Hans-Jürgen Walter

Was haben Gestalttherapie und Gestalttheorie miteinander zu tun?

Vortrag gehalten auf der 3. wissenschaftlichen Arbeitstagung der Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen e. V. (GTA) vom 21. bis 24. September 1983 in Münster/Westf. Erstveröffentlichung in Gestalt Theory 6, No. 1, 1984, 55-69. Der Aufsatz ist ebenfalls enthalten in Hans-Jürgen Walter: "Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene", 1991, Seite 51-63, Westdeutscher Verlag, Opladen. Eine englischsprachige Fassung dieses Artikels erschien im Gestalt Journal.

Web-Publishing erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors


Die Frage läßt theoretisch Antworten von "absolut gar nichts" bis "sind im Prinzip identisch" zu. Ich habe sie so formuliert, weil ich für möglich halte, daß sich die Antwortpräferenzen der Anwesenden über die gesamte Skala zwischen diesen Polen verteilen. Für mich bedeutet diese Frage: Ich habe die Aufgabe übernommen zu belegen, daß und wie Gestalttherapie und Gestalttheorie etwas miteinander zu tun haben, ja, daß und wie sie mehr oder weniger zusammengehören.

Bei der Vorbereitung dieses Referates gewann ich zunehmend den Eindruck, mich mit der Übernahme dieser Aufgabe in eine lähmende Flaute manövriert zu haben. Um wieviel reizvoller wäre es, eine "gute" Sache mit schwungvoller Polemik gegen eine "schlechte" abzugrenzen. Wieso mußte ich mir eine Aufgabe stellen, welche die psychische Reife von mir fordert, "ohne Zorn und Eifer", schlicht mit sachlichen Überlegungen zu überzeugen? - Nachdem ich mich genug bedauert hatte, kam mir eine Idee:

"Ich weiß, Ihr würdet lieber Euer Bier zusammen in Ruhe trinken, als wieder mal jemandem zu erläutern, wieso Ihr Euch gut versteht", sagte ich zum Gestalttheoretiker und zum Gestalttherapeuten, die sich's auf meinem "psycho-physischen Niveau" (PPN) bequem gemacht hatten, oder - einfacher gesagt -: in meinem Lebensgärtlein so vor sich hin dämmerten. "Aber wie wär's denn", fuhr ich fort, "wenn Ihr mal für einen guten Zweck so tätet, als müßtet Ihr fürchten, daß einer dem anderen Wasser ins Bier schüttet oder gar Schnaps. oder als käme da eine kluge junge Frau und jeder von Euch beiden möchte nachher gerne mit ihr allein sein?" Letzteres zündete, offenbar bei beiden.

Und der Gestalttherapeut, kurz Fritz genannt, spöttelte gleich los:

"Alter geht vor Schönheit; Du darfst anfangen."

Theo, der Gestalttheoretiker konterte sofort:

"Sex ist natürlich Dein Gebiet. Was das Alter angeht, so bin ich jedenfalls jung geblieben, nicht zuletzt im Kopf, was mir bei Dir manchmal zweifelhaft erscheint. Da bin ich ganz einig mit Mary HENLE (1978) und Maria RICKERS-OVSIANKINA und Rudolf ARNHEIM. Die RICKERS-OVSIANKINA hat mir geschrieben (Brief v. 8. 12. 78), sie sei 'besorgt über zu weitreichende und etwas naive Behauptungen von Leuten wie Fritz PERLS'. Und der ARNHEIM drückt es in einem Brief (v. 10. 5. 1979) noch deutlicher aus. Er schreibt, es stünde in den USA ganz schlecht um Klinische Psychologie, 'hauptsächlich unter dem Einfluß des unsäglichen Fritz PERLS, dessen Mißbrauch des Gestaltbegriffs zu einer schauderhaften Verwirrung und Verflachung geführt hat'. - Also halt Deinen Vornamen lieber geheim, wenn Du von einem Gestalttheoretiker ernstgenommen werden willst. Dein großer Fritz PERLS war doch zuallererst ein großer Schürzenjäger."

Fritz:

"Und weshalb bläst Du Dich so auf? Dich hat doch auch nur der Wunsch, mich bei einer Frau auszustechen, so angemacht, daß Du unfair wirst und mich mit Zitaten und unwahrhaftig-moralisierenden Anspielungen erledigen willst. Aber so geht das nicht. Ich laß mich auch gar nicht erst auf eine Diskussion des Menschen Fritz PERLS ein. Pack Dir an Deinen eigenen Zinken! Ich fang mal ganz anders an: Vielleicht hast Du ja wirklich noch nicht ganz begriffen, daß die Gestalttherapie die Gestalttheorie aus ihrem akademischen Elfenbeinturm geholt hat, wo sie ihre für die Humanwissenschaften umwälzenden Ideen an simplen geometrischen Figuren sonst vielleicht bis zum Sankt Nimmerleinstag exakt zu Tode beweisen würde. Ich meine wirklich 'umwälzende Ideen'; aber Du hattest Dich doch dem auf Scheinexaktheit erpichten Wissenschaftsbetrieb dermaßen angepaßt, einschließlich seinem elitären Dünkel, der auf dem Sockel angeblicher Objektivität posiert, daß vom Humanistischen des ganzheitlichen Ansatzes kaum noch was zum spüren war."

"Gut, jetzt werd ich mal sachlich", sagt Theo. "Aber zunächst: Mit Deiner Sachlichkeit war's gerade nicht weit her. So bescheuert, wie Du's darstellst, war die akademische Gestalttheorie nie. Darauf komme ich zurück. Fest steht, daß die Gestalttherapie sich zu einer irrationalen Heilsbewegung entwickelt hat. Da bleibe ich immer noch lieber im Elfenbeinturm präziser Begrifflichkeit. Mit dem humanistischen Schmand, wo ganzheitlich bedeutet, daß alles irgendwie mit allem zusammenhängt, will ich nichts zu tun haben!"

Während ich Theo und Fritz so zuhöre, fange ich an, ungeduldig zu werden; die brauchen offenbar einen Moderator, wenn ein sachliches Streitgespräch entstehen soll. Aus dem Rollenspiel scheint allmählich bitterer Ernst zu werden: "Also Ihr beiden, ich möchte Euch jetzt Fragen stellen und mehr darauf achten, daß Ihr bei der Sache bleibt."

