Sektion Psychotherapie der GTA

Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP)
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP)

Stichworte zur Gestalttheoretischen Psychotherapie


Anspruchsniveau

Dr. Brigitte Lustig

Steht im Konstrukt des Lebensraumes in der Gestalttheoretischen Psychotherapie in Verbindung mit menschlichem Zielsetzungsverhalten und dem Entstehen von Minderwertigkeits- oder Überlegenheitsgefühlen. Der Begriff wurde von DEMBO (1931; vgl. MARROW 1977, 54 f.) geprägt, bekannt geworden sind dazu v. a. die Untersuchungen von HOPPE (1930) und JUCKNAT (1937) (vgl. LEWIN 1982, 198f und 433ff; WALTER 1994, 56f).

Das Anspruchsniveau gilt als Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe, für die sich eine Person entscheidet. Erfolgserlebnisse entstehen bei Überschreiten, Mißerfolgserlebnisse bei Unterschreiten des Anspruchsniveaus. Beide beeinflussen seine zukünftige Höhe, sind aber nicht mit einer bestimmten Leistung verbunden, sondern über das vorhergehende Anspruchsniveau bestimmt. Dieses kann also über/unter den wirklichen Fähigkeiten des Individuums liegen. Großen Einfluß auf das Anspruchsniveau haben soziale Faktoren, wie Gruppennormen, Ehrgeiz, Lob etc. Hierin liegt auch ein Ansatzpunkt psychotherapeutischen Handelns.

Literatur:

HOPPE, Fritz (1930): Erfolg und Mißerfolg, Psycholog. Forschung 14, 1-62.

JUCKNAT, Margarete (1937): Leistung, Anspruchsniveau und Selbstbewußtsein, Psycholog. Forschung 22, 89-179.

LEWIN, Kurt (1982): Psychologie der Entwicklung und Erziehung. Werkausgabe Band 6, Stuttgart.

MARROW, Alfred J. (1977): Kurt Lewin - Leben und Werk. Stuttgart.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Aufl., Opladen.

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Bewußtheitskontinuum

Dr. Hans-Jürgen Walter

Bewußtseinsübungen sind neben den Verantwortlichkeitsübungen einer der Grundpfeiler der Methoden in der Gestalt-Therapie. Dabei geht es im Sinne des Hier-und-jetzt-Prinzips um die Erhöhung der Fähigkeit, die Gegenwart wahrzunehmen, statt sich in unfruchtbarem, aber zur Gewohnheit gewordenem Spekulieren über "Was- wäre- (gewesen-) wenn ..." zu verlieren. PERLS nennt letzteres "mind fucking". Der angesichts eines unbeteiligt wirkenden, gleichwohl fließend über Probleme berichtenden Klienten mißtrauisch gewordene Therapeut stellt etwa die Frage: "Ist Dir das jetzt wichtig?" Einen gleichsam wie imprägniert gegenüber der Gegenwart (etwa seinem Gegenüber) wirkenden Klienten werden Übungen vorgeschlagen, die ihm helfen können, im "Bewußtheitskontinuum" zu bleiben, d.h. im Zeitablauf kontinuierlich das jeweils gegenwärtige Geschehen (bei sich selbst im Zusammenhang mit der Umgebung) wahrzunehmen und so die Entfremdung zwischen eigenem Verhalten und eigenen Bedürfnissen zu überwinden.

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Bezugssystem

DDr. Dieter Zabransky

Die Gestaltpsychologie/Gestalttheorie betont die Bedeutung des Bezugssystems, in dem ein psychisches Phänomen auftritt. Auch das Figur-Grund-Verhältnis wird als Verhältnis zwischen Bezogenem und Bezugssystem aufgefaßt. Einzelne Phänomene stehen im Kontext eines Ganzen (z.B. Werthaltungen, Wünsche, Leitbilder) in vielfältigen Konstellationen zueinander, wie in verschiedenen Gewichtungen, Über- und Unterordnungsverhältnissen (METZGER 1975).

So sind z.B. Erfolgs- oder Mißerfolgserlebnisse nicht unmittelbar mit bestimmten, objektiv meßbaren Erfolgen oder Mißerfolgen verknüpft, sondern bekommen erst im konkreten Bezugssystem, dem Anspruchsniveau, ihre spezifische Bedeutung und Bewertung. Allgemein läßt sich über ein Bezugssystem aussagen: Je besser neue Erfahrungen und Informationen dem schon bestehenden Bezugsystem entsprechen, desto besser werden sie behalten und desto mehr beeinflussen sie das bestehende Bezugssystem (vgl. WALTER, 1994).

Literatur:

METZGER, Wolfgang (2001): Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6. Auflage, Wien: Krammer.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Dialog

aus der Sicht der Gestalttheoretischen Psychotherapie

DDr. Dieter Zabransky

Die besondere Form des Dialogs in der Gestalttheoretischen Psychotherapie, die ursprünglich auf F. S. PERLS zurückgeht, hilft dem Klienten, eine differenzierte Sicht seiner Situation und seiner eigenen Möglichkeiten zu erkennen und zu einer Entscheidung zu kommen, was er selbst will. Neben dem direkten Gespräch zwischen dem Psychotherapeuten und dem Klienten dient im Sinne einer veränderungsaktivierenden Kraftfeldanalyse des Lebensraumes nicht zuletzt die Arbeit mit dem leeren Stuhl dazu, den Klienten in der Rolle von wichtigen noch lebenden oder bereits verstorbenen Bezugspersonen, Teilpersönlichkeiten, Traumfiguren, gegensätzlichen Auffassungen, Körperempfindungen und Gesten mit sich selbst ins Gespräch kommen zu lassen.

Durch die Technik des Doppelns, des empathischen Begleitens und Mitgehens im Bewußtseinsfluß durch den Psychotherapeuten, kann der Dialog noch prägnanter werden. Im Verlauf des Dialoges vertiefen sich zunächst die inneren Gegensätze und Widersprüche, bis es über ein tieferes Erleben und Verständnis der zugrundeliegenden Feldkräfte schließlich zur Annäherung und Integration der widersprüchlichen Persönlichkeitsanteile kommt. Eine erfolgreiche Integration im Prozeß des Dialoges kommt in nachhaltigen positiven Verhaltens- und Erlebnisänderungen zum Ausdruck.

Literatur:

PERLS, Fritz S. (1974): Gestalttherapie in Aktion. Stuttgart.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Aufl., Opladen.

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Doppeln

Dr. Hans-Jürgen Walter

Aus dem PSYCHODRAMA übernommene Technik der Gestalt-Therapie. Der Therapeut "doppelt" - d.h.: Er tritt hinter den Klienten (etwa bei der Arbeit mit dem "leeren Stuhl") und spricht an dessen Stelle -, in dem er z.B. ausspricht, was der Klient sich gerade "zu verkneifen" im Begriff war; oder er formuliert bewußt eine "Verdrehung", die den Klienten zur konsequenten Fortsetzung eines Dialoges zwischen gegensätzlichen Wünschen o.ä. provoziert.

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Dreiphasen-Modell

Dipl.-Psych. Rainer Kästl

Das Dreiphasenmodell LEWINs, auf das sich die Gestalttheoretische Psychotherapie bezieht, beinhaltet die Phasen “Auftauen-Ändern-Neustabilisieren” und läßt sich sowohl auf eine einzelne Therapiesitzung als auch auf den gesamten Verlauf einer Therapie beziehen. Entsprechend der Deskriptionsdimensionen des Lebensraumes “Enge - Weite”, “Unordnung - Ordnung”, “Flüssigkeit - Rigidität” und “Undifferenziertheit - Differenziertheit” läßt sich der therapeutische Prozeß als drei Phasen durchlaufend vorstellen. In der “Auftauphase” soll eine Veränderung des Flüssigkeitsgrades die Durchlässigkeit von Lebensraumbereichen erhöhen, worunter durchaus eine Labilisierung des Gleichgewichtzustandes der Person verstanden werden kann. In der Phase des “Änderns” werden die Dimensionen Weite und Differenziertheit beeinflußt. Dabei sind nach LEWIN die drei Wirkfaktoren Bezogenheit, Konkretheit und Gegenwärtigkeit des Geschehens zu beachten, ohne die eine Änderung des Erlebens und Verhaltens nicht wirklich stattfinden kann. In der abschließenden Phase der “Neustabilisierung” soll in der Dimension “Ordnung” der Gleichgewichtszustand der Person auf einer höheren Prägnanzstufe wiederhergestellt werden, in der Fortschritte in der Differenziertheit und Komplexität des Lebensraumes integriert sind.

Das Dreiphasenmodell kann durchaus analog zur FREUDschen Trias “Erinnern-Wiederholen-Durcharbeiten” gesehen werden, betont aber weitaus deutlicher die Gegenwärtigkeit (“Hier-und-jetzt-Prinzips“) des therapeutischen Geschehens. Liegt bei FREUD der Schwerpunkt auf dem Erinnern und Bearbeiten vergangener Ereignisse, so sind bei LEWIN alle gegenwärtig wirksamen Kräfte (also auch die aus der Vergangenheit in die Gegenwart wirkenden, aber auch die jetzt in die Zukunft gerichteten) miteinbezogen.

Literatur:

LEWIN, Kurt (1963): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern.

LEWIN, Kurt (1969): Grundzüge der topologischen Psychologie. Bern.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Ethik

Beate Weitkemper

Wolfgang Köhler: Werte und Tatsachen

Da Köhlers Buch „The place of value in a world of facts“ ( 1938; deutsch: Werte und Tatsachen 1968) eines der zentralsten Werke der gestalttheoretischen Ethik darstellt, soll es im folgenden zusammenfassend vorgestellt werden. Hier zeigt Köhler, dass der wissenschaftliche Ansatz der Gestalttheorie Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, insbesondere Physik und Philosophie in fruchtbarer Weise miteinander zu verbinden vermag, so dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit zentralen menschlichen Fragen nach Sinn, Wert, Geschichte usw. möglich wird.

Köhler weist nach, dass Werte in ihrem Gewicht und ihrer Bedeutung naturwissenschaftlich allgemein anerkannten Tatsachen nicht nachstehen, ja, dass Werten ein vergleichbarer Rang zusteht. Ihm geht es darum zu veranschaulichen, dass Werte und Tatsachen auf dem Hintergrund des Kritischen Realismus und eines feldtheoretisch-dynamischen Ansatzes sowohl in der erlebten, phänomenalen Welt als auch in der transphänomenalen, physikalischen Welt existieren und dass diese beiden Welten entsprechend dem Isomorphieprinzip auf das engste miteinander verbunden und strukturell in vielerlei Hinsicht gleichgestaltig sind. Die Welt der Physik und die Welt der Philosophie liegen also viel näher zusammen, als die üblichen Vertreter dieser Disziplinen zu glauben scheinen.

Während Köhler den Geisteswissenschaftlern vorwirft, vielfach den Bezug zu Fragen der konkreten Lebenswirklichkeit verloren zu haben und sich mit Schrebergärtnermentalität auf genau abgezirkelte „Äcker“ zu beschränken, wirft er den Naturwissenschaftlern seiner Zeit v.a. ihren Materialismus, Atomismus, Positivismus und Reduktionismus vor, die z.B. in Darstellungen gipfelten, die zeigen sollen, dass ein Mensch nicht mehr als ca. 63 Dollar wert sei, so viel nämlich, wie man für seine chemischen Bausteine Stickstoff, Wasserstoff usw. bezahlen müsste. An der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Wertproblem bemängelt Köhler v.a., dass Werte einseitig in einer idealen Welt (Platon), im menschlichen Geist (Kant) oder beschränkt auf die Welt der Mathematik bzw. Logik (Husserl) angesiedelt wurden und nicht in ihrer engen Bezogenheit auf Tatsachen gesehen wurden.

