aus den unterschiedlichsten Gründen als nicht fähig erlebt, an diesem "wir" teilzuhaben, obwohl er spürt, daß es die Situation erfordert. Die These SCHULTEs ist, daß diese erlebte Kluft für "ich-schwache" Menschen auf Dauer nicht lebbar ist. Der schwer zu ertragende Zustand des Nebeneinanders wird umgedeutet in ein: die anderen sind gegen mich. Dieser Zustand ist erträglicher. Wenn ich andere Menschen als feindlich ansehe, dann stehe ich mit ihnen zumindest in einer Beziehung, wenn auch in keiner angenehmen (Verfolger - Verfolgter). Die wesentlichste Eigenschaft dieses "Surrogatgleichgewichts" ist das Fehlen der Kluft. Für den betreffenden Menschen besteht nun aber zur Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts die Notwendigkeit, die eigenen inneren Widersprüche zu dieser Tatsache zu reduzieren. Die Gesamteinstellung des Menschen in Denken, Wollen, Fühlen und Handeln wird dann dieser psychischen Umstrukturierung unterzogen. Es bildet sich ein ausgeprägtes und ausgeteiltes Wahnsystem (vgl. auch RUH, 1995; SOFF, 1995).

Die Gültigkeit dieses Ansatzes wird u.a. durch das Ergebnis der Psychiatriereform in den 70er und 80er Jahren in Österreich belegt. Für viele im traditionell-psychiatrischen Denken Verhaftete war es mehr als überraschend, daß es möglich war, Psychiatrie zu öffnen und in einem engagierten Einsatz mit Hilfe eines intensiven Beziehungs- und Therapieangebots häufig die soziale, z. T. auch berufliche Rehabilitation von lang hospitalisierten, chronisch-psychotischen Patienten zu erreichen. Im Sinn des zuvor referierten Ansatzes kann es jedoch nicht wirklich verwundern, daß durch jahrelange Isolation und Beziehungslosigkeit der Patienten damaliger psychiatrischer Verwahranstalten psychotische Reaktionen gefördert und chronifiziert worden sind.

Im erzieherischen Modell wie auch in der Gestalttheorie werden die Ursachen psychischer Störungen als im weitgehenden Sinn sozial bedingt angesehen, etwa als Ausdruck von Gleichgewichtsstörungen in der Beziehung zwischen einer Person und ihrer erlebten Umwelt. Gestalttheoretische Psychotherapie gründet auf den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Entwicklung und menschlichen Zusammenlebens, um eine lebenswerte und sinnerfüllte Balance zwischen Individuum und Umwelt zu fördern. Wenn es primär Lebensschwierigkeiten sind, die psychische Störungen bewirken, ist grundsätzlich jeder Mensch fähig, Einsicht in seine Störung und in ihre Ursachen zu gewinnen. Es geht dann um die Aktivierung und Stärkung der Fähigkeit des Menschen, sich selbstverantwortlich mit seinen Lebensschwierigkeiten auseinanderzusetzen und sie nach seinen eigenen Möglichkeiten überwinden zu lernen. Ausgehend vom Lebensraumkonzept LEWINs geht es in der Persönlichkeitsentwicklung wie im Psychotherapieprozeß um die Differenzierung der eigenen Möglichkeiten, Gefühle und Körperempfindungen zuzulassen und auszudrücken; es geht darum, Bedürfnisse zu erkennen und Wege zu entwickeln, mit ihnen umzugehen; es geht um die Differenzierung im Sozialverhalten, in der Fähigkeit, Einsichten zu gewinnen und Lebensziele zu entwickeln, usw..

Im Rahmen gestalttheoretischer Forschung wurden auch eine Reihe von psychoanalytischen Konstrukten unter dem Aspekt einer experimentellen Überprüfung und möglichen Integration untersucht (etwa die Konstrukte des "Unbewußten", der "Regression", des "Agierens", der "Sublimierung", des "Ödipuskomplex"; das Verständnis von Träumen und Phobien). METZGER kritisierte in diesem Zusammenhang den Mangel an Bereitschaft bei FREUD und seinen Schülern, die von ihnen aufgestellten Hypothesen wissenschaftlich-experimentell zu überprüfen. Für viele psychoanalytische Thesen und Konstrukte konnte gezeigt werden, daß sie sich in die Sprache der Gestalttheorie übersetzen lassen; darüber hinaus konnten sie von gestalttheoretischer Seite teilweise theoretisch und experimentell untermauert, teilweise auch differenziert und modifiziert werden (vgl. dazu METZGER, 1975b, WALTER, 1985a).

Zwischen gestalttheoretischen und psychoanalytischen Auffassungen gibt es einige Gemeinsamkeiten, insbesondere in der Auffassung psychischer Vorgänge als dynamische Prozesse und in der Betonung der Rolle der Umwelt für die Persönlichkeitsentwicklung. In der gestalt-therapeutischen Arbeit geht es wie in der Psychoanalyse um das Aufdecken und Durcharbeiten (PERLS, 1974) von bewußten und unbewußten Problemen und Konflikten. Analog zu den aus der Psychoanalyse bekannten Abwehrmechanismen beschrieb PERLS (1976) die neurotischen Mechanismen der Introjektion, der Projektion, der Konfluenz und der Retroflektion. POLSTER & POLSTER (1975) fügten dieser Reihe das Konstrukt der Deflektion (d.h. Kontaktvermeidung) hinzu. Das gestalttheoretische Konzept "Auftauen-Ändern-Neustabilisieren" 13 (LEWIN, 1963) kann analog zum psychoanalytischen Konzept "Erinnern-Wiederholen-Durcharbeiten" (FREUD, 1914) gesehen werden. Neuere psychoanalytische Konzepte der "Übertragung" und "Gegenübertragung" nähern sich der gestalttheoretischen Position zunehmend an. 14 Anders als die Psychoanalyse beruht die Gestalttheorie jedoch stringent auf einer klaren erkenntnistheoretischen Grundlage, dem Kritischen Realismus, und sie unterscheidet sich von der Psychoanalyse im erkenntnistheoretisch konsistent abgeleiteten Menschenbild.



Das neue Buch zur gestalttheoretischen Krankheitslehre:

Gerhard Stemberger (Hrsg.):
Psychische Störungen im Ich-Welt-Verhältnis
Gestalttheorie und psychotherapeutische Krankheitslehre

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Fußnoten:

13 vgl. Kap. 4.3.: "Zum Psychotherapieprozeß" ->zurück zum Text

14 vgl. etwa CREMERIUS, 1990 ->zurück zum Text


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