Zunächst:

"Wieso heißt die Gestalttherapie eigentlich Gestalttherapie?"

Fritz:

"PERLS hat sie bewußt so genannt. Seinen Äußerungen zufolge verdankt er der Begegnung mit der Gestalttheorie die theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen, die entscheidend für die Artikulation seiner Kritik an der Psychoanalyse und für die Beschreibung seiner eigenen Therapiemethode wurden. Er schreibt:

'Professor K. GOLDSTEIN verdanke ich meine erste Bekanntschaft mit der Gestaltpsychologie. Leider war ich 1926, als ich am Frankfurter Neurologischen Institut bei ihm arbeitete, noch zu sehr von der orthodoxen psychoanalytischen Methode eingenommen, so daß ich nur einen Bruchteil dessen, was mir geboten wurde, aufnehmen konnte' (PERLS, 1978, 9).

Wenn nicht schon in Berlin, während seines Medizinstudiums, so ist er jedenfalls in Frankfurt in den Vorlesungen von Gestalttheoretikern gewesen, bei Adhémar GELB (dem Doktorvater seiner Frau Lore) und sicher auch bei WERTHEIMER, dem er dann, als ihm die Bedeutung seiner Erfahrungen bei Gestalttheoretikern aufzugehen begann, sein erstes 1946 in den USA erschienenes Buch 'Ego, Hunger and Aggression' (deutsch: 1978) widmet. Immer, wenn er auf das Grundsätzliche seines eigenen psychotherapeutischen Ansatzes zu sprechen kommt, bezieht er sich auf gestalttheoretische Auffassungen und Begriffe!".

Theo unterbricht:

"Ich muß an mich halten. Du willst belegen, daß nach der Psychoanalyse die Gestalttheorie seine psychologische Heimat geworden und geblieben ist. Das mag ja so sein, aber ich habe auch gehört, GOLDSTEIN soll peinlich berührt gewesen sein, als er später PERLS unter seinen Zuhörern in den USA entdeckte. ARNHEIM schreibt von der 'ganz unbefugten Usurpierung dieses Namens (des Gestaltbegriffs) durch Fritz PERLS' (persönl. Mitt. v. 11. 12. 1979). - Ein bißchen gestalttheoretischer Stallgeruch, gemixt mit Psychoanalyse - PERLS gibt ja sogar zu, daß er nicht einmal die meisten Bücher von FREUD gelesen hat (1981, 4) und noch weniger gestalttheoretische Arbeiten - also: Zwei Stallgerüche miteinander gemixt, das reicht doch im besten Fall aus, ein Parfüm herzustellen. Die Psychoanalytiker können heilfroh sein, daß er sich die Gestalttheorie ausgesucht hat, um sie zu desavouieren."

Fritz:

"Ich bleib mal bei 'Stallgeruch'. Ich schätze den nicht so gering. Ich behaupte: Wer den richtigen Stallgeruch in der Nase hat, kann sich nie total irren in dem Urteil, ob er wo Zuhause ist oder nicht. 1 Und genauso war es bei Fritz PERLS. Er hat erfaßt, was der gestalttheoretische Ansatz für den Menschen, für die einzelne Person wie für das Zusammenleben bedeuten kann, wenn er konsequent in praktisches therapeutisches Handeln umgesetzt wird. Wer außer Kurt LEWIN nach der Emigration hat sich von den Gestalttheoretikern denn noch auf die verwirrende Vielfalt unmittelbarer menschlicher Beziehungen eingelassen?"

Theo:

"Oh, es gab noch andere Ansätze: die alte Arbeit von SCHULTE (1924) über 'Paranoide Eigenbeziehung und Wahnbildung', LUCHINS hat sich fast gleichzeitig mit PERLS in den USA viel mit Klinischer Psychologie befaßt (z. B.: 1949, 1964), ARNHEIM hat sich auf die Auseinandersetzung mit der Kunst und auf das Medium Film eingelassen (vgl. z. B. 1978). Und von Max WERTHEIMER gibt es etliche in Amerika verfaßte philosophische, ja fast psychotherapeutische und politische Schriften ..." (1934, 1935, 1937, 1940, alle in: WERTHEIMER, 1991a, Anm. des Webmasters).

Fritz:

"... die ins Deutsche zu übertragen, kein deutscher Gestalttheoretiker für nötig gehalten hat 2, nicht mal Wolfgang METZGER, der immerhin 'Produktives Denken' (WERTHEIMER, 1964) übersetzt hat und dessen tiefe Übereinstimmung mit seinem Lehrer WERTHEIMER sein wichtiges Buch 'Schöpferische Freiheit' (1962) belegt. Mit METZGER konnte man sich übrigens auch über Gestalttherapie unterhalten, ohne daß er gleich die Nase rümpfte. Aber sonst: Wo sich Arbeiten nicht halbwegs ins Paradigma der Experimentalstatistophilie - um mal etwas wortschöpferisch zu werden - einordnen ließen, da haben die meisten deutschen Gestalttheoretiker nach dem Krieg die eigenen Väter verleugnet. Und auch in Amerika haben weder WERTHEIMER noch LUCHINS mit den erwähnten Schriften Einfluß gewonnen. 3 Daß PERLS nicht die Gestalttheorie schlechthin war - geschenkt (Wer ist das schon?); aber er hat in konkreter Arbeit mit Menschen viele Menschen so beeindruckt, daß sie - wen kann das wundern -, auch seine theoretischen Unausgegorenheiten weiterverbreiten und entsprechend den Gesetzmäßigkeiten von Gerüchtbildungsprozessen auch das Akzeptable schwer entstellen. Die Leute hätten nicht im Stich gelassen werden dürfen. Wenn Mary HENLE sich 1978 öffentlich mit bemerkenswerter Leidenschaftlichkeit, kein gutes Haar an ihm lassend, mit PERLS auseinandersetzt, dann ist das mindestens 20 Jahre zu spät. Ist es denn LEWIN, was die Verspätung betrifft, viel anders ergangen? Eben nicht! Und die Folge ist, daß sich heute viele Gruppendynamiker zwar auf ihn berufen, aber bestenfalls seine letzten programmatischen Schriften gelesen haben, von seinem gestalttheoretischen Hintergrund jedoch so gut wie nichts wissen (Jörg FENGLER, persönliche Mitteilung an Jürgen STEINKOPFF v. 2. 12. 1977), was auch in diesem Bereich inflationäre Tendenzen in bezug auf Theorie und Praxis hat. Für die akademischen Gestalttheoretiker existierte der Gruppendynamiker LEWIN fast nicht. Auch diese Spaltung hatte in den USA schon begonnen."