Köhler wählt als Zugang zu dem Wertproblem den erkenntnistheoretischen Ansatz des Kritischen Realismus:

Dieser beinhaltet eine klare Unterscheidung zwischen der erlebten sog. phänomenalen Welt (Wirklichkeit im zweiten Sinne nach Metzger) und der erlebnisjenseitigen, physikalischen sog. transphänomenalen Welt (Wirklichkeit im ersten Sinne nach Metzger). Während die phänomenale Welt die Ebene des alltäglichen Erlebens meint, die der Erfahrung unmittelbar zugänglich ist, handelt es sich bei der tranphänomenalen Welt um eine indirekt zugängliche Welt. Entsprechend diesem Dualismus muss auch klar unterschieden werden zwischen dem Organismus als transphänomenalen, physikalischen Gebilde und dem Körper-Ich als Wahrnehmungsgegenstand innerhalb der phänomenalen Welt. Das psychophysische Niveau wird als entscheidende Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten postuliert, ein hypothetischer Ort im Gehirn, der Wahrnehmung letztlich erst ermögliche. Wichtig ist, dass phänomenal verstanden, sich das Körper-Ich als abgegrenzter Teil in einer Umwelt erlebt (vgl. Feldtheorie Lewins), während sich das Erleben physikalisch betrachtet innerhalb des physikalischen Organismus, vermittelt über sog. psychophysische Prozesse im Gehirn, abspielt. Die beiden Welten sind also über diese Prozesse und das zugrundegelegte Isomorphieprinzip (siehe unten) miteinander verbunden.

Werte nun sind nach Köhler keine Produkte bloßer Gewöhnung, sie meinen mehr als Ausdrücke wie „nützlich“ oder „zweckmäßig“ und die mit ihnen verbundenen Gefordertheiten richten sich nicht danach, ob etwas für das Individuum angenehm oder unangenehm ist (dies wird am krassesten durch die Tatsache deutlich, dass einige Menschen sogar bereit sind, für sie zu sterben).

Dem Wertproblem könne man sich am ehesten über den Begriff des Interesses annähern. Phänomenologisch betrachtet lassen sich nämlich sogenannte „reine Tatsachen“ (z.B. in der Arktis liegt Schnee) von Tatsachen unterscheiden, die mit Wert verbunden sind (sog. „selektive Tendenzen“). Diesen Wert erlangen Tatsachen durch eine besondere Bezogenheit, hier durch ein besonderes Interesse, z.B. das Interesse einer Person an einem Gegenstand. Konkret:“Ich interessiere mich für Bücher. Bücher sind für mich von Wert.“ In diesem phänomenalen Sinne sind Werte unmittelbar dem individuellen Erleben zugänglich, d.h. sie sind phänomenale Tatsachen. Durch das Interesse entsteht ein phänomenaler Zusammenhang zwischen der Person und den Büchern. Mathematisch ausgedrückt geht im Wahrnehmungsfeld ein Vektor, eine gerichtete Kraft vom Ich aus hin zu dem Wahrnehmungsgegenstand Buch. Durch diese Bezogenheit erhält dieser Wahrnehmungsgegenstand die Werteigenschaft „wertvoll“. Solche Vektoren, die von Teilbeständen bestimmter Zusammenhänge ausgehen, über diese Teile hinausweisen und andere Teile ablehnen oder akzeptieren, bezeichnet Köhler als Gefordertheiten. Es geht also, anders formuliert, um die Wirkung einer erlebten Lücke innerhalb eines bestimmten Zusammenhangs, wobei die Lücke nur durch ein bestimmtes Teil /bestimmte Teile des Wahrnehmungsfeldes gefüllt werden kann (z.B. eine Krawatte, die zu einem bestimmten Anzug passen soll). Solche Gefordertheiten gibt es in unterschiedlichen Zusammenhängen, z.B. auch beim Denken (Produktives Denken) oder bei den allgemeinen Gestaltprinzipien der Wahrnehmung (z.B. Tendenz zur guten Gestalt, zur Geschlossenheit usw.) Ein Vektor muss aber nicht vom Ich ausgehen, er kann ebenso von einer anderen Person (z.B. einem Verkehrspolizisten), von einer noch zu erledigenden Aufgabe usw. ausgehen. Dann wird das Ich zum Objekt, auf das sich der Vektor richtet. Gefordertheit hat also einen Platz innerhalb der phänomenalen Welt. Aber nicht nur dort: Gefordertheit gibt es auch in der transphänomenalen Welt.

Um diese Behauptung zu belegen, zeigt Köhler zunächst an einem verblüffenden Beispiel, dass transphänomenale Tatbestände existieren: Jemand versucht, sich an den Namen eines bestimmten Malers zu erinnern, dieser liegt ihm quasi schon „auf der Zunge“. In diesem Zusammenhang ist die Gefordertheit der bestimmte Name, und dieser Name, das richtige Ding, liegt noch außerhalb der erlebten phänomenalen Welt, es weist über diese hinaus. Es gibt also eine spezifische Bezogenheit zwischen der phänomenalen und der transphänomenalen Welt.

Diese Bezogenheit ist den wenigsten Naturwissenschaftlern bewusst: Auch das modernste Messgerät muss ja abgelesen werden (d.h. es bleibt der Wahrnehmungsprozess eines Menschen notwendig) und dem Messvorgang selbst liegen letztlich Wahrnehmungserfahrungen aus der phänomenalen Welt zugrunde, sonst wüsste man ja gar nicht, was man überhaupt gerade misst; alle physikalischen Symbole beruhen letztlich auf Wahrnehmungserfahrungen.

Köhler geht von der Isomorphie, d.h. von einer starken strukturellen Übereinstimmung, zwischen phänomenaler und transphänomenaler Welt aus. Dies meinte Goethe mit „Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nicht erblicken...“. Diese strukturellen Gemeinsamkeiten sind zumindest auf der makroskopischen Ebene, d.h. bei der Berücksichtigung größerer Zusammenhänge und Felder, evident.

Diese Isomorphie zwischen physikalischer und phänomenaler Wirklichkeit belegt Köhler anhand zahlreicher empirischer Beispiele.

Die Gedächtnisspuren interessieren ihn als Beispiel für makroskopische physikalische Zustände. Diese tendieren laut Ernst Mach zu Stabilität und Ordnung. Entsprechend organisieren sich auch die Gedächtnisspuren im Gehirn. Nach Wertheimer wird das Wahrnehmungsfeld in vergleichbarer Weise nach den Prinzipien Einfachheit und Klarheit (Prägnanztendenz) organisiert, so dass z.B. Gesichter symmetrisch erscheinen, obgleich sie es nicht sind. Da Gedächtnisspuren also physikalische Gebilde sind und solche auch zu bestimmten phänomenalen Zusammenhängen passen oder nicht passen können (wie der Malername), folgert Köhler, dass auch physikalische Tatsachen Gefordertheiten aufweisen können.

Bezogen auf den physischen Organismus ist laut Köhler nicht klar zu entscheiden, ob dessen Funktionieren auch durch Gefordertheiten bestimmt ist oder nicht. Jedenfalls tritt er klar für das Modell der Selbstregulation des Organismus (Goldsteins Organismische Theorie) anstelle des gängigen Maschinenmodells ein.

Er geht davon aus, dass mit der vom Individuum erlebten Gefordertheit (z.B. Konfrontation bei der ausgestreckten Hand eines Bettlers) auch eine entsprechende kortikale Spannungsveränderung innerhalb des betreffenden kortikalen Kraftfeldes einhergeht. Wird einem Lebewesen die Gefordertheit einer Situation bewusst, so erlangt es Einsicht und kann entsprechend handeln. Lernen geschieht nach Köhler auf diesem Wege; er konnte einsichtiges Lernen sogar bei Schimpansen nachweisen. Einsicht spielt natürlich beim ethischen Denken und Handeln eine wichtige Rolle (Produktives Denken)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine Spaltung in eine Wert- und eine Tatsachenwelt, verbunden mit strikter Trennung der entsprechenden wissenschaftlichen Disziplinen, erscheint verfehlt. Vielmehr führt eine klare Unterscheidung zwischen phänomenaler und transphänomenaler Welt weiter. In beiden Welten gibt es selektive Tendenzen und bloße Tatsachen, und beide sind aufgrund des Isomorphieprinzips eng miteinander verknüpft. Wissenschaftler sollten endlich den Menschen selbst als unverzichtbaren Teil eines jeden Forschungsprozesses anerkennen, statt zu versuchen, ihn krampfhaft auszusparen (was ja unmöglich ist). Ein solche Wissenschaft wäre dann auch in der Lage, sich mit zentralen menschlichen Fragestellungen nach Sinn, Wert, Geschichte usw. empirisch auseinanderzusetzen.

Literatur:

KÖHLER, W.: The Place of Value in a World of Facts. New York: Liveright 1938 (dt: Werte und Tatsachen. Berlin: Springer 1968).

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Feld, psychologisches

Dr. Hans-Jürgen Walter

"Eine Gesamtheit gleichzeitig bestehender Tatsachen, die als gegenseitig voneinander abhängig begriffen werden, nennt man ein Feld". Diese Definition EINSTEINs (1934) für die moderne Physik liegt auch dem Gebrauch des Begriffs Kraftfeld in gestalt- und feldtheoretischer Psychologie und der Gestalttheoretischen Psychotherapie zugrunde (vgl. LEWIN 1963, S. 74 ff.; KÖHLER 1947, Nachdruck 1975, METZGER 1975). "Psychisches" oder "psychologisches Feld" bezeichnet stets ein Verständnis der Psyche als eines von Person und Umwelt gebildeten Bereichs gleichzeitig bestehender und wechselseitig abhängiger Sachverhalte (vgl. LEWINs Formel: V = f (P, U)). In diesem pflanzt sich die Wirkung eines Eingriffs von außen oder die Veränderung in einem Teilbereich im allgemeinen durch das Ganze fort und erfolgt eine Änderung seines Gesamtzustandes in Richtung auf ein Gleichgewicht zwischen den Teilen und im Verhältnis des Ganzen zu den Außenbedingungen (Kraftfeldanalyse). Infolge solcher Gesamtumstellungen kann eine örtliche Störung auch an einer beliebig entfernten Stelle und auf überraschende Weise zutage treten; ein Beispiel ist das Freudsche Symptom (METZGER 1975, S. 321).

Es muß betont werden, daß innerhalb der Gestalttheorie von "psychologischem Feld" immer nur in Bezug auf die "innere" Welt (LEWIN: Lebensraum) des einzelnen Individuums die Rede ist, nicht dagegen in Bezug auf Austausch und Wechselwirkung zwischen zweien oder mehreren Individuen im Sinne getrennter physikalischer Organismen. Die Forschung über die Wirkungen verschiedener Organismen aufeinander legt nahe, hier statt von feldförmigen von kreisförmigen Regelungsprozessen auszugehen (vgl. THOLEY 1980, S. 183).

Dieser Hinweis ist aus drei Gründen wichtig: 1. hat PERLS in seiner Begründung der Gestalt-Therapie mit der Postulierung eines "Organismus/Umwelt-Feldes" die Grenze gestalt-psychologisch belegbarer Sachverhalte überschritten und so fragwürdigen Weiterentwicklungen den Weg bereitet; 2. ist mit dem Populärwerden der Gruppen- und Familientherapie diese Unterscheidung von höchster Bedeutung: "Gruppe" oder "Familie" können als (unmittelbar gegebene) feldförmige Systeme nur auf der Ebene individueller psychischer Felder betrachtet werden; 3. weil ein Mißbrauch der Gestalttheorie als Argument für Auffassungen naheliegt, die postulieren, daß Selbstregulation und Selbstorganisation feldförmiger Art für das gesamte Weltall mit allen seinen Teilen (von den Gestirnen bis zu Menschen, Pflanzen usw.) gilt. So nahe die Gestalt- und Feldtheorie als ganzheitlicher Ansatz solchen Auffassungen auch steht, sie können doch aus ihrer Sicht nur als über belegte und derzeit belegbare ganzheitliche Prozesse weit hinausgehende Spekulationen betrachtet werden, die, auf therapeutische Praxis angewandt, eher eine Gefahr als eine Hilfe zu realitätsgerechtem Verhalten darstellen.

Literatur:

GOLDSTEIN, Kurt (1934; Nachdruck 1963): Der Aufbau des Organismus. Den Haag.

KÖHLER, Wolfgang (1947, 1975) :Gestalt Psychology. New York.

LEWIN, Kurt (1963): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern.

METZGER, Wolfgang (1986): Gestalttheorie und Gruppendynamik. Gruppendynamik 6 (1975), 311 - 331 u. in: Gestalt-Psychologie. Frankfurt.

THOLEY, Paul (1980): Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen. Gestalt Theory 2, 175-191.

