Sektion Psychotherapie der

Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA)

SOCIETY FOR GESTALT THEORY AND ITS APPLICATIONS (GTA)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP/GTA)
Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP/GTA)

 

Dieter Zabransky und Marianne Soff

Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie

© Dieter Zabransky und Marianne Soff, 1998


    Zur gestalttheoretisch-psychotherapeutischen Methodik

Kraftfeldanalyse

In der gestalttheoretisch-psychotherapeutischen Arbeit sollen widersprüchliche und abgespaltene Persönlichkeitsanteile bewußt gemacht und ihre Reintegration in die Gesamtpersönlichkeit gefördert werden. Durch das gegenwärtige Erleben in der Therapiesituation und durch die Reflexion des Erlebens können neue Einsichten erlangt werden:

"Es gilt, gemeinsam mit dem Klienten Kraftfeldanalyse zu betreiben - man könnte auch sagen Phänomenologie zu treiben" (WALTER, 1985b).

Der Gestalttheoretische Psychotherapeut gibt Anstöße zur Umstrukturierung und Umzentrierung des psychischen Feldes des Klienten, welche die Fähigkeit der Feldkräfte zur Selbstregulation erhöhen und den Lebensraum differenzierter und prägnanter werden lassen.

In der psychotherapeutischen Arbeit vermag der Klient insbesondere durch Identifikation mit weniger vertrauten Aspekten seines Lebensraumes neue Einsichten gewinnen. Die gestalttheoretisch-psychotherapeutische Methodik ermöglicht eine phänomenale "Aufspaltung" eines Problems, welche etwa in der Aufforderung an den Klienten bestehen kann, einen Dialog zwischen widersprüchlichen Persönlichkeitsanteilen ("Polaritäten") zu führen.

Neben dem direkten Gespräch zwischen dem Psychotherapeuten und dem Klienten dient im Sinne einer "veränderungsaktivierenden Kraftfeldanalyse" des Lebensraumes nicht zuletzt die Arbeit mit dem "leeren Stuhl" dazu, den Klienten in der Rolle von wichtigen lebenden oder toten Bezugspersonen, Teilpersönlichkeiten, Traumfiguren, gegensätzlichen Auffassungen, Körperempfindungen und Gesten mit sich selbst ins Gespräch kommen zu lassen (hier darf "leerer Stuhl" durchaus in einem weiteren Sinn verstanden werden: Es bedarf keines Stuhles; im Falle gegensätzlicher Pole im Bewußtsein des Klienten können es z. B. die rechte und die linke Hand sein, die miteinander streiten; oder der "Druck im Bauch" kann sich mit dem "Kopf" auseinandersetzen). Die Klartraumtechnik, wie sie THOLEY (1980b, 1981, 1985) entwickelt hat, ist eine der neueren Beiträge zu einer gestalttheoretisch-psychotherapeutischen Methodik (WALTER 1985b).

Vielfältige Ausdrucksmittel können je nach Gefordertheit der Therapiesituation dazu eingesetzt werden, um im "Hier und Jetzt" hemmende oder störende Gefühle, Vorstellungen und Gedanken bewußt und prägnant zu machen. Sie werden damit der konkreten Auseinandersetzung zugänglich.

"Die Bewußtmachung unerwünschter Gefühle und die Fähigkeit, sie zu ertragen, sind die conditio sine qua non für eine erfolgreiche Behandlung"

zitiert KRIZ (1991) einen Satz von PERLS (1978) und stellt fest, daß das gestalt-therapeutische Verfahren im Kern eine Widerstandsanalyse ist. Im Unterschied zur Psychoanalyse wird der Widerstand aber nicht nur gedeutet, sondern dem Klienten gegenwärtig prägnant und erfahrbar gemacht. Im Zentrum stehen die Art der Erkenntnisstruktur und des Kontaktes, wie sie in der Therapiesituation zum Ausdruck kommen. WALTER (1977) schreibt dazu:

"Die wichtigste Voraussetzung für den bewußten Verzicht des Therapeuten darauf, seine eigene Geistesschärfe im Rahmen einer rationalen Diskussion in die Waagschale zu werfen, ist die Überzeugung, daß der Klient - wie scharfsinnig auch der Therapeut sein mag - selbst alle guten Gründe am besten kennt und auch die höchste Fähigkeit hat, seine guten Gründe von seinen schlechten zu unterscheiden."

Diese Methode hilft dem Klienten, eine differenzierte Sicht seiner eigenen Möglichkeiten und Barrieren zu erkennen und zu einer Entscheidung zu kommen, was er selbst will. Durch die Technik des "Doppelns", des empathischen Begleitens und Mitgehens im Bewußtseinsfluß durch den Psychotherapeuten, kann der Dialog noch prägnanter werden. Beim "Doppeln" tritt der Therapeut hinter den Klienten und spricht an dessen Stelle; er spricht etwa aus, was der Klient sich gerade "zu verkneifen" im Begriff war; oder er formuliert bewußt eine "Verdrehung" unklarer Äußerungen, die den Klienten zur konsequenten Fortsetzung des Dialoges provoziert.

Im Verlauf des Dialoges vertiefen sich zunächst die inneren Gegensätze und Widersprüche, bis es über ein tieferes Erleben und Verständnis der zugrundeliegenden Konflikte schließlich zur Annäherung und Integration der widersprüchlichen Persönlichkeitsanteile kommt. Eine erfolgreiche Integration im Prozeß des Dialoges kommt in nachhaltigen positiven Verhaltens- und Erlebnisänderungen zum Ausdruck (vgl. u.a. GREENBERG & CLARKE, 1979, GREENBERG & WEBSTER, 1982).

Im Rahmen der gestalttheoretisch-psychotherapeutischer Methodik kann mit dem in der Psychoanalyse so betonten Phänomen der "Übertragung" auf eine Weise umgegangen werden, daß es unmittelbar als therapeutisches Mittel genutzt wird. Die beschriebenen Techniken des “leeren Stuhls" und des "Doppelns" stellen ein Situationsarrangement dar, in dem "Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen" weniger Gefahrenquellen als zwanglos einsetzbare natürliche therapeutische Hilfsmittel sind; sie fördern auf seiten des Klienten wie auf seiten des Therapeuten die für handlungsrelevante Konkretisierung problematischer Beziehungssituationen notwendige Identifikation und Einfühlung (WALTER, 1985a).


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