Theo:

"Du hast ja selbst schon METZGER erwähnt. Der hat den amerikanischen LEWIN ziemlich frühzeitig rezipiert (vgl. 1975a, 1975d). Und sehr positiv. Und vergiß auch nicht viele der hier Anwesenden."

"Also ich will Euch mal wieder unterbrechen: Ich finde das alles nicht uninteressant. Aber im Hinblick auf das Thema, das ich Euch gestellt habe, erscheint es mir auch ein bißchen wie Gerede über Gott und die Welt.

Etwas Wichtiges aber wird mir aus Eurem Gespräch deutlich: Die Gestalttheoretiker aller Schattierungen scheinen mir nicht ganz unschuldig an der dissoziativen Entwicklung ihres Ansatzes zu sein. Zu viele haben - nach der Sprengung der alten Gestalttheorie-Zentren durch die rassistische Beamtengesetzgebung der Nationalsozialisten - ihren Misthaufen für den jeweils schönsten gehalten und es zu oft vorgezogen, 'aus dem Felde zu gehen', wenn die Verwirklichung des (Lippen-) Bekenntnisses zum Ganzen und der Differenzierung der Gestalteigenschaften mühevoll-sorgfältige Analyse der Leistungen anderer erfordert hätte.

Jetzt möchte ich Dich aber fragen, Fritz:

Auf welche gestalttheoretischen Auffassungen und Konzepte stützt sich PERLS denn?"

Fritz:

"Also da fällt mir gleich so viel ein, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Doch, ich fang mit einem Zitat an, das mir gerade erst vor kurzem aufgefallen ist in PERLS Autobiographie 'In and Out the Garbage Pail' (1969; deutsch: 1981). Da schreibt er über 'Selbstverwirklichung': 'Selbstverwirklichung ist ein ganz einfaches Wort', schreibt er. 'Es wurde von Hippies, Künstlern und leider auch von vielen humanistischen Psychologen hochstilisiert und verfälscht. Es wurde als Programm und Errungenschaft dargestellt. Es ist das Ergebnis einer Verdinglichung; dahinter steht das Bedürfnis, aus einem Prozeß ein Ding zu machen ... Ein Weizenkorn hat das Potential, eine Pflanze zu werden und die Pflanze ist seine Verwirklichung. Also bedeutet Selbstverwirklichung: Das Weizenkorn wird sich selbst als Weizenpflanze verwirklichen, aber nie als Roggenpflanze ... Kein Adler wird ein Elefant sein wollen und kein Elefant ein Adler. ... Sie nehmen sich so an, wie sie sind. Nein, sie nehmen sich auch nicht einmal an, wie sie sind, denn das würde die Möglichkeit des Andersseins beinhalten. Sie sind einfach. Sie sind, was sie sind, was sie sind ... Wie absurd wäre es, ... wenn sich der Adler nach der Stärke und Dickhäutigkeit des Elefanten sehnte. - Aber der Mensch tut dies. Er versucht, etwas zu sein, das er nicht ist. Er verfolgt Ideale, die er nicht erreichen kann. Er steht unter dem Druck des Perfektionismus, weil er Kritik fürchtet. Und er öffnet so die Wege zu endlosen seelischen Qualen. - Die Kluft zwischen dem glaubwürdigen Einsatz des Potentials einerseits und seiner unechten Entstellung wird hier deutlich. Das Ungeheuer Man sollte hebt sein häßliches Haupt. Wir sollten viele Züge und Quellen unserer Ursprünglichkeit eliminieren, verleugnen, unterdrücken, negieren und dafür Rollen annehmen, vortäuschen, entwickeln, spielen, die von unserem élan vital nicht getragen sind und zu mehr oder weniger unechten Verhaltensweisen führen. Anstelle der Ganzheit einer realen Person finden wir Zersplitterung, die Konflikte und die nicht gefühlte Verzweiflung des Papiermenschen.

Homöostase, der subtile Mechanismus des sich selbst regulierenden und kontrollierenden Organismus' wird durch einen von außen eingreifenden Kontroll-Irrsinn ersetzt, der den Lebenswert des einzelnen Menschen und seiner Art unterminiert. Psychosomatische Symptome, Mutlosigkeit, Schwäche und zwanghaftes Verhalten treten an die Stelle der Joie de vivre. Die stärkste Spaltung besteht in der Körper/Geist-Dichotomie. ... Es ist der Aberglaube, es gebe eine Trennung, wenn auch gegenseitige Abhängigkeit, zweier unterschiedlicher Substanzen, des Psychischen und Physischen. ... wir sind Organismen, wir (... ) haben keinen Organismus. Wir sind eine wohlorganisierte Einheit, aber wir sind frei, vielerlei Aspekte von dieser Ganzheit zu abstrahieren. Abstrahieren, nicht subtrahieren, nicht aufsplittern. Wir können unserem jeweiligen Interesse entsprechend das Verhalten dieses Organismus' oder seiner sozialen Funktion oder seine Physiologie oder seine Anatomie oder dies oder jenes abstrahieren, doch müssen wir uns hüten, eine solche Abstraktion als einen Teil des gesamten Organismus' zu begreifen. ... Wir können Abstraktionen kombinieren und ein annäherndes Wissen über eine Sache oder über eine Person erreichen; aber wir können nie eine vollständige Bewußtheit (um mit KANT zu sprechen) des Dings an sich erhalten.' - Werde ich jetzt zu philosophisch?"' (6-10).