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Ganzheitlichkeit

DDr. Dieter Zabransky

Ein wesentlicher Begriff in der Gestalt-Therapie und der Gestalttheoretischen Psychotherapie: Alle psychischen Vorgänge werden als ganzheitliche Phänomene betrachtet, für die die Gestaltgesetze gelten. Die heuristische Trennung in verschiedene psychische Bereiche, wie in Wahrnehmung, Denken und Fühlen, ist eine bloß fiktive; so ist z.B. die Wahrnehmung immer mehr oder weniger gefühlsgefärbt. Der Neurologe Kurt GOLDSTEIN (1934) stellt - als Vertreter einer biologischen Gestaaltlehre - den ganzheitlichen Ansatz des Menschen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, die den physiologischen Organismus wie alle psychischen Phänomene gleichermaßen umfaßt.

Die ganzheitliche Betrachtung bedeutet insbesondere, daß man das zu untersuchende psychische Phänomen in seiner Einbettung, in seiner Rolle und Bedeutung in umfassenderen Zusammenhängen zu sehen hat (Bezugsystem). Dazu gehört die Gesamtsituation eines Menschen, seine gegenwärtige leib-seelische Verfassung, Bedürfnislage, Einstellung und Haltung, ebenso wie seine Vorgeschichte, sein bisheriges Schicksal als die Gesamtheit dessen, was er bisher gelernt, eingesehen und geübt hat (METZGER 1954).

Literatur:

GOLDSTEIN, Kurt (1963): Der Aufbau des Organismus. Fotomechanischer Nachdruck von 1934. Den Haag.

METZGER, Wolfgang (1954): Grundbegriffe der Gestaltpsychologie. Schweiz. Psychol., Nr. 13

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Gefordertheit der Lage

Dr. Eva Wagner-Lukesch

Basierend auf KÖHLER (1968) und WERTHEIMER ist es eine grundsätzliche Annahme der Gestalttheoretischen Psychotherapie, daß der Mensch (unter angemessenen Bedingungen) fähig ist, genau das zu tun, was die Situation erfordert. Voraussetzung dafür ist, daß er die für die jeweilige Lage wesentlichen Sachverhalte wahrnehmen, von seiner Ich-Haftigkeit Abstand nehmen und sich selbst als Teil dieser Situation begreifen kann.

Der Gefordertheit der Lage “gehorchen” kann daher auch heißen, momentan auf die Befriedigung von aktuellen Bedürfnissen zu verzichten, weil es die Gesamtsituation erfordert. In diesem Sinn definiert METZGER die “echte und wahre Freiheit” eines Handelnden: “Es ist nicht die Freiheit, Beliebiges, sondern die Freiheit, das Rechte zu tun” (1962, S. 75).

Literatur:

KÖHLER, Wolfgang (1968): Werte und Tatsachen. Berlin/Heidelberg/New York.

METZGER, Wolfgang (1962): Schöpferische Freiheit. 2. umgearbeitete Auflage. Frankfurt.

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Gestalt

Doris Schubert

Christian von Ehrenfels führte (1890) den Begriff der Gestalt in die Psychologie ein, um die (philosophische) Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen zu erklären. Er erläutert das Verständnis von Ordnung, die wir am seelischen Geschehen (und zugleich am Verhalten von Menschen und Tieren)bemerken. Eine Gestalt ist eine seelische Ganzheit, die sich durch Übersummativität und Transpornierbarkeit hervorhebt. Ehrenfels führt dies am Beispiel der Melodie aus: Sie ist übersummativ, weil sie sich nicht aus der "Summe" ihrer einzelnen Teile erklären läßt, und transponierbar, weil sie trotz Änderung aller Einzeltöne - etwa beim Wechsel des Tonhöhennivveaus - erhalten bleiben kann (Tendenz zur guten Gestalt/Prägnanztendenz), (vgl. Tholey, 1982).

Die Ganzheitlichkeit des Seelischen wird am radikalsten durch die Gestaltpsychologie der "Berliner Schule" (Wertheimer, Köhler und Koffka) vertreten, deren Forschungsaktivitäten in den dreißiger Jahren stark beeinträchtigt und im Ausland fortgeführt wurden (z.B. von Lewin in den USA mit seinen gruppendynamische Experimenten und seinem feldtheoretischen Ansatz, in dem er gestaltpsychologisches Gedankengut für den Bereich der Sozialpsychologie erfolgreich anwandte). Ebenso ist diese Theorie in Italien und in Japan vertreten, aufgrund der Nähe zur zen-buddhistischen Lehre. In der BRD wurde die gestaltpsychologische Forschung vor allem durch Metzger und Rausch weitergeführt und erfährt eine Wiederbelebung durch die Gründung der "Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen," in der Walter mit der gestalttheoretisch begründeten Psychotherapie verschiedene therapeutische Richtungen der Gegenwart integriert, und ihrer Zeitschrift "Gestalt Theory" (ab 1979).

Eine Gestalt - im Gegensatz zu einer beliebigen Ansammlung von Stücken, mosaikartigen Gebilden - weist eine gewisse Ordnung auf, welche die Art und den Ort der Teile bestimmt; zudem besteht eine Wechselwirkung zwischen ihren Teilen – so dass eine Änderung eines Teiles zur Änderung anderer führen kann.

Die Gestalttheoretiker der Berliner Schule( Köhler, Koffka, Wertheimer, Lewin) exemplifizierten ihre Theorie an Beispielen aus der Wahrnehmung. Sie erforschten Denkverläufe, Willenshandlungen, Affekte, Bewegungsgestalten (und stellten sich philosophische Fragen), die sich vor einem Hintergrund als mehr oder weniger geschlossene, in sich gegliederte Ganze abheben, deren Glieder unterschiedliche Gewichte haben. Eine "Gestalt" ist um so stabiler, je stabiler die Beziehungen der Teile zueinander sind. Und umgekehrt: Die Beziehungen zwischen den Teilen sind um so stabiler, je eindrücklicher (prägnanter) die Gestalt des Ganzen ist (Walter, 1985, S.27).

Seelische Ganze einfachster Art weisen Eigenschaften auf, die weder aus den Eigenschaften ihrer Teile noch aus den einfachen Beziehungen zwischen diesen abgeleitet werden können und die zugleich von höchster Bedeutung sind. Diese Eigenschaften sind es, die schon bei den einfachsten Auffassungs- und Denkvorgängen eine entscheidende Bedeutung haben. Als besonders eindrucksvolle Gruppe dieser sogenannten Gestalteigenschaften wird der Gesichtsausdruck genannt, der aus dem Insgesamt der einzelnen Teile wie Augen, Nase, Mund etc. besteht und dessen entscheidende Züge - z.B. überheblich, herrisch oder wweich, teilnehmend - nur sichtbar werden, wenn man ihn als Ganzes betrachtet.

Wie in diesem Beispiel deutlich wird, haben die natürlichen Teile (auch des einfachsten) psychischen Ganzen gewisse Eigenschaften (Rollen, Bedeutungen, Funktionen), die sie überhaupt nur ihrer Stelle und Rolle in dem jeweiligen Ganzen verdanken und außerhalb dieses Ganzen nicht besitzen - wie die Rolle des Leittons innerhalb eines Melodie oder die Funktion des Führers einer sozialen Gruppe; so dass nicht nur Neues hinzu kommt, sondern ebenso im Gestaltzusammenhang auch Teile oder Eigenschaften verloren gehen können, die sie als Einzelgebilde besitzen (Wertheimer, 1912). Daher wird Ehrenfels' Gestaltbegriff verändert: nicht die Übersummativität (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile), sondern die Nichtsummativität ( das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile) ist das Entscheidende.

Dies führt zu einer Erweiterung und Differenzierung des Begriffs der Gestalteigenschaft. Er beinhaltet die Eigenschaften, die einem Ganzen zukommen und diejenigen, welche die Teile aufgrund ihrer Rolle im Ganzen gewinnen (die Gestaltqualitäten Ganz - und Teileigenschaften).

Besonders hervorzuheben ist die Dynamik von Gestalten. Sie zeichnet sich durch Selbstordnungstendenzen aus, die für ihre Bildung, Aufrechterhaltung, Wiederherstellung und Höherentwicklung verantwortlich sind. Dieses Streben wird unter dem Tendenz der guten Gestalt / Prägnanztendenz als wichtigstes dynamisches Prinzip bezeichnet (s. auch "Gestaltgesetze"). Dadurch wird es möglich, den Gestaltbegriff fruchtbar auf physikalische, biologische, philosophische und psychologische Sachverhalte anzuwenden.

Literatur:

METZGER, Wolfgang (1986): Gestaltpsychologie. Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950 bis 1982 herausgegeben und eingeleitet von Michael Stadler und Heinrich Crabus. Verlag Waldemar Kramer. Frankfurt.

THOLEY, Paul (1982): Gestaltpsychologie, Handbuch der Psychologie, R. Asanger & G. Weninger (Hrsg.). Weinheim.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

WERTHEIMER, Max (1912): Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. Zeitschrift für Psychologie, S.161-265. auch in Wertheimer, M.: Drei Abhandlungen zur Gestalttheorie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1967, 2-105.

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Gestaltgesetze

Dr. Gerhard Stemberger

Die Gestaltgesetze erfassen die dynamischen Selbstordnungstendenzen, die für die Bildung, Aufrechterhaltung, Wiederherstellung und Höherentwicklung von Gestalten (Wahrnehmungsgestalten, Bewegungsgestalten, Denkverläufe, Willenshandlungen, Affekte, etc.) verantwortlich sind. Weit über 100 Gestaltgesetze bzw. Gestaltfaktoren (z.B. die der Nähe, der Gleichartigkeit, der durchgehenden Kurve, des gemeinsamen Schicksals) wurden bisher nachgewiesen. Diese sind als Erscheinungsformen der übergeordneten allgemeinen Tendenz zur guten Gestalt (Prägnanztendenz) aufzufassen. Edwin RAUSCH (1966, S. 918ff) führt - anknüpfend an Max WERTHEIMERs "Prägnanzstufen" und dem von v. EHRENFELS eingeführten Begriff "Gestalthöhe" - die große Zahl von Gestaltgesetzen auf zwei Gruppen von Prägnanzaspekten zurück. Nach H.-J. WALTER (1994) wäre dementsprechend etwa eine im Sinne der Gestalthöhe reiche Persönlichkeit diejenige, welche die Welt differenziert wahrnimmt und zugleich die Differenziertheit ihrer Wahrnehmung in eine komplexe im Gegensatz zu einer komplizierten Ordnung bringen kann.

Die Wirkung der Gestaltgesetze wurde zuerst in Untersuchungen der figuralen Wahrnehmung und des Gedächtnisses nachgewiesen. Es ist jedoch ein Mißverständnis, daß sich die Geltung der Gestaltgesetze auf diese Bereiche beschränkte. Gestaltpsychologische Forschung beschäftigte sich mit der Wirkung der Prägnanztendenz im Denken, Lernen, Problemlösen, im affektiven Leben und allgemeiner im Verhalten. So wurden auch für im engeren Sinne soziale Sachverhalte konkrete Gestaltgesetze erfaßt, z.B. mit der Wir-Tendenz, aber auch mit den ursprünglich auf figurale Gegebenheiten bezogenen Faktoren der Nähe und Ähnlichkeit (vgl. etwa die Arbeit von HENLE, 1942, über dynamische und strukturelle Determinanten der Ersatzbildung und andere Arbeiten zur Wirkung von Gestaltgesetzen in der gesunden und pathologischen Entwicklung der Persönlichkeit, u.a. BROWN 1949).

Literatur:

BROWN, Junius F. (1949): The Psychodynamics of Abnormal Behavior, New York/London

HENLE, Mary (1942): In Experimental Investigation of Dynamic and Structural Determinants of Substitution. Durham.

METZGER, Wolfgang (2001): Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6. Auflage, Wien: Krammer.

RAUSCH, Edwin (1966): Das Eigenschaftsproblem in der Gestalttheorie der Wahrnehmung. Handbuch der Psychologie, Bd. 1, 1. Hbd., Göttingen.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen

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Gestaltpsychologie - Gestalttheorie

DDr. Dieter Zabransky

Die Gestaltpsychologie hat im psychotherapeutischen Bereich die Gestalt-Therapie beeinflußt, konsistent zugrunde gelegt wurde sie der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Die Gestaltpsychologie entstand am Beginn dieses Jahrhunderts als Gegenposition zu den damals vorherrschenden atomistischen Strömungen in der Psychologie (Assoziationspsychologie, Behaviorismus), nach denen sich seelische Vorgänge aus einzelnen Elementen zusammensetzen, die sich losgelöst voneinander untersuchen und bewerten lassen. Demgegenüber geht die Gestaltpsychologie von der primären Ganzheitlichkeit, Strukturiertheit und Dynamik seelischer Gegebenheiten aus. Die Gestaltpsychologie unterscheidet sich u.a. von der Psychoanalyse, indem sie auf der Grundlage ihres erkenntnistheoretischen Standortes (Kritischer Realismus) einen ganzheitlich-dynamischen Ansatz mit empirisch-experimentellem Wissenschaftsanspruch verbindet.

ie Gestaltpsychologie der Berliner Schule ist als Gestalttheorie weltweit bekannt geworden (WERTHEIMER, KÖHLER, KOFFKA, LEWIN u.a.). Der historische Beginn wird gewöhnlich mit der Arbeit von Max WERTHEIMER (1912) über das Bewegungssehen und das Phi-Phänomen angesetzt. Gestalttheoretische Untersuchungen erstreckten sich in weiterer Folge auf eine große Vielfalt von Forschungsfeldern: Wahrnehmungsphänomene, Denken, Lernen und Gedächtnis, Willens- und Affektpsychologie, Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie, Klinische Psychologie und Pädagogik, Psychiatrie und Neurologie, Kunst, Ökonomie, sowie Fragen der Ethik und der Erkenntnis- bzw. Wissenschaftstheorie. Anwendungsfelder liegen heute unter anderem im Bereich von Psychotherapie, Pädagogik und Sport, aber auch Architektur und Kunst (vgl. WALTER, 1996).Nach METZGER (1954) können vier Hauptbereiche der Gestaltpsychologie unterschieden werden:1. Gestaltpsychologie ist eine Methodenlehre. Der Mensch wird ganzheitlich betrachtet, wobei dieser Ansatz keinerlei Verzicht auf wissenschaftliche Strenge und Exaktheit bedeutet.2. Gestaltpsychologie ist Phänomenologie. METZGER führt hier insbesondere den gesicherten Wissensbestand von Gestalteigenschaften an: Wesenseigenschaften, Materialeigenschaften und Struktureigenschaften. In der Analyse einer Gesamtsituation ist der Weg “von oben nach unten” zu gehen (Wesenseigenschaften > Struktureigenschaften).3. Gestaltpsychologie ist eine dynamische Theorie. METZGER bezieht sich insbesondere auf die Fülle von willens- und sozialpsychologischen Arbeiten LEWINs.4. Gestaltpsychologie ist ein psychophysischer Ansatz. Gemäß der Isomorphieannahme KÖHLERs besteht zwischen physiologischen Vorgängen im Gehirn und psychischen Prozessen eine strukturelle Übereinstimmung, so daß gestalttheoretische Auffassungen und Befunde im Physikalischen wie im Psychischen Gültigkeit besitzen. Der Neurologe Kurt GOLDSTEIN entwickelte auf dieser Grundlage seine Ganzheitstheorie des Organismus.

Literatur:

LEWIN, Kurt: (1963) Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Berlin.
METZGER, Wolfgang: (1954) Grundbegriffe der Gestaltpsychologie. Schweiz. Psychol., Nr. 13.
WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.
WALTER, Hans-Jürgen: (1996) Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene. Opladen.
WERTHEIMER, Max: (1912) Experimentelle Studie über das Sehen von Bewegung. Z. f. Psychol. 61.

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Gestalttheoretische Psychotherapie

DDr. Dieter Zabransky

Die Gestalttheoretische Psychotherapie ist von Hans-Jürgen WALTER inauguriert worden, der das gestalt-therapeutische Verfahren konsequent auf seine gestalttheoretischen Grundlagen stellt (Gestaltpsychologie / Gestalttheorie). WALTER führt dazu aus: “Es wird belegt, daß die entscheidenden Konzepte, die PERLS seiner Kritik an der Psychoanalyse, von der er herkommt, und seinem eigenen Ansatz zugrundelegt, der Gestalttheorie entstammen” (WALTER, 1984, S. 67). Auf Grund ihres ausgearbeiteten erkenntnistheoretischen Standortes (Kritischer Realismus) bietet die Gestalttheorie als Metatheorie die Möglichkeit der methodischen Integration unterschiedlicher psychotherapeutischer Ansätze (WALTER 1994). Auf der Grundlage einer kritisch-realistischen Haltung geht es in der Therapie darum, sich vorbehaltslos auf die Erlebnisniswelt des Klienten einzulassen. Gemäß der Gefordertheit der Lage soll die Fähigkeit zu sachlichem und situationsgemäßem Handeln gefördert werden. METZGER bezieht sich dabei auf die Überwindung der Ich-Haftigkeit im Kontakt zu anderen Menschen, im besonderen auf die Geltungssucht und die Ich-Bezogenheit. Mit zunehmender Fähigkeit, einerseits eigene Bedürfnisse adäquat äußern zu können und andererseits von ich-haftem Verhalten absehen zu können, erhöht sich die Beziehungsfähigkeit und damit auch die Fähigkeit, sich als Teil einer Gemeinschaft zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus zu handeln. Der Gruppe als therapeutischem Medium kommt von daher eine zentrale Bedeutung zu (Wir-Tendenz). Die konkrete Aufgabe des Gestalttheoretischen Psychotherapeuten liegt darin, für den psychotherapeutischen Prozeß förderliche Randbedingungen herzustellen. Es gilt, die Eigenart des Lebendigen zu berücksichtigen, so daß im Umgang mit Menschen schöpferische Kräfte zur Entfaltung kommen können. WALTER (1994) beschreibt in einer Weiterentwicklung der Gedanken METZGERs (1962) die Therapiesituation als einen Ort schöpferischer Freiheit.In der psychotherapeutischen Arbeit sollen widersprüchliche und abgespaltene Persönlichkeitsanteile bewußt gemacht und ihre Reintegration in die Gesamtpersönlichkeit gefördert werden. Durch das gegenwärtige Erleben in der Therapiesituation und durch die Reflexion des Erlebens werden neue Einsichten möglich (Kraftfeldanalyse). Der Gestalttheoretische Psychotherapeut gibt Anstöße zur Umstrukturierung und Umzentrierung des psychischen Feldes des Klienten, welche die Fähigkeit der Feldkräfte zur Selbstregulation (Tendenz zur guten Gestalt) erhöhen und den Lebensraum differenzierter und prägnanter werden lassen. Eine vielfältige Methodik kann in der Einzel- und Gruppentherapie je nach Therapiesituation dazu eingesetzt werden, um im “Hier und Jetzt hemmende oder störende Gefühle, Vorstellungen und Gedanken bewußt und prägnant zu machen. Der Klient vermag insbesondere durch die Identifikation mit weniger vertrauten Aspekten seines Lebensraumes neue Einsichten gewinnen (leerer Stuhl). Die gestalttheoretisch-psychotherapeutische Methodik ermöglicht eine “phänomenale Aufspaltung” eines Problems, welche etwa in der Aufforderung an den Klienten bestehen kann, einen Dialog zwischen widersprüchlichen Persönlichkeitsanteilen (Polaritäten) zu führen.Entsprechend dem Verständnis der Zeitperspektive LEWINs und des Hier-und-Jetzt-Prinzips PERLS ist in der Gestalttheoretischen Psychotherapie die historische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht das primäre Ziel. Erinnerungen an vergangene Erlebnisse, die das freie Erleben und Handeln im Hier-und-Jetzt behindern und dadurch den Blick auf Gegenwart und Zukunft verstellen können, gehören aber selbstverständlich zum Hier-und-Jetzt (”systematischer Ursachenbegriff”). Es gilt, im Psychotherapieprozeß (Dreiphasen-Modell) die Hintergründe für blockierende Befürchtungen und Ängste im Lebensraum des Klienten zu klären, um dem ”Prinzip Hoffnung" (BLOCH) wieder zum Durchbruch zu verhelfen, so daß er zunehmend dazu in der Lage ist, sich seiner Situation aufrichtig zu stellen, realistische Ziele zu entwickeln und seine Kräfte und Fähigkeiten im Sinn der Selbstregulation und Selbstorganisation zu entfalten.

Literatur:

KÖHLER, Wolfgang (1968): Werte und Tatsachen. Heidelberg-Berlin-New York.

LEWIN, Kurt (1963): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Berlin.

METZGER, Wolfgang (1962): Schöpferische Freiheit. Frankfurt/M.

WALTER, Hans-Jürgen (1977): Gestalt-Therapie, ein psychoanalytischer und gestalttheoretischer Ansatz. Gruppendynamik, Nr. 1.

WALTER, Hans-Jürgen (1984): Was haben Gestalt-Therapie und Gestalttheorie miteinander zu tun? Gestalt Theory, Vol. 6.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

WERTHEIMER, Max (1991): Zur Gestaltpsychologie menschlicher Werte. Hg. H.-J. WALTER. Opladen.

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Gestalt-Therapie

Dr. Hans-Jürgen Walter

Die psychotherapeutischen Auffassungen und Methoden des in Berlin geborenen und über Holland (1933) und Südafrika (1934) in die USA (1946) emigrierten Psychiaters und Psychoanalytikers Fritz Salomon PERLS (1893 - 1970) verdanken ihre gegenwärtige Bedeutung nicht zuletzt seiner bewußten Entscheidung, auf dem Namen "Gestalt-Therapie" zu bestehen. 1951 veröffentlichte er mit anderen die bis heute ausführlichste Darstellung seiner Therapiemethode. Heute wird in Europa wie in den USA der Begriff "Gestalt" eher mit PERLS Gestalt-Therapie assoziiert als mit der Schulrichtung der akademischen Psychologie, auf die er sich beruft.

Aus der Sicht heutiger Gestalttheoretiker läßt sich zwar die therapeutische Praxis von PERLS am besten gestalttheoretisch erläutern, ihnen scheint dies jedoch ebenso für eine Anzahl weiterer Therapierichtungen zu gelten (WALTER, 1977). Unbestreitbar ist, daß PERLS die "Gestaltpsychologie der Berliner Schule", der er sich nach Zusammenarbeit mit dem gestalttheoretisch orientierten Neurologen K. GOLDSTEIN (1926) und Begegnungen mit ihren Begründern W. KÖHLER, K. LEWIN und M. WERTHEIMER in Berlin und Frankfurt/M. zugehörig fühlte, zur intensiven Auseinandersetzung mit Psychotherapie provoziert hat.

Ob PERLS Kritik an der Psychoanalyse S. FREUD immer gerecht wird, ist umstritten. Zweifellos aber setzt er im Rahmen seiner Methode Akzente, die, wenn nicht als Abwendung von der Psychoanalyse, so als gelungene Integration psychoanalytischen und gestalttheoretischen Denkens gelten können (HOETH 1980). In der FREUDschen Praxis des Deutens anhand kindheitsbezogener Kausalitätskonstrukte sah er eine Behinderung therapeutischen Tuns. In Übereinstimmung mit dem phänomenologischen Ansatz der Gestaltpsychologie ging er zu einer gegenwartszentrierten Therapieform über ("von der linearen Kausalität zum Prozeßdenken, vom Warum zum Wie", PERLS 1974, S. 51). Mit der Abwendung vom Ursache-Wirkungs-Denken alter medizinisch naturwissenschaftlicher Prägung hin zum dynamischen System- und Feld-Denken verlagert sich für ihn das Neuroseproblem "vom medizinischen auf den erzieherischen Bereich", sieht er die sogenannten "Neurosen" als eine Störung in der gegenwärtigen Entwicklung an (1974, S. 36). Den von Freud so genannten "Wiederholungszwang des Neurotikers" versteht er als wiederholten und prinzipiell lebenswichtigen Versuch, mit einer schwierigen "unerledigten Situation" fertig zu werden. Die Bewältigung kann allerdings erst gelingen, wenn der Klient sie als gegenwärtige und damit als seinen gegenwärtigen Verhaltens- und Entscheidungsmöglichkeiten (Verantwortlichkeit) zugängliche Situation erkennt (Hier-und-jetzt-Prinzip).