"Genau, genau", höhnt Theo, der kurz vor Ende des Zitats den Kopf besonders heftig geschüttelt hat. Doch Fritz will ihm noch nicht das Feld überlassen: "Wart noch ein Weilchen. Dann kannst Du loslästern. Ich möchte zunächst an dieses Zitat ein paar Thesen knüpfen:

1. Wie PERLS den Begriff 'Selbstverwirklichung' faßt, steht er in Einklang mit dem, was METZGER und WERTHEIMER als 'Freiheit' oder 'schöpferische Freiheit' beschreiben (z. B. METZGER, 1962, 82 ff.), gerade auch in seiner Kritik an Auswüchsen in der sogenannten Humanistischen Psychologie und in seiner Nähe zu fernöstlicher Lebensweisheit. Sinnvolle Selbstverwirklichung besteht für alle drei darin, daß sich das im Menschen angelegte Potential ohne Zwang von außen, wie ihn etwa starre Regeln darstellen, und ohne Verkennung der allgemein-menschlichen wie individuellen Möglichkeiten entfaltet (vgl. METZGER 1962, 22, 26, 75, 84).

2. PERLS' Verständnis von Selbstverwirklichung folgt ebenso wie die Auffassung von METZGER und WERTHEIMER aus der system- und feldtheoretischen Sichtweise der Gestalttheorie, wie sie auch KÖHLER vertritt (vgl. THOLEY, 1982). Im Rahmen dieser Sichtweise hat seine Rede von der Homöostase, vom 'subtilen Mechanismus des sich selbst regulierenden Organismus' und vom 'Kontroll-Irrsinn' ihren Platz.

3. PERLS vertritt einen auf seinen Erfahrungen bei dem gestalttheoretisch orientierten Neurologen GOLDSTEIN gründenden psychophysischen Ansatz, der, so sehr man darin auch Simplifizierungen im Begrifflichen sehen mag, in seinen Konsequenzen für die praktische therapeutische Arbeit (d. h. auf der Ebene der unmittelbar gegebenen Phänomene) dem Gestaltansatz gerecht wird.

4. Das Zitat belegt in seinem letzten Abschnitt, wo PERLS von der Möglichkeit und dem möglichen Nutzen abstrahierender Auseinandersetzung mit Aspekten der Ganzheit Mensch spricht, daß PERLS erkenntnistheoretisch dem 'kritischen Realismus' verbunden ist: indem er nämlich faktisch zwischen naiv-phänomenaler Welt, kritisch-phänomenaler Welt (dem durch Abstraktion gewonnenen physikalischen Weltbild) und der transphänomenalen Welt des 'Dings an sich' unterscheidet (vgl. THOLEY, 1980b).

5. Zusammenfassend: Psychotherapeutische Praxis, die konsequent den Aussagen in dem zitierten PERLS-Text Rechnung trägt, darf sich mit Recht auf die Gestalttheorie berufen. Darüberhinausgehend behaupte ich (als Beleg können die Therapieprotokolle in PERLS, 1974 gelten): Die Praxis PERLSscher Gestalttherapie zeigt eindrücklich, daß seine Nase dem richtigen Stallgeruch gefolgt ist. Er integriert Experiment, Ganzheitlichkeit und Phänomenologie, die heilige Dreieinigkeit gestalttheoretischer Forschungsmethodik, zu einer Atmosphäre, in der die Luft der Freiheit eingeatmet werden kann, was, wie WERTHEIMER einmal schreibt, für jemanden sein kann, als würde er nach langer Krankheit gesund (1940).

So, lieber Theo. Danke, daß Du mich hast ausreden lassen. Du bist dran."

Theo wirkt etwas angefressen, wie Wiener sagen würden, leicht verbittert auf deutsch. Er murmelt säuerlich: "Wie hätt ich Dich denn unterbrechen können." Und: "Daß Du eine Rede hältst, war nicht abgemacht! Herr Moderator! Wie soll ich denn auf all das in einem kontern?"

"Fang einfach an", sage ich. Und kriege einen Blick von Theo ab, als wolle er mich nach langjährigem Duzen wieder Siezen. Mit einem Mal grinst er über das ganze Gesicht: "Hallo", sagt er, "Ihr beiden, Ihr kommt mir gerade recht. Wozu habe ich denn in meinem PPN Leute, die intelligenter sind als ich. Also das eine ist der Paul (THOLEY) und das andere der Friedrich (HOETH). Ihr habt doch alles mitgekriegt?" "Ja, ja", sagen die beiden, Freunde und langjährige ehemalige Kollegen am Institut bei Edwin RAUSCH in Frankfurt. Und: "Geht in Ordnung", sagt Friedrich und Paul sagt mit nachdenklichem Gesicht nicht "nein", sondern bedächtig: "Ja - aber ich frage mich, ob es nicht exakter gewesen wäre, Du hättest vom PPN zweiter Ordnung gesprochen."

Fritz sucht Flüsterkontakt zu mir: "Ob Theo sich wohl bewußt ist, daß er sich mit Gestalttherapeutischer Methodik aus der Patsche hilft?" Ich schau ihn streng an, denn ich bin ja der Unparteiische.

"Also, ich fang jetzt einfach mal an", sagt Friedrich; "aber Du - er spricht mich direkt an und ich frag mich, ob ich ihn nicht gleich doppelt sehen muß; das könnte ja lustig werden; bleibt bloß theoretisch, denke ich, daß nicht noch Leute aus PPNs dritter Ordnung auftauchen. Ich bedeute Fritz unauffällig, er soll notfalls seine geballte therapeutische Kompetenz einsetzen, um überfordernden Rollensalat zu vermeiden.

"Aber Du", sagt Friedrich, "was ich noch sagen wollte: Ich hab den Artikel in 'psychologie heute' von der Hilarion PETZOLD (1979) gelesen und weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll, außer, daß sie von Gestalttheorie nun wirklich keine Ahnung hat. Jeder Satz, der sich darauf bezieht, ist - wenn man's freundlich formuliert, wie's sich bei einer Dame schickt - befremdend. Die ist doch auch Gestalttherapeutin?" (persönliche Mitteilung v. 24.11.1979).