Nach PERLS führt der therapeutische Prozeß durch Phasen, in denen sich der Klient in einer "Sackgasse" gefangen wähnt, von Todesangst und Fluchtstreben erfüllt ist, bevor es zu Gefühlsausbrüchen in Trauer, Wut, Freude oder Lust kommt, die als Befreiung erlebt werden und sich gestaltpsychologisch als Auflösung relativer Isolierung (Abspaltung) von mehr oder weniger großen Bereichen im psychologischen Kraftfeld (Kraftfeldanalyse) des Individuums und Erhöhung der selbstregulativen Wechselwirkung zw. den Kräften in diesem Feld (Erinnerungen, Wünsche, Ziele usw.) auffassen lassen (Zeitperspektive). Unter Therapieerfolg versteht PERLS, daß der Klient dem Hier-und-jetzt vorbehaltlos begegnet (Bewußtheitskontinuum) und so Unerledigtes unbehindert in den Vordergrund seines Wahrnehmens tritt, von ihm aktiv erledigt wird (Neuorientierung, Neuentscheidung) und neuen Erfahrungen im dialektischen Wechsel von Bewußtem und Unbewußtem Platz macht.

Die methodische Unterstützung besteht u.a. darin, daß der Therapeut dazu anleitet, besonders auf Polaritäten im gegenwärtigen Denken, Fühlen und Handeln zu achten und in Dialoge zwischen gegensätzlichen, eventuell unvereinbaren Zielen einzutreten. Insbesondere sobald sich solche Dialoge auf das chronisch Unausgesprochene zuspitzen, bleibt der Gestalt-Therapeut nicht "abstinenter" Deuter; hier greift er ein (Doppeln). So konsequent der Therapeut den Klienten daran hindert, der Logik seines Dialogs zu entfliehen (vgl. auch "Technik des leeren Stuhls"), so sehr auch gehört es zu seinem Selbstverständnis, dem Klienten, der sich die Unerfüllbarkeit eines Wunsches oder ein Versagen eingesteht, in seinem Schmerz ein mitfühlender, solidarischer Partner zu sein. Hier wird deutlich, daß sich Methoden der Gestalt-Therapie nicht beschreiben lassen, ohne zugleich eine Haltung, ja Lebensphilosophie zu charakterisieren, dergemäß das therapeutische Bemühen stets darauf abzielt, im Klienten den zur Solidarität fähigen Partner zu entdecken und zu fördern.

Weiterentwicklungen der Gestalt-Therapie beziehen sich auf spezielle Anwendungsbereiche (Familientherapie, KEMPLER 1975; Kindertherapie, OAKLANDER 1981; Alkoholiker- und Drogenabhängigen-Therapie, Arbeit mit alten Menschen, PETZOLD 1974, 1977), auf verstärkte Nutzung des Mediums Gruppe (Gruppendynamik), auf Integration verwandter Ansätze (COHN 1975, PETZOLD 1980, WALTER 1977a, b, 1981). Seit die Gestalt-Therapie (etwa seit 1971) auch in Europa populär wurde, sind zahllose Ausbildungs-Institutionen entstanden, die z.T. von Gestalt-Therapie über "Urschrei", bis "Rebirthing" und "Tarot" alles anbieten, was auf dem Therapie-"Markt" Mode wurde. Zwischen Seriösem und Unseriösem läßt sich oft nur schwer unterscheiden. - Ausbildung und Weiterbildung werden für den gesamten Personenkreis angeboten, der psychotherapeutische Aufgaben zu erfüllen hat. Der "Sektion Psychotherapie" in der "Gesellschaft f. Gestalttheorie und ihre Anwendungen e.V." (GTA) - wissenschaftliches Organ ist die Zeitschrift "Gestalt Theory", Westdeutscher Verlag - hat die Aufgabe, Gestalt-Therapie explizit als Gestalttheoretische Psychotherapie zu begründen und weiterzuentwickeln. Dabei geht es um theoriegeleitete Integration verwandter Ansätze und neuer aus gestalttheoretischer Forschung hervorgegangener Techniken (z.B. Klartraumtechnik, THOLEY 1980, 1981) in der Praxis. Methodenintegrativ ausgerichtet ist z.B. auch das "Fritz-Perls-Institut" - wissenschaftlicher Leiter: H.G. PETZOLD, Herausgeber der Zeitschrift "Integrative Therapie", Junfermann Verlag - , allerdings ohne sich dabei in erster Linie der Gestalttheorie verpflichtet zu wissen.

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Gruppe

Thomas Stöcker

Was ist eine Gruppe?

Ist sie ein Gedankending oder ist sie etwas Wirkliches? Die Antwort Lewins (1975) darauf lautet, daß eine Gruppe genauso wirklich ist wie die Menschen, die ihr angehören. Sie hat Eigenschaften wie z.B. eine Struktur eine Atmosphäre, die man nur ihr, aber keinem ihrer Mitglieder zuschreiben kann. Die Angehörigen einer Gruppe haben in ihr neue Eigenschaften, die sie ohne die Gruppe nicht haben, ihre Rollen.

Was macht die Realität einer Gruppe aus, im Unterschied zu einer Ansammlung von Einzelindividuen?

KOFFKA (1935) greift zur Beschreibung des Phänomens Gruppe auf das Beispiel der Melodie zurück, die sich durch das strukturelle Zueinander der Töne definiert. Die Töne sind beliebig veränderbar, aber die Melodie bleibt solange bestehen, solange das strukturelle Zueinander (im Fall der Töne die Intervalle) nicht verändert werden. Gruppen haben Gestaltcharakter und definieren sich über die Verbindungen untereinander. Zwar können bei der Gruppenbildung die gleichen Gestaltgesetze wirken wie bei den Objekten der Wahrnehmungswelt, nach Lewin (1975) ist aber die wechselseitige Abhängigkeit der stärkste Faktor für die Bildung von Gruppen. Die entscheidenden Kennzeichen einer Gruppe ist das Gefühl der Zugehörigkeit (”Wirgefühl”) und die wechselseitige Abhängigkeit der Mitglieder voneinander.

”Nicht Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit entscheidet, ob zwei Menschen den gleichen oder verschiedenen Gruppen angehören, sondern soziale Wechselwirkungen oder andere Typen gegenseitiger Abhängigkeit. Eine Gruppe ist am besten zu definieren als ein dynamisches Ganzes, das mehr auf gegenseitiger Abhängigkeit als auf Ähnlichkeit beruht.” (Lewin, 1975, S. 256 f).

Wie stark beeinflußt die Gruppe das Verhalten des Einzelnen?

Nach Metzger (1986) hängt der Einfluß der Gruppe auf das Individuum vom Entwicklungsstand des Menschen ab. Während das Verhalten und die Entwicklung des Kleinkindes in großem Maße von der Gruppe determiniert wird, in die es hinein geboren wird, wird das Verhalten eines Erwachsenen, der einem Club beitritt, nicht in gleichem Maße beeinflusst. Neben den Einflüssen der Gruppe gibt es natürlich auch einen Kern biologischer Voraussetzungen, der die Entwicklungschancen eines Menschen bestimmt und der durch das Leben in der Gruppe unter Umständen wenig zu beeinflussen ist (taubes Kind in einer Gruppe mit normal ausgeprägtem Hörvermögen).

Nach Lewin (1975) bildet die Gruppe den Boden für unsere soziale Existenz, genauso wie der physikalische Boden die Grundlage unserer physischen Existenz ist. Ist sich ein Mensch über seine soziale Zugehörigkeit im Unklaren, kann er nur schwer eine Zukunftsperspektive oder Moral entwickeln, die die Grundlage für zielgerichtetes Handeln bilden. (Lewin, 1975, S. 152 ff.)

Wie viele Menschen sind eine Gruppe?

Nach Lewin (1975) sind bereits zwei Menschen eine Gruppe, die sich nach den gleichen Gesichtspunkten gestaltet wie größere Gruppen. Ein Mensch ist in der Regel gleichzeitig Mitglied mehrerer Gruppen (Familie, Verwandtschaft, Berufsgruppe, politische Partei, Nation, usw.), was kein Problem ist, solange die Gruppen nicht Ziele verfolgen, die sich gegenseitig ausschließen. Entscheidend ist das Gefühl der Zugehörigkeit.

Durch welche Merkmale der Gruppe wird das Verhalten der Mitglieder beeinflußt?

Das Verhalten der Gruppenmitgliedern wird im wesentlichen von zwei Kennzeichen der Gruppe beeinflußt, zum einen von der sozialen Identität der Gruppe, deren zentrale Werte, Ziele, Ideale, und zum anderen von den Grenzen oder Barrieren der Gruppe, durch die sie von anderen Gruppen getrennt ist. Die soziale Identität einer Gruppe kann mehr oder weniger stark ausformuliert sein und sie kann sowohl eine positive oder negative Valenz von ihr ausgehen. Die Gruppengrenzen und deren Durchlässigkeit kann sowohl von der Gruppe selbst, als auch von der sie umgebenden Umwelt bestimmt sein.

Nach Lewin (1975) weisen alle Gruppen, sobald sie sich konstituiert haben (Forming, Storming, Norming and Performing) eine soziale Schichtung mit Ausdifferenzierung unterschiedlicher Rollen und mehr oder minder klar differenzierten Grenzen auf. Dies kann man sich in der Art eines Schalenmodells vorstellen, dessen Kern die zentralen Werte, Ziele oder Stereotypen der Gruppe bilden (soziale Identität). Von diesem Zentrum gehen auf das einzelne Individuum positive und/oder negative Valenzen aus.

Positive Valenzen: Jemand fühlt sich zu der Gruppen hingezogen und mit den Werten und Zielen verbunden.

Negative Valenzen: Jemand schämt sich für seine Gruppe, würde sie am liebsten verlassen, um zu einer besser angesehenen Gruppe zu gehören.

Lewin (1975) hebt hervor, daß eine Gruppe ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen positiven und negativen Valenzen aufweisen muß. Überwiegen die negativen Valenzen, droht die Gruppe auseinanderzubrechen. Überwiegen die positiven Valenzen, feiert sich eine Gruppe nur noch selbst, die Außensicht wird zunehmend undifferenziert, Personen und Gruppen außerhalb der eigenen Gruppe werden nur noch stereotyp wahrgenommen und es kommt zu Fehleinschätzungen der Umwelt (chauvinistischen Verhalten, Risikoschub).

Neben den Kräften, die vom Kern einer Gruppe ausgehen, gibt es insbesondere bei benachteiligten Minderheitengruppen auch Kräfte der Umwelt, die den Einzelnen am Verlassen der Gruppe hindern. Wird eine Gruppe im wesentlichen durch äußeren Barrieren zusammengehalten, kommt es in der Regel nur zu einem schwachen Wirgefühl oder gar zu Selbsthaß (Lewin 1975), der sich gegen die eigenen Person oder die eigene Gruppe richtet.

Wird eine Gruppe statt von positiven Valenzen nur von Barrieren zusammengehalten, kommt es nur schwer zu einer ausgeprägten Binnenstruktur. (Keiner beschäftigt sich mit den Zielen oder den Werten der Gruppe, alle sehen nur zu, wie sie die Barrieren, die sie in der Gruppe einsperren, überwinden.)

Zur Gruppe als Raum schöpferischer Freiheit (Psychotherapie).

Die soziale Gruppe ist der Boden des Lebensraum (Lewin, 1975) und somit die Quelle von Verhaltensweisen, was liegt also näher, als die Gruppe zum Boden für Verhaltensänderungen zu machen? Gelingt es, die Rahmenbedingungen einer Gruppe so zu gestalten, daß sie ein Raum schöpferischer Freiheit wird, dann bietet sie dem Einzelnen die Möglichkeit, sich der Gruppe mit seiner phänomenalen Sicht der Welt, seinen Einstellungen und Verhaltensweise zu präsentieren und die Kräfte in seinem Lebensraum zu explorieren. Die Gruppe dient hierbei als Prüfstein, an der die eigenen Verhaltens- und Sichtweisen gemessen werden. Sie bietet einen Raum, in dem Zugehörigkeit erfahrbar wird und Vergangenheits- und Zukunftsperspektive, sowie Realitäts- und Irrealitätsebene des Lebensraums überprüfbar und für Veränderung zugänglich gemacht werden kann, um eine pessimistische Sicht des Menschen und des eigenen Lebens zu überwinden (Walter, 1985).

Literatur:

Koffka, Kurt (1935). Principles of Gestalt psychology. New York: Harcourt.

Lewin, Kurt (1975). Die Lösung sozialer Konflikte. Bad Nauheim: Christian -Verlag. 4. Auflage

Metzger, Wolfgang (1986). Gestalt - Psychologie. Frankfurt Verlag Waldemar Kramer.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Heißer Stuhl

Dr. Hans-Jürgen Walter

So nannte PERLS in der Gestalt-Therapie den Platz vor oder neben ihm in der Gruppenrunde, auf den er den Klienten bat, der mit ihm "arbeiten" wollte. Dieses Verfahren war bei PERLS, der eine Art Einzeltherapie in der Gruppe praktizierte (1974, S. 80), noch die Regel. Es wird aber auch heute noch, durchaus im Rahmen gruppenzentrierter Arbeit, angewandt. Der Vorteil ist, daß der Klient, schon bevor ihm der Therapeut seine volle Aufmerksamkeit zuwendet, ein Verhalten verwirklichen muß, welches das Ziel gestalt-therapeutischer Arbeit vorwegnimmt: Er muß sich entschieden haben, seinen "sicheren" Platz in der Runde mit einem exponierten Platz zu vertauschen, der von ihm fordert, mit dem Therapeuten direkt in Kontakt zu treten und "im Jetzt zu bleiben". PERLS: "Meine Funktion als Therapeut ist es, euch zum Gewahrsein des Hier-und-jetzt zu verhelfen und euch jeden Versuch, daraus auszubrechen, zu versagen. Das ist meine Existenz als Therapeut, in der Therapeutenrolle" (1974, S. 81). Auf dem "heißen Stuhl" ist es die Aufgabe des Klienten, auf Empfindungen, auf Gefühle und deren Veränderung im aktuellen Kontakt mit dem Therapeuten (oder Gruppenmitgliedern), auf willkürliche und unwillkürliche motorische Vorgänge, auf widersprüchliche Verhaltensweisen und u.U. gegensätzliche Wünsche und Vorstellungen zu achten und sich auf dem Wege ausdrücklicher Identifizierung mit ihnen ihrer Bedeutung zunehmend bewußt zu werden. Konkret fordert der Therapeut dazu auf, die "Leere im Kopf" der "Druck im Bauch" u.ä.m. zu sein und als das eine oder andere zu sprechen, z.B. als "Leere" mit dem "Druck" oder als "verschlagen-unterwürfiger Versager" (Underdog) mit dem "hochmütigen Besserwisser" (Topdog). Dabei kann, nicht zuletzt auch bei der Bearbeitung von Träumen und der Identifikation mit Traumteilen, Gebrauch von der Technik des "leeren Stuhls" gemacht werden.

Im weiteren Sinn wird heute der Platz, auf dem der Klient gerade sitzt, als "heißer Stuhl" verstanden, sobald er sich entschieden hat, an sich zu arbeiten.

Literatur:

PERLS, Fritz S.: (1974) Gestalt-Therapie in Aktion. Stuttgart

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Hier-Und-Jetzt-Prinzip

Dr. Hans-Jürgen Walter

Im Hier-und-jetzt-Prinzip sind die von LEWIN (vgl. 1969, S. 51 ff.) herausgearbeiteten Prinzipien für die Ableitung menschlichen Verhaltens (V) aus der Beziehung zwischen einer besonderen Person (P) und ihrer Umwelt (U) zusammengefaßt - gemäß dem allgemeinen Gesetz: V = f (P,U). Die von LEWIN benannten Prinzipien sind: 1. Das Prinzip der "Konkretheit" (LEWIN: "Nur Konkretes kann wirken ... d.h. etwas, was die Stellung einer individuellen, in einem bestimmten Zeitmoment bestehenden Einzeltatsache hat"; S. 53); 2. Der "Beziehungscharakter" der verursachenden Fakten (LEWIN: "Ein Geschehen kann nur durch ein 'Zueinander' verschiedener Gebilde verursacht werden"; S. 54); 3. Das Prinzip der "Gegenwärtigkeit" (LEWIN: "Gegenüber der ... Ungetrenntheit historischer und systematischer Fragestellung... soll hier in aller Schärfe der Satz vertreten werden, daß weder vergangene, noch zukünftige psychologische Fakten das gegenwärtige Geschehen beeinflussen, sondern lediglich die gegenwärtige Gesamtsituation. Diese These folgt unmittelbar aus dem Grundsatz, daß nur konkret Existierendes wirken kann", S. 55)

Das Hier-und-jetzt-Prinzip war ursprünglich spezifisches Merkmal der von LEWIN (und Mitarbeitern: L.P. BRADFORD, R. LIPPITT, K.D. BENNE u.a.) Mitte der 40er Jahre entwickelten Gruppendynamik (T-Gruppe; T = Trainings-). Unter dem Einfluß früher LEWINscher Forschungsarbeiten aus den 20er Jahren begann PERLS etwa zur gleichen Zeit ähnliche Auffassungen wie LEWIN - und wie dieser (1969, S. 52) in kritischer Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse - für die Psychotherapie zu vertreten (PERLS 1946, dt. 1978, S. 122 f.). Anfang der 50er Jahre stellte er das Hier-und-jetzt-Prinzip in den Mittelpunkt seiner Gestalt-Therapie. Schließlich schrieb es Anfang der 60er Jahre die Bewegung der "Humanistischen Psychologie" (und Psychotherapie) auf ihre Fahne. "Hier-und-jetzt" wurde zu einem Schlagwort (BÜHLER 1974, S. 88), das von seinen Befürwortern nicht seltener mißverstanden wurde, als von seinen Gegnern. Dabei wurde häufig übersehen, daß es keineswegs eine Vernachlässigung von Vergangenheits- und Zukunftsperspektive (und damit blind-hedonistisches Gegenwartshandeln) impliziert (Zeitperspektive), sondern gerade deren Handlungs- und Veränderungsrelevanz als konkrete und gegenwärtige Fakten im Rahmen einer individuellen Kraftfeldanalyse betont (Bewußtheitskontinuum) und so die Verantwortlichkeit des Individuums für seine Sicht von Vergangenheit und Zukunft und den Umgang mit seinen gegenwärtigen Wünschen in die Betrachtung einbezieht.

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Ichhaftigkeit/Sachlichkeit

Dr. Brigitte Lustig

Diesem Aspekt kommt in der Gestalttheoretischen Psychotherapie hoher Stellenwert zu: Der Gefordertheit der Lage entsprechend handeln (Sachlichkeit), von rein persönlichen Interessen (Ichhaftigkeit) absehen können, sich als Teil eines Ganzen verstehen (Wirhaftigkeit) und dadurch erhöhte Beziehungsfähigkeit erlangen. KÜNKEL (1982) beschreibt den Begriff “Ichhaftigkeit” als auf eigene Wirkung bedacht sein, alles Handeln auf persönliche Zwecke ausrichten, geleitet von starren Ich-Idealen (fehlerlos, gut, arm sein, leiden etc.). Ichhafte Verhaltensweisen sind etwa Gleichgültigkeit und Fanatismus, es entstehen bloße Scheingemeinschaften. Für WERTHEIMER (in WALTER 1991) gilt KÜNKELs “Sachlichkeit” als Gefordertheit, als wichtiges Kennzeichen des freien Menschen, dessen Handeln von einer in der Umwelt wahrgenommenen Sachlage ausgeht, der sich Ziele setzt, die über das eigene Ich hinausreichen, der eigene Interessen als Teil der Gesamtsituation sieht. Dadurch kann er lebendig, flexibel, produktiv sein. Menschlichkeit/Wirhaftigkeit sind demnach die sachlichen Verhaltensweisen Menschen gegenüber - eine Haltung, nach der man das eigene Beste nicht auf Kosten anderer zu erreichen sucht (vgl. ADLER in METZGER, 1975, S. 32).

Wirhaftigkeit bedeutet tolerante Achtung der Interessen anderer, zugleich Entfaltung eigener Möglichkeiten als unentbehrlicher Teil einer Gruppe. Es bedeutet nicht Anpassung an beliebige Gruppenforderungen, sondern tun, was der Gruppe zuträglich ist, etwa auch nichtkonformes Verhalten (vgl. METZGER 1975). Diese Haltung - sich vorbehaltlos und ehrlich mit dem, was ist auseinanderzusetzen - ist therapeutisches Ziel, eng verknüpft mit Gerechtigkeit und demokratischem Handeln.

Literatur:

KÜNKEL, Fritz (1982): Einführung in die Charakterkunde,17. Aufl.. Stuttgart.

METZGER,Wolfgang (1975): Psychologie und Pädagogik zwischen Lerntheorie, Tiefenpsychologie, Gestalttheorie und Verhaltensforschung. Bern.

WALTER, Hans-.Jürgen (1991): Zur Aktualität Max Wertheimers, In: Max WERTHEIMER, Zur Gestaltpsychologie menschlicher Werte, Aufsätze 1934 - 1940, hrg. u. kommentiert von H.-J. WALTER, Opladen. 171-209.

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Konflikt

Doris Schubert

Die Lehre von den inneren Konflikten. Wir wissen, was ein äußerer Konflikt ist – eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Menschen, bzw. der Zusammenstoß eines Willens mit einem anderen, der nicht mit ihm übereinstimmt und ihn im Grenzfall aufhebt.

Den inneren Konflikt stellt Freud mit dem Modell einer Bühne dar. Diese ist der Mensch als Arena auf der mehrere, verhältnismäßig selbständig bezeichnete Wesen, die er Instanzen nennt – das Über - Ich, das Ich und das Es –, die miteinander im Kampfe liegen. Genauer, die mittlere Instanz, das Ich, wird von beiden „äußeren“ Partnern zugleich bestürmt, ihnen zu Willen zu sein, - das meistens bedeuten würde, dass es einander ausschließende Dinge zu gleicher Zeit zu tun hätte.

Dieses Modell knüpft an Bilder von „zwei Seelen in meiner Brust“ oder an die Vorstellung vom Menschen zwischen einem guten Engel und dem Versucher an. Jedoch ist bei Freud dies höchst eigenwillig, eindrucksvoll und folgenreich durchgezeichnet und weist einen wesentlichen Unterschied auf. In der traditionellen Vorstellung von Engel und Teufel sind dies selbständige, von außen herantretende Wesen, nach Freud sind sie jedoch unabtrennbare Wesensbestandteile – verhältnismäßig selbständige – der Person selbst. Eindrucksvoll sind Freuds Instanzen: das Über - Ich als strafender Richter und u.U. auch als ein erbarmungsloser Quälgeist, das Es hingegen als in die Tiefe des Unbewußten verbanntes, stets auf die Gelegenheit zum Ausbruch lauerndes Ungeheuer.

Lewin macht mit seiner Kraftfeldanalyse deutlich, dass Kräfte, die positiv oder/und negativ besetzt sind, die aus verschieden gelagerten Fakten, aus entgegen gesetzten und nahezu gleich starken seelischen Kräften und Bedürfnissen der Person bestehen, eine besondere Dynamik im psychologischen Feld entstehen lassen: einen Konflikt. Er ist als eine Situation zu charakterisieren,

„in der gleichzeitig entgegengesetzt gerichtete, dabei aber annähernd gleich starke Kräfte auf das Individuum einwirken.“( KLW, Bd.6, Bern, S. 120).

Als ein besonderer Prozeß beim Hineingehen in die Konflikt-Situation wird die Frustration beschrieben.

Die Frustration ist ein besonderer Fall eingeschränkten Bewegungsspielraums. Zuerst umschließt die Barriere das Ziel – die Person hat das Empfinden von Bewegungsfreiheit. Später verändert sich die Situation – man sieht sich in einer Gefängnis ähnlichen Situation, umgeben von der Barriere. „Frustration kann zu vermehrter wie zu verminderter Produktivität und auch zu verstärktem Einsatz wie zur Passivität führen.“ (BARKER et al.; KLW Bd.4, S.77).