Das hat jetzt noch gefehlt, daß der Friedrich damit kommt. Ich merke, daß ich doch parteiisch bin und mit dem Plädoyer von Fritz ganz zufrieden war:

"Erstens, Friedrich", sage ich, "ist die Dame keine Dame, sondern ein Herr. Zweitens ist der Hilarion mein wichtigster Gestalttherapeutischer Lehrer, von dem ich - der Wahrheit die Ehre - für persönliche Entwicklung und Gestalttherapeutische Praxis viel gelernt habe. Und drittens: Weiß der Himmel, weshalb er - vor allem mit der Behauptung, der Gestalttheorie fehle eine Theorie der Werte - seinen Mangel an Kenntnis der Gestalttheorie so hinausposaunt hat - und obendrein auch noch leugnet, was bei PERLS nachlesbar ist, daß PERLS neben seinen Erfahrungen mit der Psychoanalyse in erster Linie die Gestalttheorie als Fundament seiner Praxis ansieht. Ich denk', das belegt nur, wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, daß unter dem Etikett 'Gestalt' nicht länger Beliebiges firmieren kann. Deshalb bitte bleibt beim Fritz PERLS. Nur, wenn der Begründer der Gestalttherapie sich wirklich als Pseudo-Gestaltler entlarven läßt, scheint mir Distanzierung seitens der Gestalttheorie angemessen."

"Nee", beginnt Friedrich, "also das würd ich nun grad nicht sagen, daß der PERLS ein Windei gewesen wär. Ganz im Gegenteil. Was der Fritz da so erzählt hat, hat mich echt fast überzeugt. An jeder These ist irgendwie was dran. Ich habe ja grad die beiden Klett-Bände von PERLS, HEFFERLINE und GOODMAN gelesen: Also, wo's da allerdings in die Details der gestalttheoretischen Begründung geht, da hapert's doch öfter. Und auch, wenn ich mich auf das Zitat von eben beziehe: Da ist doch ein merkwürdiger Gegensatz zwischen dem Teil, den der Fritz als Beleg dafür anführt, daß PERLS kritischer Realist ist - der Beleg für sich genommen ist ganz gut - und dem, was der PERLS grad vorher gegen die Unterscheidung von Physischem und Psychischem sagt. Das paßt nicht zusammen. Da wird der von der Gestalttheorie immer wieder betonte Unterschied zwischen phänomenaler und objektiv-physikalischer Wirklichkeit verwischt; da werden die KÖHLERschen und METZGERschen Ausführungen zum Leib-Seele-Problem ignoriert" (HOETH, 1980, 116).

Paul ergänzt: "Bereits im ersten Satz ihres Buches schreiben PERLS, HEFFERLINE und GOODMAN: 'An der Grenze von Organismus und Umwelt, zuallererst an der Hautoberfläche und in den anderen Organen der Sinneswahrnehmung und der motorischen Reaktion, ereignet sich Erfahrung.' Wenn die Autoren hier von Hautoberfläche und den anderen Organen der Sinneswahrnehmung sprechen, so meinen sie damit offensichtlich die Grenze zwischen physikalischem Organismus und physikalischer Umwelt. Dort ereignet sich allerdings aus kritisch-realistischer Sicht keine Erfahrung, sondern erst innerhalb der phänomenalen Welt, als deren Grundlage die kortikalen Prozesse im PPN anzusehen sind. Die Kontamination von phänomenalen und physikalischen Gegebenheiten zeigt sich bereits in dem Gebrauch des Terminus 'Organismus/Umwelt-Feld', insofern nach den systemtheoretischen Auffassungen der Gestalttheorie zwar phänomenales Ich und phänomenale Umgebung in einem feldförmigen Wirkungszusammenhang stehen, für die Auseinandersetzung des physikalischen Organismus' mit der physikalischen Umwelt aber kreisförmige Regelungsprozesse verantwortlich sind. Die unerlaubte Übertragung des Feldbegriffs und anderer Kategorien, die ursprünglich zur Beschreibung und Erklärung der Vorgänge in der phänomenalen Welt gedacht waren, auf den gesamten Organismus und darüberhinaus auf die physikalische Umwelt ist (nach BISCHOF, 1966) charakteristisch für einen Semi-naiven-Phänomenologismus, zu dem PERLS wahrscheinlich durch seine Bekanntschaft mit GOLDSTEIN inspiriert wurde, der in dieser Hinsicht ähnliche Grundauffassungen vertritt" (THOLEY, 1980b, 183/314).

Theo, etwas nachdenklich: "Wenn der GOLDSTEIN, dessen Verdienste in der neurologischen Forschung und Praxis wir durchaus anerkennen, erkenntnistheoretisch kein kritisch-realistisches As war, dann kann man den PERLS nicht aus dem selben Grund vor die Tür setzen. Aber andererseits", fügt er, zu Fritz gewandt, hinzu: "schon jetzt ist doch, nachdem, was Paul und Friedrich gesagt haben, klar, daß von Deinen fünf Thesen keine ganz wasserdicht ist. Überall hapert's beim Theoretiker PERLS ein bißchen, fehlts an Konsequenz und Stringenz; und so wird verständlich, wieso mit der Gestalttherapie auch so viel Gestalt-Geschwätz entstanden ist.

Nehmen wir nochmal Deine These 1: Ob Metzger, Wenn er sagt 'Von Dauer sind im Bereich des Lebendigen nur solche Formen, die durch die Entfaltung innerer Kräfte sich bilden und ständig von ihnen getragen und wiederhergestellt werden' (1962, S. 26) wirklich ganz mit PERLS' Verständnis von Selbstverwirklichung übereinstimmt, erscheint mir nicht sicher. Bei PERLS spür ich so Nebentöne; es klingt ein bißchen nach: Werdet wie das Weizenkorn, wie der Adler, wie der Elefant. Mir kommt das vor, als wende er sich nicht nur gegen den 'Kontroll-Irrsinn', sondern auch schon gegen das Nachdenken über sich selbst. Wenn er die Identität von Physischem und Psychischem proklamiert, dann schießt er doch weit über KÖHLERs Isomorphie-Annahme hinaus; eine solche Auffassung kann man doch bestenfalls als Besonderheit der phänomenalen Welt des Fritz PERLS akzeptieren oder als frommen Wunsch nach seligem In-sich-selber-Ruhen: Daß er's gern so hätte, weil er's dann einfacher hätte mit sich selbst und seinen Klienten."

"Genau", fällt Friedrich ein, "so was ist mir in PERLS, HEFFERLINE und GOODMAN auch aufgestoßen. Aber zunächst mal: Da werden im Hinblick auf Selbstverwirklichung auch einige ganz wesentliche Unterscheidungen 'auf den Begriff' gebracht. So vor allen Dingen der Unterschied zwischen 'Gewahr-werden' und der die Selbstregulierung des psychophysischen Systems durch den Eingriff eines 'Absichts-Ich' störenden 'Introspektion' oder der Unterschied zwischen 'Assimilation', also der echten Einverleibung von bestimmten Einstellungen, Auffassungen, Forderungen in das eigene psychophysische System, gegenüber der 'Introjektion', d. h. der 'unzerkauten' Aufnahme ganzer 'Brocken' von Theorien und Forderungen, die durch Autoritäten erzwungen wird und gewissermaßen unverdaulich schwer im Magen des psychophysischen Systems liegen." -

"Aber genau in dieser unversöhnlichen Gegenüberstellung von Assimilation und Introjektion", fällt Theo ein, "wird mir PERLS' Satz: 'Das Ungeheuer Man sollte hebt sein häßliches Haupt' verdächtig. Und ich höre ach so 'humanistische' Egozentriker deklamieren: 'Ich bin ich und Du bist Du - und wenn wir uns zufällig begegnen - wunderbar - und wenn nicht - macht nichts.' Als ob es da nichts dazwischen gäbe. Als ob man nicht auf einen anderen Menschen ganz freiwillig und absichtlich zugehen und sich auf ihn einstellen könnte, ohne daß einem das schwer im Magen liegen muß."

"Da wollte ich noch drauf kommen", fährt Friedrich fort; "PIAGET hat darauf hingewiesen, daß das Wesen der Intelligenz (ich würde sagen: das Prinzip stabiler produktiver Problemlösungen) in einem Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkomodation (d. h. der Angleichung der eigenen Kategorien an die Eigenarten des 'Fremden', mit dem man in Kontakt tritt) besteht. Insofern möchte ich zu PERLS sagen - aber ich bezieh' das jetzt anscheinend im Unterschied zu Dir, Theo, nur auf den theoretischen Teil seines Werks: Hier wird bei aller Berechtigung der Ablehnung eines Vorgangs, der in durch Autoritäten erzwungener 'Introjektion' von unverdaulichen Brocken besteht, auf den regulierenden Prozeß der Akkomodation, d. h. der Anpassung der eigenen Erkenntniskategorien an die Sachstruktur des zu Erkennenden (z. B. die vorhandene Begriffswelt der Gestalttheorie) in hypertrophierender Assimilationstendenz zu sehr verzichtet (1980, S. 116). Das fällt z. B. besonders ins Auge, wenn PERLS, HEFFERLINE und GOODMAN als für die Gestalttherapie und ihr Verständnis psychischer Prozesse grundlegendes Konzept die gestalttheoretische Unterscheidung zwischen Figur und Grund anführen. Da muß man feststellen, daß offensichtlich die gestalttheoretischen Konzepte Figur/Grund einerseits und Zentrierung andererseits vermischt werden und so das Figur/Grund-Konzept ins Nichtmehrnachvollziehbare überstrapaziert wird (eben weil in Wirklichkeit von Zentrierung die Rede ist). - Man muß in dieser sogenannten theoretischen Fundierung der Gestalttherapie nach klar formulierten und weiterführenden Einsichten im Assimilationsschwall suchen, kann dann aber auch fündig werden:

1. Die so sehr notwendige, aber auch sehr schwierige Integration von Gestalttheorie und Psychoanalyse scheint mir, auch wenn's manchmal mit der präzisen Begrifflichkeit hapert, im Ganzen gelungen, und das ist ein immenser Schritt, dem der Praxis-Band (der zweite Band von PERLS, HEFFERLINE und GOODMAN) seine Faszination verdankt.

2. Die Ausführungen im Praxis-Band fand ich mitreißend und ungemein erhellend. Da wird in wahrhaft faszinierender Weise demonstriert, wie eine Steigerung des Bewußtheitsgrades bei der Wahrnehmung von Gegebenheiten der Außenwelt in eine Steigerung des Bewußtheitsgrades, der Wahrnehmungsfähigkeit für Vorgänge des eigenen Innenlebens überleitet. Dabei wird die enge Verflechtung, wenn nicht Einheit, von 'rein' erkennenden, gefühlsmäßigen und motorischen Vorgängen deutlich - ein Phänomen, das von der Berliner Schule der Gestalttheorie zwar nicht übersehen, aber auch nicht mit gebührendem Gewicht hervorgehoben wurde. Diese Kritik von PERLS und Genossen muß ich, obschon Anhänger der Berliner Schule, akzeptieren (HOETH, 1980, 116).

Und ich kann den Verdacht, der mir auch gekommen war, nicht bestätigen, daß PERLS seine Klienten dazu verleitet, Assimilationsfanatiker zu werden. Im Gegenteil: Im praktischen Teil seiner Darstellung und wohl auch in seiner praktischen Therapie impliziert der brillante Phänomenologe PERLS die Akkomodationspflicht anderer, indem er ihnen abfordert, Erkenntniskategorien zu entwickeln, die das 'Gewahr-Werden' der in seiner Sichtweise deutlich werdenden Phänomene ermöglichen. - Vielleicht ist der therapeutische Praktiker und Phänomenologe PERLS dem Theoretiker PERLS um einiges voraus? - Integration wäre vonnöten. Die sogenannte akademische Psychologie ist meines Erachtens dazu verpflichtet, sich mit dem PERLSschen Werk ausführlich auseinanderzusetzen (1980, 117).

Das war's zunächst mal", sagt Friedrich. "Du bist ein toleranter Mensch", sagt Theo zu Friedrich mit Seitenblick zu Fritz; der hat verstanden und meint: "Vielleicht haut mich der Paul noch in die Pfanne."