Die bewußt eingesetzte und therapeutisch induzierte Frustration bildet eines der Elemente im Prozeß der Entwicklung zum Selbständig werden und der Verantwortungsübernahme des Klienten. Er wird vom Therapeuten „gezwungen“, sich mit Themen, vor denen er möglicherweise flüchten will, auseinander zu setzen, mit dem Ziel, „sich so seine innere und äußere Welt ein Stück weiter verfügbarer zu machen und so jetzt besser seinen Standort in der Welt bestimmen zu können.“ (Walter, 1985, S. 92).

Literatur:

LEWIN, Kurt in KLW, Bd. 4 „ Feldtheorie“ und Bd.6 „Psychologie der Entwicklung und Erziehung“, beide herausgegeben von Carl - Friedrich Graumann, Hans Huber Bern, Klett – Cotta Stuttgart

METZGER, Wolfgang (1986): Gestaltpsychologie. Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950 bis 1982. Herausgegeben und eingeleitet von Michael Stadler und Heinrich Crabus. Verlag Waldemar Kramer. Frankfurt. „Über Modellvorstellungen in der Psychologie“(1965)

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Kraftfeldanalyse

Dr. Hans-Jürgen Walter

Zentraler Begriff in der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Sowohl LEWINs Auffassungen vom Wirken unterschiedlicher Kraftfelder im psychischen Gesamtfeld als auch KÖHLERs Isomorphie-These (wonach, was psychisch geschieht, hirnphysiologisch seine strukturelle Entsprechung hat; vgl. KÖHLER 1975, S. 177), waren schon für PERLS bedeutsam (Feld, psychologisches). Die Isomorphie-These, wie sie in den psychiatrisch-neurologischen Untersuchungen von PERLS' Lehrer GOLDSTEIN (vgl. 1934, Nachdruck 1963) an hirnverletzten Soldaten des 1. Weltkrieges gestützt wird, bestärkte PERLS darin, Psychotherapie als psychosomatischen Ansatz zu verstehen d.h. konkret: körperliche Reaktionen des Klienten als Ausdruck psychischer Vorgänge aufzufassen und z.B. mit Hilfe der Aufforderung, sie "sprechen zu lassen" (vgl. leerer u. heißer Stuhl), für die Analyse der psychischen Kräfteverhältnisse zu nutzen. - Lewin versteht "Konflikte" z.B. als Überschneidung von mindestens zwei Kraftfeldern, "Furcht" als bestimmte Kräftekonstellation im Rahmen der Zukunftsperspektive (Zeitperspektive), "Werte" (evtl. "andere Personen" im Sinne des "Über-Ichs" bei FREUD) als Einflußfelder, die Kraftfelder "induzieren" (1963, S. 83 f.). So wird klar, daß in gestalttheoretisch begründeter Psychotherapie die Kraftfeldanalyse Voraussetzung für die Persönlichkeitsintegration ist, die sich gemäß der Gleichgewichtstendenz von Feldern im definierten Sinne selbstregulativ zu vollziehen vermag, sobald Barrieren zwischen verschiedenen Kräftekonstellationen mit Hilfe methodischer Kunstgriffe hinreichend geschwächt sind (vgl. die Begriffe "Prägnanztendenz" und Tendenz zur guten Gestalt in der Gestaltpsychologie).

Literatur:

GOLDSTEIN, Kurt (1934; Nachdruck 1963): Der Aufbau des Organismus. Den Haag.

KÖHLER, Wolfgang (1947, 1975): Gestalt Psychology. New York.

LEWIN, Kurt (1963): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Bern.

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Kritischer Realismus

Dipl.-Psych. Rainer Kästl

Der Kritische Realismus als erkenntnistheoretischer Ansatz der Gestaltpsychologie/Gestalttheorie vertritt die Auffassung, daß streng unterschieden werden muß zwischen der transphänomenalen physikalischen Welt (Makrokosmos, der “Welt an sich”) und der phänomenalen Welt (Mikrokosmos, die anschauliche gegebene Welt). Während die physikalische Welt uns nicht unmittelbar zugänglich ist und damit nur indirekt in Form von theoretischen Konstrukten erschlossen werden kann, sind die Erlebnisvorgänge der phänomenalen Welt als unmittelbar und anschaulich gegeben anzusehen. Bewußtseinsfähig sind demnach nur Vorgänge der phänomenalen Welt, in der nach der Auffassung des Kritischen Realismus abermals unterschieden wird zwischen einerseits unmittelbar Angetroffenem und andererseits Gedachtem und Konstruiertem. Dieser Auffassung folgend ergibt sich, daß der unmittelbar erlebten Welt des einzelnen Menschen die gleiche Würde zukommt wie den mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden gewonnenen Erkenntnissen über die physikalischen und psychologischen Gegebenheiten. Für psychotherapeutisches Handeln heißt dies, die die Wirklichkeit des einzelnen Menschen ausmachenden Sinneswahrnehmungen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken zuerst einfach unvoreingenommen anzunehmen, wie sie sind.

Da der Kritische Realismus die physikalische Welt ebenso differenziert in physikalische Umwelt und physikalischen Organismus wie die phänomenale Welt in anschaulich erlebte Umwelt und anschaulich erlebten Körper-Ich-Vorgängen, wird verständlich, daß der Mensch sich als Leib-Seele-Ganzes erlebt. Zusammenhänge zwischen psychischen und physischen Vorgängen werden mit Hilfe der Isomorphieannahme erklärt, wonach von struktureller Gleichartigkeit von psychischen und (gehirn)-physiologischen Prozessen auszugehen ist.

Literatur:

KÖHLER, Wolfgang (1968): Werte und Tatsachen. Heidelberg.

METZGER, Wolfgang (2001): Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6. Auflage, Wien: Krammer.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Aufl., Opladen.

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Lebensraum

Dr. Gerhard Stemberger

Zentraler Begriff auch in der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Der Begriff Lebensraum geht auf Kurt LEWIN zurück, der ihn synonym zu "psychologischer Raum" und "psychologisches Feld" verwendet. LEWIN faßte Verhalten und Entwicklung des Menschen in seine berühmte allgemeine Formel V=F(P,U)=F(L): Verhalten und Entwicklung (V) sind demnach eine Funktion von Person (P) und Umwelt (U), die als wechselseitig abhängige Variable betrachtet werden. Der Lebensraum (L) eines Individuums ist die Gesamtheit dieser Faktoren (P,U), umfaßt also alle das Verhalten eines Menschen zum gegebenen Zeitpunkt bestimmenden Kräfte. Mit Umwelt ist hier nicht etwa die physikalische Umwelt des Menschen gemeint, sondern seine psychologische (erlebte) Umwelt. Diese muß nach Lewin "funktional als Teil eines wechselseitig abhängigen Feldes - des Lebensraums - betrachtet werden, von dem die Person der andere Teil ist" (KLW 4, 196). Lewin und seinen Schülern ging es bei der wissenschaftlichen Erforschung von Verhalten darum, die Funktion (F) zu bestimmen, die jeweils Verhalten und Lebensraum verbindet, also Gesetze des Verhaltens zu finden. Gesetze haben dabei lediglich die Stellung von Ableitungsprinzipien, gemäß denen tatsächlich eintretendes Geschehen aus den dynamischen Eigenheiten der konkreten Situation herzuleiten ist (LEWIN, 1969, 30ff). Dazu liegen zahlreiche Forschungsarbeiten vor, etwa die einflußreichen Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie (vgl. Überblick bei MARROW 1977, s.a. Anspruchsniveau, unerledigte Situation).

Die Bedeutung der Kenntnis allgemeiner Gesetzmäßigkeiten im Aufbau menschlicher Lebensräume für eine Theorie gezielten psychotherapeutischen Eingreifens hat Hans-Jürgen WALTER herausgearbeitet. WALTER faßt den Lebensraum als komplexes Figur-Grund-System bzw. als dynamisches "Baukasten-Konstrukt" auf, das das Wirksamwerden der Tendenz zur guten Gestalt in Verhalten und Entwicklung des Menschen zu erklären, zu verstehen und psychotherapeutisch zu nutzen erlaubt (1994, 82ff). Diese "Bausteine" des Lebensraumes sind Person und Umwelt, Zeitperspektive und Realitäts-Irrealitätsebenen und die Deskriptionsdimensionen "Enge-Weite", "Unordnung-Ordnung", "Flüssigkeit-Rigidität" und "Undifferenziertheit-Differenziertheit". Die psychotherapeutische Aufgabe besteht in diesem Sinn aus Sicht der Gestalttheoretischen Psychotherapie darin, mit dem Klienten den Zusammenhängen zwischen Bedeutungen und Beschaffenheiten seiner Lebensraumbereiche im ganzheitlichen Kontext seiner Existenz nachzuspüren (Kraftfeldanalyse) und die Bedingungen zu erforschen und herzustellen, die erfolgreiche Prozesse der Klärung und Umstrukturierung ermöglichen.

Literatur:

LEWIN, Kurt (1963): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Berlin.

LEWIN, Kurt (1982): Feldtheorie. Bd. 4 der Kurt-Lewin-Werkausgabe (KLW). Bern-Stuttgart.

LEWIN, Kurt (1969): Grundzüge der topologischen Psychologie. Bern-Stuttgart-Wien.

MARROW, Alfred J. (1977): Kurt Lewin - Leben und Werk. Stuttgart.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

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Leerer Stuhl

Dr. Hans-Jürgen Walter

Gestalt-therapeutisches Verfahren, bei dem ein "leerer Stuhl" bereitgestellt wird, auf den der Klient seinen Dialogpartner "setzt"; im Gespräch nimmt er selbst dessen Rolle ein und wechselt so ständig zwischen seinem ursprünglichen Platz (bzw. „heißem Stuhl“) und dem "leerem Stuhl". Dialogpartner können "Teilpersönlichkeiten" (z.B. Ja-Sager/ Nein-Sager) des Klienten sein, Vater, Mutter, lebende oder tote Bezugspersonen, Tiere, Pflanzen, Maschinen, Vorstellungen, die im Alltagsleben oder in Träumen für ihn von Bedeutung waren bzw. sind. Wie beim Psychodrama die Inszenierung von Lebenssituationen mit Hilfe von Mitspielern dient ein solches Arrangement auch in der Gestalt-Therapie der Aktualisierung, Konkretisierung und unmittelbaren Verarbeitung belastender Erlebnisse (unerledigte Situation).

Literatur:

PERLS, Fritz S. (1974): Gestalt-Therapie in Aktion. Stuttgart.

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Produktives Denken

Dr. Gerhard Stemberger

Der Begriff des Produktiven Denkens ist vor allem mit den Arbeiten der Gestaltpsychologen Max WERTHEIMER (1964) und Karl DUNCKER (1935) verbunden. Gemeint ist lebendiges, selbständiges, einsichtiges Denken (W. METZGER), das in unmittelbarer lebendiger Auseinandersetzung mit der Sache zu eigener Einsicht und von ihr geleitetem Handeln führt. Produktives Denken ist einem blinden, starren Regeldenken entgegengesetzt, welches bei richtiger Anwendung der Regeln der Logik und bestimmter Verfahrensvorschriften zwar richtige Lösungen erzwingen, aber keine neuen Erkenntnisse hervorbringen kann. Nach WERTHEIMER ist demgegenüber produktives Denken weiterführendes Denken, das an seinem Höhepunkt in einem mehr oder weniger plötzlichen Umstrukturierungsvorgang in den Gewinn von Einsicht umschlägt. Auch für dieses produktive Denken lassen sich bestimmte notwendige Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten bestimmen, die vor allem von WERTHEIMER und DUNCKER herausgearbeitet wurden: Produktive Denkprozesse sind durch die verschiedenen Gestaltgesetze, allgemein durch die Tendenz zur guten Gestalt (Prägnanzgesetz) bestimmt. Voraussetzung dafür ist das Entstehen einer seelischen Spannungslage bei der Beschäftigung mit einem Problem, die nach Ausgleich drängt. Denken ist dabei nicht als isolierter Vorgang aufzufassen, sondern in enger Wechselwirkung bzw. unter notwendiger ständiger Beteiligung anderer kognitiver Prozesse des Wahrnehmens, Fühlens und Handelns.