Paul:

"Darum geht's mir wirklich nicht. Aber ein Punkt scheint mir noch wichtig. In der Gestalttherapie spielt die Arbeit mit Träumen eine wichtige Rolle. PERLS nennt ihn den 'königlichen Weg zur Integration' und will sich damit als Gestalttheoretiker von FREUD absetzen, der ihn den 'Königsweg zum Unbewußten' nennt. PERLS bleibt dann aber doch der Psychoanalyse verhaftet und den im Prinzip gleichen erkenntnistheoretischen Schwächen wie FREUD, indem er das Konzept der unbewußten Projektion überstrapaziert. Für ihn sind alle Teile des Traums Personen, Tiere, Pflanzen usw. - Projektionen entfremdeter Teile der Persönlichkeit. Ich finde bedauerlich, daß ein so wichtiger Teilbereich der Gestalttherapeutischen Arbeit - die Traumarbeit - mit einer unstimmigen theoretischen Begründung belastet ist.

Für den Kritischen Realisten besteht überhaupt keine Veranlassung, alle Teile des Traums, so wenig wie im Wachzustand die Wahrnehmung seelischer Vorgänge im phänomenalen Umfeld - etwa die Stimmung eines anderen Menschen -, prinzipiell als Projektionen anzusehen. Eine solche Sicht ist Folge der schon beschriebenen Vermengung der als objektiv erscheinenden Wahrnehmungswelt (sie gehört ja zur phänomenalen Welt des Menschen) mit der physikalischen Welt."

"Ja", ergänzt Theo, "d. h.: ob es sich um die Wahrnehmung einer figuralen Gegebenheit, etwa eines Rechtecks, oder die Wahrnehmung der physikalischen Existenz eines Menschen einerseits handelt oder um die Wahrnehmung eines sogenannten psychischen Sachverhalts, etwa einer feierlichen oder fröhlichen Melodie oder der Traurigkeit eines anderen Menschen andererseits; es handelt sich im ersten Fall so wenig wie im zweiten Fall um objektive Gegebenheiten im Sinne der physikalischen Welt, sondern es handelt sich in jedem dieser Fälle um psychische Sachverhalte, um Vorgänge in der psychischen Welt eines Menschen. Deshalb verrät ja auch der Vorwurf, die Gestalttheorie habe zwar die Wahrnehmung, aber kaum psychische Prozesse untersucht, nur Unkenntnis.

Wahrnehmung von was auch immer ist ein psychischer Prozeß und deshalb ist der Wissensbestand der Gestalttheorie hinsichtlich figuraler Wahrnehmung so gut wie hinsichtlich des Denkens oder der Affekte durchweg von unmittelbarer Bedeutung für unser Verständnis psychischer Prozesse. Da bedarf es keiner Analogieschlüsse, wie behauptet wurde; allerdings muß in Rechnung gestellt werden, daß dieselben grundlegenden Prinzipien, die sogenannten Gestaltgesetze, unter verschiedenen Bedingungen, bei verschiedenem Material verschiedene Wirkungen hervorbringen."

"Aber das ist ja eine Binsenweisheit", ruft Friedrich dazwischen. "Natürlich hat es ganz andere Konsequenzen, ob sich nach dem Gesetz der Nähe zwei Streichhölzer zusammenschließen oder zwei Menschen. Aber wem erklärst Du das? Ach so, jetzt fällt's mir wieder ein, wem man das erklären muß." Fritz grinst: "Und außerdem sollen sich das alle, die gestalttheoretische Psychotherapeuten sein oder werden wollen, ganz genau merken und jederzeit parat haben."

"Der PERLS jedenfalls", fällt Friedrich ein, "falls ich das noch nicht gesagt haben sollte, nutzt diesen Sachverhalt in den Übungen, die er seinen Klienten zur Steigerung ihrer Bewußtheit vorschlägt, konsequent aus. In seiner Praxis stimmt's plötzlich wieder."

"Nun soll endlich Paul noch die Überlegungen zum Traum zu Ende führen können, mahne ich. "Das ist im Grunde einfach", sagt Paul; "gemäß dem kritischen Realismus ist die Außenlage der Träume, also, daß uns im Traum die Leute und die Gegenstände genau wie im Wachzustand außerhalb von uns begegnen, nicht erklärungsbedürftig. Es handelt sich ja um dieselbe phänomenale Welt wie im Wachzustand. Lediglich die Aufnahme neuer Informationen ist mehr oder weniger auf das anschauliche Körper-Ich beschränkt. Aber vieles, was in unserem Traum auftaucht, haben wir ja meist längst vorher im Wachzustand wahrgenommen. Folglich haben wir es gar nicht nötig, das zu projizieren. Das schließt allerdings nicht aus, daß wir es dennoch zu unserem Vergnügen oder aus masochistischen Tendenzen heraus tun, etwa im Hinblick auf den Charakter von Traumpersonen, das, was sie mögen oder nicht mögen, für uns tun oder uns antun."

"Ja", sagt Theo. "Und da kann die erkenntnistheoretische Schwäche der Gestalttherapie genau wie die der Psychoanalyse zu einer Geringschätzung jeder Äußerung von Klienten als Projektion werden, worüber sich die Psychoanalytikerin Alice MILLER (1981) so bitter beklagt." Fritz nickt: "Geb ich zu, daß solche halbgaren Denkmodelle Unheil stiften können; aber andererseits: Sofern in der Gestalttherapeutischen Praxis, wie es PERLS fordert, ernst damit gemacht wird, sich als Leiter und Mitteilnehmer weitgehend aller Deutungen zu enthalten und das Schwergewicht darauf liegt, daß der Klient sich seine Welt verfügbarer macht, etwa bei der Technik des leeren Stuhls, wenn er sowohl er selber ist wie, auf dem zweiten Stuhl, sein Vater dann kann er selber herausfinden, was Projektion ist und was nicht. Und selbst, wenn er tatsächlich seinem Vater nichts andichtet und der ein solcher Sauhund ist, wie der Klient ihn darstellt, bleibt als Wesentliches, daß der Klient eine versäumte Auseinandersetzung mit seinem Vater nachholt und die Chance erhält, sich von seinem 'unerledigten Geschäft', wie PERLS das in Anlehnung an die Dissertationen von ZEIGARNIK und OVSIANKINA nennt, freizumachen" (vgl. dazu auch JUNKER, 1960).