Aus der Sicht der Gestalttheoretischen Psychotherapie steht auch der Psychotherapie-Klient im Zuge der Therapie immer wieder vor komplexen Problemlösungs-Aufgaben. Schon das Entdecken und Identifizieren der Problemlage ist dabei eine produktive Leistung, die das klare Herausarbeiten des Therapiezieles oder -teilzieles erst ermöglicht. WALTER (1994) und ZÖLLER (1993) haben die Bedeutung der gestalttheoretischen Erkenntnisse über Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten produktiven Denkens für das psychotherapeutische Aufgabenfeld herausgearbeitet.

Literatur:

DUNCKER, Karl (1935): Zur Psychologie des produktiven Denkens. Berlin.

METZGER, Wolfgang (2001): Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6. Auflage, Wien: Krammer.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

WERTHEIMER, Max (1964): Produktives Denken. 2. Auflage. Frankfurt.

ZÖLLER, Wolfgang (1993): Produktives Denken und Psychotherapie. Gestalt Theory, 15, 217-226.

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Schöpferische Freiheit

Dr. Eva Wagner-Lukesch

Ein für die Gestalttheoretische Psychotherapie grundlegendes gestaltpsychologisches Konzept von Metzger, wobei Freiheit als Freisein von Hemmnissen, welche schöpferischen Kräften entgegenwirken, zu verstehen ist. Ausgehend von der Annahme, daß in einem nicht behinderten lebenden System die Tendenz zur guten Gestalt wirkt und die grundsätzliche Möglichkeit der Selbstregulation besteht, ist im Umgang mit “Wesen” zu beachten, daß sich diese nach eigenen inneren Gesetzen gestalten und verhalten. Wird man dieser Eigenart gerecht und ermöglicht dadurch das Wirken schöpferischer Kräfte, so kann aus dem Tun eines Menschen “etwas Besonderes, Neues, Eigenartiges, Ursprüngliches, Echtes, Wahres” entstehen (METZGER 1962, S. 9). Anhand von “Kennzeichen der Arbeit am Lebendigen” beschreibt METZGER jene Bedingungen, unter denen sich schöpferische Kräfte entfalten können: Nicht-Beliebigkeit der Form, Gestaltung aus inneren Kräften, Nicht-Beliebigkeit der Arbeitszeiten, Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit, Duldung von Umwegen, Wechselseitigkeit des Geschehens. Es geht dabei um ein Wechselspiel zwischen “Betreuer und betreutem Wesen”, das METZGER mittels einer taoistischen Parabel veranschaulicht. Hier zeigt sich eine enge Verbindung zwischen gestalttheoretischen Grundlagen und östlichen Weisheitslehren und wird eine Haltung deutlich, die im Taoismus als absichtsloses Handeln oder Nicht-Eingreifen in den natürlichen Lauf der Dinge wiederzufinden ist (vgl. KÄSTL 1990).Den Betrachtungen METZGERs über Kunst folgend geht es in der Therapiesituation für Hans-Jürgen WALTER um die “Kunst des Lebens” ...”als die Fähigkeit, in schöpferischer Freiheit den Anforderungen und Möglichkeiten des Lebens zu begegnen” (WALTER 1985, S. 136f., vgl. auch SALBER 1993). Unter Einbeziehung des Lebensraumkonstrukts übernimmt Walter (1985, 148ff) die von METZGER aufgestellten Kriterien der “Arbeit am Lebendigen” und erläutert in “12 Antworten” jene Bedingungszusammenhänge, die in einer therapeutischen Ausbildung gelehrt und erfahren werden sollen, um jene von Sachlichkeit (Ichhaftigkeit/Sachlichkeit) geprägte Haltung vermitteln bzw. entwickeln zu können, die eine freie Entfaltung angelegter Möglichkeiten und Fähigkeiten ermöglichen. Seine Ausführungen machen Parallelen zu der von ROGERS beschriebenen Haltung des Psychotherapeuten und zu anderen wichtigen Verfahren der Humanistischen Psychologie deutlich und führen zu dem gemeinsamen Grundsatz, daß “die Therapiesituation ein Ort schöpferischer Freiheit sein muß” (WALTER 1979).

Literatur:

KÄSTL, Rainer (1990): Zur Beziehung von Wolfgang Metzger zu Taoismus und Zen-Buddhismus. Gestalt Theory Vol.12 Nr.3, 141-149.

METZGER, Wolfgang (1962): Schöpferische Freiheit. 2. umgearbeitete Auflage, Frankfurt.

SALBER, Wilhelm (1993): Gestalt zwischen Kunst und Wirklichkeit. In: Menschlich forschen - Menschlich Handeln. Gestalt Theory Vol.15 Nr.3 /4, 246-256.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

WALTER, Hans-Jürgen, mit Irene PAULS (1979): Gestalttheorie als Grundlage Integrativer Psychotherapie. In: H.-J. Walter (1996): Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene. Opladen. 36-50.

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Tendenz zur guten Gestalt/Prägnanztendenz

Dr. Elfriede Biehal-Heimburger

Die “Tendenz zur Guten Gestalt”, die auch als “Prägnanztendenz” bezeichnet wird, ist die Fähigkeit jedes Menschen zur Selbstregulation und Selbstorganisation. Sie ist Grundlage der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In der Gestaltpsychologie/Gestalttheorie ist sie das Ordnungsprinzip der menschlichen Wahrnehmung, des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Der “Prägnanztendenz” verdanken wir es, daß wir kein Durcheinander verschiedenster Einzelempfindungen erleben, sondern Ordnungen, Strukturen oder “Gestalten”. Christian von EHRENFELS beschrieb am Beispiel der Melodie Gestaltqualitäten (1890). WERTHEIMER wies anhand von Untersuchungen zur Bewegungswahrnehmung (stroboskopische Untersuchungen) Gestaltgesetze nach (1912, 1923), wie z.B. das Gesetz der Nähe. Das allen Gestaltgesetzen übergeordnete ist das “Gesetz der guten Gestalt” oder die “Prägnanztendenz”.

METZGER beschreibt die “Tendenz zur Guten Gestalt” allgemein als den tief in uns angelegten Drang, Gestörtes in Ordnung zu bringen und bei Unentwickeltem Geburtshelfer zu sein. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit zur spontanen Selbstorganisation, die es ihm ermöglicht, situationsgemäß ein inneres Gleichgewicht aus eigenen Kräften wiederherzustellen und sich neu zu stabilisieren, ohne daß ordnende Eingriffe von außen notwendig sind (ZABRANSKY & SOFF 1996). Hans-Jürgen WALTER beschreibt die “Tendenz zur Guten Gestalt” als ein Konstrukt zum Erfassen der menschlichen Persönlichkeit, die im Lebensraum (LEWIN) des Menschen wirksam wird (WALTER 1994).

Literatur:

METZGER, Wolfgang (2001): Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments. 6. Auflage, Wien: Krammer. 208 - 241.

WALTER, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

ZABRANSKY, Dieter, SOFF, Marianne (1996): Einführung in die Grundlagen Gestalttheoretischer Psychotherapie. ÖAGP, Wien.

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Umstrukturierung

Dr Brigitte Lustig

Der Begriff steht in der Gestalttheoretischen Psychotherapie an zentraler Stelle; Umstrukturierungsprozesse finden bei allen Einsichtsprozessen statt. Ziel der Gestalttheoretischen Psychotherapie ist es, die Umstrukturierung des Lebensraumes eines Menschen anzuregen, so daß dieser fähig wird, in Eigenverantwortung den Anforderungen seines Lebens in angemessener Weise, der Situation und dem zu lösenden Problem gemäß, nachzukommen.

Dieses Ziel entspricht dem Menschenbild der Gestalttheoretischen Psychotherapie, die den Menschen als ein sich selbst organisierendes Wesen sieht, das in Schöpferischer Freiheit sein Leben gestalten kann. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, sich auf Umstrukturierungsprozesse in den Denkabläufen, im Gefühls- und Empfindungsbereich, im Umgang mit. anderen Menschen, aber auch Aufgaben und Pflichten betreffend, einzulassen mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Dies zulassen zu können, wird gefördert durch die in jedem Menschen wirkende Tendenz zur guten Gestalt (auch Prägnanztendenz genannt, die in den Gestaltgesetzen ausformuliert wird):

Die Tendenz zur guten Gestalt bedeutet das dem Menschen innewohnende Bedürfnis, einer Sache auf den Grund zu gehen, sich selbst nicht zu belügen, die wahre Struktur einer Aufgabe, Situation, eines Problems zu erfassen und sein Handeln danach auszurichten, sich der Gefordertheit der Lage gemäß zu verhalten:

"....eine Situation“ wird dann “auf eine neue und tiefere Weise erfaßt ... - worauf das Feld sich erweitert und ausgebreitetere Möglichkeiten sich den Blick eröffnen.“(Wertheimer,S. 145). Alle Schritte, die unternommen werden, sei es im Denken, Fühlen, Empfinden oder Tun, stellen eine in sich geschlossene Einheit dar; kein Schritt geschieht willkürlich und unverstanden in seiner Funktion im Ganzen. Es ist kein Fortschreiten von einem Datum zum anderen, sondern alles entwickelt sich aus der Betrachtung der Gesamtsituation hin zu den Einzeldaten. Diese werden als Teile dieses Ganzen aufgefaßt, aufeinander bezogen und in dynamischer Wechselwirkung zueinander stehend, innerhalb des Ganzen und zur Gesamtsituation selbst.

Ausgangspunkt der Umstrukturierung ist eine Anfangssituation mit struktureller Unklarheit, eine Störung oder Lücke, die eine seelische Spannung bewirkt und Kräfte in Richtung auf eine strukturelle Berichtigung der Situation in Gang setzt. Therapeut und Klient betreiben im psychotherapeutischen Prozeß -theoretisch ausgedrückt- Phänomenologie, eine Kraftfeldanalyse‚ vertrauend auf das Wirken der Tendenz zur guten Gestalt: Die Teilgegebenheiten der Ausgangssituation in ihrer Rolle und Funktion zueinander ( und auf das Ganze bezogen) verwandeln sich in Richtung eines bestimmten Endzustandes, dem Zug des Ziels folgend, „ sodaß ... die Dinge als Teile einer neuen, klaren Struktur gesehen werden können.“ (Wertheimer, S.l91)

Im Hinblick auf das Problem erfolgt ein Wandel hin zu einer guten Gestalt. Wesentlich dabei ist die Umzentrierung, „wenn man den wahren Mittelpunkt, wie er der Natur der Situation gemäß ist, ins Auge faßt.“ (Wertheimer, S.l59) Dies bezieht sich auf das eigene Tun, auf die Zielvorstellungen einer Person, auf ihre Bedürfnisse, Erwartungen und Befürchtungen, auf die Haltung bzw. Einstellung eines Menschen anderen Menschen und den Aufgaben des Lebens gegenüber. Hier ergibt sich auch die Verbindung zu gesellschaftlichen und ethischen Fragen (Ich-Haftigkeit, Wir-Gefühl, Ethik).

Im psychotherapeutischen Prozeß wird daran gearbeitet, zuerst einmal das Problem zu erkennen, die konkrete Situation im Lichte des Problems zu betrachten, und zunächst ist nur eine nebelhafte Ahnung in eine bestimmte Richtung da, bis die Lage wirklich klar wird und Kräfte entstehen, die auf Veränderung drängen. Der wesentliche Vorgang besteht in einer Neuordnung hinsichtlich des gegebenen Problems. Dies kann viel Zeit erfordern, denn jeder Schritt muß vollzogen werden im Widerspruch zu einer vielleicht schon lang bestehenden Fehlzentrierung hin zu einer guten Gestalt mit klarer, in sich widerspruchsfreier Struktur. (zit. nach Wertheimer, S.217).

“Solche Änderungen sind ... oft dramatisch .... Streng genommen ist der ganze Vorgang oft eine Art Drama mit mächtigen dramatischen Impulsen ... von der Verwirrtheit ...‚ zum wirklichen Erfassen und zum. Begreifen dessen, was sachlich gefordert ist.“(Wertheimer, S.66f.) Oft beobachtet man Zeichen starker Spannung in den “Menschen, Überraschung, Ungewißheit und am Ende plötzliche Erleichterung.“ (Wertheimer, S. 67)

Literatur:

Max Wertheimer (1964): Produktives Denken, W. Kramer Verlag, Frankfurt.

Hans-Jürgen Walter (1996):