"Damit Du jetzt nicht meinst, Du müßtest noch ein paar Lanzen für die Gestalttherapie brechen", schaltet sich Paul ein: "Mit dem Aufweis erkenntnistheoretischer Schwächen der Gestalttherapie will ich keineswegs ihre Verdienste um die Psychotherapie schmälern. Ich bin mit Friedrich einig: Viele gestalttherapeutische Prinzipien stehen im Einklang mit der Gestalttheorie; sie sind allerdings erst vom Standpunkt dieser Theorie aus befriedigend verständlich zu machen. Wenn PERLS aber, wie es gelegentlich der Fall zu sein scheint, 'intellektuelles Denken' grundsätzlich als 'mind fucking' abtut, dann halte ich dagegen: Für Forschung und Theoriebildung, die letztlich wieder der therapeutischen Praxis zugute kommen, ist solches Denken vonnöten, bei dem man aus der unmittelbar vorgefundenen Wirklichkeit heraustreten muß, um sie von einem exzentrischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten" (vgl. THOLEY, 1980b, 183 f.).

Theo will sich wohl nicht wiederholen, nicht auch dem Paul mit Seitenblick auf Fritz sagen, er sei ein toleranter Mensch. Also sagt er gar nichts und blickt einfach in die Ferne. Ich denke, daß die Expertenbefragung ganz in meinem Sinne verlaufen ist und die Zeit, die zur Verfügung stand, im rechten Augenblick zu Ende geht. Mein Fazit lautet: Fritz PERLS war ein erbärmlicher, ein lausiger, aber immerhin ein Gestalttheoretiker, der sich mithilfe eines bemerkenswerten Geruchssinns zu einem bemerkenswerten Gestaltpraktiker entwickelte - vielleicht kann man auch Intuition statt Geruchssinns sagen: Das ist die Stärke einiger jener faulen Studenten, die sich weder aufschreiben, was sie in den Vorlesungen und Übungen hören, noch am nächsten Tag berichten können, was sie gestern so wichtig und interessant fanden. - Ich mache nur noch einen Vorschlag: Tun wir doch dem Fritz PERLS und uns einen Gefallen; dem unsäglichen Fritz PERLS, indem wir posthum seinen Wunsch erfüllen, ein großer Fritz der Gestaltpsychologie zu sein, derjenige, der die Gestalttheorie zu einem Ansatz der Klinischen Psychologie inspiriert hat; und uns einen Gefallen, indem wir vorsichtshalber von Gestalttheoretischer Psychotherapie sprechen und - indem wir den kleinen Unterschied, die Ergänzung "theoretisch" ernst nehmen - den PERLSschen Ansatz in einer Weise weiterentwickeln, die ihn wirksam vom weltweiten Gestaltgeschwätz abkoppelt. - So, ich wollte eigentlich jetzt Schluß machen; aber da fragt mich Fritz: "Wo ist denn die kluge Frau?" "Wieso fragst Du das?", reagiert Theo gereizt. - "Ihr Lieben", sage ich, "Euch gibt es doch gar nicht. Wieso sollte sich denn für einen von Euch eine kluge Frau interessieren? Ihr seid nichts als Projektion." "Also hast Du uns geblufft?" fragt Theo und fährt kopfschüttelnd fort: "Dann erklär mir mal, wie in meinem PPN der Paul und der Friedrich daherkommen konnten." "Es gibt noch gestalttheoretisch ungeklärte Fragen", weiche ich aus. "Im übrigen, ich mag Euch, beide. - Aber Spaß beiseite. Was ich Euch noch sagen wollte:

Mir ist aufgefallen, daß unsere gemeinsame Beschäftigung mit dem Zusammenhang zwischen Gestalttheorie und Gestalttherapie ganz anders ausgefallen ist, als die in früheren Arbeiten von mir (1977a und 1977b). Zuerst dachte ich, da fehlt aber vieles in unserer Erörterung, z. B. Hinweise darauf, daß PERLS den Rahmen, den die Gestalttheorie für therapeutische Arbeit bietet, nur sehr begrenzt nützt; aber jetzt sage ich mir: Erstens kann man die alten Arbeiten ja nachlesen und zweitens - und deshalb bin ich froh, daß wir gewissermaßen als Team zusammengearbeitet haben - haben wir kontrovers diskutiert, während ich damals, ohne Euch als Gesprächspartner, in meinen früheren Arbeiten eigentlich PERLS immer gleich gestalttheoretisch interpretiert habe. Da habe ich mich gleichzeitig als Gestalttheoretiker dafür rechtfertigt, Gestalttherapeut zu sein, und als Gestalttherapeut zu beweisen versucht, daß ich Gestalttheoretiker bin. Mir hat's so Spaß gemacht. Ich danke Euch beiden, ebenso den aktiven Gästen Paul und Friedrich und auch den nicht-aktiven, nichtsdestoweniger anwesenden." Wir alle danken Ihnen, meine Damen und Herren, für's Zuhören.


Fußnoten:

1 Für die weitere Auseinandersetzung mit dieser Behauptung vergleiche METZGERs (1975a) Überlegungen zum Begriff der Wesenseigenschaften. -> zurück zum Text

2 Diese Aufsätze von Max WERTHEIMER wurden 1991 unter dem Titel "Zur Gestaltpsychologie menschlicher Werte" herausgegeben und kommentiert von Hans-Jürgen Walter (Anmerkung des Webmasters) -> zurück zum Text

3 Interessant wäre übrigens ein Vergleich zwischen den Auffassungen von Mary HENLE über den Standort der Gestalttheorie (1978) und den Äußerungen Michael WERTHEIMERs, des Sohnes von Max WERTHEIMER, über dessen Verständnis des Gestaltansatzes (1980, 1991b, auch enthalten in Max WERTHEIMER, 1991a). -> zurück zum Text


Letzte Bearbeitung: 05.07.2003.

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